von René Zeyer

Die «Republik» und die Kritik

Vor einem halben Jahr hat sich die «Republik» aufgemacht, zu zeigen, was Demokratie-relevanter Journalismus leisten kann. Den Anspruch löste das Online-Magazin mit einer Serie über das Bündner Baukartell ein: die politische Landschaft Graubündens geriet kurz in Bewegung. Doch wer kontrolliert die Kontrolleure? Kritischen Fragen zur Machart der wunderbaren Whistleblower-Saga aus den Bergen des Südostens begegnet die «Republik» wenig souverän. Warum so gereizt?

Die vierteilige Serie über das Bündner Baukartell war das, was man früher einen Brummer genannt hätte. Grosses Echo aller Orten, die «Republik» druckte ihre Erfolgsstory sogar auf Papier und kann sich im ersten Jahr ihrer Existenz bereits aufs Revers heften, dass sie die Karriere eines hoffnungsfrohen Regierungsrats-Kandidaten beendet hat.

Der entsprechende Artikel in der «Republik» ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Brummer, er umfasst 125’000 Anschläge. Zum Vergleich: Auf einer eher textlastigen Zeitungsseite im Normalformat haben 12’500 Anschläge platz; wir sprechen also von zehn Seiten. Kein Artikel, eine Erzählung, modern-deutsch ein Narrativ. Wie jeder weiss, braucht eine solche Strecke Hilfsmittel, damit der geneigte Leser nicht unterwegs wegschnarcht, angesichts einer modernen Aufmerksamkeitsspanne von weniger als 10 Sekunden im Schnitt im Internet.

Aufmerksamkeit erzielt man darüber hinaus nicht mit trockenen Fakten und der Aneinanderreihung von Zahlen. Denn die Einschaltquote bei Wirtschaftsartikeln ist sehr niedrig, wenn es um die Zukunft der Bilanz der Schweizerischen Nationalbank in Form von Szenarien geht. Sie ist viel höher, wenn es um die Schilderung der U-Haft eines prominenten Ex-Bankers geht. Sie ist noch viel höher, wenn es um die Beschreibung seines Privat- und Liebeslebens geht. Und was für die «Schweizer Illustrierte» recht ist, kann doch für die «Republik» nicht falsch sein: Es muss menscheln, es muss triefen, es müssen Emotionen her. Triumph und Niederlage, Tragödie und Drama, Ungerechtigkeit und Leiden. Gewalt, Suizidgedanken, der gute Eine gegen die bösen Viele, der Mensch gegen die Macht, der Winkelried, der Whistleblower.

Nur so gelingt es, eine bereits erzählte Story künstlich zu beatmen und wiederzubeleben. Denn das Schicksal von Adam Quadroni wurde schon längst geschildert. Ohne grosse Resonanz. Seine Anzeige bei der Wettbewerbskommission, Versuche, ihn deswegen fertigzumachen, alles kalter Kaffee. Ausser, er wird von Meistern des Herzschmerzgenres neu aufgebrüht. Die «Republik» hat begabte Imitatoren des Gossen-Goethe Franz-Josef Wagner, seit Jahrzehnten deutscher Champion des Gefühlsdusels. Das Problem ist nur: Wie auch jeder Bollywood-Brummer einen unbezweifelbar guten Helden und unbezweifelbar böse Schurken braucht, muss das auch eine Erzählung haben, die sich über Seiten und Seiten hinstreckt.

Der Anspruch der «Republik» ist ja nicht gerade klein. Sie will den Journalismus retten, damit auch die Demokratie, also eigentlich die ganze Welt, oder doch zumindest die Schweiz.

Leider ist aber die Realität nicht so. Sie ist nicht schwarz, sie ist nicht weiss, sie ist nicht einmal grau. Sie ist kunterbunt, komplex, kompliziert, wie das Innenleben jedes Menschen, wie seine Biografie, wie seine Handlungen. Eigentlich ist es nur dem Boulevard-Journalismus auferlegt, mangels Platz und wegen der Verwendung grosser Buchstaben auch komplizierte Probleme auf Einfaches herunterzubrechen. Die Agonie der Swissair? Kompliziert, da muss halt der «Super-Mario» ran. Personalisiert, idealisiert, Problem gelöst. Wenn das aber auf 125’000 Anschlägen stattfindet, dann gibt es ein gröberes Problem. Denn der Anspruch der «Republik» ist ja nicht gerade klein. Sie will den Journalismus retten, damit auch die Demokratie, also eigentlich die ganze Welt, oder doch zumindest die Schweiz.

