von Benjamin von Wyl

Die BaZ bleibt die BaZ

Auch ohne Besitzer Blocher und Chefredaktor Somm findet in der «Basler Zeitung» grenzwertiger Journalismus eine prominente Plattform. So hält ein Lokalredaktor das jugendliche Engagement gegen die Klimaerwärmung («Klimastreik») für eine vergleichbare ideologische Verirrung wie seine eigene einstige antisemitische Vernichtungsfantasie. Den neuen BaZ-Chefredaktor scheint das nicht weiter zu kümmern.

Die politische Einstellung von Journalist*innen prägt die Artikel, die sie schreiben. Das Sternchen im ersten Satz dieses Artikels ist bereits ein Hinweis darauf. Es gibt rechten und linken Journalismus in allen Abstufungen. Die politische Einstellung prägt auch, mit welchem Ansatz man eine Geschichte erzählt: Ist ein Polizeieinsatz verhältnismässig? Eine Politikerin kritisierungswürdig? Ein gesellschaftliches Anliegen berechtigt?

Diese Fragen prägen, welche Artikel wo geschrieben werden. In der Samstagsausgabe des Tages-Anzeigers erschien ein von vier Autor*innen gezeichneter Bericht über den zweiten schweizweiten Klimastreik. Alleine der Umstand, dass vier Leute den Text gemeinsam recherchiert und geschrieben haben, legt die Relevanz offen, welche die Redaktion dem Thema beigemessen hat. Spätestens wenn man den Kommentar liest, ist klar: Die Journalistin sympathisiert mit dem Engagement der Schüler*innen.

Anders in der «Basler Zeitung», der jüngsten Tamedia-Erwerbung. Zwar platziert auch die BaZ den Klimastreik prominent im Blatt: In der Samstagsausgabe mit einem Bericht. Der Aufmacher des Lokalbundes in der Montagsausgabe war ein halbseitiger Langkommentar «Generation Komfort» von Redaktor Serkan Abrecht, 9000 Zeichen ohne erkennbare Recherche.

Abrecht kritisiert darin, wie unkritisch sich Jugendliche mit linken ökologischen Anliegen solidarisieren. Die Jungen (selbst ist Abrecht noch keine 30) engagierten sich gegen den Klimawandel ohne Kenntnisse der Schwächen erneuerbarer Energien. «Das Lemming-Verhalten von letztem Freitag ist vielsagend.» Ganz anders als seine Kolleg*innen in Zürich und Bern blickt der recht junge Serkan Abrecht auf die Noch-Jüngeren. Das wäre legitim, wenn sich Abrecht auf Klimastreik und Ökologie beschränken würde, aber der BaZ-Redaktor hat Dinge verbunden, die nichts miteinander zu tun haben und eine Reihe von Fehlschlüssen getroffen. Am Ende der Lektüre fragt man sich, ob dem Grossteil dieser sehr privaten Schilderungen und Bekenntnisse überhaupt in einer Zeitung Platz eingeräumt werden sollte.

Der Versuch einer Strukturierung des eklektizistischen Schreibens «Generation Komfort»:

