von Robert Ruoff

Service public in der Echokammer

Pünktlich zum ersten Jahrestag der «No Billag»-Abstimmung lud die SRG zu einer «Internationalen Service-public-Konferenz». Höhepunkt der Veranstaltung: Die Wiederentdeckung des Radios. Den Anspruch, dass sich öffentliche Medien verstärkt über den Dialog mit dem Publikum legitimieren müssen, konnte die Konferenz jedoch nicht einlösen – man blieb unter sich.

Es fing dann doch ganz vielversprechend an. Obwohl der Blick auf das Programm eher schlimme Erwartungen weckte. Von 9.45 bis 16 Uhr sollte ein Referat auf das andere, eine Präsentation auf die nächste folgen. Von der Grundsatzerklärung der neuen Medienministerin Simonetta Sommaruga bis zum Schlusswort des Medienprofessors und Präsidenten der Eidgenössischen Medienkommission EMEK, Otfried Jarren. Sie teilen die Sicht auf Medien als «Infrastruktur der Demokratie». Das ist sicher eine Kernaussage der Konferenz vom letzten Montag. Und man mag daraus schliessen, dass sowohl der Professor als auch die Bundesrätin der demokratisch gewählten Politik ein berechtigtes Interesse an der Mitgestaltung dieser Infrastruktur zugestehen.

Die nationalen Parteipräsidentinnen und die Mitglieder der einschlägigen Kommissionen konnten sich diskret austauschen mit den Spitzen der SRG und ein paar Top-Shots der europäischen Service public-Medien.

Ansonsten hielt sich das Interesse der Politik an der Internationalen Service-public-Konferenz in engen Grenzen. Das heisst: Die nationale Politik war mit Ausnahme der Bundesrätin im Vortragssaal kaum anwesend. Es war der erste Tag der Frühjahrssession von National- und Ständerat, und die SRG hatte sehr selektiv eingeladen. Die nationalen Parteipräsidentinnen und die Mitglieder der einschlägigen Kommissionen konnten sich, soweit sie denn wollten, in der Villa Schöngrün (15 Gault Millau-Punkte) über Mittag diskret austauschen mit den Spitzen der SRG und ein paar Top-Shots der europäischen Service public-Medien – darunter Cilla Benkö, Generaldirektorin von Sveriges Radio, Karola Wille, Intendantin des Mitteldeutschen Rundfunks MDR, Jean-Paul Philippot, Generaladministrator der Radiotélévision belge RTBF Radio, Noel Curran, Generaldirektor der Union der Europäischen Rundfunkanstalten UER/EBU, sowie dem Präsidenten und dem Generaldirektor der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft der SRG, Jean-Michel Cina und Gilles Marchand. Journalisten, die in solchen Fällen in der Regel eine gewisse Öffentlichkeit herstellen, waren nicht zugelassen. Man wollte unter sich bleiben. Die PR-Maschinerie der SRG funktionierte. Es war alles unter Kontrolle.

Im Konzertsaal im tiefen Keller des Zentrums Paul Klee in Bern verteilten sich rund 160 Teilnehmende auf den 200 Sitzplätzen. Nachmittags waren es dann noch etwas weniger. Das Interesse an der Medienpolitik ist ein Jahr nach der «No Billag»-Abstimmung offenbar nicht mehr so leidenschaftlich gross. Und die SRG hat es noch nicht geschafft, die angekündigte Debatte mit der Bevölkerung unter dem Titel «Beitrag des Service public für die Gesellschaft» in Gang zu setzen. Die Repräsentanten des Medien-Establishments aus den Chefetagen der SRG, des Bundesamts für Kommunikation, des Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation sowie die Mitglieder der Eidgenössischen Medienkommission und Medienforscher aus der Schweizerischen Gesellschaft für Kommunikations- und Medienwissenschaft waren weitgehend unter sich. Ein paar wenige Vertreter privater Medienverbände waren noch dabei. Man kannte sich.

Die Inhalte der Service-public-Medien müssen sich auszeichnen durch Qualität, Kreativität, Nähe zu den Lebensräumen, Unparteilichkeit und Innovation.

