von Anna Kohler

«Annabelle»: Neuer Verlag, neues Glück

Vor eineinhalb Jahren übernahm der Aargauer Verlag Medienart das Frauenmagazin «Annabelle» von Tamedia. Jacqueline Krause-Blouin ist Chefredaktorin des Traditionstitels. Was treibt sie an und wie führt sie die «Annabelle» in die Zukunft?

Die Gegenwart sieht rosig aus, so rosig, wie der Schriftzug, der im Zentrum der neuen Redaktionsräume im Zürcher «Viadukt» hängt. Als der Verlag Medienart die «Annabelle» gekauft hat, suchte man eine neue Bleibe und wurde fündig im trendigen Züri West. Neue Location, neue Arbeitsmodelle. Jeder sucht sich einen Platz, es gibt keine Stammtische. Auch die Chefin, Jacqueline Krause-Blouin, ist da keine Ausnahme. «Ich liebe Redaktionsalltag und würde völlig vereinsamen in einem Einzelbüro.» Wenn sie ein Telefonat führen muss, das nicht für alle Ohren bestimmt ist, verzieht sie sich in eine schalldichte Gesprächsbox, die sehr stylisch mitten im Raum angesiedelt ist.

Die «Annabelle» beschäftigt 26 Mitarbeitende, jede Altersklasse ist vertreten, auch Männer sind dabei. Das macht Sinn, will man mit dem Magazin doch eine vielfältige Zielgruppe ansprechen. Am liebsten hätte es Jacqueline Krause-Blouin, wenn die Tochter mit der Mutter und der Grossmutter über die Inhalte der «Annabelle» diskutieren würde. Und natürlich auch der Mann in der Runde sich die «Annabelle» noch schnappen würde. Die Chefredaktorin sagt stolz:

«Übrigens sind ein Viertel unserer Leser männlich. Und das sind nur die, die es zugeben.»

Aber was heisst das? Krause-Blouin erklärt es so: «Der Schlüssel ist, dass wir nicht parteipolitisch arbeiten, es geht um alles, was uns Frauen bewegt, da treffen sich viele Generationen.» Themen wie Gleichstellung, Diversität und Feminismus werden genauso auf allen Kanälen besprochen wie Popkultur, Mode und Lifestyle. Abgerundet mit Reportagen und neuen Rubriken wie Bodybuilding. Wie bitte? Die Chefin lacht. Was nach Muskelaufbau klingt, ist eine Rubrik, in der Frauen über die Beziehung zu ihrem Körper sprechen. Da sieht man Narben, Hängebrüste, Fettpolster. Die Gesichter sieht man nicht, gewährt man den Frauen so doch eine gewisse Anonymität.

Zeitgleich mit dem Relaunch kam eine Studie heraus, in der die «Annabelle» in Zusammenarbeit mit dem Marktforschungsinstitut Sotomo 6000 Schweizer Frauen fragte, wie es ihnen geht. Dabei stellte sich heraus, dass viele Frauen noch recht bürgerlich denken und sich in den traditionellen Rollenmodellen wohlfühlen. Das hat Jacqueline Krause-Blouin erstaunt und sie möchte in ihrem Magazin diese Rollenmodelle zur Diskussion stellen. Herausgekommen ist aber auch, dass gerade junge Frauen sich als Feministinnen bezeichnen, ein Begriff, der lange negativ besetzt war. Der Weg zu einer Ausgeglichenheit zwischen den Geschlechtern ist in vollem Gang und immer mehr Unternehmen schreiben sich die Gleichstellung auf die Fahnen. Hoffentlich nicht nur zur Show, sondern wirklich mit dem Willen, Lohngleichheit, Diversität und gleiche Karrierechancen im Unternehmen zu leben.

Jacqueline Krause-Blouin arbeitet Vollzeit, hat eine kleine Tochter und einen Mann an der Seite.

