von Tuğba Ayaz

«Frustriert sein über die Umstände und darin verharren, ist nicht mein Ding»

Seit zwanzig Jahren ist die Journalistin Silvia Binggeli (46) bei der Frauenzeitschrift «Annabelle», bis zum Sommer noch als Chefredaktorin. Nach einem Sparbeschluss von Tamedia entschied sich Binggeli, das Magazin zu verlassen. Im Gespräch mit der MEDIENWOCHE erklärt sie, was die «Annabelle» einzigartig macht und warum sie das künftige Konzept zwar noch mitentwickelt, aber nicht mehr verantworten mag.

«‹Annabelle› mit neuem Redaktionsmodell», teilte Tamedia Ende Januar mit. Je innovativer eine Umstrukturierung angekündigt wird, desto drastischer wird die Sparübung. So steht denn auch weiter in der Medienmitteilung: «die wirtschaftlich notwendige Anpassung des Redaktionsmodells hat 14 Kündigungen zur Folge.» Natürlich unter Berücksichtigung – wie gesetzlich vorgeschrieben – der Vorschläge von Mitarbeitenden. Nach Anhörung aller Mitarbeitenden steht seit Anfang März fest: Zehn Mitarbeitenden wird gekündigt, vier Pensen werden reduziert. Für Chefredaktorin Silvia Binggeli und ihre Kolleginnen und Kollegen war die Anhörungsphase eine bewegte Zeit. Ich treffe Binggeli in einem Café unweit des Tamedia-Holzbaus, wo sich die «Annabelle»-Redaktion befindet. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern. Das Frühlingserwachen wirkt tröstend und nimmt dem Gespräch ein wenig die Schwere.

MEDIENWOCHE:

Du hast die Anhörung mit den Mitarbeitenden abgeschlossen. Wie geht es dir?

Silvia Binggeli:

Die letzten Wochen waren sehr anstrengend und emotional, eine schwierige Zeit. Insgesamt geht es mir aber gut, ich stehe noch. Und ich freue mich auf den Frühling.

MEDIENWOCHE:

Was war besonders anstrengend?

Silvia Binggeli:

Die Zeitspanne von mehreren Wochen, in denen im Team grosse Unsicherheit herrschte. Die Mitarbeitenden wussten nicht, wer von einer Kündigung betroffen sein wird. Sie machten sich Gedanken über Lösungsvorschläge, um den Abbau zu vermeiden, hatten aber nicht in jedem Fall alle nötigen Informationen. Ich bot einmal die Woche ein Zeitfenster an, um Fragen zu stellen, persönliche Wünsche oder mögliche Profile für das neue Team zu platzieren, so dass wir diese nach Möglichkeit berücksichtigen konnten. Die Klarheit durch die Kündigungsgespräche war sicher erst mal eine Erleichterung. Nichtsdestotrotz ist die Stimmung auf der Redaktion nach wie vor angespannt. Wir müssen uns jetzt wieder darauf einstellen, nach vorne zu blicken.

MEDIENWOCHE:

Musstest du entscheiden, wem gekündigt wird?

Silvia Binggeli:

Es war eine gemeinsame Entscheidung mit den Ressortleiterinnen und -leitern. Sie kennen die Profile in ihren Teams am besten. Von oben gab es keine Anweisungen. Als wir das neue Redaktionsmodell zeichneten, wurden erst die Profile definiert. Wir mussten eruieren, welche Kompetenzen es für die neue Kernaufgabe der Redaktion künftig braucht: weniger Eigenleistung, mehr Zukauf. Die Struktur des neuen Redaktionsmodells war im Grundsatz bereits definiert, bevor es kommuniziert wurde. Das Konzept war offen für Vorschläge der Mitarbeitenden, aber es hätte sich kaum grundlegend umstossen lassen. Wir konnten etwa auf den Vorschlag des Jobsharing eingehen. Es haben sich während der Anhörungsphase auch bereits andere Tamedia-Redaktionen und Externe gemeldet, die offene Stellen angeboten haben. Das hat mich berührt.

