von Nora Dämpfle

«Mir fiel die Entscheidung zu gehen, wirklich nicht einfach»

Nach zwölf Jahren als Leiter Kommunikation und Public Affairs hat Christoph Zimmer Tamedia verlassen. Ein Rückblick auf eine bewegte Zeit und ein kleiner Ausblick in die Zukunft.

Zürich ist an diesem Sommermorgen eingehüllt in Nieselregen. Christoph Zimmer setzt sich an einen Fensterplatz in der Helvtibar, Rücken zum wenige Dutzende Meter entfernten Tamedia-Hauptsitz. «Einen Schwarztee, bitte». Wenn Sie dies lesen, wird Zimmer Tamedia auch im übertragenen Sinne den Rücken zugekehrt haben. Nach zwölf Jahren verliess er auf Ende Juni das Unternehmen, welches er auf dem Weg von Tagi-Tamedia zum grössten Medienhaus der Schweiz kommunikativ begleitet hat. Leicht fällt ihm diese Trennung nicht. «Die Menschen bei Tamedia werde ich vermissen. Die Journalisten, mein Team und die Zusammenarbeit mit Christoph Tonini und Pietro Supino, davor mit Martin Kall und noch früher mit Hans-Heinrich Coninx. Ich habe gerne mit diesen Menschen gearbeitet», sagt Zimmer schlicht. Die Offenheit, Dinge intensiv und direkt zu diskutieren, dann aber auch zügig zu entscheiden und umzusetzen, das habe er bei Tamedia geschätzt.

Was seine nächste berufliche Station sein wird? Entweder werde er Kommunikation in einer anderen Branche machen oder «öpis anders i de Medie».

«Mir fiel die Entscheidung zu gehen, wirklich nicht einfach», betont er. Dass es möglich wurde, mit der Familie ein halbes Jahr ins Ausland zu gehen, hätte auch dazu beigetragen, diesen Schritt zu tun. «Das ist jetzt von der familiären Situation her wie die letzte Möglichkeit ein Sabbatical zu machen», erklärt der Vater von drei Töchtern. Barcelona soll es für die nächsten Monate sein – auch aus praktischen Gründen. «Wir suchten nach einer Stadt, von der aus Zürich gut zu erreichen ist. Meine Frau arbeitet in einem Bereich, in dem es nicht viele attraktive Stellen gibt. Für sie machte es also wenig Sinn, ihren Job aufzugeben. Zudem suchten wir eine deutschsprachige Schule, die Platz hat. Für ein halbes Jahr wollten wir unsere Töchter nicht in eine fremdsprachige Schule schicken», erklärt Zimmer. «Ich werde in dem halben Jahr zu Hause sein, mich um die Organisation kümmern und versuchen Spanisch zu lernen – obwohl es ja eigentlich Katalanisch sein müsste», ergänzt er und lacht.

Wie genau es 2019 beruflich weiter gehen soll, steht noch nicht fest. «Für die Zeit danach bin ich mit verschiedenen Unternehmen im Gespräch, aber eine Entscheidung ist noch nicht gefallen. Solange ich nichts unterschrieben habe, möchte ich mich dazu auch nicht äussern», sagt der Kommunikationsprofi. So viel weiss er aber schon: entweder werde er Kommunikation in einer anderen Branche machen oder «öpis anders i de Medie», dann aber nicht mehr in einer ähnlichen Funktion wie in den vergangenen Jahren.

Angefangen mit der Kommunikation hat Christoph Zimmer – nach einem kurzen Ausflug in die Biologie – mit einem Kommunikationsstudium in Winterthur. Anschliessend arbeitete er eineinhalb Jahre im Journalismus. Zuerst ein Praktikum bei «Facts» im Inland-Ressort, später bei Radio SRF in der Online-Redaktion. «Ich finde Journalismus eine interessante Arbeit. Was mir allerdings nicht so gefallen hat, ist, dass man häufig nur relativ kurz an einem Thema dran ist und dass man – mindestens war das damals so – meist alleine arbeitet. Das waren für mich Gründe, in die Kommunikation zu wechseln. Mir fehlte das Team und die Langfristigkeit», sagt er. Beides hätte er in seiner Arbeit bei Tamedia gefunden.