Da stellt sich nun die Frage, ob dieses Stück über den Bündner Bauskandal tatsächlich stilbildend und zukunftsweisend ist. Wie sieht das die Redaktion der «Republik»? Ihre Reaktionen – das sei vorweg genommen – sind bedenklich. Denn schnell kratzten andere Medien, darunter so verschieden positionierte wie der «Blick» und die «Weltwoche», am Heiligenschein Quadronis, den ihm die «Republik» aus Gründen des Storytelling aufgesetzt hatte. Verfahren gegen ihn wegen Betrugsverdacht, massenhafte Betreibungen, sogar Geschwister gehen juristisch gegen ihn vor, weil er sie um ihr Erbe betrogen haben soll. Steht alles so nicht im «Republik»-Artikel. Die hätte nun souverän reagieren können und sagen, dass das aus dramaturgischen Gründen und um dem Skandal möglichst hohe Aufmerksamkeit zu geben, nur en passant erwähnt wurde. Sie reagierte aber ranzig und beschimpfte Journalisten, die sich kritisch äusserten, als «Kläffer». Nicht gerade die feine Art, auch wenn das in den üblichen ellenlangen Episteln versteckt wurde, die eins ums andere Mal beweisen, dass Constantin Seibt sicher ein begabter Schreiber ist, aber das Verhältnis zwischen Form und Inhalt eigentlich nie im Griff hat.

In einer People-Story muss man alle Fakten über seinen Helden auf den Tisch legen.

Nun hätten sich die Wogen wieder gelegt, die Story hat der «Republik» eine erhöhte Einschaltquote gebracht, andere Medien haben kolportiert oder kritisiert, spätestens seit der Fussball-WM und der Höhlentragödie im fernen Thailand sind die Bündner Bergtäler wieder so weit weg von der übrigen Schweiz wie zuvor. Könnte man meinen, wenn sich der Chefredaktor des «Schweizer Journalist» nicht bemüssigt gefühlt hätte, diesem Phänomen – wieso schreibt die «Republik» eine People-Story? – genauer nachzugehen. Dabei stellt Kurt W. Zimmermann die These auf, dass man in einer People-Story alle Fakten über seinen Helden auf den Tisch legen muss. Da das nicht geschah, gebe es dafür nur zwei Gründe: Die «Republik» habe die Fakten über das inakzeptable Geschäftsgebaren ihrer «Lichtgestalt» nicht gekannt. Rote Karte, würde man im Fussball-Slang sagen, denn dann sei ihre «Geschichte disqualifiziert, weil sie zu wenig hart recherchierte, um ihre Lichtgestalt zu schonen». Oder aber, die «Republik» wusste darum. Auch rote Karte, die Geschichte sei «disqualifiziert, weil sie unangenehme Tatsachen verschwieg», so Zimmermann.

Wie es sich gehört, meldete sich Zimmermann bei der «Republik», um ihr die Möglichkeit zur Stellungnahme zu geben. Üblicherweise tut man das in Form von Fragen, um deren Beantwortung man möglichst zeitnah bittet. Nicht nur der Profi weiss, dass die Antworten eher weniger als 125’000 Anschläge umfassen sollten. Zudem macht es Sinn, schlichtweg die Fragen zu beantworten – oder mitzuteilen: «Die Fragen sind so falsch, dass keine richtigen Antworten möglich sind.» Oder höflicher: «Wir sagen nix.» Aber natürlich nicht bei der «Republik». Zimmermann beschreibt «lange Telefondiskussionen» und seitenlange Mails. Davon publiziert der «Schweizer Journalist» in seiner aktuellen Ausgabe immerhin fast eine Druckseite. Ein erschreckendes Dokument. Ein bedrückender Ausdruck von Rechthaberei, moralischer Überlegenheit, Unfehlbarkeit. Getragen vom sicheren Wissen um den Unterschied zwischen Gut und Böse, damit Richtig und Falsch. Befeuert von der grossinquisitorischen Rechthaberei, da es ja um die Rettung des Guten und Richtigen geht, dafür auch um die Zurückweisung des Bösen und Falschen.