Auf dem Podium war herausfordernde Kompetenz versammelt. So forderte die europäische Medienforscherin Karen Donders der Freien Universität Brüssel), die neuen Technologien müssten uns zurückführen zu den Wurzeln der Medienarbeit. Weg vom alten Rundfunk, aus dem die Programmmacher ein passives Publikum mit Ton und Bild bearbeiten. Zurück zu einem Format von Medien, das «bürgerzentriert» ist, die Nutzerinnen und Nutzer also stärker einbezieht und sie zu Wort kommen lässt. Donders’ Ansprüche sind hoch, gemessen an der Medienwirklichkeit auch in der Schweiz. Der Zugang zu den öffentlichen Medien müsse umfassend sein, sagt sie. Die Verbindung müsse über viele Plattformen und alle Geräte laufen, sie müsse geprägt sein von Innovation und Vielfalt. Und die Inhalte müssen sich auszeichnen durch Qualität, Kreativität, Nähe zu den Lebensräumen, Unparteilichkeit und Innovation. Aber nicht alles könne Service public sein, nur weil der Absender das Etikett «Service public» trägt.

Das oberste Ziel eines medialen Service public ist aus Donders Sicht der Beitrag zum «Citizenship», zur Bürgerschaft in der Medienrepublik. Karen Donders spricht vom Beitrag zur «politischen» Bürgerschaft, für die es Information brauche und die Vielfalt der Debatte. Dann von der «kulturellen» Bürgerschaft, bei der es um kulturelle Teilhabe gehe und um die Stärkung der Identität. Dann von der «sozialen» Bürgerschaft, die einen Anteil und ein Miteigentum an der Gesellschaft gewährleiste. Und schliesslich von der «zivilen» Bürgerschaft, die für alle die freie Meinungsäusserung gewährleiste.

«Wir müssen näher heran an die Menschen und ihnen die journalistische Arbeit mehr erklären.»
Karola Wille, MDR

Das ist ein starker Beitrag zu der öffentlichen Debatte, die in der Schweiz noch nicht einmal begonnen hat. Und Karola Wille, die Intendantin des ostdeutschen MDR, gab dieser Diskussion noch anschauliche Kraft. Sie berichtete, wie sie ihren Sender für Anhänger der fremdenfeindlichen Pegida geöffnet hat, für Studiobesuche und Teilnahme an der journalistischen Alltagsarbeit. «Wir müssen näher heran an die Menschen – die journalistische Arbeit mehr erklären», verlangte sie. Und insgesamt den Dialog in der Gesellschaft stärken: zwischen Stadt und Land zum Beispiel und zwischen den unterschiedlichen Gruppierungen einer auseinanderstrebenden Gesellschaft.

Wille sprach von der notwendigen Selbstkritik in den Medien. Die MDR-Intendantin unterstrich zwar, dass bei heiklen Themen wie der Ukraine oder der «Flüchtlingsfrage» die Fakten zwar richtig dargestellt worden seien, aber: «Die unterschiedlichen Perspektiven auf die Wirklichkeit dieser Themen war unzureichend.» Sprich: Missliebige Wahrnehmungen dieser Ereignisse und Entwicklungen, die der offiziellen oder offiziösen Haltung vielleicht unerwünscht waren, seien zu kurz gekommen.

Die neue Direktorin von SRF, Nathalie Wappler, kann wahrscheinlich von den Erfahrungen profitieren, die sie in den letzten Jahren als Kulturchefin beim MDR und bei Karola Wille gemacht hat. Denn die SRG steht vielleicht vor ähnlichen Erkenntnissen, wenn sie sich einmal mit der Nähe der eigenen Haltung zu anerkannten (partei-)politischen Haltungen befasst.

Die Wiederentdeckung des Radios ist auch eine Wiederentdeckung der «Divergenz», also der Verschiedenheit der Medien und daher auch ihrer unterschiedlichen Leistungsfähigkeit.

Die «International Public Media Conference» hat Probleme markiert, Lösungen angeboten und darüber hinaus in den fünf Stunden Frontalunterricht ganz nebenbei ein Ereignis produziert: Die Wiederentdeckung des Radios. Man könnte vielleicht auch sagen: Die Wiederentdeckung der «Divergenz», also der Verschiedenheit der Medien und daher auch ihrer unterschiedlichen Leistungsfähigkeit. Vielleicht war das der unerkannte Höhepunkt der Konferenz. Im besten Fall ein Wendepunkt eines medienpolitischen Denkens, das nur noch die «Konvergenz» und die «Verschmelzung» der Medien zu kennen scheint.

