von Giuseppe Scaglione

Deutschrap am Radio: Ist er zu krass, seid ihr zu alt

Die meisten Radiosender in der Schweiz und in Deutschland spielt die neuen Stars des Deutschrap nicht – obwohl diese spektakulär die Charts stürmen und ein Millionenpublikum erreichen. Der Boykott zeigt, wie weit sich das Radio vom jungen Publikum entfernt hat. Ein Kommentar von Radiopionier Giuseppe Scaglione.

Ziemlich sicher kennen Sie Die Fantastischen Vier. Obwohl die Musik der Rap-Formation aus Stuttgart vielfach als «Pop-Rap» geschmäht wurde, waren «Fanta 4» die ersten Künstler, die im Jahr 1992 mit Deutschrap (oder wie es die Band selber bezeichnen würde: «mit Deutschem Sprechgesang») einen grossen Chart-Erfolg feierten. Der Ohrwurm «Die da!?!» war auch in der Schweizer Hitparade während vier Wochen auf Platz eins. Die Fantastischen Vier waren Pioniere und bereiteten den Weg für viele weitere deutsche Hip-Hop-Acts.

27 Jahre später, im Jahr 2019, steht wieder ein Künstler aus der Sparte Deutschrap an der Spitze der Charts: Capital Bra, der mit bürgerlichem Namen Vladislav Balovatsky heisst, ist der neue Held der Jugend. Wenn Sie noch nie etwas von ihm gehört haben, liegt das vielleicht an Ihrem Alter – oder daran, dass Sie Radio hören, anstatt zu streamen. Denn Capital Bra wird nicht im Radio gespielt. Obwohl er, zumindest in Deutschland und gemessen an der Anzahl der Nummer-eins-Hits, der erfolgreichste Künstler des 21. Jahrhunderts und nach den Beatles der erfolgreichste Künstler aller Zeiten ist.

Der 24-jährige Berliner Rapper mit russischen und ukrainischen Wurzeln ist auch in der Schweiz erfolgreich. Trotzdem findet er nur auf Streaming-Diensten wie «Spotify» und «Apple Music» oder auf jungen Musikplattformen wie «my105» (ehemals «Radio 105») statt. Die meisten Radiostationen – sowohl in Deutschland wie auch in der Schweiz – boykottieren ihn.

Die Tatsache, dass es sich hier um den ersten Künstler handelt, dem es gelang, innerhalb von nur zehn Monaten neun Nummer-eins-Hits in den Musikcharts zu platzieren, während ABBA dafür zehn Jahre brauchten, ist den Senderchefs anscheinend egal. Für sie ist auch der Text des neusten Hits «Prinzessa» zu frech und dem Radiopublikum nicht zuzumuten. So gab etwa «Radio Argovia» gegenüber der Pendlerzeitung «20 Minuten» zu Protokoll: «Solche Texte haben nichts im Programm von Radio Argovia zu suchen». Und selbst der frühere «Störsender» Radio SRF 3 spielt den Song nicht im Tagesprogramm. Dabei gehören die Lyrics von «Prinzessa» – wie «20 Minuten» richtig anmerkte – zu den harmloseren im Repertoire von Capital Bra. Ausser «Yarak» (türkischer Slang für Penis) und «Hurentochter» fallen keine Kraftausdrücke.

Natürlich sind einige Texte der Deutschrapper nicht unproblematisch: Sexismus, Homophobie, Antisemitismus und Verherrlichung von Drogen und Gewalt werden einem so selbstverständlich um die Ohren gehauen, als handle es sich um ein harmloses Liebeslied von Ed Sheeran. Ein grosser Teil des jungen Publikums scheint sich daran jedoch nicht zu stören – genauso, wie sich die Jugendlichen in den 80er Jahren nicht an «Jeanny» von Falco oder «Relax» von Frankie Goes To Hollywood gestört haben. Auch diese Songs wurden damals boykottiert. Ihrem Erfolg schadete es nicht. Vielleicht ist es ja eine Altersfrage, dass man nicht alles so verkrampft ernst nimmt und sich stattdessen lieber den treibenden «Beats and Rhymes» und den Melodien mit Ohrwurmcharakter hingibt.

Auch in der Musikredaktion von «my105» haben wir intensiv darüber diskutiert, ob wir Deutschrap-Songs auf unseren Musikkanälen spielen sollen. Im Gegensatz zu den meisten Radiostationen haben wir uns klar dafür entschieden – weil wir keine Zensur betreiben. Wir sehen uns nicht als eine Art Wächterrat, der seine Präferenzen höher gewichtet als jene des Publikums. Wir bilden das ab, was heute bei jungen Hörern relevant und entsprechend gefragt ist. Deutscher Rap ist Mainstream – und gleichzeitig eine echte Jugendbewegung. Deshalb widmen wir diesem Genre seit fast zwei Jahren mit «my105 Dreist» sogar einen eigenen Musik-Channel. Die Texte sind für uns bei der Beurteilung eines Songs immer nur ein Element unter vielen. Offenbar sieht es das Publikum auch so.