Die Mitautorin des Artikels weist jegliche Kritik am Geschäftsgebaren des Whistleblowers als nicht zweckdienlich zurück.

Das äussert sich zunächst in einer länglichen Einleitung schon vor der Beantwortung der Fragen. Es gehe bei dem Artikel um nichts weniger als «das institutionelle Totalversagen des Kantons Graubünden». Angesichts dieses Abgrunds wird von der Mitautorin des Artikels jegliche Kritik am Geschäftsgebaren des Whistleblowers als nicht zweckdienlich zurückgewiesen. Richtig spitz wird die Autorin, wenn sie ausführt, dass selbst wenn strafrechtlich relevantes Fehlverhalten bei Quadroni vorliege und ihn das disqualifiziere, dann dürfe man auch «keine einzige Zeile aus der Feder des verurteilten Straftäters Philipp Gut für bare Münze nehmen». Der stellvertretende Chefredaktor der «Weltwoche» hatte es gewagt, den Artikel zu kritisieren.

Nach dieser Einleitung sollte dann die Beantwortung der Fragen kommen. Aber gemach, drei Mal werden Zimmermanns Fragen zunächst mit einer Gegenfrage beantwortet: «Darf ich Dich zu Beginn fragen, ob Du glaubst …», anschliessend werden die in der Frage beinhalteten Tatsachenbehauptungen problematisiert. Fragt Zimmermann, ob die «Republik» gewusst habe, dass es über 300 Betreibungen gab, Quadroni Löhne und Sozialleistungen nicht bezahlt habe, sogar im Erbstreit mit seinen Geschwistern liege, dann wird nach dieser stereotypen Einleitung weitschweifig ausgeführt, dass das alles doch keine Rolle im Zusammenhang mit dem eigentlichen Skandal spiele. Zähneknirschend wird immerhin eingeräumt, dass die «Republik» zu «Beginn der ersten Recherche», was immer das sein mag, von den Strafverfahren wegen Betrugs gegen Quadroni «nichts wusste».

Journalistisch sehr professionell ist im Übrigen, Zimmermann mit jeder Zeile zu verstehen zu geben, dass er einem mit seinen Fragen ausgesprochen auf den Sack geht. Das äussert sich nicht zuletzt in dieser lustigen Frage an Zimmermann: «Wirst Du unter diesem Artikel, den Du zu schreiben gedenkst, offenlegen, dass Du einen Teil Deines Gehalts von einem SVP-Nationalrat beziehst?» Nun, so kann man die Tätigkeit von Zimmermann als Medienkolumnist bei der «Weltwoche» auch beschreiben. Was das mit seinen Fragen an die «Republik» zu tun hat, ist allerdings schleierhaft. Ausser, die Autorin will ihm unterstellen, dass seine kritische Meinung zu diesem Artikel gekauft sei. Was so ungeheuerlich wie dumm wäre. Da durch das Verhalten der Autorin keine grosse Freundschaft ausbrach, lässt es sich Zimmermann nicht nehmen, die gekürzten Antworten mit der spitzen Bemerkung, dass er leider nur wegen der «Republik» keine Sonderbeilage drucken könne, zu publizieren. Und mit schwarzen Balken über einigen Namen in den Antworten, «weil die ‹Republik› nachträglich Bammel bekam».

«Warum sich Zimmermann trotz schriftlicher Zusicherung nicht an diese Autorisierungsvereinbarung hielt, ist mir schleierhaft», schreibt die Co-Autorin der Kartell-Serie.

