Eine Reportage für die Zugfahrt

Liesmich.me / Reportagen.fm
Ronnie Grob, 11. Oktober 2012, 11:33

Liesmich.me und Reportagen.fm verlinken jeweils am Freitag auf ausgesuchte Reportagen. Die beiden neuen Websites aus Berlin wollen ihren Besuchern beim Auffinden von lesenswerten Texten helfen und folgen damit einem Trend aus den USA.

Sie haben eine Zugfahrt von vierzig Minuten vor sich und möchten diese Zeit mit einem oder zwei guten Reportagetexten auf dem iPad füllen? Dann sind sie richtig bei diesen beiden Projekten, die eine gemeinsame Geschichte aufweisen: Bevor sich Martin Fischer Anfang September aufgrund von Differenzen zur Ausrichtung des Projekts von Liesmich.me absetzte und Reportagen.fm in’s Leben rief, wurden die Reportagen gemeinsam ausgesucht. Nun gibt es zwei Projekte, die sich zum aktuellen Zeitpunkt sehr ähnlich sehen. Dem Publikum werden Reportagen präsentiert, die einen internen Auswahlprozess überstanden haben und mit einer Lesezeit versehen werden. Die Vorbilder dafür kommen aus New York, Longform zum Beispiel oder Longreads.

Martin Fischer, der seinen Vornamen wegen Verwechslungen mit anderen Martin Fischers (zum Beispiel dem 20-Minuten-Redaktor) auf Tin abkürzt, ist ein in Berlin lebender Schweizer, der als freier Journalist arbeitet (Neon, NZZ am Sonntag, St.Galler Tagblatt). Er macht Reportagen.fm zusammen mit den Tagesspiegel-Journalisten Jonas Breng (zugezogen aus Hamburg) und Björn Stephan (aus Schwerin) sowie zwei weiteren Leuten; man kennt sich vom Studium an der Freien Universität Berlin. Mit 100 Facebook-Fans und 50 Newsletter-Abonnenten ist das Projekt noch überschaubar, eine Kommerzialisierung, für die bereits einige Ideen bestehen, macht in der aktuellen Grössenordnung noch keinen Sinn.

«Durch die Tablets und die Smartphones ist es möglich geworden, auf dem Sofa lange Texte zu lesen», sagt Fischer. Und auf Zugfahrten. Und in der Wartehalle vor dem Boarding. Und wo auch immer sonst Lesegelegenheiten warten. Für ihn wird der im Netz wahrgenommene Journalismus immer noch von Nachrichten dominiert. «Die längeren Erzählstücke dagegen sind online oft schwierig zu finden und gehen unter. Da wollen wir etwas nachhelfen.» Verlinkt werden pro Woche lediglich drei Stücke, und das mit Grund, wie Breng erklärt: «Wenn wir acht Stücke bringen würden, müssten die Leser ja wieder auswählen.» Die drei Texte sind dafür sorgsam ausgesucht. Die Teammitglieder tauschen Vorschläge aus miteinander, jeder Text wird nochmals gelesen, dann eine Empfehlung verschickt. Die Entscheidung fällt jeweils am Donnerstagabend per Skype in der Gruppenschaltung.

Ebenso aufwändig ist der Auswahlprozess bei Lies Mich. Links werden per E-Mail hin und her geschickt, dann wird alles gelesen, diskutiert, und schliesslich entschieden. Das Lies-Mich-Team zählt vier Köpfe, zuletzt ist Alexander Görsdorf vom bekannten Blog «Not quite like Beethoven» dazugestossen. Die anderen drei kennen sich aus der Redaktion einer gymnasialen Schülerzeitung: Laurence Thio, Lukas Bischofberger und Jenny Rotter. Ausser Thio, der in Potsdam eine Journalistenschule besucht, arbeiten sie derzeit im Bereich PR. Bisher sammelten sie schon 170 Reportagen – so ist das Projekt auch nach Themenbereichen wie Rechtsextremismus, Deutsche Einheit oder Medien durchsuchbar.

«Wichtig ist uns, dass die Leser viele Möglichkeiten haben, auf unserer Seite gute Texte zu finden: Ob nach Lesezeit, nach Medium, Ressort, Thema oder ganz einfach per Suchfunktion», sagt Lukas Bischofberger. Verlinkt werden in der Regel Texte von mehr als 7000 Zeichen Länge. «Die Texte müssen gut geschrieben und vom Thema her interessant sein. Die meisten haben eine zeitlose Komponente, damit wir sie auswählen». Wichtig für das Projekt sei die Konstanz, man will es auf jeden Fall in einer langfristigen Perspektive weiterführen. Auch wenn «ein grosses Interesse an dieser Art von Empfehlungen» spürbar sei, habe man sich vorerst dazu entschieden, LiesMich als Non-Profit-Projekt weiterzuführen. Die schwierige Auffindbarkeit von guten Stücken betont auch er: «Die Zeitungen verkaufen ja eine Mischung, deshalb verstecken sie die guten Stücke online gerne. Wir brechen das auf.» Gefährdet werden könnten die Projekte durch die von der Aufmerksamkeit profitierenden Zeitungsverlage, dann nämlich, wenn sie ihre Reportagen nicht mehr im Netz veröffentlichen oder hinter eine undurchlässige Bezahlmauer stecken. «Das ist ein Problem, und das sehen wir mit Sorge», so Bischofberger. Dass der «Spiegel» und die «Zeit» ihre Printtexte zum Teil erst Wochen nach der Publikation online stellen, wird mit wenig Freude aufgenommen.

Abschätzen, welches Projekt besser ist, kann man kaum. Die Teaser von Lies Mich sind zwar ausführlicher und ausgefeilter formuliert, wiederum fragt sich, ob jemand mehr als drei Zeilen lesen möchte, um abzuschätzen, ob er eine Viertelstunde in eine doch sowieso sorgfältig ausgesuchte Reportage investieren möchte. Reportagefans abonnieren am Besten beide Projekte.

Liesmich.me (Facebook / Twitter)
Reportagen.fm (Facebook / Twitter)

Das Gespräch mit Tin Fischer und Jonas Breng wurde am 28. September 2012 in Berlin geführt. Das mit Lukas Bischofberger, Laurence Thio und Alexander Görsdorf am 3. Oktober 2012, ebenfalls in Berlin.

Ronnie Grob
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Ronnie Grob

Autor MEDIENWOCHE

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