von Philipp Cueni

Journalistische Grenzgänge

Im Dokumentarfilm «Women with Gunpowder Earrings» begleiten wir die irakische Journalistin Noor Al Helli in ehemaliges IS-Herrschaftsgebiet, von wo sie über das Leben und Sterben von Kindern und Frauen im Krieg berichtet. Das am Festival von Locarno erstmals gezeigte Werk wirft Fragen auf zum journalistischen Handwerk. Und zeigt uns erschreckende Realitäten.

Der Journalismus ist am Filmfestival von Locarno allgegenwärtig: mit einer Vielzahl akkreditierter Medienschaffender, und einer entsprechend vielfältigen Berichterstattung. Aber genauso auf der Leinwand, am deutlichsten sichtbar bei Dokumentarfilmen, zum Beispiel in der Reihe «Semaine de la Critique». Der Dokumentarfilm bietet heute eine breite Palette, um die Realität abzubilden: subjektiv, parteiisch, als nüchterne Faktendarstellung. Aber immer liegt dem Stoff eine journalistische Recherche zugrunde. Und oft vermittelt der Dokfilm einen Einblick in eine Welt, die wir so sonst nicht erfahren könnten. «Man kämpft mit dem Anspruch, möglichst verständliche, wahrheitsgetreue, gar neuartige Interpretationen für jene zu liefern, die Tausende Kilometer entfernt nur über die Leinwand von den Fakten erfahren», schreibt der Tessiner Journalist Marco Zucchi, der Leiter der «Semaine».

In diesem Jahr ging es um Themen wie die Industrialisierung des Waldbestandes in Frankreich («The Time of Forests»), um die Integrationsgeschichte einer jungen Somalierin in Ungarn («Easy Lessons») oder um die Unterdrückung der weiblichen Sexualität, erzählt von fünf Frauen aus fünf verschiedene Religionskulturen («#Female Pleasure») in einem Film der Schweizerin Barbara Miller.

Als Journalist hat mich «Women with Gunpowder Earrings» am meisten beeindruckt – auch deshalb, weil der Film meine journalistischen Überzeugungen immer wieder herausfordert.

Der Iranische Filmemacher Reza Farahmand begleitet die Irakische Journalistin Noor Al Helli. Sie will im Irak aus Dörfern berichten, die vom IS kontrolliert und kürzlich aufgegeben worden sind. Um in diese Gegend zu gelangen, überredet sie im Irak Soldaten, sie in ihren Militärfahrzeugen mitzunehmen. Sie durchfährt und durchläuft dabei, entgegen den Empfehlungen der Soldaten, Zonen, die beschossen werden – im Feuerschutz der Soldaten, spornt diese sogar an, vorwärts zu gehen. Als die Militärs gleich danach in einem kleinen Dorf grob mit aufgestöberten Bewohnern umgehen, legt sich Noor Al Helli deswegen massiv mit der Truppe an. Die Journalistin wird so zur Akteurin. Später im Film sieht man die Journalistin in der Jacke einer Hilfsorganisation herumlaufen. Dieses Verhalten der Journalistin Noor Al Helli entspricht nicht unbedingt unseren gängigen journalistischen Standards.

Der Film führt uns in ein anderes Dorf, ein leeres ehemaliges Schulhaus. Noor Al Helli lässt Überlebende, darunter auch Kinder, über ein Massaker des IS erzählen, das hier offenbar stattgefunden hat. Sind alle diese Informationen gesichert? Wir wissen es nicht. Die Interviewsituation scheint vertrauenswürdig, auch weil die Journalistin an verschiedene Zeugen die gleichen Fragen stellt und übereinstimmende Antworten erhält. Und die Aussagen sind erschreckend, sie zeigen das Bild eines grausamen Kriegs.

Ortswechsel – ein grösseres betreutes Lager mit geflüchteten Frauen und Kindern, die aus einer Zone stammen, die der IS beherrschte. Ein Teil dieser Frauen hat sich aus ferneren Ländern, zum Beispiel aus Aserbaidschan, vom IS begeistern und anwerben lassen – und fühlt sich jetzt betrogen. Andere Frauen sind als Opfer des IS aus ihren Dörfern geflüchtet. Weitere Frauen verteidigen den IS, weil ihre Männer dort Arbeit gefunden hätten. Sie sind geflohen, weil der IS das Gebiet aufgegeben hat. Alle Frauen leben im gleichen Lager und erleben mit ihren Kindern das gleiche Kriegsschicksal. Diese Optik der Frauen und Kinder steht im Zentrum des Films.

Der Film fesselt gerade wegen seiner Widersprüchlichkeit der journalistischen Erzählweise: «Der Film bewegt sich auf einem schmalen Grat, was den Voyeurismus angeht», sagt auch Marco Zucchi. Die irakische Journalistin filmt in einem ankommenden türkischen Bus verletzte und offensichtlich traumatisierte Kinder – und versucht sie gleichzeitig zu betreuen. Als dann die Reporter-Crew in einem weiteren Transport zusammen mit Militärs weiter zieht, wird der Konvoi von Flugzeugen beschossen –dabei wird auch ein Begleiter der Journalistin getötet.

«Jede Kamera in einem Kriegsgebiet produziert fragwürdige Effekte», kommentiert Zucchi. Der Leiter der «Semaine» ist sich wohl bewusst, dass dies widersprüchliche Reaktionen und Debatten auslösen wird. Aber: «Der Film beschäftigt unser Gewissen», so Zucchi. Ein Dokumentarfilm hat den Anspruch, wie der Journalismus auch, ein Stück Realität abzubilden. Aber er muss nicht an den Regeln des Newsjournalismus gemessen werden – er darf subjektive Ausschnitte oder parteiliche Optik wählen. In dieser Subjektivität liefern uns Noor Al Helli und der Regisseur Reza Farahmand Versatzstücke und Bilder aus einem Krieg, die starke Eindrücke hinterlassen. Auch wenn man die gefilmten Ereignisse faktisch schwer einordnen kann, sind es letztlich wichtige Elemente, damit wir uns ein Bild machen können von einem Krieg, der in unseren Medien zwar omnipräsent ist, von dem wir aber doch nur sehr wenig wissen. Schon gar nicht aus der Optik der Opfer. Noor Al Helli hat uns vielleicht gerade wegen ihrer widersprüchlichen Arbeitsweise wichtige Einsichten geliefert, die sonst kaum möglich wären.

Die «Semaine de la Critique» wird getragen vom Verband der Filmjournalistinnen und Filmjournalisten SVFJ.
«Women with Gunpowder Earrings». Director Reza Farahmand. World Sales: ArtHouse Cinematheque.

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