Natürlich habe ich der Autorin der von Zimmermann verwendeten Zitate die Möglichkeit zur Stellungnahme eingeräumt. Davon machte sie auch Gebrauch, allerdings verwendete sie 4300 Anschläge dafür. Aber sie stellte mir anheim, Kürzungen vorzunehmen. Im Wesentlichen bemängelt sie, dass der «Schweizer Journalist» ihre Antworten aus dem Zusammenhang gerissen und ihr Antwortmail an ihn nicht vollständig abgedruckt habe. «Warum sich Zimmermann trotz schriftlicher Zusicherung nicht an diese Autorisierungsvereinbarung hielt, ist mir schleierhaft», schreibt die Autorin. Im Weiteren deklariert sie ihre Gegenfragen als «Teil einer Recherche für eine Medienanalyse der Baukartellgeschichte». Die Schwärzungen von Namen hätten ihren Grund in einer «Folgerecherche», man «verschenkt nur ungern neue Fakten». Und die Gegenfrage, ob Zimmermann offenlegen werde, dass er von einem SVP-Nationalrat für seine Medienkolumne in der «Weltwoche» bezahlt wird, beziehe sich auf dessen Frage, wieso die Autorin nicht deklariert habe, dass sie einmal im Vorstand der SP-Graubünden sass. Also im Wesentlichen ein «so ich dir wie du mir». Und dass im Prinzip «geschrieben ist geschrieben» gilt, sollte zumal für professionelle Journalisten völlig klar sein. Dass ein «vollständiger Abdruck» von Antworten zwar verlangt werden kann, bei einer Länge von über 13’000 Anschlägen aber nicht erfolgt, sollte auch niemand wundern.

Wir fassen zusammen: Die «Republik» betreibt People-Journalismus. Das sei ihr unbenommen, aber sie betreibt ihn schlecht, weil sie den Heiligenschein ihres Protagonisten über einer riesigen Textstrecke, die ansonsten nur aus Rehash besteht, möglichst hell leuchten lassen will. Auch das sei ihr noch unbenommen, obwohl ich eigentlich die Zukunft und die Rettung des Journalismus nicht so sehe. Aber ich beziehe ja auch einen Teil meines Einkommens von einem FDP-Mitglied, also dem Chefredaktor der BaZ. Und sogar ab und an von diesem SVP-Nationalrat. Ganz duster wird es leider, wenn man die Reaktionen der «Republik» auf Kritik anschaut. Unsouverän, unprofessionell, unverhältnismässig, geradezu kindisch – und kontraproduktiv.

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Leserbeiträge

Constantin Seibt 21. Juli 2018, 13:04

Lieber Herr Zeyer,

das grösste Kompliment ist die Nachahmung, schrieb Oscar Wilde  – danke für Ihre kleine Verbeugung! Denn Ihre Kritik ist das, was Sie offensichtlich für das Kernprodukt der Republik halten: ein fast unendlich langes Stück People-Journalismus.

Das ist okay. Es gehört ja zu den Privilegien im Journalismus, die eigenen Fehler bei anderen Leuten zu kritisieren.

Etwas erstaunt bin ich trotzdem, dass Sie mich zum zentralen Autor der Baukartell-Story machen. Ich wäre stolz, das wäre so. Aber der Verdienst gehört Anja Conzett und den Herren Durband und Hauptmeier.

Ich war nur der zuständige Chefredakteur und mein unvergängliches Verdienst bei der Sache beschränkt sich auf das Streichen von ein paar Dutzend Adjektiven.

Sie werfen uns zum ersten die Länge der Story vor – bei dafür fehlender Relevanz. Ehrlich?

Nun:

– Die Weko hielt das Baukartell für den bisher grössten aufgedeckten Fall seit ihrer Gründung.

– Das Bündner Parlament setzte nach unserer Story eine PUK ein – die erste in der Geschichte des Kantons.

– Die Bündner Wähler straften den in den Fall verwickelten RR Parolini ab – gerade einmal 33 Stimmen weniger und Parolini wäre als erster RR seit Gründung des Kantons abgewählt worden.

– In einem von einem Studenten spontan aufgesetzten Crowdfunding kam eine Rekordsumme von über 200’000 Franken zusammen.

Glauben Sie ernsthaft, dass ein so stolzer, autonomer, das Unterland-soll-mal-kommen-Kanton wie Graubünden so heftig reagieren würde, wenn ein blutjunges, kleines Online-Magazin aus Zürich mit einer Story in halber Buchlänge kommt – nur weil dort jedem bekannter Herzschmerz-Quark drin steht?

Die verblüffende Wirkung der Geschichte kann man sich nur so erklären: 1. Lebruments Somedia-Zeitungen haben ihren Job beim grössten Skandal in der Geschichte des Kantons offensichtlich verschlafen. 2. Die Republik hat etwas gebracht, was vorher nicht auf dem Tisch war.

