Gegen Denkverbote in der Medienkritik

Carmen Epp
Carmen Epp, 7. April 2015, 08:56

Noch wissen wir nicht, welche Lehren die Medien aus den Diskussionen um ihre Berichterstattung zum Germanwings-Absturz ziehen werden. Klar ist indes, dass Denk- und Diskussionsverbote, wie sie Medienkritiker nun fordern, die Debatte nicht weiterbringen.

Dürfen Medien den Namen des Co-Piloten der abgestürzten Germanwings-Maschine nennen, der nach dem aktuellen Stand Ermittlungen den Flug 4U9525 willentlich in die französischen Alpen stürzen liess und damit 149 Menschen mit in den Tod riss? Sein Gesicht der Öffentlichkeit preisgeben? Ja, man darf. Rechtlich gesehen. Das Recht des Co-Piloten am eigenen Namen und am eigenen Bild ist mit seinem Tod erloschen.

Die Frage allerdings, ob man Namen und Bild veröffentlichen soll – darüber lässt sich streiten. Aus medienethischer Sicht. Ich finde, man sollte auf die Veröffentlichung von Namen und Bild verzichten. Die Folgen für die Angehörigen des Co-Piloten durch dessen Identifizierung sind meines Erachtens um ein Vielfaches grösser als der Erkenntnisgewinn, den ich daraus ziehe. Ich weiss aber auch, dass es durchaus Argumente gibt, die dafür sprechen, Namen und Bild des Co-Piloten öffentlich zu machen.

Die Argumente zu diskutieren, gegeneinander abzuwägen, ist Aufgabe der Medienethik. Und die ist nicht schwarz und weiss, sondern bewegt sich in Grauzonen, gerät an Grenzen, die man so oder anders ziehen kann. Diese unterschiedlichen Auslegungen wiederum kommen in der Medienkritik zum Ausdruck: Indem man Publikationen und deren Beiträge anhand der eigenen Haltung beurteilt. Immer im Wissen, dass es auch andere Meinungen gibt. So jedenfalls habe ich meine Medienkritik bis anhin verstanden.

Offenbar lag ich damit falsch. Zumindest, wenn man zwei meiner geschätzten Kollegen glaubt.

So vertritt Christof Moser in einer Diskussion auf Facebook die These, dass der Journalistenkodex als medienethische Richtlinie «klar» sei. Die Veröffentlichung von Name und persönlichen Daten des Co-Piloten sei durch das «überwiegende öffentliche Interesse» gedeckt, so Moser. Meiner Kritik hält er entgegen: «Das hilft gegen persönliche, willkürliche Ansichten, wie du sie hier vertrittst. Eben, gegen: Zensur-Willkür.» Eine meiner Antworten darauf war zwar zynisch und in dieser Form unangebracht. Aber ich bleibe dabei: Wären die Diskussionen darüber, was Medien sollen und was nicht, immer so glasklar und zweifelsfrei zu beantworten, wie Moser behauptet – wozu gibt es dann einen Presserat, wozu die endlosen Diskussionen, wozu Medienkritik überhaupt?

Macht sich Moser mit dieser Aussage als Medienkritiker der «Schweiz am Sonntag» nicht selber überflüssig? Eine technokratische, diskursfeindliche Buchstabentreue. In einer globalisierten und sich in beschleunigtem Wandel befindlichen Medienwelt prallen unterschiedliche Journalismuskulturen aufeinander. Kodifizierte Regeln bedürfen einer zeitgemässen Auslegung. Die Germanwings-Debatte mit ihrem kakophonischen Klang ist genau ein Versuch, die Grundlagen der Profession neu auszuloten; zusammen mit dem Publikum, was lästig sein kann, weil Irrmeinungen und Wirrglauben oft grössere Prominenz finden als vernünftige Argumente. Es gibt keine Abkürzung mit Denkverboten.

Dafür plädiert aber auch Christian Lüscher. Im Medienblog des «Tages-Anzeiger» bezeichnet er die Kritik an der Berichterstattung zum Germanwings-Absturz als übertrieben, unsachlich und grösstenteils untauglich. Mehr noch: Die Kritiker aus den eigenen Reihen – gemäss Lüscher meist keine «News-Profis», sondern gebühren- oder stiftungsfinanziert – betreiben bloss Selbstmarketing und befeuern die Reflexe der Leser. Medienkritik, so Lüscher, verkomme leider zum Volkssport.