Wie gestaltet sich der Alltag, wie sieht es aus mit der Gleichstellung in der Realität? «Ich habe oft Tage, wo ich nicht losgehen will, mir bricht das Herz, wenn meine Tochter an meinem Bein hängt und sagt, nicht gehen, Mama. Jeden Tag frage ich mich, stimmt dieses Modell für mich noch?» Der Mann ist zu Hause, er ist Schauspieler und dadurch flexibler in den Arbeitszeiten. «Aber wenn er, wie neulich, wochenlang dreht, dann stürzen wir als Familie ins Chaos, wenn meine Mutter dann nicht wäre, ginge das Modell nicht auf.» Das führt Jaqueline zu einer Überzeugung, die sie auch im Magazin thematisieren will. «Familie ist in der Schweiz immer noch Privatsache, das finde ich falsch.» Soll heissen? «Ohne Frauen wie meine Mutter würde das ganze System nicht funktionieren, sie hilft, wenn wir sie brauchen. Das System Familie sollte nicht Privatangelegenheit sein. Das ist meine Überzeugung. Unser System in der Schweiz ist darauf ausgelegt, dass wir Kinder bekommen, auch damit sie unsere Renten mitfinanzieren. Aber wenn die Kinder dann da sind, muss man selber klarkommen. Oder aber man fällt ins alte Rollensystem zurück und bleibt zu Hause als Mutter. Das kann es nicht sein. Im Alter hat die Frau dann schlechte Karten mit vielen Lücken im Rentensystem, da müssen wir strukturell noch viel verändern.»

Als Chefin muss sie aufpassen, nicht nur noch zu managen, sondern sich immer wieder Momente zu schaffen, in denen sie selber kreativ wird. Denn: Sie vermisst das Schreiben, bei den Menschen zu sein, Fragen zu stellen, Porträts zu verfassen. Wie sieht der Alltag in der Redaktion aus? Mit Covid sei alles anders, den Relaunch habe man komplett aus dem Homeoffice gemeistert, erzählt sie. Im Normalfall hätten die Onliner jeden Morgen Sitzung. Einmal die Woche publizistische Sitzung, da gehe es um den Mix, um Themenvielfalt, Synergien schaffen, crossmedial denken. Dann die Ressortsitzungen von Reportage, Mode und Lifestyle. Sie selbst versuche, bei allen dabeizusein. «Ich habe aber auch viele Termine mit Kunden, sie zeigen mir Neuheiten und wir schauen, wo man Geschichten realisieren könnte.» Reisen sei ihr auch wichtig, gerade zu Fashionshows, zu Festivals, aber das gehe ja momentan nicht. Leider, wie sie noch anfügt.

Wie alles begann: Jacqueline Krause-Blouin heuert nach dem Musikstudium beim «Rolling Stone» an, dem renommierten Musikmagazin in Berlin. Aber nicht als Musikjournalistin, dafür wollte man sie so ganz ohne Erfahrung nicht, sondern als Assistentin der Geschäftsleitung. Ein strategisch kluger Zug. «Ich musste so Sachen wie Döner und Nasenspray kaufen.» Sie muss lachen. «Aber ganz unauffällig habe ich dann mal einen meiner Artikel dem Chefredaktor gezeigt und bäm, das hat geklappt. Er wurde publiziert und ich habe mein Wunschpraktikum dann bekommen.»

Als die Verantwortlichen der «Annabelle» Kontakt zu Jacqueline Krause-Blouin aufnehmen, arbeitet sie beim Magazin «Spex». Sie betreut dort Mode und Popkultur. «‹Annabelle› wollte einen meiner Artikel zweitabdrucken», erzählt sie. «Dann wurde eine Stelle frei als Lifestyle-Redaktorin und sie fragten mich, ob ich mir vorstellen könnte, in die Schweiz zu ziehen. Da meine Familie hier lebt, war das natürlich easy. Nach zwei Monaten wurde ich dann stellvertretende Chefredaktorin.»

Nach dem Abstossen der «Annabelle» durch die Tamedia entstand ein Vakuum, jetzt sind sie beim Verlag Medienart angedockt. «Wir fühlen uns gewollt und gut aufgehoben.» Auch die Chefredaktion ist neu aufgestellt, drei Frauen und ein Mann, alle Ressorts sind vertreten. Es geht manchmal hoch her, aber das ist genau, wie es die Chefin liebt. Mit 26 Mitarbeitenden ist die Redaktion gut bestückt, frau hat noch viel vor.

Bild: Chris Reist

Dieses Porträt wurde zuerst in der Ausgabe 4/2021 von m&k – Das Magazin für Marketing und Kommunikation veröffentlicht. Wir danken Verlag und Chefredaktion für die Möglichkeit zur Zweitveröffentlichung