Es heisst: Die Fakten waren ja alle vorher publiziert. Nur – stimmt das?

Ich habe noch selten zwei Autoren so bis zur Erschöpfung recherchieren gesehen wie Anja Conzett und Gion-Matthias-Durband. Sie sprachen mit jedem Beteiligten, der sich auftreiben liess: mit Dutzenden Leuten, oft mehrmals. Und nicht per Telefon, sondern von Gesicht zu Gesicht. Und trieben an Dokumenten auf, was zu haben war. Weil sie wussten, dass in dieser Geschichte jedes Detail stimmen muss.

Was die Republik lieferte waren neben den zentralen – bereits bekannten – Fakten unzählige neue kleine, aber wichtige Fakten. Sie brauchten diese, um das zu herzustellen, was Fakten allein noch nicht liefern: die Zusammenhänge.

Die Tatsache, dass im Bündner Filz gemauschelt, gemobbt, getuschelt wird, ist eine Nachricht, die zu Recht kalt lässt: Denn sie ist kalter Kaffee. Die Erzählung, wie genau das passiert, ist nicht mehr kalter Kaffee: Sie ist neu.

Es ist das Ergebnis von wochenlanger Kleinarbeit, dass die Dementis (etwa des Baumeisterverbands oder der Polizei) alle nur pauschal waren. Mit der Aussage: Das war alles irgendwie anders.

Aber niemand war im Stand, die Details zu widerlegen.

Glauben Sie nicht, dass wenn wir gröbere oder kleinere Fehler gemacht hätten, wir in Graubünden in der Luft zerrissen worden wären?

Der einzige Grund, warum diese eigentlich alte Geschichte so sehr Furore gemacht hat: Weil die Leute, die sie lasen, wussten, dass sie wahr ist.

Und weil sie von in den über sieben Jahren zuvor niemand anderer erzählt hatte.

Und weil sie aktuell war: den der Fall ist alt, aber der Filz, der ihn möglich machte, ist weiter da.

Der einzige Vorwurf, den wir ernsthaft bekommen haben, ist, dass wir den Whistleblower Herrn Quadroni zu mild gezeichnet haben.

Herr Quadroni ist in zahlreiche Rechtshändel, einen Ehekrieg und einen komplexen Konkurs verwickelt – lauter komplizierte Geschichten.

Wir haben seine Probleme durchaus skizziert – und auch thematisiert, dass Whistleblower keine Engel sind. Aber auch: Dass sie oft in der Hölle enden.

Und Herr Quadroni ist in beidem keine Ausnahme.

Aber dort, wo es für Graubünden zählte, beim Baukartell und Polizeieinsatz, stimmte seine Erzählung mit jedem auftreibbaren Dokument zusammen. Und sie hält bis heute.

Die einzige Verteidigungslinie der Angegriffenen war der klassische Angriff auf den Charakter des Boten – also auf das Geschäftsgebaren von Herrn Quadroni. Darüber lässt sich endlos diskutieren und prozessieren – nur: Was tut das zentral zur Sache? (Und hätten Sie gern noch weitere 50’000 Zeichen zu ebenfalls für mehrere Seiten höchst heiklen Konkurs gelesen?)

Der zweite Angriff war der auf den Charakter der Autorin. Sie wurde als Marionette ihres Ex-Freundes und dessen Partei dargestellt. (Und die Republik als Propagandamedium der teuflisch raffinierten Bündner SP.)

Das war der Zeitpunkt, wo ich als Chefredaktor eingreiffen wollte und musste. Ich – wie die ganze Republik – habe kein Problem mit inhaltlicher Kritik. Ich denke über sie nach, ändere meine Meinung oder gebe Fehler zu, wenn sie stimmt. Ich sage mir, Hauptsache, sie schreiben deinen Namen richtig, wenn nicht.

Aber wenn eine Autorin – die verdammt hart gearbeitet hat – als Privatperson angegriffen wird, und wenn das gerade bei Frauen in der Öffentlichkeit beliebte Scheissspiel beginnt, sie für berufliche Taten als Privatperson anzugreifen, dann ist es mein Job als Chefredaktor, den Betreffenden klar zu sagen: Das kommt nicht in die Tüte. Und: Fuck you.