Sicher: Man kann auch die Medienkritik selber einer Kritik unterziehen. Sie an den eigenen Massstäben dessen messen, was man für gute oder schlechte Medienkritik hält. Was genau diese Massstäbe beinhalten, wird jedoch weder bei Moser noch bei Lüscher klar. Sollen nur die «News-Profis» Medienkritik üben dürfen, wie Lüscher andeutet? Oder sind die Diskussionen ohnehin unnötig, weil die Sachlage klar geregelt ist, wie Moser meint? Ich meine: nein. Medienkritik ist nie überflüssig. Denkverbote haben da nichts zu suchen.

Carmen Epp

Redaktorin «Tierwelt» und Kolumnistin Medienwoche

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Leserbeiträge


  1. Philippe Wampfler, 7. April 2015, 10:47

    Ich finde, hier werden zwei unterschiedliche Probleme vermischt. Am Diskurs stört mich, dass Journalistinnen und Journalisten nicht angeben, aus welchen medienethischen Positionen heraus sie zu ihren Handlungen kommen. Mein Verdacht ist, dass sich ihr Handeln nicht aus einer Reflexion ergibt, sondern schlicht und einfach Resultat eines Zwanges ist, den institutionelle Strukturen auf sie ausüben. (Deshalb der häufige Verweis darauf, wer alles auch so handelt, was selbstverständlich sei etc.)

    Die Position von Moser, sich am Kodex zu orientieren, halte ich für absolut durchdacht. Der Kodex ist ja nicht unwesentlich und nicht unreflektiert. Diese Haltung entspricht einem Regelutilitarismus - wenn es gute Regeln gibt, orientiere dich an ihnen, statt Probleme ständig neu zu verhandeln. Erst wenn diese Regeln in Konflikt miteinander geraten, muss du selbst zu einem Schluss kommen.
    Das ist etwas völlig anderes als die fehlende Position von Lüscher - der lediglich eine Abwehrhaltung zelebriert und anderen das Recht zu einer Meinung abspricht. image description

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    • Carmen Epp, 10. April 2015, 17:19

      Sich am Kodex zu orientieren, wie Moser es tut, finde ich gut. Was ich allerdings nicht teile ist die Auffassung, dass der Kodex klar ist bzw. man durch ihn zu nur einer Antwort gelangen kann. Es gibt immer einen Ermessensspielraum, wie man die einzelnen Voraussetzungen auslegt. Man kann nicht klar sagen, das öffentliche Interesse sei gegegeben (wie Moser es behauptet), sondern auch genau so gut dagegen argumentieren mit dem Kodex. Das ist mein Punkt. image description

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    • Matthias Giger, 12. April 2015, 08:45

      Genau. Der Kodex muss auf den Einzelfall angewandt werden. Hier wurde bloss behauptet, dass das öffentliche Interesse gegeben sei. So nach dem Motto: "Mein Wort ist Gesetz." Zu bedenken gilt: Plumpe Neugier ist kein öffentliches Interesse. Nochmal: Was ist der konkrete informationelle Mehrwert, wenn man den Namen des Co-Piloten kennt und dessen Foto sieht? image description

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  2. Matthias Giget, 7. April 2015, 11:36

    Bravo Carmen
    Das ist bislang die klügste Betrachtung zum Germanwings-Medienrummel, die ich gelesen habe. Journis gehen bei ihren Überlegungen betr. Veröffentlichung von Name und Bild, so behaupte ich einmal frech, so vor: tun es andere auch? Ja-->ok, nein --> dann setzen wir uns in die Nesseln. Das ist die Ethik von Sechsjährigen: Alle anderen tun es ja auch!

    Vielleicht sollte man sich besser Fragen: Was ist der Mehrwert für den Leser, wenn er Bild und den Namen serviert bekommt, und was für Auswirkungen hat dies für die Familie des Betroffenen?

