Abgeschrieben? Nicht so schlimm…

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Nick Lüthi, 16. Juli 2015, 15:56

Und wieder hat es einen erwischt, diesmal den Ausland-Redaktor der Weltwoche, der fremden Text als den eigenen ausgegeben hat. Ein Fall ohne Folgen. Das Plagiat ist überall und nicht wegzukriegen, aber darum so normal.

Eigentlich hätte er nur das eigene Heft lesen müssen: «Es ist heute einfacher, ein Plagiat herzustellen. Es ist aber auch einfacher, ein Plagiat zu entdecken.» Das sagte Michael Hengartner, Rektor der Uni Zürich, vor einem Jahr im Interview mit der Weltwoche. Doch nicht alle Weltwoche-Redaktoren haben den Merksatz verinnerlicht. So brachten NZZ am Sonntag und der Tages-Anzeiger zwei Fälle ans Licht, wo Textpassagen aus der Weltwoche identisch waren mit Artikeln von Telegraph, respektive FAZ. In den öffentlichen Reaktionen wurde der Fall ebenso als Causa Weltwoche etikettiert und nicht allein als Plagiatsfall. Das Medium dient immer auch als Projektionsfläche für die Kritik.

Aber auch sonst sorgen Meldungen über ethische Grenzüberschreitungen von Kollegen für Aufsehen. Sie sind ein Spiegel für das eigene Tun. Alle können sich exakt in die Situation des Missetäters versetzen. Und man wünscht sich nicht, in dessen Haut zu stecken im Moment des Ertapptwerdens. Das leichte Schaudern beim Gedanken daran befeuert den Voyeurismus und die Lust am Einblick in den Skandal. Das obligate «Wie konnte der nur?» droht aber im Halse stecken zu bleiben. Und mit dem ebenso unvermeidlich folgenden «Wieso gerade der?» dämmert einem, dass es auch nach diesem Einzelfall weitere Einzelfälle geben wird. Als solche werden sie immer noch wahrgenommen, obwohl längst klar ist, dass es sich um eine Massenveranstaltung handelt, die nur deshalb nicht als solche verstanden wird, weil sich dann plötzlich ganz viele an der Nase nehmen müssten.

Arbeiten wir nicht alle mit Artikeln von anderen? Wer hat nicht schon Textabschnitte von einem Dokument ins andere kopiert? Und dabei vielleicht den Überblick verloren, was man selber geschrieben hat und was nicht? Obwohl die Wahrscheinlichkeit aufzufliegen noch nie so gross war wie heute, überwiegt offenbar immer wieder die Verlockung der einfachen Textübernahme. Doch welches Plagiat die Medien aufgreifen und mit dem Finger auf den Fehlbaren zeigen, steht auf einem anderen Blatt. Den einen triffts, den anderen nicht. Doch das Empörungspotenzial hält sich selbst bei den prominenteren Fällen in Grenzen. So laut jüngst gegen die Weltwoche geheult und gegiftelt wurde, so still war es nur Stunden später.

Die Weltwoche-Plagiate sind den Schweizer Medien keine Zeile mehr wert. Der fehlbare Autor hat sich entschuldigt. Der Chefredaktor hat nicht näher bezeichnete Massnahmen und Sanktionen ergriffen und sich auch entschuldigt. In einem halben Jahr wird sich niemand mehr an den Fall erinnern. Die Konsequenzen für ihre Verfehlungen ziehen die Autoren individuell und ganz unterschiedlich. «Serientäter», die mit Schreibverboten belegt wurden, haben aufgehört mit dem Journalismus, die etwas Talentierteren sind nach einer Schonfrist wieder gern gesehene Autoren. Doch die allermeisten, vor allem die «Einzeltäter», tun als wäre nichts geschehen. Einfach weitermachen. Das können sie auch deshalb, weil man sie lässt.

Denn das Plagiat hat seinen Schrecken verloren. Es gehört längst zur Normalität des Journalismus. Ein Zeichen für die grassierende Sittenverluderung im Journalismus? Kaum. Denn war es früher wirklich besser bestellt um die Berufsethik oder entdeckte man die unerlaubten Textübernahmen einfach nicht? Der nachlässig-entspannte Umgang mit Plagiaten zeigt vor allem auf, wie die Stellung des Autors in digitalen Medien erodiert. Was mit meinem Werk geschieht, bestimme nicht mehr ich alleine: ich plagiiere, ich werde plagiiert. Abhilfe verschafft wenn schon die Technik und nicht das Ethik-Seminar der Journalistenschule.

