von Eva Hirschi

«Pressezeichnungen sind nicht braver geworden, aber vielleicht weniger scharfsinnig»

Morges ist das Mekka der Pressezeichnung: Von 1989 bis 2009 fand am Genfersee der «Salon du Dessin de Presse» statt und seit zehn Jahren steht hier das «Maison du Dessin de Presse». Anlässlich des runden Geburtstags hat die MEDIENWOCHE mit Pascal Pellegrino gesprochen. Der Waadtländer Journalist leitet die Institution seit zwei Jahren.

Hier lacht man ohne Tabus – über Saudi-Arabien und Pressefreiheit, den Papst und Homosexualität, Migranten und das Mittelmeer, den Doppeladler und die Doppelbürgerschaft. Im Herzen der Altstadt von Morges, wenige Schritte vom Ufer des Genfersees entfernt, lädt das unscheinbare «Maison du Dessin de Presse» Neugierige ein, sich die alle paar Monate wechselnden Ausstellungen im Erdgeschoss anzuschauen – Eintritt frei.

Auch wenn sich die Galerie auf einen weitläufigen Raum mit Stellwänden beschränkt, so bleibt man vor den 250 eher kleingehaltenen Pressezeichnungen wohl länger stehen, als vor manchem grossen Kunstgemälde. Denn jede von ihnen regt zum Nachdenken an, lässt einen laut lachen, die Augen erschreckt aufreissen oder einfach nur den Kopf schütteln. Der Direktor des Hauses der Pressezeichnung und gleichzeitig Chefredaktor der Lokalzeitung «Journal de la Région de Cossonay», Pascal Pellegrino (53), könnte jedes einzelne der Bilder kommentieren. Sein Redefluss ist kaum zu stoppen und seine Leidenschaft ansteckend.

Selbst auf seinem Körper gibt es Zeichnungen – in Form grossflächiger Tattoos an den Oberarmen. Ein Interview mit einem Journalisten, dem es nicht nur um das Lachen geht, sondern auch um die Momente, in denen einem das Lachen im Halse stecken bleibt, und der in Pressezeichnungen nicht nur Unterhaltung, sondern ein Instrument zur Verteidigung der Pressefreiheit sieht.

MEDIENWOCHE:

Pascal Pellegrino, Sie beobachten die Entwicklung der Pressezeichnung seit Jahrzehnten. Wie lautet Ihre aktuelle Diagnose?

Pascal Pellegrino:

Pascal Pellegrino: Wir befinden uns in einer Periode der politischen Korrektheit. Es ist schwierig geworden, sich so unabhängig auszudrücken wie vorher. Ich würde nicht sagen, dass Pressezeichnungen braver geworden sind, aber vielleicht weniger scharfsinnig.

MEDIENWOCHE:

Woran machen Sie das fest?

Pascal Pellegrino:

Konkret stelle ich eine Art Selbstzensur bei Pressezeichnerinnen und -zeichnern fest. Mit dem Anschlag auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» im Januar 2015 wurde man sich schmerzhaft bewusst, dass der Humor plötzlich auf der ersten Sinnebene verstanden worden war. Humor muss aber auf der zweiten Sinnebene verstanden werden. Es handelt sich um einen etwas schrägen Kommentar zur Aktualität, nicht um einen Angriff. Nach diesem schrecklichen Anschlag überlegen sich gewisse Zeichner jetzt wohl zweimal, ob sie eine Zeichnung über Allah machen möchten. Wie auch gewisse Chefredaktoren sich wohl zweimal überlegen, ob sie eine solche Zeichnung publizieren würden. Doch auch wenn die Grenzen des Zeichnens enger gezogen werden, so haben das menschliche Genie und die Fantasie dafür gesorgt, dass die Zeichnungen immer noch bissig sind. Sie haben nicht an Qualität eingebüsst, sie haben ihre Ironie und ihren Sarkasmus behalten. Allerdings habe ich den Eindruck, dass man mehr aufpassen muss, welche Themen man wählt.