    Ich kann nur für mich sprechen. Mir hat es gar nichts gebracht, das Bild und den Namen zu sehen/lesen. image description

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  3. Christof Moser, 7. April 2015, 12:34

    Danke Philippe Wampfler. image description

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  4. Stefan Bosshart, 12. April 2015, 13:14

    Es gehört wohl zum Wesen der medienethischen Diskussion, dass sie sich stets an Einzelfällen wie zuletzt dem Germanwings-Todesflug oder der Gerigate-Affäre entzündet. Und es scheint eine (positive!) Folge der Digitalisierung zu sein, dass solche "cases" ungleich stärker als früher über Social Media, Leserkommentare und Diskussionsforen wahrhafte "Medeinehtik-Lawinen" loszutreten vermögen. Begrüssenswert, wenn in solchen Situationen intensiv und in einem grösseren Kreis als früher medienethische Standards und Regeln diskutiert und neu verhandelt werden. Doch auch hier geht es letzten Endes um die Generalisierung weg vom Einzelfall hin zu künftigen ähnlichen Fällen. Die entscheidende Frage ist dann, wie nachhaltig der einzelfallbezogene medienethische Diskurs die künftige Praxis zu prägen vermag. Der Wert medienethsicher Diskussion bemisst sich insofern nicht an ihrer fallweisen Intensität, sondern vielmehr an ihrer Nachhaltigkeit. image description

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  5. Christof Moser, 13. April 2015, 15:26

    Als Dozent für Medienethik, liebe Carmen Epp, weise ich meine Studentinnen und Studenten dezidiert auf den Ermessensspielraum hin - so wie ich das übrigens auch in der Debatte mit dir getan habe. Fakt ist jedoch: Die Kodizes sind, bezogen auf die Namensveröffentlichung im Fall Gemanwings, zweifelsfrei - der Name des Co-Piloten DARF veröffentlicht werden. image description

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  6. Matthias Giger, 13. April 2015, 20:37

    Und was macht Sie so sicher, dass Sie im Fall Germanwings nicht dich plumpe Neugier mit öffentlichem Interesse verwechselt haben, Herr Moser? In welchem informationellen Mehrwert liegt das angeblich öffentliche Interesse begründet? Oder aus welchen allgemeinen ethischen Prinzipien leiten Sie es sonst ab, dass die Namensnennung Kodex-konform ist?
    Dass Sie Medienethik unterrichten ist in meinen Augen kein Argument. image description

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    • Christof Moser, 15. April 2015, 14:02

      Sie müssen die Kodizes schon kennen, Herr Giger, wenn Sie fundiert diskutieren wollen. Dass Sie keine Ahnung haben, ist auch kein Argument.

      Beispiel Deutscher Pressekodex, Richtlinie 8.1 – Kriminalberichterstattung

      (2) Die Presse veröffentlicht dabei Namen, Fotos und andere Angaben, durch die Verdächtige oder Täter identifizierbar werden könnten, nur dann, wenn das berechtigte Interesse der Öffentlichkeit im Einzelfall die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiegt. Bei der Abwägung sind insbesondere zu berücksichtigen: die Intensität des Tatverdachts, die Schwere des Vorwurfs, der Verfahrensstand, der Bekanntheitsgrad des Verdächtigen oder Täters, das frühere Verhalten des Verdächtigen oder Täters und die Intensität, mit der er die Öffentlichkeit sucht.

      Für ein überwiegendes öffentliches Interesse spricht in der Regel, wenn
      - eine außergewöhnlich schwere oder in ihrer Art und Dimension besondere Straftat vorliegt,
      - ein Zusammenhang bzw. Widerspruch besteht zwischen Amt, Mandat, gesellschaftlicher Rolle oder Funktion einer Person und der ihr zur Last gelegten Tat,
      (...)
      - eine schwere Tat in aller Öffentlichkeit geschehen ist
      (...)

