von Benjamin von Wyl

Mit Karten, Grafiken und Humor die Welt ein bisschen verständlicher machen

Aus dem «journalistischen Ödland» in Deutschlands Nordosten schreibt «Katapult» seine kleine Erfolgsgeschichte: Mit sozialwissenschaftlicher Expertise und grafischem Geschick erklärt das Magazin wenig bekannte Zusammenhänge. Damit trifft «Katapult» einen Nerv.

Haben Sie gewusst, dass 2018 in Deutschland 66 Wölfe überfahren worden sind? Haben Sie gewusst, dass China für die Herstellung von Medizin so viele Eselhäute aus Botswana importiert, dass sich viele botswanische Bauern keinen Esel mehr leisten können? Haben Sie gewusst, dass Utrecht 28-mal so viel in Radwege investiert wie Berlin? Oder dass Menschen mit Schlafmangel weniger wahrscheinlich wählen gehen? Das sind einige der Themen in Ausgabe 14 des «Katapult»-Magazins. Das sieht oft nach unnützem Faktenwissen aus, aber «Katapult» macht klar, weshalb diese Daten relevant sind. Bei sämtlichen Erkenntnissen und Daten verweist die Redaktion auf die Studien und Statistiken, auf denen sie beruhen. Und vor allem erscheinen sie wunderschön visualisiert als Grafiken und Landkarten.

Der Antrieb hinter dem «Magazin für Eis, Kartografik und Sozialwissenschaft» ist die Verbreitung von Wissenschaft, das Mittel zur Verbreitung ist die Kartografik. Das durchgestrichene «Eis» in der Unterzeile soll bloss dafür sorgen, dass man das Magazin als erfolgreiches Start-up-Projekt in Erinnerung behält. «Niemand liest gerne Tabellen», sagt Sebastian Haupt, Chefredaktor Sonderhefte bei «Katapult», «Bei uns lesen die Leute eigentlich fast nur Tabellen, aber sie bemerken es nicht.» Das ist das publizistische Erfolgsmodell.

Auf die Karten sei man aus pragmatischen Gründen gekommen: Das Gründerteam hat sich populärwissenschaftliche Magazine wie «Spektrum der Wissenschaft» angeschaut und festgestellt: Natur funktioniert auf Fotos. Aber wie will man sozialwissenschaftliche Phänomene wie etwa «strukturelle Benachteiligung» in einem Bild darstellen? Fotografische Kenntnisse hätten gefehlt, ebenso die finanziellen Mittel für Bildhonorare. Umso stärker war vor über vier Jahren der Wille, sozialwissenschaftliche Erkenntnisse aus den Bibliotheken zu holen, erzählt Haupt die viereinhalbjährige Magazingeschichte um Gründer und Chefredaktor Benjamin Fredrich. Fredrich doktoriert bis heute parallel zur «Theorie der Radikalen Demokratie». Die ganze Redaktion hat einen wissenschaftlichen Hintergrund: Auch Haupt, der 2017 als Dritter zum Team stiess, hat Politik studiert und ist bei «Katapult» der Experte für Geoinformationssysteme.

Die gedruckte «Katapult»-Ausgabe liest sich tatsächlich wie eine sozialwissenschaftliche Taschenbibliothek mit den Karten in grellem Grün, Magenta und Orange. Mit grossem Gespür dafür, wo man zuspitzen darf. In der Titelgeschichte der aktuellen Ausgabe geht es um die Fahrradpolitik von Grossstädten in Europa und und USA. Auf dem Cover eine weisse Europakarte, schwarz die Radwege, auf giftgrünem Hintergrund. Nur die Benelux-Staaten sind schwarz mit wenigen weissen Punkten, ein riesiges Rad-Highway-Paradies. Noch sachlicher als das normale Print-Magazin kommt das zum Poster ausfaltbare Sonderheft daher. Sowohl in den Themen – deutsche Militärpräsenz, Rohstoffhandel, Medienkonzentration, Strukturentwicklung in Ostdeutschland – wie im Inhalt erinnert es an den kritischen Weltatlas von Le Monde Diplomatique. Alle Artikel aus dem Heft werden nach und nach online gestellt. Zusätzlich veröffentlichen sie exklusive Online-Artikel zu aktuellen Ereignissen, auch zu Wahlen auf Fidschi.

 

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Und dann gibt es noch das andere Gesicht von «Katapult»: die Memes – Text-Bild-Kombinationen, die auf Social Media häufig geteilt werden (sollen). Obwohl die publizistischen Autodidakt*innen von «Katapult» fast alle aus der Wissenschaft kommen, wissen sie, was auf Social Media gut funktioniert: unnützes Faktenwissen wie: «Länder, die auf Erika enden» oder reine Witzgrafiken wie die «Bevölkerung pro Kopf» oder der «Stromverbrauch im Jahr 1507». Manchmal vermischt sich das gar mit Eigenwerbung, etwa bei den satirischen «6 Wegen um Mecklenburg-Vorpommern aufzuteilen»: Einer der Wege ist die Aufteilung des Bundeslandes in einerseits «journalistisches Ödland» und andererseits Greifswald.