MEDIENWOCHE:

Sehen Sie den Anschlag auf die Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» als Wendepunkt in der Geschichte der Pressezeichnung?

Pascal Pellegrino:

Oh ja. Es gibt ein Vorher und ein Nachher. Ich empfinde den Anschlag auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» als einen ersten Schlag gegen die Freiheit des Zeichnens in unserer Gesellschaft. Alle Länder haben eine andere Art von Humor, man lacht nicht über dieselben Dinge in Paris, Tokio, Riad oder New York. Vor dem digitalen Zeitalter bereitete dies keine Probleme. Aber heute geht eine Pressezeichnung aus Paris in Sekundenschnelle um die Welt. Die Zeichnerinnen und Zeichner stehen deshalb vor der Schwierigkeit: Wird ihr Humor in anderen Ländern genauso gut ankommen wie in ihrem Land? Somit stellt sich auch die grosse Frage der Meinungsäusserungsfreiheit: Was darf man zeichnen, was nicht? Wenn Sie eine humorvolle Zeichnung über das muslimische Kopftuch in Frankreich machen, müssen Sie dann berücksichtigen, ob das Bild in anderen Ländern als Provokation angesehen werden könnte?

MEDIENWOCHE:

Das ist paradox: Man sagt, das Internet habe die Meinungsäusserungsfreiheit beflügelt, weil man einfacher seine Meinung kundtun kann, aber bezüglich Pressezeichnungen scheint die Digitalisierung die Zeichnenden einzuengen.

Pascal Pellegrino:

Ich würde nicht sagen, dass sie sie einengt. Aber in meinen Augen müssen sich die Zeichnenden heute mehr Fragen stellen. Diese Situation hat sich wegen des Obskurantismus verschärft. Plötzlich hat eine laute Minderheit eine Pressezeichnung als Vorwand genommen, um terroristische Anschläge zu verüben. Aber diese Minderheit wird nie repräsentativ sein für den Rest der Gesellschaft. Die Mehrheit der Menschen auf diesem Planeten versteht, dass eine Pressezeichnung mit Humor zu nehmen ist, dass sie eine zweite Sinnebene hat, dass sie keine Kritik oder persönliche Attacke darstellt. Was eine Pressezeichnung von anderen Zeichnungen unterscheidet, ist die Idee dahinter, die Diskrepanz, die Absurdität.



MEDIENWOCHE:

Was macht für Sie eine gute Pressezeichnung aus?

Pascal Pellegrino:

Die Idee: Je stärker sie ist, desto besser die Zeichnung. Eine Pressezeichnung ist die Quintessenz einer Vielfalt an Informationen in einem einzigen Bild. Nehmen wir die Zeichnung von «Mix & Remix», worauf man ein Flüchtlingsboot sieht, das im bekannten Hafen von Lampedusa einfährt. Ein italienischer Polizist schaut zu und die Migranten rufen ihm zu: «Tut uns leid … Wir leben noch!» Diese Zeichnung behandelt die komplexe und erschütternde Situation der Flüchtlingsströme in Europa. Ein Thema, das überhaupt nicht lustig ist. Aber dank des Humors trifft einen die Realität der Situation mit voller Wucht. Der Zeichner macht sich nicht über die Migranten lustig, aber mit seiner grausamen und richtigen Sichtweise katapultiert er uns zurück vor die grosse, grundlegende Frage der Migration. Dieses Bild soll uns zum Nachdenken bringen, indem es uns zuerst zum Schmunzeln bringt. Es soll einen Dialog ermöglichen, eine Diskussion auslösen – mit den anderen, aber auch mit sich selber. Eine Zeichnung hat die Macht, eine komplexe Situation vereinfacht darzustellen und ermöglicht es, sie mit anderen Augen zu sehen. Deshalb ist die Pressezeichnung so wichtig für unsere Gesellschaft: Sie ist ein grossartiges Instrument der Meinungsäusserungsfreiheit, das man unbedingt schützen und verteidigen muss.