Cilla Benkö, die Direktorin des «kleinen Radio-Zwergs» Sveriges Radio, wie sie selber sagte –, berichtete, wie sie in Schweden das Vertrauen in das Radio wiederhergestellt hat. Sie hat bei sieben Parteien, einschliesslich der Konservativen – mit Ausnahme lediglich der Nationalisten – wieder Unterstützung gefunden für eine neue Radio-Charta, für öffentliche Regulierung, für ein Programm ohne Werbung, das publizistischen Wert schaffen soll für die schwedische Gesellschaft.

Benkö hat drei Faktoren erwähnt, mit denen sie im Land das Vertrauen zum Radio wiederhergestellt hat, obwohl das Vertrauen in Institutionen – insbesondere bei jungen Männern – zunehmend abnimmt. Sie habe sich erstens auf Audio als Kerngeschäft konzentriert. Sie habe also kaum mit Bebilderung und vor allem kaum mit Bewegtbild gearbeitet. Das stärkte die Radio-Identität. Sie habe zweitens qualitativ hochstehende Programme produziert – denn Qualität sei gesucht. Und sie habe drittens aus dem Radio kein Elite-Unternehmen für Stockholm gemacht, sondern ein Projekt für das ganze Land. Das Ergebnis war und ist eine Steigerung der Reichweite um 25 Prozent.

Der SRG-Direktor will zusammen mit der Bevölkerung die Digitalisierung gestalten.

Gilles Marchand, Generaldirektor der Schweizer Radio- und Fernsehgesellschaft SRG hat kurz danach in der gleichen Diskussionsrunde erklärt, man müsse «re-investieren und ganz grundsätzlich zusammen mit der Bevölkerung die Digitalisierung gestalten.» Er glaube, so Marchand, «dass Audio eine Renaissance erleben wird in den nächsten Jahren», und man müsse «dezentralisiert arbeiten in den verschiedensten Ecken des Landes und Vielfalt gewährleisten».

Die Theorie bewährt sich in der Praxis. Die internationalen Beispiele haben tatsächlich gezeigt, dass es gar nicht so sehr darauf ankommt, «den Menschen die journalistische Arbeit zu erklären». Trotzdem findet diese medienpädagogische Haltung erstaunlicherweise nicht nur in der Deutschschweiz, sondern auch in der Romandie viele Anhänger. «Il faut expliquer…» ist auch dort eine gängige Formel. «Il faut dialoguer…» wäre zeitgemäss. Die digitale Technologie ist interaktiv, sie ist ihrem Wesen nach Zwei-Weg-Kommunikation.

Bei den gezeigten Beispielen der BBC bekamen etwa Jugendliche die Chance, ihre Themen auf ihre eigene Weise aufzuarbeiten und zu präsentieren. Das zeigt, dass die Vermittlung von Medienkompetenz und die erfolgreiche Arbeit an gesellschaftlichen Problemen am besten Hand in Hand gehen. Ein erfolgreicher Service public ist keine Schule der Nation. Er bewährt sich in der Praxis. Er werde, wie Karen Donders sagte, Teil des gesellschaftlichen Lebens seiner Nutzer*innen.

Das setze aber Kontinuität dieser Medienarbeit voraus – so EMEK-Präsident Otfried Jarren. Und der Rechtsstaat, der eine freie Debatte Medienfreiheit und eine funktionierende Demokratie will – so Bundesrätin Sommaruga – müsse dafür die ausreichenden Mittel zur Verfügung stellen. Und der Service public? Der Service public muss für die Arbeit an diesen publizistischen und politischen Fragen endlich seine Echokammer verlassen und den offenen Dialog mit der Gesellschaft in Gang setzen.

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Leserbeiträge

/sms ;-) 08. März 2019, 11:55

wow. robert hat überhört, was br #sommaruga sagte? krass: sie hat am event von @srgssr zeitung verlangt. und zwar um 7.30h. pünktlich. (das scheint mir eine dramatische wendung zu sein, welche frau bundesrätin hinterlassen hat.)

zumal tagszuvor (sonntag!) von persoenlich.com bis @NZZ das TOO BIG TO FAIL der froschauer-zunft ausgedruckt wurde. und das will robert nicht kommentieren? sicher?  https://twitter.com/sms2sms/status/1102586797618577409

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