«Die Journalistinnen und Journalisten sind ja immer mit kritischem Blick unterwegs, sie setzen nicht plötzlich die rosarote Brille auf und klammern die Kommunikation des eigenen Verlagshauses – oder gar die der Konkurrenz – aus. Ein anspruchsvolles Publikum.»

«Meine Aufgabe blieb immer spannend – ein Stück weit ist das den Umwälzungen in der Branche geschuldet, ein Stück weit ist Kommunikation aber einfach per se hochspannend.» Die Wahrnehmungen von den unterschiedlichen Beteiligten auf eine und dieselbe Sache zu erleben und dafür ein Gefühl und Verständnis zu entwickeln, sei für ihn nicht nur interessant gewesen, sondern für sorgfältige Kommunikation grundlegend. «Beispielsweise ist die Sicht der Medien auf die Politik eine vollkommen andere, als die der Politik auf die Medien oder die der privaten Wirtschaft auf die Politik. Wenn man mit allen zu tun hat, lernt man diese Positionen besser zu verstehen und auch die möglichen Konflikte, die durch die unterschiedlichen Haltungen und Erwartungen entstehen könnten.» Kommunikation sei eben keine exakte Wissenschaft und lebe letztlich davon, wie die unterschiedlichen Adressaten das Kommunizierte wahrnehmen – und wie gut die ‹Sender› ihre Zielgruppen kennen. Immer sei darum ein Abwägen nötig und dabei könne man auch mal danebenliegen. «Jeder oder auch jede Gruppe hat Erwartungen, Weltanschauungen, Interessen, politische Prägungen, Ansichten aus denen heraus Nachrichten interpretiert werden. Das macht Unternehmenskommunikation so interessant aber auch herausfordernd», sagt Zimmer. Bei der Kommunikation für ein Medienhaus müsse man noch eine Schippe drauflegen: «Die Journalistinnen und Journalisten sind ja immer mit kritischem Blick unterwegs, sie setzen nicht plötzlich die rosarote Brille auf und klammern die Kommunikation des eigenen Verlagshauses – oder gar die der Konkurrenz – aus. Ein anspruchsvolles Publikum», sagt er, lächelt, kratzt sich an der Schläfe.

Noch weiter zurück als seine Begeisterung für die Kommunikation reicht bei Christoph Zimmer jene für Politik. Und zwischen beidem sieht er einige Gemeinsamkeiten. «Ich habe früh angefangen mich politisch zu engagieren und war viele Jahre für die SP aktiv.» Der Ausgangspunkt, wenn man sich politisch engagiert, sei natürlich ein anderer, als wenn man Kommunikation mache, das sicher. Politisch aktiv werde man aus einer inneren Überzeugung heraus, weil man an Ziele glaube. «Aber die beiden Bereiche haben doch einige Parallelen: «Bei beidem überlegt man sich: wie wirkt das, was ich tue oder sage. Positionen werden auch in der Politik darum oft nicht nur aus inhaltlichen, sondern auch aus taktischen Gründen eingenommen.» Wenn man für eine Organisation oder Partei einstehe, müsse man manchmal Positionen nach aussen vertreten, die sich nicht unbedingt mit den persönlichen decken. «Parteien funktionieren nur dann, wenn man sich auf gemeinsame Nenner einigen kann, auf eine Stossrichtung, die von allen mitgetragen wird. Die persönliche Meinung muss auch Mal in den Hintergrund rücken», hält Christoph Zimmer fest. In der Kommunikation sei das ähnlich, man vertrete eine gemeinsam gefasste Entscheidung, nicht zwangsläufig immer die eigene Meinung.

«Auch wenn es der CEO oder der Verwaltungsratspräsident ist: Entscheidungen treffen sie selten alleine und auch nicht ‹aus dem Bauch heraus›.»