MEDIENWOCHE:

Dann sind für Sie Autoren von Pressezeichnungen keine Künstler, sondern Journalisten?

Pascal Pellegrino:

Sie sind beides. Es gibt natürlich einen künstlerischen Aspekt in ihrer Arbeit, jede und jeder hat seinen eigenen Stil. Aber sie sind auch Journalistinnen und Journalisten, weil sie die politische Situation verstehen müssen, bevor sie sie einordnen und zeichnen können. Die Pressezeichnung ist ein Medium des Dialogs. Es ist kein einzigartiges Kunstwerk, da es von Anfang an multipliziert wird. Eine Pressezeichnung ist ein Werk, das sich nicht an sich selbst richtet, sondern an andere. Während man Kunst nicht immer versteht, ist eine Pressezeichnung, die nicht verstanden wird, keine gute Pressezeichnung.

MEDIENWOCHE:

Die neuen Online-Medien wie Watson in der Deutschschweiz oder heidi.news in der Romandie haben keine Pressezeichnungen, sie verfügen über andere Elemente des Storytellings. Führt die Digitalisierung zum Verschwinden des Berufes des Karikaturisten?

Pascal Pellegrino:

Nein, sicherlich nicht. Das Problem besteht im Begriff selbst: Eine Pressezeichnung erscheint schon lange nicht mehr nur in der Presse. Deshalb müsste man viel eher von Aktualitätszeichnung oder Medienzeichnung sprechen. Im Internet gibt es viele Pressezeichnungen, es ist ein Ort des Teilens, wo es immer ein Publikum für diese Vermischung von Humor und Journalismus geben wird. Aber wie wir alle wissen, wirft das Internet kein Geld ab. Alle Erschafferinnen und Erschaffer von Pressezeichnungen sind dazu verdammt, noch eine andere Arbeit zu haben, eine weitere Einnahmequelle. Mit den Schwierigkeiten der Medienbranche, wie man dies etwa in der Romandie sieht mit dem Verschwinden von «L’Hebdo» und «Le Matin» oder dem Verkleinern traditioneller Zeitungen, hat sich auch das Territorium der Karikaturistinnen und Karikaturisten verkleinert. Ausserdem habe ich den Eindruck, dass die wirtschaftlichen Schwierigkeiten auch einen Einfluss auf die Meinungsäusserungsfreiheit haben. Kann ein bei Tamedia angestellter Karikaturist eine kritische Zeichnung über sein Verlagshaus machen? Ich weiss es nicht, aber ich stelle mir die Frage.

Maison du Dessin de Presse
Am 1. Juni 2019 feiert das Haus der Pressezeichnungen mit einem grossen Fest auf dem Casinoplatz in Morges sein 10-jähriges Jubiläum. An diesem Tag wird auch die neue Sommer- und Jubiläumsausstellung eröffnet: «Zeichnungen aus der Kelter – 100 Jahre André Paul», die sich Werken des Wahlwaatdländer Künstlers André Paul zur Welt der Reben und des Weines widmet. Zudem wird es eine Buchhandlung, Zeichnungskurse, Karikatur-Ateliers und Zeichnungsduelle geben. Das Haus der Pressezeichnung in Morges wurde 2009 gegründet mit dem Ziel, Schweizer Pressezeichnungen zu verteidigen. Pro Jahr finden dort drei bis vier Ausstellungen mit nationalen und internationalen Künstlerinnen und Künstlern zu unterschiedlichen Themen statt. Dabei werden nicht nur Pressezeichnungen, sondern auch Zeichnungen über die Gesellschaft ausgestellt. Am Ende des Jahres widmet sich die «rétrospective» jeweils einem Jahresrückblick in Form von Pressezeichnungen aus der ganzen Schweiz.

Bild: Eva Hirschi
Zeichnung: Mix & Remix zvg

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