von René Zeyer

Herr Krull und der Einheitsbrei

Wenn eine Tamedia-Zeitung nicht berichtet, dann berichtet keine Tamedia-Zeitung: Der Fall Krull oder ein Lehrstück über die Schädlichkeit des publizistischen Einheitsbreis.

Die Einverleibung der «Basler Zeitung» in den Tamedia-Konzern ist in vollem Gange. Spätestens Anfang nächstes Jahr wird sich auch in diese Tageszeitung der Einheitsbrei aus der Zentralredaktion in Zürich ergiessen. Bei den Themen Politik, Wirtschaft, Sport und Kultur. Und natürlich werden in Basel Stellen eingespart, das ist ja der Sinn der Sache. Die Restredaktion wird dann vom bisherigen Sportchef Marcel Rohr geführt.

Kein Problem, sagt da der Oberchefredaktor Arthur Rutishauser bei Tamedia, es lese doch kaum ein Basler gleichzeitig den Tages-Anzeiger, ebenso wenig ein Berner oder ein Thuner. Also sei es doch nicht so schlimm, dass in elf Zeitungen ausserhalb des Lokalen das genau Gleiche stehe. Zudem gebe diese Konzentration auf eine Zentralredaktion mehr Power für journalistische Recherche.

Das Problem hat einen Namen, und der lautet Krull. So hiess nicht nur ein Hochstapler bei Thomas Mann, so heisst ein ehemaliger Managing Director bei der Bank Bär.

Nun, so einfach und schön ist es nicht, wie ich nicht nur aus eigener Betroffenheit weiss. Denn ich publiziere bislang in der BaZ, wo meine meist doch eher kantigen Artikel gerne und ohne Veränderungen genommen werden. Auch wenn sich beispielsweise Banken melden, ob das denn sein müsse und mit dem Anwalt winken. Das wird sich spätestens Ende Jahr erledigt haben.

Na und, mag man sagen, schlecht für Zeyer, aber der BaZ-Leser wird’s wohl verschmerzen. Auch das stimmt, jedoch gibt es ein Problem, das ziemlich viel grösser ist als die Tatsache, dass Zeyer dann eine Publikationsplattform wegbricht. Das Problem hat einen Namen, und der lautet Krull. So hiess nicht nur ein Hochstapler bei Thomas Mann, so heisst ein ehemaliger Managing Director bei der Bank Bär, der gerade in Miami zu zehn Jahren Knast verurteilt wurde. Er hat gestanden, mit Geldwäsche an einem gewaltigen Betrugsfall beteiligt gewesen zu sein, bei dem dem venezolanischen Staat 1,2 Milliarden Dollar geklaut wurden.

Krull war ehemals Vizechef der Bär-Niederlassung in Panama. Die Bank wiederum hat sich von einer weiteren Strafverfolgung in Sachen Steuerstreit mit über einer halben Milliarde Busse freigekauft. Und unterliegt einer Probezeit bis Februar 2019, während deren sie sich nichts Neues zu Schulden kommen lassen darf. Sonst ist die Busse verwirkt und es gibt eine neue. Natürlich sagt die Bank, dass der Fall Krull überhaupt nichts mit ihr zu tun habe. Und rief auch gleich bei der BaZ an, nachdem ich ihr Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben hatte, ob ein Artikel zu diesem Thema wirklich nötig sei.

Im Tagi-Imperium herrschte Schweigen zum Urteil. Krull? Wer ist das? War da was? Gibt es da etwas zu berichten?

Der Fall ist durchaus interessant, und in den Schweizer Medien wurde von «Blick» über NZZ bis zum «Bote der Urschweiz» und eben auch in der BaZ berichtet. Entweder, indem eine SDA-Meldung publiziert wurde, oder indem Journalisten den Fall aufnahmen. Aber: Im Tagi-Imperium herrschte Schweigen zum Urteil. Krull? Wer ist das? War da was? Gibt es da etwas zu berichten? Ach nein, das liegt ausserhalb der Möglichkeiten der Zentralredaktion, und eine ausführliche SDA-Meldung wurde auch nicht gebracht. Warum?