Insbesondere bei deutschen Texten hat ohnehin jeder seine eigene Schmerzgrenze. So ist bekanntlich für die SP-Frau Tamara Funiciello bereits der Sommerhit «079» vom Schweizer Mundart-Popduo «Lo & Leduc» sexistisch.

Deutschrap ist nicht neu. Neu ist jedoch die Dominanz dieses Genres in den Charts. In der deutschen Spotify-Bestenliste befinden sich aktuell neun Deutschrap-Songs in den Top Ten. Einzig US-Superstar Ariana Grande verhindert, dass die zehn meistgestreamten Songs ausschliesslich aus der Sparte Deutschrap stammen. Und selbst in der Schweiz und in Österreich sind in den Charts von «Apple Music» regelmässig mehr als die Hälfte der Top-Ten-Titel Deutschrap-Songs. Eine derartige Ansammlung eines einzelnen Genres in den vordersten Rängen der Hitparade gibt es sonst selten.

Für hitzige Diskussionen sorgte neulich vor allem die Tatsache, dass der Nummer-eins-Hit von Capital Bra weder in der Schweiz noch in Deutschland im Radio gespielt wird. Selbst die deutsche «Bild»-Zeitung titelte: «Sender verzichten auf Rapstar – Capital Bra zu extrem fürs deutsche Radio».

Dabei haben es sich die Medien aber zu einfach gemacht. Sie übersehen, dass es hier – im Unterscheid zu früher – nicht um den Boykott eines einzelnen Songs geht. Es ist nämlich nicht so, dass die Radiostationen nur Capital Bra nicht spielen. Sie spielen auch alle anderen Künstler aus der Sparte Deutschrap nicht – obwohl diese in den Charts äusserst erfolgreich sind. Das gilt zum Beispiel auch für Azet & Zuna, Eno, Shirin David, KC Rebell, Bonez MC & Raf Camora oder für Mero. Und es gilt sogar für die Schweizer Senkrechtstarterin Loredana. Die junge Rapperin aus Emmenbrücke im Kanton Luzern hat mit «Romeo und Juliet» bereits ihren vierten internationalen Hit gelandet. Der Song kletterte in der Schweiz und in Österreich auf Platz 4 der Charts, in Deutschland sogar bis auf Platz 2. Auf Youtube wurde der Videoclip bereits über 22 Millionen Mal angesehen. Nicht schlecht für eine Schweizer Künstlerin. Trotzdem: Auch Loredana findet im Schweizer Radio kaum statt. Auch nicht im Tagesprogramm von SRF3 – lediglich in der sonntäglichen Hitparade. Soviel zum Thema «Schweizer Musikförderung».

Auch den meisten international erfolgreichen Hip-Hop-Künstlern ergeht es nicht anders. Aber sogar erfolgreiche Titel aus dem eher unverdächtigen Bereich «Urban Latin» werden ignoriert. So wird der Titel «Mia» von Bad Bunny feat. Drake (über 650 Millionen Views auf Youtube) in den Schweizer Radios kaum gespielt. Das Gleiche gilt für den aktuellen Hit «Con Calma» von Daddy Yankee & Snow (über 184 Millionen Views auf Youtube innerhalb eines Monats).
Kurzum: Da wird nicht ein einzelner Titel boykottiert. Die Radiostationen ignorieren ein grosses, internationales Phänomen. War Hip Hop früher vor allem in den USA sehr erfolgreich, hat die Stilrichtung inzwischen ganz Europa fest im Griff. Auch in Ländern wie Frankreich oder Italien werden die Charts vor allem von lokalen Rap-Künstlern dominiert.

Nur die Radiostationen scheinen irgendwo zwischen Pizzo Groppera und Backstreet Boys stehen geblieben zu sein.

Beim Start der Privatradios in der Schweiz vor 35 Jahren waren die Sender noch einigermassen jung und spielten den Sound der jüngeren Generation. Heute ist davon nicht mehr viel übrig. Neue, junge Musik entdeckt man schon lange nicht mehr im Äther. Streaming-Dienste und neue Musik-Apps beschleunigen den Niedergang der Radio-Branche. Die Jungen brauchen das Radio für ihren Musikgenuss nicht mehr. Noch nie war der Unterschied zwischen der alten Radio- und der neuen Streaming-Welt so evident. Noch nie war der Musikkonsum so stark in «jung» und «alt», in «heute» und «gestern» aufgeteilt.