  1. Das Journalisten-Ich Serkan Abrecht war an einer Party, die explizit keine Diskriminierung zuliess.
  2. Das Journalisten-Ich wird dort beleidigt, weil es bei der «Basler Zeitung» arbeitet. Ein Freund verteidigt ihn.
  3. Mit dem Übergang «So viel zum Zustand der jüngeren Gesellschaft in Basel.» wechselt Abrecht zum Klimastreik: Über tausend Schüler*innen aus Basel hätten am Freitag teilgenommen. Damit verbindet er die Streikenden implizit mit denen, die ihn im Ausgang beleidigen.
  4. Noch nicht genug Ich-Journalismus: Abrecht war früher selbst auf Demos – gegen den Irakkrieg und gegen George W. Bush. Dabei sei er antiamerikanischer Propaganda zum Opfer gefallen. «Mir war damals auch nicht bewusst– und es wäre mir auch egal gewesen–, dass ich mich mit Menschen solidarisierte, deren politische Priorität die Vernichtung der Juden im Nahen Osten ist.» Das bequeme an Bekenntnisjournalismus: Man kann sich selbst nach Belieben dämonisieren. Selbst wird man ja nicht gegen die übertriebene Darstellung protestieren.
  5. Abrecht verflicht aus seiner Sicht übertriebene Aufregung über den Klimawandel mit dem Irak-Krieg und dem Nahost-Konflikt ganz generell: «Die Klimaerwärmung findet statt, das bestreitet niemand, der bei klarem Verstand ist. Nur die Ursachen und die jeweiligen Massnahmen gilt es zu hinterfragen. Die USA haben Menschenrechtsverbrechen begangen. Verurteilungswürdig. Aber es gilt, die Relationen zu wahren. Die Hintergründe zu kennen.» Welche Relationen und Hintergründe zu wahren seien, führt Abrecht nicht aus. Im Folgeabsatz ist er bereits bei Videos von mit Mikroplastik gefüllten Fischen, die auf Instagram kursieren.
  6. Besonders schwierig sei die eigene Meinungsbildung in einem urbanen Milieu, wo Eltern, Lehrer und Freunde alle einer Meinung seien. Kiffen und Antiamerikanismus sei in der Stadt eine Norm.
  7. Dann skizziert Abrecht den Antisemitismus im urbanen Milieu anhand seines früheren Selbst und seiner Familie: «Meine Mutter wählte in meiner Jugend noch konsequent links. Orangen aus Israel waren zu Hause tabu. Meine ideologische Verblendung gipfelte mit dem Gaza-Konflikt 2008/2009. Es war in aller Munde, dass Israel und seine Juden dasselbe täten, was die Nazis mit ihnen getan haben. Beim Mittagessen mit meinem älteren Bruder sagte ich einmal: «Eigentlich sollte man ganz Israel zerbomben.» Sein Blick spiegelte Wut und Enttäuschung.»
  8. Schliesslich endet Abrecht mit einem Plädoyer für eine reflektiertere Diskussionskultur an Schulen.

«Die Geschichte wiederholt sich. Ich fühle mich beim Anblick dieser Jugendlichen an meine Teenager-Zeit erinnert», schreibt Abrecht und bringt damit in einen Zusammenhang, was nicht zusammengehört: Den Klimastreik mit seinem eigenen früheren Antisemitismus. Das jugendliche Engagement gegen die Klimaerwärmung hält er für eine vergleichbare ideologische Verirrung wie die antisemitischen Vernichtungsfantasien, die er als Jugendlicher geäussert hatte.

Der BaZ-Redaktor findet es unerhört, dass man seinen Text so versteht. Ob man lese, was er sonst schreibe?

Damit verharmlost Abrecht Antisemitismus. Mit aller Wahrscheinlichkeit unabsichtlich. Abrecht findet es unerhört, dass man seinen Text so versteht. Ob man lese, was er sonst schreibe? Sein ausführliches Statement: «Es geht nicht darum, irgendwelche Bewegungen äquivalent zu setzen. Das geht aus dem Text klar hervor. Wer nun die verschiedenen Bewegungen als äquivalent darstellt, zieht komplett falsche Schlüsse. Ich kritisiere selbst-reflektierend, dass bei den verschiedenen Bewegungen zu wenig kritisch hinterfragt wird und wie schnell junge Menschen durch einfache, plumpe politische Propaganda jeglicher Couleur im Internet beeinflusst werden können, sie teilweise nicht hinterfragen und/oder keine Relationen wahren – wie ich einst. Eine andere Meinung zu vertreten, wird dann ziemlich schwierig. Stellen Sie sich vor, wie schwer es ein 16-jähriger Gymischüler als Einziger in seiner Klasse hätte, wenn er sagt: «Ich marschiere mit euch nicht mit. Ich glaube nicht, dass der Klimawandel so drastisch ist, wie ihr denkt.» Das geht nicht. Mit so einer Meinung isolierst du dich komplett.»

Abrecht wollte einen Text gegen eine angebliche Meinungsnorm schreiben. Das ist ebenso wenig originell, wie die Dramaturgie des «geläuterten Linken», der in die Abgründe linken Denkens geschaut habe, aber natürlich dürfte er das prinzipiell tun. Ist es ok, den Klimastreik zu kritisieren? Ja, es ist ok. Ist es ok, dass Serkan Abrecht antisemitische Ausfälle seiner Jugend öffentlich thematisiert? Ja, es ist ok. Es ist aber ein Kurzschluss, wenn Abrecht seine eigenen politischen Verirrungen von einst unreflektiert als normal darstellt, ebenso dass er seine eigenen früheren antisemitischen Ansichten überhaupt mit dem Klimastreik in Verbindung bringt.