Nicht immer waren die «News», die Christoph Zimmer in den vergangenen Jahren kommunizieren musste, schön oder populär. «Kommunikation fällt nicht immer gleich leicht, natürlich nicht. Die intensiven Diskussionen, welche aber oft vor der Kommunikation stattgefunden haben, und während derer ich meine Optik und Meinung einbringen konnte, halfen da sehr», erklärt er. Sich in den Entscheidungsprozess einzubringen, sei dann fruchtbar, wenn die anderen Beteiligten wissen, dass man am Ende die gemeinsame Position mittrage. Das wiederum mache man eben viel eher, wenn man davor an einem Prozess hätte teilhaben können und nicht einfach etwas «Entschiedenes» kommunizieren müsse. «Ich habe jeweils versucht, nicht nur die Risiken bei der Kommunikation einer Angelegenheit vor Augen zu führen, sondern auch zu vermitteln: wie wirkt etwas, wie kommt das bei den Empfängern an, wenn ich etwas so oder anders kommuniziere. «Dennoch ist es nicht einfach – gerade, wenn man sich in einer Diskussion wirklich engagiert hat – nachher vielleicht eine ganz andere Position nach Aussen tragen zu müssen und zu vertreten. Aber das ist ‹part of the game›!», sagt Zimmer, lächelt, bestellt einen zweiten Schwarztee und ergänzt: «Heutzutage wird – gerade auch in den Medien – gerne alles personalisiert. Das ist einerseits nichts Schlechtes, sondern einfach ein Weg Geschichten zu erzählen. Andererseits entsteht dadurch in Bezug auf einzelne Personen ein Eindruck von Allmacht, die diese gar nicht haben. Auch wenn es der CEO oder der Verwaltungsratspräsident ist: Entscheidungen treffen sie selten alleine und auch nicht ‹aus dem Bauch heraus›. Sie sind eingebunden in Entscheidungsprozesse, in gegebene Situationen und Anforderungen. Von aussen wird das oft anders wahrgenommen, eben auch durch diese Personalisierung. Solche Mechanismen muss man in der Kommunikation ebenfalls im Hinterkopf behalten.»

Wer sich jahrelang mit der Medienbranche auseinandergesetzt hat, darf auch einen Ausblick wagen: «Ich glaube, das Bedürfnis nach gutem Journalismus, nach Einordnung und nach valider Information verschwindet nicht und ich glaube auch, dass die Leute schliesslich bereit sind, für die Befriedigung dieses Bedürfnisses zu bezahlen», sagt Zimmer. In der Schweiz sei der unabhängige Journalismus nicht direkt durch die Politik gefährdet wie etwa in den USA oder Polen. Dort würde den Menschen nun viel deutlicher bewusst, wie wertvoll unabhängige Medien sind. Wohingegen bei uns eine gewisse Gefahr bestehe, dass man sich dieser Wichtigkeit nicht gar so bewusst sei. «Das darf man natürlich nicht so sagen, weil es falsch ist, aber angesichts dieser Tatsache müsste man sich für die Schweiz fast eine politische Krise wünschen, die den Menschen die Notwendigkeit von unabhängigem Journalismus bewusster macht…» sagt er, mit einem Augenzwinkern und ergänzt, jetzt wieder ganz ernst: «Ich finde, die Schweizer Medienbranche ist nach wie vor eine lebendige und sie wird bunt bleiben, neue spannende Produkte werden kommen.»

Die interessante Frage für die kommenden Jahre sei doch die: Gelingt es den grossen Medienhäusern wie NZZ, Ringier, AZ, Tamedia ein so gutes digitales Angebot aufzubauen, das sie weiter vor Ort bei den Leserinnen und Lesern sein können und gleichzeitig einen umfassenden Blick auf das liefern, was auf der Welt geschehe. «In den letzten Jahren sind viele Angebote entstanden, die gut über ein einzelnes Thema berichten, z.B. bei nationalen News stark sind oder auf einem bestimmten Sachgebiet. Den gesamten Blick von regional über national bis international abdecken, das können, stand heute, aber nach wie vor nur die grösseren Häuser, die grossen Tageszeitungen. Die Menschen wollen sich nicht über x verschiedene Medien informieren, darin liegt eine Chance für die etablierten Medien», hält Zimmer fest. Der Gesellschaft sollte, der Demokratie zu Liebe, daran gelegen sein, dass ein solch breites Angebot weiter machbar bleibe, findet er. Dafür müssten einerseits die Medien noch digitaler werden, andererseits müsse aber auch die Bereitschaft bei den Lesern noch wachsen, für Inhalte eben auch online zu bezahlen. «Die kommenden fünf Jahre werden spannende fünf Jahre werden – und entscheidende, da bin ich mir sicher!»

Bild: Stevan Bukvic

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