von Benjamin von Wyl

«Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um als Journalist seine Unabhängigkeit zu beweisen.»

In einem Land wie Rumänien, wo Wahlfälschung und Korruption zum politischen Alltag gehören, können unabhängige und kritische Medien eine wichtige Rolle spielen. Der Journalist Dan Tapalaga ist einer der wenigen, die ohne Rücksicht und Abhängigkeiten in alle Richtungen austeilen können. Die MEDIENWOCHE hat ihn während der jüngsten regierungskritischen Demonstrationen in Bukarest getroffen.

Eine gute Adresse im Regierungsviertel von Bukarest, schmuckloses Bürogebäude. Es fällt ab gegen die Prachtbauten, die an Paris erinnern und die ehemaligen Machtsymbole der Ceaușescu-Diktatur im Umkreis. Beim Empfang dauert es eine Weile, bis die Portierin weiss, in welchem Stockwerk G4Media sitzt. Oben dann: Ein langer Gang, viele Türen, hinter der einzigen offenstehenden, giesst eine ältere Frau ihre Pflanzen. Dann sehen wir den simplen Sticker: G4Media blau auf weiss. Ich klopfe, Dan Tapalaga öffnet selbst. Drinnen: 15 Quadratmeter, vier Pulte, drei Männer, ein Fernseher, ein Drucker. Die Lüftung ist sehr laut. Unter diesen Bedingungen entsteht Qualitätsournalismus. Hier arbeitet Dan Tapalaga. Ein Journalist, den Liviu Dragnea – der eigentliche Machthaber im Land – medial immer wieder persönlich angreift. Tapalaga gibt jeweils auch zurück. Seit den letzten Wahlen muss er das immer öfter.

Seit Ende 2016 regiert die nominell sozialdemokratische PSD mit der liberalen ALDE. Die PSD ist homophob, kirchentreu und – wie andere Parteien Rumäniens auch – korrupt. Ihr Parteipräsident Liviu Dragnea ist nur deshalb nicht Ministerpräsident geworden, weil er wegen Wahlfälschung verurteilt ist. Wie sehr er die Politik prägt, klärte aber bereits das erste Eildekret der neuen Regierung Anfang 2017: Es hätte Dragnea in einem laufenden Verfahren Straffreiheit garantiert. Damals machte Dan Tapalagas Analyse das der rumänischen Öffentlichkeit erst bewusst. Und diese reagierte: Die rumänische Bevölkerung ist zu Hunderttausenden während Monaten auf die Strasse gegangen. Der oppositionelle Präsident konnte die Regierungspläne stoppen. Die Proteste aber dauern – mit schwankenden Teilnehmerzahlen – weiterhin an, denn die Regierung verfolgt ihre Eigeninteressen geradezu unverschämt. Aktuell steht eine Justizreform an, die Korruptionsdelikte de facto legalisiert. Seit dem 10. August zeigt nicht mehr bloss die Aushöhlung der Gewaltenteilung den autoritären Charakter der Regierung, sondern auch der brutalste Polizeieinsatz der letzten 20 Jahre.

Als ich ins Büro komme, ist der 42-jährige Tapalaga gerade daran, einen Artikel zu produzieren und sagt nebenbei: «Unser Traffic erreichte am Wochenende einen Peak.» In der Nacht des 10. August protestierten in Bukarest 100’000 Menschen gegen die Korruption auf höchster Regierungsebene. Für das Zugriffshoch auf Tapalagas Seite sorgte aber eher der Polizeieinsatz: 100’000 wurden mit Tränengas eingedeckt; Touristen sind aus dem Taxi gestiegen und niedergeknüppelt worden. Dasselbe widerfuhr auch einem ORF-Kameramann, während er gefilmt hatte. Diese 100’000 hätten ohne Tapalagas Recherchen von manchen Korruptionsskandalen gar nichts gewusst und Tapalagas Analysen tragen dazu bei, dass sie verstehen, wie die Regierung Korruption de facto legalisieren will. Aber Tapalaga, der Starjournalist, erledigt gerade andere Arbeit: Teaserbild wählen, Lead schreiben, Artikel freischalten. Er ist hochkonzentriert. Als der letzte Artikel vor der Mittagspause produziert ist, hat er Zeit für ein Gespräch:

MEDIENWOCHE:

Sie sind ja nicht der einzige Investigativjournalist im Land. Rumänische Onlinemedien haben in den letzten Jahren zahlreiche Skandale aufgedeckt und aufgearbeitet, etwa Dragneas Machenschaften als Lokalmogul. Recherchen lösten das Geldwäscheverfahren gegen ihn in Brasilien aus und jetzt dokumentieren unabhängige Journalisten die Polizeigewalt des 10. August. Bringt die immer autoritärere Regierung dem Journalismus ein goldenes Zeitalter?

Dan Tapalaga:

Wir leben in einer traurigen Zeit, einer traurigen Zeit für Rumänien und die rumänische Gesellschaft. Auch für die Medien ist es kein goldenes Zeitalter, aber es ist ein guter Zeitpunkt für Journalisten, ihre Unabhängigkeit zu beweisen. Und ihre Fähigkeiten.

Bilder der jüngsten Proteste gegen die rumänische Regierung
(Fotograf: Evan Ruetsch)

MEDIENWOCHE:

Wie beschreiben Sie die rumänischen Medien?

Dan Tapalaga:

Unsere Situation ist nicht anders als in anderen Ländern Osteuropas. Wie in Ungarn oder Bulgarien gibt es auch bei uns Medienmogule, die mit Politikern kollaborieren. Sie verbinden Geschäftsinteressen mit Machtspielen. Eine Verbindung, die unsere Gesellschaft krank macht. Wenn du die unfassbare Macht, die dir eine Fernsehstation gibt, mit Eigeninteressen vermischst, kannst du viele manipulieren. Regierungsnahe Fernsehsender drehen und wenden jedes Thema so lange, bis das Gesendete nicht mehr die Wahrheit ist.

MEDIENWOCHE:

Betrachten Sie jene, die dort arbeiten, noch als Journalisten und Kollegen?

Dan Tapalaga:

Ich versuche, diese Frage so ehrlich und differenziert wie möglich zu beantworten: Dort gibt es Journalisten, die versuchen in die Tiefe zu gehen und an relevante Informationen zu kommen. Sie wollen ehrliche Arbeit leisten, aber das sind Ameisen. Das sind einfache Journalistinnen und Journalisten, die an der Front arbeiten, nach Informationen graben und die ersten sein wollen. Das Unglück ist, dass Entscheidungsträger und Kommentatoren deren Arbeit in falsche Zusammenhänge rücken und manipulieren. 99% dessen, was bei diesen Sendern on air geht, ist manipuliert. Meine Antwort ist also: Dort gibt es gute Journalistinnen und Journalisten, aber sie haben weder Einfluss noch Kontrolle. Ihre Arbeit wird fucked up.

MEDIENWOCHE:

Ringier Romania ist einer der zwei grössten Anbieter im Onlinebereich. Das Schweizer Unternehmen konzentriert sich auf Klatsch und Boulevard. Wie schätzen Sie die Rolle der Boulevardmedien in Rumänien ein?

Dan Tapalaga:

Vor langer Zeit arbeitete ich selber für Ringier. Von 2002 bis 2005 war ich bei Evenimentul Zilei, einer seriösen Tageszeitung, die während ich dort war von Bertelsmann an Ringier verkauft worden war. Vor acht Jahren hat Ringier die Zeitung dann weiterverkauft. Nach meinem Eindruck wollten sie von harten News loskommen, denn Ringier Romania ist sich an die Hard-News-Umgebung nicht gewohnt. Sie haben nur Libertatea behalten. Das ist zwar eine Boulevardzeitung, aber von Zeit zu Zeit bringen sie gut recherchierte Geschichten. Das ist toll, denn diese Geschichten erreichen dann eine Breite, die ich nicht habe.

MEDIENWOCHE:

Libertatea weist für 2017 6,3 Millionen Unique User pro Monat aus. Sie sagten vorher Ihr Traffic habe am Wochenende einen Peak erreicht. Was bedeutet das in Zahlen?