      Der Germanwings-Fall ist bezogen auf die Kodizes im Vergleich zu anderen Fällen sogar ein besonders klarer Fall. image description

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      • Frank Hofmann, 15. April 2015, 15:54

        Jedenfalls haben sich die deutschen Medien - soweit ich das verfolgen konnte - an ihren Kodex gehalten. Deshalb hat diese Diskussion in der Schweiz viel mit Besserwisserei und Moralismus zu tun. Selbstverständlich sind die Schweizer Medien nicht gezwungen, die deutsche Praxis zu übernehmen - aber sie sollten sich auch nicht moralisch überlegen fühlen, wenn sie auf die Namensnennung verzichten. image description

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      • Matthias Giger, 19. April 2015, 07:41

        Lieber Herr Moser
        Den jeweiligen Pressekodex zu kennen ist eine Sache, ihn auf einen konkreten Fall anwenden zu können, eine andere Sache.
        Hier auszugsweise etwas Nachhilfe im Anwenden:
        - Identifikation der an der speziellen informationsethischen Fragestellung beteiligten Akteure oder Gruppierungen. [lässt sich gut auf medienethische Probleme anwenden]
        - Offenlegung der unterschiedlichen Interessen und Ziele [...]
        - Offenlegung des den Interessen und Zielen zugrundeliegenden normativen Verhaltens, wobei versucht werden muss, zwischen offiziellen und verdeckten Normen und Verhaltensformen zu unterscheiden.
        - Ausweis, wo Konflikte und Widersprüche zwischen den Interessen und Zielen und den normamtiven Verhaltensformen auftreten.
        - Überprüfen der normativen Verhaltensformen auf ihre ethischen Begründungsmöglichkeiten. [...]

        Passend ist dann noch der Zusatz: "Dass reale Auseinandersetzungen normalerweise nicht nach Prinzipien informationsethischer Diskurse ablaufen, weiss jeder. Interessen werden nicht oder nur teilweise offen gelegt bzw. andere als wirklich verfolgte werden deklariert."


        Nachzulesen in Kuhlen, Rainer (2004): Informationsethik. Kuhlen, Seeger, Strauch (Hg.): Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation, 5., völlig neu gefasste Ausgabe. K. G. Saur, München, S. 66.

        Der Germanwings-Fall ist bezogen auf die Kodizes im Vergleich zu anderen Fällen sogar ein besonders klarer Fall.

        Das ist ohne Begründung eine nackte Behauptung.
        Ich würde Ihnen ja beipflichten, wenn es so wäre, dass durch Bekanntgabe des Namens Schlimmeres verhindert werden könnte oder sich sonstwie ein über Neugier hinaus reichender Nutzen für irgendjemanden ergäbe. Doch das scheint mir nicht der Fall. Und da Sie die Diskussion verweigern, kann ich Ihre Position nicht nachvollziehen.

        Mein Interesse an der Diskussion ist übrigens ein sportliches. Ich bin im Vorstand von Medienkritik Schweiz und hatte kürzlich eine Vorlesung in Informationsethik beim Autor des oben zitierten Auszuges. Und ich habe Mühe damit, wenn Dinge behauptet aber nicht belegt werden – auch wenn ich als ehemaliger Berufskollege durchaus Verständnis für die im Tagesgeschäft herrschenden Zwänge und die knappe Zeit für durchdachte Entscheide aufbringen kann. image description

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        • Christof Moser, 22. April 2015, 10:36

          Herr Giger, Ich habe Ihnen die Kodex-Auszüge als Grundlage einer medienethisch korrekten Haltung hier aufgelistet, aber ich sehe, Sie irrlichtern munter weiter. Ab jetzt jedoch ohne mich. Alles Gute! image description

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          • Matthias Giger, 22. April 2015, 12:01

            Na bravo, Herr Moser.

            Nur noch so viel: Das Abwägen von öffentlichem Interesse und der Privatsphäre der Betroffenen (wozu auch Angehörige zählen), ist überhaupt das Allerwichtigste. Man kann nicht einfach ein Regelwerk her nehmen und einseitig schauen, ob die Bedingungen erfüllt sind. Das heisst man kann, Sie beweisen das, aber es ist nicht besonders intelligent. image description


  7. Urs Hochstrasser, 14. April 2015, 09:30

    in unserer freiheitlichen Demokratie von "Denkverboten" zu sprechen ist doch etwas übertrieben. Das ist m. E. das überflüssigste Modewort unserer Zeit. Ich sehe es so: Einen Text kann man schreiben, kritisieren, etc. Schlussendlich muss der Journalist / die Journalistin selbst mit dem klarkommen, was sie /er geschrieben hat. Die Verantwortung liegt letztendlich beim Autor des Textes. image description

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