MEDIENWOCHE:

Wurde bei den Kündigungen Rücksicht darauf genommen, wie lange jemand für die «Annabelle» gearbeitet hat?

Silvia Binggeli:

Nein, bei so einer massiven Umstellung sind die Profile für das neue Modell entscheidend. Natürlich werden bestimmte Kriterien berücksichtigt, etwa wenn jemand wichtige Kontakte in der Branche hat, grosse Erfahrung bei der Textarbeit oder Wissen für die Digitalisierung mitbringt. Im Entscheidungsprozess gab es aber keine unantastbaren Mitarbeitenden. Besonders hart ist ja auch, dass gute Leistungen nicht vor einer Kündigung bewahrt haben.

MEDIENWOCHE:

Wie entlässt man jemanden?

Silvia Binggeli:

Man kann es nie richtig machen. Eine Kündigung ist eine Kündigung, da muss man sich nichts vormachen. Mir war es wichtig, mit allen ein Gespräch zu führen, den Betroffenen und denen, die bleiben. Ich wollte niemanden dem Druck aussetzen, dass man an einem besagten Tag aufgeboten wird und ahnt, dass man die Kündigung erhält. Jeder und jede hat einen Termin bekommen, um sich auf das Gespräch einstellen zu können. Bei den Gesprächen waren ich, die jeweiligen Ressortleiterinnen und -leiter und die Personalverantwortliche anwesend. Man versucht, schnell zum Punkt zu kommen. Man muss sich bewusst sein: Es geht um das Gegenüber und nicht um die eigenen Gefühle in diesem Moment. Man versucht es so empathisch wie möglich zu kommunizieren. Aber es bleibt eine beschissene Ansage, man kann es nicht anders sagen. Man muss erste Reaktionen abfangen: Wut, Verständnis, Verzweiflung. Warum ich? Warum in dieser Härte? Das alles ist gekommen, auch in meine Richtung. Das gehört dazu, man muss es aushalten.

«Kreativität wird im neuen Modell der ‹Annabelle› nicht mehr in der selben Form mit Eigenleistungen möglich sein.»

MEDIENWOCHE:

Wie sieht das künftige Redaktionsmodell der «Annabelle» aus?

Silvia Binggeli:

Wir halten am einzigartigen Konzept fest: Die Mischung aus Reportagen und Lifestyle. Bislang haben wir in einem grossen Team viel Eigenleistungen in jeder Rubrik erbracht, etwa aufwändige Reportagen umgesetzt, Kochrezepte selber ausprobiert und fotografiert, im eigenen Fotostudio Inszenierungen gemacht. Kreativität wird im neuen Modell nicht mehr in der selben Form mit Eigenleistungen möglich sein. In einem so viel kleineren Team wäre das gar nicht möglich. Mit dem neuen Redaktionsmodell wird das Team die Inhalte verwalten und planen, externe Beiträge dazukaufen und redigieren. Es wird ausserdem keine ausgeprägte Ressortaufteilung mehr geben wie bis anhin, sondern ein Pool von Redaktoren, die für Print- und Online-Beiträge verantwortlich sind – das war bis jetzt getrennt. Die Inhalte sollen dennoch Exklusivität bieten, keine Sammlung von Zweitabdrucken sein.

MEDIENWOCHE:

Klingt trotz der Kündigungen tröstlich. Aber wie motivierst du im jetzigen Klima das Team, mitzuziehen?