Dan Tapalaga:

Wir hatten von Freitag bis Sonntag im Schnitt 130’000 Uniques. Den eigentlichen Peak erreichten wir am Sonntag mit 170’000 Uniques und 500’000 Views. Damit sind wir fast auf dem Level von HotNews, das ich erst vor fünf Monaten verlassen habe. HotNews verfügt über ganz andere Mittel als wir und hat zehn Mal mehr Angestellte. Ein Land in der Situation von Rumänien braucht so viele unabhängige Medien wie möglich.

MEDIENWOCHE:

Sie haben HotNews verlassen und mit drei Kollegen G4Media gegründet. Neue unabhängige Medien spriessen in Rumänien momentan aus dem Boden.

Dan Tapalaga:

Es werden mehr und mehr und das ist das Gute an all dem Übel, das wir erleben. Vor einem Jahr gab es nur zwei und jetzt sind es schon mehr als fünf, die relevant und seriös sind. Es sind keine guten Zeiten für Journalismus, aber es sind wirklich gute Zeiten für unabhängigen Journalismus. Auch in anderen osteuropäischen Ländern: In Ungarn gibt es Medien, die genau gleich wie wir arbeiten und sich nur über Spenden finanzieren. Wir leben alleine von Spenden.

MEDIENWOCHE:

Wie gut lebt es sich damit?

Dan Tapalaga:

Es ist hart. Mich freut, dass es normale Leute sind, die spenden. Es ist ein gutes Zeichen fürs zivilgesellschaftliche Bewusstsein, das in Rumänien noch immer zu schwach entwickelt ist. Aber natürlich hilft uns die politische Situation dabei. Die Vorgänge sind so absurd und brutal, dass sich normale Menschen an den Kopf fassen.

MEDIENWOCHE:

Die rumänische Diaspora schickt pro Jahr mehrere Milliarden Euro nach Hause. Stützen Sie sich auch auf die Unterstützung der Rumäninnen und Rumänen im Ausland?

Dan Tapalaga:

Fast die Hälfte der Spenden kommen aus der Diaspora, aber mehr als die Hälfte unserer Leser sind aus Bukarest, nur etwa zehn Prozent aus dem Ausland. Ich seh eine Zukunft für diese Art Journalismus, weil man sie heute mit wenig Mittel betreiben kann. Wir verliessen Hot News ganz ohne Geld – von unserem letzten Lohn abgesehen. Im ersten Monat von G4 konnten wir bereits von den Spenden überleben, im zweiten Monat sind wir massiv gewachsen und jetzt kommt unser Traffic dem von HotNews schon sehr nah. Vor ein paar Jahren, als Facebook noch nicht diese Bedeutung hatte, war das undenkbar.

MEDIENWOCHE:

Sie setzen komplett auf Facebook?

Dan Tapalaga:

In Rumänien ist Twitter irrelevant, interessanterweise. Auf Facebook geteilte Beiträge ermöglichten uns dieses Wachstum. Das Wachstum ist natürlich entstanden – wir sponsern keine Artikel. Die Website ist jetzt bereits Hauptzugriffsart, aber ganz am Anfang war Facebook entscheidend.

MEDIENWOCHE:

Dan Tapalaga, Sie haben eine persönliche Facebook-Fanseite, die 48’000 Nutzern gefällt. Ist G4 wegen der Persönlichkeiten dahinter oder wegen seinen Geschichten so schnell so stark gewachsen?

Dan Tapalaga:

Ich glaube, es war ein Mix von beidem. Ich empfehle diesen Weg in die Unabhängigkeit auch allen Kollegen, die keinen grossen Namen haben. Weil es ein einfacher Weg ist – nein, sorry. Einfach ist er wirklich nicht. Weil der Weg möglich ist, weil man es schaffen kann.

MEDIENWOCHE:

Bei der Demo am 10. August ging die Polizei auch gezielt auf Journalisten los, aber in Rumänien werden Journalistinnen und Journalisten, anders als etwa in der Türkei, nicht verfolgt und ins Gefängnis gesteckt.