Nick Lüthi
AUTOR

Nick Lüthi

Leiter MEDIENWOCHE

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Leserbeiträge


  1. bugsierer, 16. Juli 2015, 18:03

    leider hat nicht nur das plagiat seinen schrecken verloren. auch die vielen offen geführte kriege, die grössenwahnsinnigen bescheissereien in der finanzwelt, die arschkalten megarechtsbeugungen hüben und drüben, die rückkehr des eines hemmungslos zur schau gestellten feudalismus 2.0, die multiplen phobien im schlepptau von rassismus und erzkonservatismus, die unverblühmte selbstzufriedenheit aka wohlstandsverwahrlosung, – man könnte die liste beliebig weiterführen, man müsste schreien ab diesen zuständen, tut aber (fast niemand), die summe aller schrecken ist unverdaubar und hinterlässt ein sediertes volch ohne biss und ohne rückgrat. ein albtraum. image description

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  2. Rainer Stadler, 17. Juli 2015, 11:33

    Nick Lüthi: "Arbeiten wir nicht alle mit Artikeln von anderen? Wer hat nicht schon Textabschnitte von einem Dokument ins andere kopiert? Und dabei vielleicht den Überblick verloren, was man selber geschrieben hat und was nicht?" Also bitte. Wenn man ein fremdes Dokument hinüberkopiert, setzt man es zwischen Anführungszeichen und nennt in Klammern die Quelle. Das ist Teil einer seriösen Arbeitsweise. Wer das nicht tut, arbeitet schludrig. Also kann man nicht einfach zufällig den Überblick verlieren. Blick.ch hat jüngst in einem kleinen Artikel bloss einen längeren Text von mir rekapituliert, ohne Nennung der Quelle. Ich schrieb dann dem Chef, man solle mir doch zwei Flaschen Wein schicken. Ich habe nicht einmal eine Antwort erhalten. image description

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  3. coolray, 17. Juli 2015, 15:06

    man kann es sich natürlich einfach machen. man findet dann selbstverständlich immer etwas, mit dem man das verhalten entschuldigen kann. man verharmlost und tut so als wäre das ja alles supi..und die die es anprangern nur zu faul es selber zu machen. klar..journalisten die einen srikel selber schreiben sind natürlich zu faul copy and paste zu machen ..aber dann aber sollte man dieses nonchalante allen zuzugestehen. jemand klaut was in einem laden..net so schlimm..die anderen machen es doch auch. steuerhinterziehung..machen die anderen doch auch. so kann man alles rechtfertigen , nach dem motto: ich muss das ja machen..denn sonst bin ich ja der dumme..denn wenn es alle anderen machen..dann kann und muss ich es ja auch machen. image description

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  4. Xaver Frühbeis, 18. Juli 2015, 09:07

    Alle können sich in die Situation des Missetäters versetzen. Und man wünscht sich schlicht nicht, in dessen Haut zu stecken im Moment , in dem er ertappt wird. Denn: Wer hat nicht schon Textabschnitte von einem Dokument ins andere kopiert? Und dabei vielleicht den Überblick verloren, was man selber geschrieben hat und was nicht? Und den einen trifft's halt, den anderen nicht. Das Plagiat hat mittlerweile seinen Schrecken verloren. Es gehört längst zur Normalität des Journalismus. image description

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  5. Christof Moser, 20. Juli 2015, 18:03

    Ich bin erstaunt über deine Nonchalance in deinem Versuch der Normalisierung des journalistischen Plagiats, lieber Nick. Dass ein Abschnitt in der Hitze des Gefechts zu nah an den Quellentext gerät - okay, dass kann auch mal mit der sauberen Arbeitsweise passieren, wie sie Rainer Stadler richtiger- und wichtigerweise beschreibt. Aber ganze Passagen? Und das Prinzip wiederholt in einer Serie von Texten? Das zur Normalität zu erklären, ist kühn, aber leider falsch. Sommergruss! image description

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    • Nick Lüthi, 20. Juli 2015, 22:40

      Gegenfrage: Hat sich in den letzten Jahren im Umgang mit Plagiaten irgendetwas zum Besseren verändert? Ich meine nein. Darum auch meine – einzige – Hoffnung auf technische Lösungen. Und zwar nicht primär bei der Plagiatsdetektion post festum, sondern vielmehr mit einer maschinenlesbaren Autorenkennzeichnung in einzelnen Phrasen und Textpassagen. image description

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