Dort gibt es «Tippi Toppi Qualitätsjournalismus (im Sinne von 1A)». In der Studentenstadt an der Ostsee nämlich sitzt das «Katapult»-Magazin, das Erfolg nach Erfolg feiert. Nach 14 Ausgaben hat das unabhängige und gemeinnützige Medienprojekt fast 20’000 Abonnent*innen und produziert eine Druckauflage von 50’000.

Haupt ist überzeugt, dass «Katapult» weiterwachsen wird und es gibt keine Gründe, das zu bezweifeln. «Wir sind jetzt zehn Leute», so Haupt. Wie viel mehr es im September sein werden, kann er Mitte Juli noch nicht sagen. «Unsere Rechnung ist konservativ: Wir vergrössern unsere Redaktion dann, wenn wir mehr Abos verkaufen.» Pro 5000 neue Abos steigt auch der Einheitslohn der Redaktion um 250 Euro – aktuell liegt er bei 2250 brutto. Sebastian Haupt redet bedächtig, verwendet keine Start-up-Signalwörter, triumphiert nicht. Aber was er beschreibt tönt so ungewohnt positiv, dass man es kaum glauben kann: «Unser Trend nach oben ist aber enorm. Als nächstes wollen wir Cicero einholen – in einem Jahr könnte es schon soweit sein.» Die verkaufte Auflage des rechtskonservativen Magazins Cicero bewegt sich gegenwärtig zwischen 60’000 und 70’000 Exemplaren.

190’000 folgen der Seite auf Facebook, 80’000 auf Instagram. Und wenn die Likes auf Social Media mehr werden, verkauft «Katapult» auch mehr Abos. Von den letzten 500 Neuabonnent*innen hat knapp mehr als die Hälfte angegeben, dass sie auf Social Media auf das Magazin aufmerksam geworden seien. Zudem betreibt das Magazin noch einen Gemischtwarenladen für kartografische Produkte: ein Klolektüre-Buch, Postkarten, Poster, ein Kartenspiel.

An der Lauterkeit der vorgestellten Studien, der ausführlichen Quellenhinweise in den Fussnoten besteht kein Zweifel. Ebenso ist es lobenswert, dass Fehler und Unsauberkeiten aus der jeweils letzten Ausgabe transparent korrigiert werden. Neben der Redaktion schreiben regelmässig arrivierte Forscher*innen, auch Professor*innen, für «Katapult». Sie vertrauen dem Medium nicht nur inhaltlich, sondern lassen sich ihre Texte von den Redaktor*innen auch breitentauglich redigieren.

Gleichzeitig finden sich im gedruckten Magazin auch satirische Elemente, etwa die Rubrik mit beleidigenden Kommentaren aus dem Internet. Rechte wie Linke werfen der «Katapult»-Redaktion schlechte Recherche vor. «Danke für die Halbwahrheiten», heisst es da etwa. Viele der in dieser Rubrik abgedruckten Kommentare stammen von Rechtskonservativen. «Katapult» druckt sie wohl auch, weil man die Kritik aus diesem Lager geniesst.

MEDIENWOCHE:

Während diesem Gespräch habe ich die ganze Zeit die Postkarte «Energieverbrauch in Europa 1507» im Blick. Die bietet ja keinen inhaltlichen Mehrwert.

Sebastian Haupt:

In dem Fall geht es vor allem um Humor. Aber natürlich kann man mit Karten den Blick auf die Welt prägen. Es gibt ein ganze Geschichtsschreibung, die man unter die Überschrift «Lügen mit Karten» fassen könnte. Während dem Kalten Krieg wurden oft Projektionen gewählt, auf denen die Sowjetunion besonders gross erschien, damit die Bedrohung betont worden ist. Auch das Einfärben von Karten ist heikel bei der Verarbeitung und Interpretation von Daten. Deshalb muss man sehr sauber arbeiten und sich auch bewusst sein, dass Manipulationsversuche möglich sind.

MEDIENWOCHE:

Dann kommen Sie und verbinden satirische Beiträge mit Wissenschaft.

Sebastian Haupt:

Im Print geht es schon vor allem darum, aus der Wissenschaft zu berichten.

MEDIENWOCHE:

Aber wo setzen Sie bei solchen Zuspitzungen die Grenze?

Sebastian Haupt:

Die harte Grenze sind Falschinformationen. Witze auf Social Media sollen den Zugang erleichtern. Im Magazin übersetzen und verbreiten wir Wissenschaft journalistisch – und dementsprechend sind auch unsere Standards. Aber Wissenschaft ist nicht werturteilsfrei. Linke, Liberale und Konservative können bei uns sowohl als Leser wie als Autoren ein gemeinsames Zuhause finden. Gegen Rechtsaussen lassen wir aber nichts zu. Rechtspopulismus hat selten was mit Wissenschaft zu tun. Vom linken Spektrum bis konservativ ist alles denkbar.