Silvia Binggeli:

Die Frage kommt natürlich auch im Team immer wieder auf: Wie soll das funktionieren? Ernüchternde Momente gibt es und wird es geben, wenn neue Abläufe nicht sofort funktionieren. Wir können jetzt nur anpacken. Auch für die Stimmung in der Redaktion ist es besser, nicht weiterhin alles in Frage zu stellen, sondern vorwärts zu denken. Derzeit machen die Ressortleiter Workshops, bei denen alle Ideen einbringen können: Etwa dazu, wie wir Abläufe künftig effizienter machen, bei bestimmten Gefässen Zeit sparen können, inhaltliche Perlen definieren und auf anderes verzichten. Von den Gekündigten im Team kann man nicht den vollen Einsatz und die Motivation dafür erwarten. Ihnen muss man die Zeit und Unterstützung geben, sich auch auf ihre Zukunft konzentrieren zu können. Manche Kolleginnen und Kollegen werden uns im Mai verlassen, andere im August. Trotzdem sind sie noch Teil eines Teams, das immer zusammengehalten hat, und sollen sich und ihre Kompetenz einbringen.

«Ich fordere auch meine Vorgesetzten mit kritischen Fragen heraus. Von manchen Ideen konnte ich sie überzeugen, von anderen nicht.»

MEDIENWOCHE:

Alle Printmedien kämpfen mit dem Rückgang der Einnahmen bei den Inserate. Jeder weiss aber, dass Tamedia jährlich Gewinne in Millionenhöhe erzielt, wovon sich die Teppichetage grosszügige Beträge auszahlt. Gewinne werden nicht in die Publizistik investiert. Wie hast du die Tamedia-Geschäftspolitik in deinen 20 Jahren bei der «Annabelle» erlebt?

Silvia Binggeli:

Die Medienbranche verändert sich derzeit tatsächlich sehr stark. Der Einbruch in der Werbebranche ist massiv und trifft Titel, die hauptsächlich durch Werbung finanziert werden, wie uns, sehr hart. Tamedia ist ein börsenkotiertes Unternehmen, das seine Titel nicht quer-subventioniert. Das Unternehmen strebt Gewinn an oder anders gesagt: will sich finanziell gesund halten, um sich für die Zukunft zu rüsten. Das kann man gut oder schlecht finden. Es ist Realität. Ich habe meine Aufgabe unter diesen Voraussetzungen immer so gesehen: Ich trage die Verantwortung und kämpfe für den Titel. Leidenschaftlich und engagiert. Ich fordere auch meine Vorgesetzten mit kritischen Fragen heraus. Von manchen Ideen konnte ich sie so überzeugen, von anderen nicht. Das ist anspruchsvoll und kann auch zwischendurch sehr frustrieren. Aber ich habe mich nie dem kompletten Frust über schwierige Voraussetzungen hingegeben, es hätte nichts an der Unternehmensstrategie geändert. Frustriert sein über die Umstände und darin verharren, ist nicht mein Ding.

MEDIENWOCHE:

Der Frust wäre mit der Umstrukturierung nun eingetreten, also gehst du?

Silvia Binggeli:

Ich bin seit zwanzig Jahren bei der «Annabelle», das ist mein Baby, meine Herzensangelegenheit. Ich habe eine sehr reiche Geschichte mit diesem Blatt, durfte es mit allen Farben der Palette bemalen. Mit dieser Umstellung sah ich mich nicht mehr in der Leitung. Ich hätte mich immer an dem gemessen, was ich bis jetzt gemacht habe. Ich bin eine Überzeugungstäterin und funktioniere am besten, wenn ich mich in einer Sache zu hundert Prozent sehe. Für jemand, der die Position neu übernimmt, ist das anders. Sie oder er kann dem Titel eine eigene Handschrift verleihen und eine neues Kapitel schreiben.

MEDIENWOCHE:

Mit welchen Erwartungen hast du 1999 nach Abschluss der Ringier Journalistenschule bei der «Annabelle» angefangen?

Silvia Binggeli:

Ich war einfach sehr neugierig. Ich habe damals nicht an Karriere gedacht, sondern war fasziniert von der Arbeit als Reporterin. Ich wollte: Menschen treffen, herumreisen, möglichst viel erfahren, erzählen.

MEDIENWOCHE:

In deinen zwanzig Jahren bei der «Annabelle» hast du diverse Stationen durchlaufen: sechs Jahre im Ressort Reportagen, sieben Jahre Lifestyle-Ressort, dann sechs Jahre als Chefredaktorin. Du hast Porträts über Designer, Politikerinnen oder Künstlerinnen geschrieben. Reportagen aus fernen Ländern mitgebracht, etwa über junge Businessleute in Senegal oder ein afghanisches Frauenunternehmen. Was hat dich davon am meisten geprägt?