Nun, recherchieren wir etwas. Der VR-Präsident von Tamedia heisst Pietro Supino. Von Haus aus ist er Rechtsanwalt, und als solcher war er zuvor für die Kanzlei Bär & Karrer tätig. Da gab es mal eine Geschichte um die Offshore-Gesellschaft «Moonshine Trust», aber das wäre eine andere Story. Wichtig hier ist, dass Bär & Karrer seit Jahrzehnten die Hauskanzlei der Bank Bär ist. Natürlich weist es Tamedia auf Anfrage zurück, dass es zwischen dem Schweigen über den Fall Krull und der Anwaltsvergangenheit des VR-Präsidenten einen Zusammenhang geben könnte. «Es gab und gibt keine solche Weisung», meint Oberchefredaktor Arthur Rutishauser. Und kündigt an, dass ein Bericht über Krull am nächsten Tag erscheinen werde. Was er als Winzmeldung unter der Sammelrubrik «Nachrichten» tatsächlich tut.

Allerdings hat die Sache eine Vorgeschichte. Als der ehemalige Bär-Banker in Miami verhaftet wurde, bot ich diese Story mit Hintergrund der «Sonntagszeitung» an. Nach dem üblichen Hin und Her kam man an einem Freitag überein, dass der Artikel am kommenden Sonntag erscheinen wird. Bis mir am Samstag begründungslos per Mail mitgeteilt wurde, dass man ihn mal um eine Woche schiebe. Ich brachte ihn stattdessen im Sonntagsblick unter und mass diesem Schwenk keine weitere Bedeutung bei. Da ich mit dem Wirtschaftschef der «Sonntagszeitung» die Gründe für eine schnelle Veröffentlichung diskutiert und ihn überzeugt hatte, nahm ich an, dass einfach ein Redaktor ohne Rücksprache anders entschieden habe.

Die alte Leier: Wenn einem inhaltlich nichts einfällt, beschwert man sich über Ton, Art, Form.

Angesichts des Schweigens über den Fall Krull erscheint das aber in einem anderen Licht. Natürlich gab ich auch damals der Bank Bär vorab die Gelegenheit zur Stellungnahme. Ob die das zum Anlass nahm, mal kurz am Samstag zu intervenieren? Gleich auf höchster Ebene? Auf jeden Fall teilte mir der Wirtschafts-Chef der Tamedia-Zentralredaktion mit, nachdem ich gegen diese Verschiebung protestiert und vergeblich ein Gespräch zwecks Lösungsfindung verlangt hatte, dass er «keine weitere Korrespondenz» mit mir mehr wünsche. Ich hätte die Redaktorin, die mir das Verschieben mitteilte und anschliessend auf Tauchstation ging, «in einem inakzeptablen Ton angegangen». Die alte Leier: Wenn einem inhaltlich nichts einfällt, beschwert man sich über Ton, Art, Form. Dabei formulierte ich meinen Protest in deutlichen, aber höflichen Worten, es ging mir ja darum, den Artikel zu veröffentlichen.

Das ist ein gefährliches Beispiel, was der Schweiz droht, wenn es nur noch Einheitsbrei gibt. Den kann man nämlich nicht nur ohne Zähne essen. Den kann man auch zahnlos herstellen. Und ein kritischer Artikel über die Berichterstattung der Zentralredaktion von Tamedia kann garantiert nicht mehr in der Basler Zeitung erscheinen. Auch nicht in der «Sonntagszeitung» oder der «Berner Zeitung» oder im «Bund» oder im «Zürcher Unterländer» oder im «Berner Oberländer» oder im «Thuner Tagblatt». Ach, da gäbe es dann doch noch den neuen Verbund von CH Media? Nun, wieso soll sich der eine der zwei verbliebenen Quasi-Monopolisten mit dem anderen anlegen? Da käme bei Gelegenheit mal eine Retourkutsche, wieso also einen Streit vom Zaun brechen.

Schneller als vielen lieb ist, zeigen sich die problematischen, ja bedenklichen Konsequenzen der Vereinheitlichung der Schweizer Tagespresse. Wenn der Überchefredaktor des Tamedia-Konzerns auf den designierten VR-Präsidenten von Raiffeisen einprügelt und ihn als nicht wählbar bezeichnet, wenn ganze Artikelsalven erscheinen, die dem schweizerisch-angolanischen Geschäftsmann Jean-Claude Bastos vorwerfen, er bereichere sich unziemlich an Angolas Geldern, stehe unter Verdacht der Steuerhinterziehung und Geldwäsche und mache sich auf Kosten der Armen Angolas einen schönen Tag – wo können sich die Betroffenen noch publizistisch zur Wehr setzen, wo ist Platz und Möglichkeit, davon abweichende Meinungen, gar Kritik zu veröffentlichen?

Aber wo bleibt die Kontrolle über die Medien selbst, der Widerstreit der Meinungen, wo bleiben die verschiedenen Blickwinkel, das Für und Wider? Wo bleibt die Wahlmöglichkeit des Lesers?