Das Magazin «Cicero» habe sich «Katapult» auch deshalb als Messlatte genommen, weil es seine Rolle als echtes Debattenmagazin aufgegeben habe, sondern «häufig die Narrative der Neuen Rechten» bediene, und sich «nicht scheut vor Populismus und Stimmungsmache», so Haupt.

Mit all den Heften und Büchern, die sich da stapeln, wirkt die «Katapult»-Redaktion wie ein kleines Logistikzentrum. In der Raummitte türmen sich Magazine, Bücher und Poster auf Europapaletten. Ein Lastenheber und eine Leiter in der Ecke. In Regalen stehen schachtelweise Postkarten, bei der Kaffeemaschine das Verpackungsmaterial und eine Liste der Portokosten.

«Man muss drauf achten, dass man keine blutigen Magazine verschickt», witzelt Redaktorin Stefanie Schuldt auf die Frage hin, wie sich die Tage anfühlen, an denen verschickt wird. Noch immer verpacken und verschicken alle «Katapult»-Angestellten gemeinsam die Hefte an ihre fast 20’000 Abonnent*innen. Man schneide sich am Papier die Hände auf, spüre es im Rücken, in den Armen: Anderthalb Tage gemeinsames Krafttraining.

 

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Beim Besuch der MEDIENWOCHE sitzen zwischen den Magazintürmen zwei Frauen und vier Männer konzentriert am Computer. Jemand bastelt im Adobe Illustrator ein Kreisdiagramm auf einer Union-Jack-Flagge; jemand anders befüllt die Wahlresultate aus der Ukraine in eine «Katapult»-Statistik. Auf fast allen Bildschirmen ist ein Gestaltungsprogramm offen.

Während in den meisten Redaktionen ein paar wenige wissen, wie man eine Grafik erstellt, müssen beim «Katapult»-Magazin alle den Umgang mit dem Illustrator-Programm erlernen. Die visuelle Aufbereitung ist entscheidend; der Deadline-Stress fokussiert sich fast gänzlich auf die Landkarten: In den letzten Wochen vor Druck seien alle Texte bereits geschrieben und haben zwei Redigierschleifen durchlaufen. In dieser Phase arbeite man bloss noch an der Kartenrecherche und -gestaltung. Da komme es auch mal zu Überstunden, sagt Haupt. An manchen Karten arbeite eine Person zwei Wochen Vollzeit, wenn es etwa darum geht, die Geschichte von 120 ehemaligen DDR-Betrieben in eine Karte zu bringen oder die Werte von mehreren tausend Kraftwerken zu überprüfen und zu visualisieren. Haupt ist nicht nur GIS-Experte, sondern mache auch «relativ viel Buchhaltung» und ist vor allem Chefredaktor der Sonderhefte «Knicker», der aufwändigen A1-Mammutkarten zu jeweils einem einzigen Thema. «Wenn wir mehr Leute werden, wird sich das alles ausdifferenzieren.» Dann soll auch der Frauenanteil in der Redaktion mindestens 50 Prozent betragen und als elfte oder zwölfte Redakteurin auch jemand mit einem klassischen journalistischen Werdegang einsteigen.

 

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Der Arbeitsort Greifswald klingt nicht sehr attraktiv. Doch der Grosssteil der Redaktion kam aus ganz Deutschland wegen «Katapult» in die Hansestadt im Nordosten von Mecklenburg-Vorpommern. Sebastian Haupt ist aus Berlin nach Greifswald gezogen. Die deutsche Hauptstadt liegt eine dreistündige Zugfahrt voller Funklöcher und vorbei an Rechtsextremen-Hochburgen entfernt. Hier in Greifswald, wo knapp jede*r Fünft*e studiert, gefällt es Haupt und auch aus professioneller Warte habe die Kleinstadt Vorteile: Niemand erwartet die Leute von «Katapult» an Medienapéros und Branchentreffen – und trotzdem kommen Kooperationen mit anderen Medien zustande, etwa ein regelmässiger Podcast mit detektor.fm. Networking ausserhalb des digitalen Raums findet zwei Mal pro Jahr statt, an den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig. Dort verteilt das «Magazin für Eis, Kartografik und Sozialwissenschaft» dann tatsächlich Eis aus der redaktionseigenen Softeismaschine.

Je länger man die unternehmerische Erfolgsstory von «Katapult» analysiert, desto eigenwilliger erscheint sie: ein Start-up-Printerfolg in einer Randregion von Social Media-versierten Wissenschaftler*innen ohne Branchenerfahrung. Mindestens so spannend wie die Unternehmensgeschichte ist aber die journalistische Haltung, die Kartografik mit sich bringt: Seit je berechnen und gestalten die Mächtigen das zweidimensionale Abbild der Welt. Für kritischen Journalismus besteht noch viel Potenzial sich an diesen Abbildern abzuarbeiten.

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