Silvia Binggeli:

Die Aufregung. Sie ist bis heute geblieben. Recherchieren und schreiben bedeutet Aufregung. Menschen treffen, zuhören, nachfragen. Da ist Nervenkitzel und Spannung, man kämpft aber auch mit Zweifeln: Habe ich im Interview die richtigen Fragen gestellt, habe ich genug Material? Man hört die Tonaufnahmen ab und fragt sich, wie sich daraus eine gute Geschichte erzählen lässt. Geprägt hat mich auch ständig zu reflektieren, nicht mit vorgefassten Meinungen auf Gesprächspartner zuzugehen. Bei manchen gelang mir das nicht. Im Nachhinein merkte ich dann etwa, an der Stelle hätte ich nochmals nachfragen sollen. Kritisch sein und nachhaken ist wichtig, auch wenn man sein Gegenüber nervt. Mann kann nicht erwarten, dass sich das Gegenüber einfach so öffnet.

(Denkt nach)

Silvia Binggeli:

Über all diese Jahre war der Job für mich eine bezahlte Weiterbildung. Das ist ein riesiges Privileg. Vielleicht klingt es pathetisch, aber ich meine es so. In der schwierigen Zeit der letzten Wochen befragte mich mein Lebenspartner einmal spontan zu meiner Zeit bei der «Annabelle», wie in einem Interview: Zu den Anfängen, den bedeutenden Geschichten, was oder wer mich in welchen Phasen bewegte und prägte, was mir gelang und was nicht. In einem langen Gespräch liessen wir die zwanzig Jahre Revue passieren, das tat gut. Mir wurde bewusst, wie gross mein Wissensschatz durch die «Annabelle» ist. Die Begegnungen mit Menschen, mein Team, haben mich bereichert. Die letzten zwanzig Jahre waren eine Riesenchance, auch dass ich den Posten der Chefredaktion sechs Jahre lang übernehmen durfte. Ich hatte inhaltlich komplette Freiheit, und ich bin sehr stolz darauf, was wir daraus gemacht haben. Mein Leben wäre nicht das, was es ist, wäre ich nicht so lange bei diesem Titel gewesen. (Hat Tränen in den Augen.) Entschuldige, das kann man nicht abstellen.

MEDIENWOCHE:

Überhaupt kein Problem.

(Wir schweigen kurz.)

MEDIENWOCHE:

Und was kommt denn nach dieser grossartigen Zeit bei der «Annabelle»?

Silvia Binggeli:

Ich habe mir leider noch nicht genügend Zeit genommen, mich darum zu kümmern. Ich habe Ideen, Möglichkeiten, die ich aber noch nicht konkretisiert habe. Ich will das bald angehen.

«Ich habe noch immer grosse Lust, Geschichten zu erzählen. Ich habe mit diesem diesem Beruf nicht abgeschlossen.»

MEDIENWOCHE:

Bleibst du im Journalismus?

Silvia Binggeli:

Ich habe noch immer grosse Lust, Geschichten zu erzählen. Ich habe mit diesem diesem Beruf nicht abgeschlossen. Natürlich weiss auch ich, dass sich der Beruf, die Branche verändert hat. Ich will nicht überstürzt alles hinwerfen, will aber auch nicht verbissen an Vergangenem festhalten, vielmehr weiterhin neugierig sein. Insofern:Journalismus, grundsätzlich ja, aber ich kann mir auch vorstellen, auf anderen Kanälen Geschichten zu erzählen, Hauptsache ich kann welche erzählen, mit Menschen zusammenarbeiten, entdecken und bewegen, beides liebe ich und beides will ich weiterhin machen.

MEDIENWOCHE:

Als Chefredaktorin bist du in den letzten Jahren wohl wenig zum Schreiben gekommen ausser dem Editorial. Hat dich das vom Beruf entfernt?