(Den Text dazu finden Sie hier: https://www.republik.ch/2018/06/09/in-eigener-sache-zum-baukartell)

In der Tat sind diese Sorte Kritiker so gut wie nie Kritiker in der Sache, sondern eine auf Frauen spezialisierte Geschlechtskrankheit – sie greifen Frauen in der Öffentlichkeit an: Nicht wegen ihrer Leistung, sondern wegen ihrer Existenz.

(Zum Beweis: Wo etwa blieb der persönliche Angriff auf Herrn Durband, der einen ebenso brillanten Job machte wie Frau Conzett?)

Ebenso war es ein Unding, dass die Bündner SVP Frau Conzett persönlich für ihre Wahlniederlage verantwortlich machte. Wo die Story vor allem ihrer härtesten Konkurrentin, der BDP, schadete. (Die unter dem Strich weit souveräner reagierte.) Man fragte sich, wie die SVP die nächste Wahl gewinnen will, wenn sie sich mit derart unrealistischen Opferstories trösten muss.

Nun, Herr Zeyer, Sie werfen uns dasselbe vor: Unsouverän auf berechtigte Kritik reagiert zu haben. Das zweite Mal bei Herrn Zimmermann im Schweizer Journalist.

Zugegeben: Eigentlich hätte ich Frau Conzett am liebsten geraten, Herrn Zimmermann statt eines ausführlichen Mails gar nichts zu schreiben. Ich halte, nach mehrfacher Erfahrung, das Reden mit ihm für Zeitverschwendung.

Ich habe nichts dagegen, dass Herr Zimmermann ein scharfer Republik-Gegner ist. Dass er unser Geschäft, unsere Werbekampagne, unsere Redaktoren, unsere Artikel und unsere Zukunftstauglichkeit hart kritisiert. (Wir halten unserer Produkt ebenfalls noch weit von der Perfektion entfernt – kein Problem, wenn andere Leute diese Ansicht teilen.) Und wir sind als Journalisten der strikten Meinung, dass, wer in der Öffentlichkeit kritisiert, dort auch Kritik aushalten muss. Und zwar für faire wie unfaire. Und finden es eine Selbstverständlichkeit, dass wir mit jedem reden, der uns fragt – auch und gerade mit Kritikern und Gegnern.

Dass hier für mich persönlich Kurt W. Zimmermann die Ausnahme ist, beruht auf wiederholten Erfahrungen. Ich könnte eine lange Liste verweisen – von gebrochen Versprechungen (etwa in Sachen Gegenlesen), verdrehten und von mir nie gesagten Zitaten (in Anführungsstrichen befinden sich lauter Wörter, die ich nie benutzt habe) – ganz zu schweigen von absurdem, faktisch halb- oder ganz falschem Quark. (In einem der letzten Artikel schildert Herr Zimmermann etwa höchst lebendig die Szene, wie ich Ende 2017 als Chefredakteur in Panik Frau Sprecher anrufe, um auf den letzten Drücker noch eine aktuelle Story über das WEF zu bekommen – dabei war der Artikel bereits ein Jahr im Voraus bestellt, noch während des Croudfundings.)

Zimmermann ist ein schludriger Journalist – das einzig Erfreuliche an ihm ist der schwungvolle Stil und seine Erfahrung als Bordellwirt, mit der er dann und wann mit echter Erfahrung die Sünde kritisiert.

Trotzdem ist es ein erstaunliches Schauspiel, dass ausgerechnet ein zittriger Handwerker in diesem Land der wichtigste, weil fast einzige Medienkritiker ist.

Die obige Liste habe ich nie veröffentlicht – denn im Gegensatz zu Ihrer Vermutung, Herr Zeyer, halte ich bei persönlichen Angriffen meist dem Mund. Hauptsache, sie schreiben deinen Nahmmen richtig.

Meine Konsequenz ist: Herr Zimmermann hat meinen persönlichen Respekt verloren. Er ist für mich eine Zeitverschwendung.

(Wie gesagt habe ich ausser Zimmermann niemand anderen auf dieser Liste.)

Kein Wunder, dass Frau Conzett ihm ein langes, misstrauisches Mail schrieb Und unsere Chefredaktion akribisch über die Statements verhandelte. Da Zimmermann handwerklich nicht zu trauen ist, finde ich das persönlich noch grosszügig.