Dan Tapalaga:

Bis jetzt noch nicht. Nach einer Recherche über die dreckigen Geschäfte von Liviu Dragnea sass HotNews ein halbes Jahr lang die Steuerbehörde im Nacken. Sie wollten Druck ausüben; sie wollten den Besitzer verunsichern. Aber schauen Sie G4Media an! Was will die Steuerbehörde mit einem Ort wie dem? Wir haben keine Angestellten, unsere Kosten sind lächerlich niedrig, alles ist transparent. Wir haben kaum Ausgaben. Wir sind eine Low Cost-Waffe.

MEDIENWOCHE:

Sie erklären unter anderem auch der Schweizer Hörerschaft von Radio SRF immer wieder die rumänische Politik. In diesen Gesprächen klingen Sie viel pessimistischer, als wenn Sie jetzt über den Journalismus sprechen.

Dan Tapalaga:

Ich bin pessimistisch. Unser System ist kaputt, die Politiker so unverschämt korrupt, dass ich mir nicht vorstellen kann, einen Wandel noch zu erleben. Das einzige, was mich optimistisch macht, ist die Energie der jüngeren Generation und der Diaspora. Wenn so viele Leute auf die Strasse gehen wie am 10. August, gibt es eine Chance auf Veränderung.

MEDIENWOCHE:

Ich glaube, das unterscheidet Rumänien von anderen osteuropäischen Ländern: Hier gibt es seit Jahren eine Bewegung, die gegen die Pläne der Regierung demonstriert.

Dan Tapalaga:

Diese Dynamik ist der Grund, weshalb ich hier in diesem Büro sitze. Sonst wäre unsere Arbeit nutzlos. Warum steht man dann täglich in der Öffentlichkeit? Wieso sollte ich meine Zukunft, meine Familie und deren Zukunft riskieren? Für was?

MEDIENWOCHE:

Die Dynamik ist der Grund, weshalb Sie weitermachen und dank dieser Dynamik spenden Leute, damit Sie weitermachen können. Sie haben betont, dass das früher ganz anders war. Wie hat sich der Beruf denn während Ihrer Laufbahn verändert?

Dan Tapalaga:

Meine Kollegen bei G4 und ich sprechen täglich über dieses Thema! Die Veränderungen sind kaum zu fassen. Ich arbeite seit 25 Jahren in den Medien. Du musstest damals Quellen treffen, persönlich bei Institutionen vorbeigehen. In der Kurzfassung: Man musste einen ganzen Tag für eine einzige Geschichte investieren. Heute sind wir so viel weiter! Bei G4 schreiben und produzieren wir während Ereignissen wie am Wochenende mit zwei Leuten 42 Geschichten pro Tag.

MEDIENWOCHE:

Sie machen zu zweit 42 Geschichten pro Tag. Ernsthaft?

Dan Tapalaga:

So war das am 10. August, ein Extremfall. An normalen Tagen schreiben und produzieren wir zu dritt 20 bis 30 Artikel. That’s journalism nowadays. Es sind natürlich nicht alles investigative Stücke und wir drei stützen uns noch auf sechs sehr erfahrene Journalisten, die in anderen Redaktionen sitzen und exklusive Geschichten für uns schreiben. Weil sie diese in ihren Redaktionen nicht oder nicht gleich umfassend bringen könnten. Diese Texte erscheinen dann unter falschem Namen. Niemand weiss, wer alles für G4Media arbeitet.

MEDIENWOCHE:

In der Schweiz, aber auch bei anderen rumänischen Medien, konzentrieren sich investigative Journalistinnen und Journalisten während Wochen komplett auf eine einzige Geschichte. Wenn die Mittel da wären, würden Sie das nicht tun wollen? Sie hätten mehr Zeit für Recherche und Reflexion.

Dan Tapalaga:

Nein, nein, nein. Das ist altmodisch, stammt aus einer anderen Zeit. Heute bekommen wir derart viele exklusive Informationen von unseren Leserinnen und Lesern – etwa Unterlagen aus dem Innern einer korrupten Institution. Unsere Arbeit und unsere Aufgabe besteht darin, jedes Stückchen Information sorgfältig zu prüfen, die relevanten Aspekte zu erkennen und es zu veröffentlichen.

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