Deshalb erstaunt es auch nicht, dass selbst beim sich jung gebenden «Radio Energy» das Durchschnittsalter der Hörer bei über 40 Jahren liegt. Bei «Radio 24» liegt dieses sogar bei fast 46 Jahren und bei Radio Zürisee gar bei über 50 Jahren. Als Vergleich: Streaming-Dienste oder Musik-Apps wie «my105» werden hauptsächlich von unter 30-Jährigen genutzt.

Und bei diesen jungen Hörern gibt es momentan drei grosse Trends, die auch die Charts dominieren: Deutschrap, internationaler Hip-Hop und Urban Latin wie etwa Reggaeton. Wer diese Stilrichtungen boykottiert, boykottiert einen grossen Teil der Jugend – und sägt damit über kurz oder lang an seinem eigenen Stuhl.

Dieser Artikel ist zuerst in der Weltwoche erschienen. Der Autor hat ihn freundlicherweise der Medienwoche für eine Zweitveröffentlichung zur Verfügung gestellt.

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Leserbeiträge

Leisi 01. März 2019, 17:12

A) Populäre Musik, die ebenfalls kaum gespielt wird: Brit Rap, Post-Rock, Modern Jazz und all die schönen Electronica-Subgenres.

B) Auf DAB verhält es sich noch schlimmer, da gibt es (ausser SRF2 Kultur) nur noch Heavy-Rotation-Radios. Weshalb sind Stationen, wie 3Fach, KanalK, toxic, etc. da nicht empfangbar?

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Jodok 01. März 2019, 20:54

Die Logik dieses Artikels entspricht dem Businessplan eines Gladiatoren-Managers, der sich mit dem Arena-Besitzer darüber unterhält, wie auch noch die letzten fünf Reihen ganz hinten (die eh nix mitbekommen was da vorne abläuft) doch noch gefüllt werden können: „Welche Unverschämtheit haben wir noch nicht ausprobiert?“ „Komm, wir machen noch auf „Ich-überlebe-alles“ und fragen den Rechtsanwalt, wo denn die Grenze zur Anklage liegt…“

So lange sie dafür Eintrittskarten in ihre Arenen generierten war den alten Römern jedes Mittel recht (und wenn möglich billig)….

 

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Marco Moli 04. März 2019, 14:01

Darum werden die Schweizer Privatrradios auch immer wie irrelevanter. Wenn man einfach nicht nur darüber besorgt ist, 1:1 das abzubilden, was in den Charts oben steht, dann ist die Existenzfrage durchaus berechtigt. Für das gibt’s doch Streamingplattformen?

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Thomas Rickenbach 20. März 2019, 12:11

Mein Hauptproblem mit dem Artikel hat nichts mit dem Befund zu tun. Im Text ist ein einzige Musikplattform verlinkt, zufälligerweise die, welcher der Autor selbst betreibt. Fairness würde bedeuten: Links auch für SRF3, Radio Argovia, Spotify und was da sonst noch erwähnt wird. Oder – und viel eher – für gar nichts. In dieser Form und mit dieser Message ist für mich die Grenze zum Adverticle überschritten.

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Nick Lüthi 20. März 2019, 12:25

Merci für den Hinweis. Für die Verlinkung bin ich zuständig. Da steckt überhaupt keine Absicht dahinter, sondern wenn schon Nachlässigkeit. Den Sender des Autors habe ich darum verlinkt, damit man sieht, mit wem wir es zu tun haben. Ich habe nun aber auch noch die anderen Sender verlinkt.

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H.-U. Neumann 22. Mai 2019, 13:40

Warum wird hier so ein Wert auf die Spotify-Abspielerei gelegt? Das, was da “top” ist, ist Wegwerfmusic ohne großen Anspruch, meist wiedergegeben auf minderwertigen Wiedergabegeräten. Rap erfordert kein Halten von Tönen, kein Gefühl von Tonhöhen und ist im Tonfall immer sehr aggressiv. Es ist gut, wenn das nicht auch noch im Radio gefördert wird. Es ist mit diesen Spotify-Dingen so ähnlich, als würde man die Kommentare von “PI-News” als Mainstream betrachten oder die vielen Kommentare von Rechtspopulisten in sozialen Medien. Daß diese dort sehr präsent sind, bedeutet noch lange nicht, daß sie die Mehrheitsmeinung darstellen, sie sind nur besonders (vor)laut.

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Marco 04. Juni 2019, 17:53

Kein einziger Top 10 Hit ist auf natürliche Weise zustande gekommen, sondern wurde manipuliert. Die Reportage von Y-Kollektiv hat das aufgedeckt. Ich erwarte einen neuen Bericht!

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