Anscheinend hat niemand den Text grundsätzlich hinterfragt und Argumente auf ihre Gültigkeit geprüft.

«Den Text haben zwei Leute gegengelesen», sagt Abrecht. Es sei in der Redigierphase wenig angepasst worden, er selbst habe, damit er ins Layout passt, ein paar Dinge rausgenommen. Anscheinend hat niemand den Text grundsätzlich hinterfragt und Argumente auf ihre Gültigkeit geprüft.

Die Meinungs- und Kommentarhoheit obliegt den Titelredaktionen, erklärt Tamedia-Sprecher Roman Hess gegenüber der Medienwoche. Der neue BaZ-Chefredaktor Marcel Rohr will sich nicht zu Abrechts Text äussern, aber hält das Kommentarschreiben ohnehin nicht zwingend für Chefsache: «Ich weiss nicht, wie viele Kommentare ich schreiben werde, aber ich werde starke Leute um mich haben.» An einer Podiumsdiskussion in der Basler Elisabethenkirche betonte er, wie schwierig es sei, «Meinung zu machen».

Sein Vorgänger Markus Somm bezeichnete noch im Interview anlässlich seines Abgangs einen Artikel als «Meisterwerk und eklatante Fehlleistung zugleich». In der Somm’schen «Basler Zeitung» erwähnte man offensichtlich falsche Berichterstattung stolz, sofern sie für Aufregung gesorgt hatte. In diesem Klima verbrachte Abrecht einen Grossteil seiner journalistischen Laufbahn. Auch Abrecht verantwortete in der Vor-Tamedia-Zeit krasse Fehler. Am offensichtlichsten, als er ein Zitat eines Basler Universitätsdekans so verfälschte, dass der Eindruck entstand, die Genderwissenschaftlerin Franziska Schutzbach sei von der Uni entlassen worden.

Die Fehlschlüsse in Abrechts Artikel sind so eklatant, dass sich die Textlogik gegen die Absicht des Autors richtet.

Im Vorwort des Tamedia-Qualitätshandbuch heisst es: «Häufig gefällt, was die eigene Meinung bestätigt — losgelöst von der Frage, ob die handwerklichen Standards eingehalten und zusätzlicher Nutzen für den Leser («Mehrwert») geschaffen wurden.» Die Fehlschlüsse in Abrechts Artikel sind so eklatant, dass sich die Textlogik gegen die Absicht des Autors richtet. Die politische Ausrichtung ist aber nicht das Problem: Am Aeschenplatz hält man die willkürliche Verknüpfung von nicht zusammengehörenden Dingen für eine Aufmacher-Story. Abrechts Text ist mehr schlecht als rechts. Dass das niemand bemerkt und verhindert hat, liegt womöglich daran, dass sein Text die redaktionseigene Meinung bestätigt.

Update:
Der Artikel wurde auf Hinweis eines BaZ-Redaktors dahingehend ergänzt, dass die «Basler Zeitung» nicht nur mit dem oben kritisieren Kommentar über den «Klimastreik» berichtet hat, sondern zuvor bereits mit anderen Artikeln.

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Leserbeiträge

Ueli Custer 22. Januar 2019, 15:05

Ich finde es einfach grundsätzlich gut, wenn sich junge Leute politisch konstruktiv engagieren ohne gleich alles kurz und klein zu schlagen. Warum das mit derart langen Texten kommentiert werden muss, wundert mich einfach.

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Alfred Schlienger 01. September 2019, 17:26

Die Analyse, die Benjamin von Wyl hier liefert, ist hervorragend. Sorgfältig, nüchtern, pointiert. Wenn man die Artikel von Serkan Abrecht in den letzten Monaten verfolgt hat, sieht man besorgt, dass er auch aus der Schutzbach-Affäre, für die er vom Presserat deutlich gerügt worden ist, nichts gelernt hat. Er betreibt weiterhin eine von seiner Egozentrik getriebene Bauchschreibe mit sehr hemdsärmliger und einseitiger politischer Schlagseite, die man nicht wirklich als abwägenden Journalismus bezeichnen kann. Dass er damit voll in die Linie der aufregungsfixierten Somm-BaZ passte, ist ja klar. Man darf sich aber generell wundern, dass dieser Stil – nicht nur von Abrecht – nun auch in der Tamedia-BaZ weiterbetrieben wird.

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