Die Ameisenmühle

spirale
René Zeyer, 16. November 2015, 22:37

War da was in Griechenland? Was macht eigentlich Sepp Blatter? Gab es einen TGV-Unfall mit zehn Toten? Alles kein Thema in den Medien. Mega-Ereignisse, wie jetzt gerade die Attentate von Paris, vernebeln das Erinnerungs- und Beobachtungsvermögen. Warum das so ist, beschreibt unser Autor mit einer Parabel aus dem Tierreich.

Bei Wanderameisen kann man das Phänomen beobachten, dass sie in eine Todesspirale geraten. Die nahezu blinden Insekten orientieren sich bei ihren Märschen an der Pheromonspur ihrer Vorgänger. Überkreuzen sich diese Botenstoffe, beginnen die Ameisen im Kreis zu laufen. Wegen der dadurch entstehenden Selbstverstärkung schliessen sich immer mehr an, was im Tod durch Erschöpfung ganzer Heere endet.

Übertragungen von Naturphänomenen auf menschliche Verhaltensweisen sind nicht unproblematisch. Aber dieses Beispiel ist dermassen schlagend, dass seine Anwendung auf den aktuellen Zustand der Massenmedien, der öffentlichen Kommunikation in sogenannten sozialen Plattformen und die politische Meinungsbildung auf der Hand liegt.

Die erste Ähnlichkeit besteht im Phänomen des Kreisens um eine Monothematik. Arabischer Frühling, Griechenland, Flüchtlingsschwemme, Fussball-Skandal, Islamischer Staat oder das Erstarken rechtsnationaler Bewegungen: Der öffentliche Diskurs ist jeweils nur in der Lage, einem einzigen Thema nachzulaufen. Es erscheinen unzählige Artikel und Meldungen, niemand kann die Kommentare und die Wortmeldungen in den sozialen Medien überblicken, Politiker verbeissen sich mit grösster Energie in das Massenphänomen. Die Duftspur des jeweiligen Monothemas verstärkt sich unablässig selbst, im Gegensatz zu Ameisen kommunizieren die menschlichen Teilnehmer an der jeweiligen Debatte auch untereinander. In Talkshows, aber vor allem in den sozialen Medien gerät das eigentliche Thema immer mehr aus dem Fokus. Es wird darüber geredet und geschrieben, wie geredet und geschrieben wird, was gesagt werden darf und was nicht, welche Haltung, welche Motive hinter einer Aussage stehen, wohin Aussagen führen könnten.

Diese Todesspirale kann nur durch zwei Dinge beendet werden. Seltener durch allgemeine Erschöpfung aller Teilnehmer, häufiger dadurch, dass ein neues Thema das alte verdrängt. Mit geradezu ameisenhaftem Gedächtnis verschwindet meistens schlagartig ein Kreislauf wie Griechenland aus dem europäischen Diskurs, wird die islamistische Terrorgefahr beispielsweise durch die Nachrufe für Helmut Schmidt ersetzt, die wiederum durch die Attentate von Paris. Eine neue Meinungsmühle entsteht, während die Teilhaber an einem aus der Mode geratenen Rundlauf verzweifelt die sich verflüchtigende Duftspur weiterverfolgen wollen. Bis sie sich frustriert in die Büsche schlagen oder begeistert die neue Witterung aufnehmen.

Wenn Ameisen über intellektuelle Vertreter verfügen würden, gäbe es oberhalb des Fussvolks auf einer Metaebene eine zweite Mühle und darüber eine dritte und vierte. Hier würden Ameisen mit besonders grossen Köpfen abgehoben das Kreislaufen weiter unten kommentieren. Sie würden Ausdrücke wie «diskursive Disparitäten» oder «Entmythologisierung der Jetztzeit» verwenden und sich ineinander in Knäueln verbeissen. Hätten Ameisen ein Wort dafür, würden sie das «Feuilleton» nennen. Die auf diesen Metaebenen stolzierenden Ameisen würden allerdings den Ausdruck «meinungsbildende Kommentatoren» vorziehen, während sie das Gekrabbel unter ihnen mit unverkennbarem Haut-Goût betrachteten. Gefangen im eigenen Kreislauf.

Wenn Ameisen Menschen wären, hätten sie natürlich auch Politiker und Staatenlenker. Sobald diese einen solchen Kreisel entdeckten, würden sie zuerst sagen: «Wir müssen die Sorgen der Bürger draussen im Lande ernst nehmen.» Dann würden sie damit beginnen, Stoppschilder aufzustellen, Regeln für einen geordneten Kreisverkehr zu erlassen, je nach ideologischer Ausrichtung Links- oder Rechtsdrehung des Marsches verlangen, vor den Gefahren einer Bewegung in die falsche Richtung nachdrücklich warnen. Mit dem Lieblingssatz: «Ein Fortschreiten in die falsche Richtung führt in den Untergang.»

Sobald sich in der Mitte der Todesspirale ein genügend hoher Haufen von verendeten Ameisen gebildet hätte, würden menschliche Ameisen, die in ihren höheren Gefilden und als Beobachter über eigene Nahrungsquellen verfügten, zum ewig gleichen Nachruf anheben: «Ich habe gewarnt und schon immer gesagt, dass das ganz schlimm enden wird.» Anschliessend machten sie sich auf die Suche nach einem neuen Ameisenheer, dessen Marsch sie begleiten können.

Welch ein Glück, dass Menschen keine Ameisen sind und ihnen im Verhalten keinesfalls ähneln.

René Zeyer

René Zeyer

Journalist und Autor; ehemaliger NZZ-Korrespondent in Kuba 1990-2000

  • Artikel teilen, weiterleiten, drucken


  •  


Schreiben Sie einen Beitrag
  • (wird nicht veröffentlicht oder weitergegeben)
  • *Pflichtfelder
  • E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren zu diesem Beitrag abonnieren.