Silvia Binggeli:

In meinen ersten Jahren bei der «Annabelle» konnte ich als Reporterin unzählige Geschichten realisieren, ich habe das Handwerk damals richtig ausgeschöpft, deshalb habe ich nicht das Gefühl, in den letzten sechs Jahren etwas verpasst zu haben. Auch habe ich es nicht vermisst, denn ich habe auch als Chefredaktorin weiterhin Geschichten erzählen können, einfach in einer anderen Form, konzeptueller. Ich habe mit dem Team im letzten Jahr zum 80-jährigen Bestehen von «Annabelle» das Projekt «Schweizer Macherinnen» umgesetzt. Bei solchen Projekten muss man sich überlegen, wie man die Geschichte im Titel einbettet, welche Handschrift sie dem Titel gibt. Die «Annabelle» gab es Jahrzehnte vor mir, und es wird sie nach mir geben, dennoch habe ich mit dem Team den Titel geprägt, das ist für mich auch eine Art Geschichten zu erzählen.

MEDIENWOCHE:

Die Mischung aus Reportagen und Lifestyle, sagtest du, macht die «Annabelle» einzigartig. Trifft das nicht auf alle Frauentitel zu?

Silvia Binggeli:

Es gibt kaum Frauenzeitschriften in denen man eine Reportage über eine Gerichtszeichnerin in Guantánamo lesen kann, die über Walfänger in Alaska berichten, oder die eine Spezialausgabe zum Thema Nacht machen; die Texte publizieren, die mit Preisen ausgezeichnet werden. Das sind keine Geschichten, die man von Frauenzeitschriften erwartet oder überhaupt noch oft in den Printmedien findet. Und diese gesellschaftspolitischen Beiträge sind uns genauso wichtig wie Lifestyle-Themen, Mode, Beauty, Kosmetik. Das schliesst sich nicht aus. In einem Frauentitel muss man sich nicht für das Eine oder Andere entscheiden. Ich musste in den Medien schon häufig erklären, ob Gesellschaftspolitik und Lifstyle-Themen zusammen gehen. Logisch geht das! Zu denken, dass Frauentitel nur für Wohlfühl-Themen und Lifestyle zuständig sind, ist überholt. Die Form von Hintergrundbeiträgen, wie wir sie haben, gibt es kaum in anderen Frauentiteln. Natürlich ist das nicht neutral, wenn ich das sage. Wir bekommen auch Komplimente aus unerwarteten Ecken. Etwa aus der Chefredaktion des SZ-Magazins, die in den Sozialen Medien einmal zu einem Cover der «Annabelle» geschrieben hat: «Das beste Frauenmagazin im deutschsprachigen Raum erscheint in der Schweiz.» Das machte mich sehr stolz, auch weil das Kompliment keines aus der Fan-Community ist, die «Annabelle» seit jeher von der Mutter oder Schwester oder Tochter kennt. Andere Frauentitel in Ehren, ich will nicht sagen, dass wir besser als die anderen sind. Wir sind einfach anders.

«Ich hatte keinen Karriereplan. Ich machte meinen Beruf einfach sehr gerne.»

MEDIENWOCHE:

Frauen müssen sich doppelt behaupten, um nach oben zu kommen, heisst es oft. Hast du bei einem Frauentitel, wo überwiegend Journalistinnen arbeiten, weniger Ellenbogen-Kämpfe erlebt?

Silvia Binggeli:

Ich habe keine geführt. Das mag kokett klingen, aber ich habe diese Position nicht anvisiert. Ich hatte keinen Karriereplan. Ich machte meinen Beruf einfach sehr gerne. Ich kam aber auch in einer Zeit in den Journalismus, als man sich noch langsam entwickeln konnte. Nachdem ich die Journalistenschule abgeschlossen hatte, war ziemlich klar, dass man einen Anstellung findet. Die Branche war nicht unter demselben Druck wie jetzt. Bei jungen Kolleginnen beobachte ich, wie sich die Voraussetzungen verändert haben, sie sind schwieriger geworden; die Kolleginnen sind ungeduldiger, wenn sich in wenigen Monaten in ihrer Karriere nichts bewegt.