Das wars.

Apropos Zeitverschwendung: Mit meiner langen Antwort auf Ihre lange Klage haben Sie den Beweis, dass wir auf Kritik zu heftig reagieren.

Nur: Wie sollte man das bei einem Kraut und Rüben-Artikel wie Ihrem sonst machen, wenn ich Sie als Kritiker erst nehmen will? (Und immerhin ist die Medienwoche ein ernst zu nehmendes Branchenblatt, das eine Antwort verdient.)

Also verzeihen Sie die Länge, Herr Zeyer. Das nächste Mal werde ich kürzer Antworten – oder wenn Sie es vorziehen – gar nicht, Aber ich würde mich freuen, wenn Sie im Gegenzug bei Ihrer nächsten Kritik etwas fokussieren.

Denn, wir halten uns für alles andere als unfehlbar. Sollten Sie etwas Faules finden, hören wir Ihnen gerne zu. Und arbeiten dann daran.

Mit besten Grüssen

Constantin Seibt

 

 

 

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René Zeyer 21. Juli 2018, 16:16

Lieber Herr Seibt

Ich fokussiere.

Ihre Antwort ist fast so lang wie mein Artikel. Riecht etwas streng nach schweisseliger Angestrengtheit.

Weder halte ich Sie für den Hauptautor der Bündner Story, noch schreibe ich das. Da hat Ihnen Ihre Eitelkeit, die ja uns allen eigen ist, einen Streich gespielt.

Dass meine Kritik mit weniger als einem Zehntel des Umfangs des «Republik»-Stücks dennoch zu lang ist, ist richtig.

Nein, ich habe kein nachahmendes Stück geschrieben, deshalb kommen Namen nur vor, wo sie unbedingt nötig sind. Ich habe vielmehr auf die von der «Republik» schlecht angewendete Methode fokussiert. Aber das wäre auch knackiger gegangen.

Beste Grüsse zurück.

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Peter Meier 07. August 2018, 21:50

Herr Zeyer, ich habe sowohl die Republik-Beiträge als auch Herrn Zimmermanns Kritik und die Republik-Replik gelesen und nun ihr Stück hier und Herrn Seibts Kommentar und Ihre Antwort darauf und finde: Sowohl Ihre als auch die Zimmermannsche Kritik ist in erster Linie reichlich peinlich und kleinlich.

Und Ihr Satz «Riecht etwas streng nach schweisseliger Angestrengtheit» unterstreicht das noch einmal doppelt.

Was stört Sie denn nun eigentlich inhaltlich an dem, was die Republik schrieb (nicht an dem, was sie nicht schrieb)?

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Markus Studer 28. Juli 2018, 16:16

Medienkritik finde ich persönlich nötig und interessant, gerade in der Schweiz. Was ich doch recht erstaunlich finde ist aber, dass sie sich häufig wie eine persönliche Abrechnung liest. Die Medienwelt scheint in der Schweiz so klein, dass sich die Autorinnen und Autoren so gut kennen, dass sie sich persönlich kritisieren beziehungsweise angegriffen fühlen. Das ist herzig und schade zugleich.

Was mir inhaltlich an der Kritik nicht einleuchtet, ist dass sie die Artikelserie der Republik als “People-Journalismus” charakterisieren. Klar, der Wisthleblower war ein Aufhänger, aber doch keineswegs der zentrale Inhalt. Wenn Sie das so darstellen, können Sie zwar fehlende Informationen kritisieren, werden aber den Artikeln gar nicht gerecht, beziehungsweise kritisieren an ihnen vorbei.

Ich kann mir Ihre krude Behauptung, die Republik hätte nichts Neues (“Rehash”) geschrieben, nur damit erklären, dass sie’s so persönlich nehmen und selber auf das Stilelement statt den Inhalt fokussieren.

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Samuel Hauser 29. Juli 2018, 16:36

Herr Zeyer,

Ihr Artikel ist richtig hässlich. Das ist keine Kritik an der angeblichen Kritikunfähigkeit der Republik-MacherInnen, sondern ein schmieriges Gemecker mit verleumderischer Tendenz. Richtig übel; mich erstaunt es, dass die Medienwoche solche hässliche Brocken überhaupt veröffentlicht.

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