Die Vierte Gewalt hat eine zentral wichtige Funktion in einer modernen, demokratischen Gesellschaft. Sie übt Kontrolle aus, prangert an, schafft Öffentlichkeit in Dunkelkammern, enthüllt. Das macht sie unverzichtbar. Aber wo bleibt die Kontrolle über die Medien selbst, der Widerstreit der Meinungen, wo bleiben die verschiedenen Blickwinkel, das Für und Wider? Wo bleibt die Wahlmöglichkeit des Lesers? Auf der Strecke bleibt sie, und das ist nicht nur bedenklich, das ist brandgefährlich für die Gesellschaft.

Dieses Problem ist viel gewichtiger als das Wegbrechen einer Publikationsmöglichkeit für mich. Ich bin immer der Auffassung, dass ich sicherlich nicht die alleinige Wahrheit für mich gepachtet habe. Aber ich bin entschieden der Auffassung, dass nur im Widerstreit der Meinungen und Positionen Fortschritte möglich sind. Durch öffentliches Aufeinanderprallen von Perspektiven, Analysen und Blickwinkeln. Durch Rede und Gegenrede – oder –schreibe. Fehlt das, fehlt der Sauerstoff in der Debatte, und dann fehlt bald einmal der Demokratie die Luft zum Atmen.

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Leserbeiträge

Felix Krull 01. November 2018, 21:30

Wow. Wieder einmal eine schöne Zeyer’sche Verschwörungstheorie. Was er unterschlägt: Der Tagi hat drei Mal gross und exklusiv über Krull und JB berichtet – immer auch mit Fronttext dazu.

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René Zeyer 01. November 2018, 22:18

Nun, ein nicht ungebildeter Anonymus, der sich im Gegensatz zu mir nicht traut, mit seinem Namen hinter seine Meinung zu treten. Peinlich. Zudem: Es ist der billigste aller Tricks, einem Text etwas vorzuwerfen, das gar nicht drinsteht. Ich schreibe nicht, dass der Tagi nie über Krull berichtet habe. Ich schreibe hingegen, dass er die Verurteilung von Krull kaum der Erwähnung wert findet, und ich beschreibe, was sich damals bei meinem Krull-Artikel abgespielt hat. Was daran Verschwörungstheorie sein soll, und gar «wieder einmal»? Wie auch immer, anonym ist feige und disqualifiziert sich selbst.

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Felix Krull 02. November 2018, 06:11

Glauben Sie echt, dass Supino Rutishauser oder sonstwen anweist, nicht über ein Urteil zu schreiben (weil Supino vor Jahren mal für eine Kanzlei tätig war, die auch für Julius Bär tätig ist)? Da bringen Sie zu viel Ihrer Kuba-Erfahrung ein. In der Schweiz ist das Verschwörungstheorie. Und man kann sie nur bringen, wenn man die zentrale Info unterschlägt, dass der Tagi zuvor intensiv wie kein anderer Schweizer Titel über den Fall  Krull/Julius Bär berichtet hat. Traurig, dass die geschätzte Medienwoche Ihnen eine Plattform gibt für Ihr persönliches Rachefeldzügli.

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Ueli Custer 02. November 2018, 07:54

Da hat der Tagi offenbar intensiv wie kein anderer Titel über den Fall berichtet und auf einmal hört das auf. Eigentlich das beste Indiz, dass da (vielleicht im Rahmen eines Apéros oder während einer kurzen Liftfahrt) die Bemerkung von Supino zu Rutishauser gefallen ist, er wäre froh, wenn man dieses Thema etwas tiefer hängen könnte. Und was macht dann einer der wenigen wohl noch sehr gut verdienenden, echten Chefredaktoren der Schweiz? Ich weiss es nicht, aber um sich so eine Szene vorzustellen, braucht es keine blühende Fantasie.

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Bob Bernstein 03. November 2018, 15:22

Schöne Phantasie habe Sie, Herr Zeyer, inklusive Lift oder Apéro, fehlt nur die Sauna. Aber wenn das so verlaufen wäre, wäre das längst bekannt. Auf der Tagi-Redaktion wimmelt es nach wie vor von Vollblutjournalisten und kritische Geistern, die so etwas nie akzeptieren würden.

Markus Oetterli 02. November 2018, 21:25

Auch wenn man nicht einverstanden ist mit dem, was René Zeyer schreibt, lohnt es sich dafür zu kämpfen, dass er es schreiben darf. (frei nach Voltaire)

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