MEDIENWOCHE:

Dafür sind wir, ich zähle mich zu dieser Generation, frecher, trauen uns mehr zu, fordern mehr – wie mir ein Redaktor über 50 einmal beschied. Erlebst du die jungen Kolleginnen und Kollegen auch so?

Silvia Binggeli:

Ja, dem stimme ich zu, obwohl ich mich mit Pauschalurteilen schwer tue. Und ich fühle mich auch alt, wenn ich über die Jungen urteile. Junge Kolleginnen erlebe ich tatsächlich als selbstbewusster als ich es damals war. Auch wollen sie einen guten Ausgleich zwischen Arbeiten und Leben, stehen nicht über Jahre loyal zu einem Unternehmen. Das Fordernde mag meine Generation überrumpeln, doch es zwingt uns auch, uns auf Forderungen einzulassen, Dinge zu hinterfragen und Stellung zu beziehen. Dass Frauen fordern, den Mund aufmachen, das wollten wir ja, jetzt muss man damit umgehen und sich darüber freuen. Ich finde es gut, dass jüngere Kolleginnen trotz Medienkrise fordernd sind.

«Meine Mutter und meine Grossmutter haben mir Stärke und Durchsetzungsvermögen vorgelebt. Beide packten an und lehrten mich, dass es gar keine Frage ist, ob mir etwas wegen meiner Herkunft oder als Frau offensteht.»

MEDIENWOCHE:

Du bist in einer Familie mit starken Frauen aufgewachsen. Deine Mutter war alleinerziehend, deine Grossmutter Mitte fünfzig verwitwet. Was gaben dir diese Frauen für deine Laufbahn als Journalistin mit?

Silvia Binggeli:

Beide waren wichtige Figuren für mich. Durch das Band gab es in meiner Familie starke Frauen. Weder meine Grossmutter noch meine Mutter oder Tanten waren aktiv in der Frauenbewegung. Zuhause lagen keine Bücher von Simone De Beauvoir herum oder es gab keine politische Debatten über Frauenfragen am Küchentisch. Sie haben mir aber Stärke und Durchsetzungsvermögen vorgelebt. Beide packten an und lehrten mich, dass es gar keine Frage ist, ob mir etwas wegen meiner Herkunft oder als Frau offensteht. Es war logisch, dass man alles machen kann, solange man sich dafür einsetzt. Diese Selbstverständlichkeit habe ich mitgenommen und sie hat mich in entscheidenden Momenten bestärkt; etwa als es darum ging, beruflich wichtige Aufgaben zu übernehmen, oder bei meiner Bewerbung um die Chefredaktion – das war ein langer Bewerbungsprozess mit einigen Mitstreiterinnen. Ich konnte für mich einstehen und sagen: Ja, ich will das, ich kann das. Genauso im Umgang mit einer von Männern dominierten Teppichetage.

MEDIENWOCHE:

Hat dich eine Figur im Journalismus besonders geprägt?

Silvia Binggeli:

Margrit Sprecher habe ich früh bewundert, für ihre Schreibe, ihre spitze Feder. Ich lernte sie bei einem Besuch an der Journalistenschule kennen. Mich überraschte ihr bescheidenes, zurückhaltendes Wesen im Gespräch. Hat sie aber ihr Material zusammen, ist sie scharf in der Analyse, in der Schreibe, ohne Aggression, sondern entschlossen und klar. Das hat mich beeindruckt. Das wollte ich auch umsetzen. Es entspricht auch dem, was mir meine Mutter und Grossmutter vorlebten: Man geht offen an eine Sache heran, analysiert, entwickelt seine Haltung, die sehr kritisch sein kann – wie eine Journalistin oder ein Journalist eben.

Das Gespräch fand am 20. März in Zürich statt.

Bild: zVg/Tamedia

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