Die ganze Zeit das ganze Bild

360grad
Nick Lüthi, 5. Oktober 2015, 16:15

Die von Ulrik Haagerup angestossene Debatte um einen konstruktiven Journalismus treibt erste Blüten. Zeitungen richten Ressorts ein für positive Nachrichten, in der Flüchtlingsdebatte bemühen sich Medien, das ganze Bild zu zeigen. Das allein reicht aber nicht. Es geht viel mehr um eine Justierung des journalistischen Kompasses auf eine permanente 360-Grad-Perspektive.

Die Beiträge sind so voraussehbar, dass sie einen zu leicht weiterblättern lassen. Der Tages-Anzeiger rief vor einem Monat die neue Rubrik «Die Lösung» ins Leben, inspiriert von Ulrik Haagerup. Der Infochef des öffentlichen dänischen Rundfunks plädiert in einem Buch und auf Vorträgen für einen Ansatz der «Constructive News». Medien sollten nicht nur auf Probleme hinweisen, sondern auch die positive Aspekte im Auge behalten.

Der Tages-Anzeiger hat diese Aufforderung wörtlich verstanden und für den positiven, lösungsorientierten Journalismus ein eigenes Gärtchen geschaffen. Nun tragen Beiträge, wie sie auch auf der «Wissen»- oder einer anderen «Themen»-Seite stehen könnten, das Label «Die Lösung». Daran ist grundsätzlich nichts falsch. Wo liest man sonst schon, was es braucht, um aus Abwasser Wärme gewinnen zu können oder über Elektroautos im Ölland Norwegen? Wenn es aber daneben weitergeht wie bisher, bleibt «Die Lösung» die Ausnahme, welche die Regel bestätigt.

Ulrik Haagerup geht es denn auch weniger um die Einrichtung von positiv-journalistischen Wohlfühlzonen im sonst so negativen Medienangebot, als viel mehr um das grosse Ganze, um die Haltung: «Guter Journalismus bedeutet, die Welt mit beiden Augen zu sehen», sagt Haagerup. Was aber nicht bedeute, «dass Journalisten Lösungen liefern.»

Vielmehr als neue Rubriken abzufüllen, erfordert der von Haagerup vorgeschlagenen Ansatz die Bereitschaft – und natürlich auch die Ressourcen  und das Know-How dafür –, in jedem gegebenen Moment in alle Richtungen ausschwärmen zu können, über Grenzen hinweg, sowohl im Kopf als auch auf dem Globus. Es gehe darum, «Zusammenhänge aufzuzeigen, die für die Lösung globaler Probleme relevant sind», schreibt dazu Christof Moser.

Quasi als Probe aufs Exempel hält nun die Berichterstattung der Medien über die Flüchtlingssituation hin. Und es zeigt sich, dass sich gerade hier die Medien vermehrt darum bemühen, auch die andere Seite zu zeigen als das dominierende (Medien)bild vom Bedrohungsszenario Migration. So beleuchtet die «Zeit» in ihrer aktuellen Ausgaben die Flüchtlingsthematik quer durch sämtliche Ressorts aus zahlreichen Blickwinkeln mit dem klaren Bemühen um eine panoptische Perspektive im Haagerup’schen Sinne: «Die Welt mit beiden Augen zu sehen.»

Hier werden nicht Lösungen aufgezeigt, sondern die Grundlagen dafür gelegt, damit sich der Leser mit den Informationen aus der Zeitung eine eigene Haltung zu einer gesellschaftlichen Herausforderung entwickeln kann. Im Idealfall trägt das dazu bei, dass Entscheidungsträger, immerhin das Kernpublikum des politischen Journalismus, Lösungen entwicklen können.

Im Kern geht es bei der Forderung nach «konstruktiven News» um den langfristigen gesellschaftlichen und politischen Nutzwert des Journalismus. Regen die Medien nur auf oder auch an?

Nick Lüthi
AUTOR

Nick Lüthi

Leiter MEDIENWOCHE

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Leserbeiträge


  1. Angelika Chory, 11. Oktober 2015, 15:14

    Einige PublizistikstudentInnen an der Uni Wien haben eine Plattform für dieses Thema ins Netz gestellt.

    In den nächsten Wochen wollen wir möglichst viele Redaktionen per Email anschreiben um die Diskussion weiter anzustoßen.

    MfG Angelika Chory image description

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