Lügen, Lücken und Mediendiät

Buch
Lothar Struck, 18. Oktober 2016, 10:33

Was ist am «Lügenpresse»-Vorwurf dran? Sind es nicht viel mehr Lücken als Lügen oder ist eigentlich alles gar nicht so schlimm? Drei Autoren nähern sich aus unterschiedlicher Perspektive den zentralen Topoi aktueller Medienkritik.

Wie es scheint, stösst Medienkritik in Blogs und klassischen Medienformaten zunehmend an ihre Grenzen. Zum einen nutzt es sich ab, zum soundsovielten Mal darauf hinzuweisen, dass irgendeine Zeitung wieder einmal Opfer- oder Täterbilder nicht verpixelt hat oder zu erklären, dass der EGMR kein Gericht der EU ist. Zum anderen ist es müssig, Leser von Boulevard-Zeitungen und -Portalen auf Fakten aufmerksam zu machen. Entweder das kritische Bewusstsein ist vorhanden und die Lektüre dient nur der Befriedigung der Neugier oder es besteht gar kein Interesse an den Hinweisen auf eine korrekte, presserechtliche Behandlung von Sachverhalten. Ähnlich kritikresistent wie der gemeine Leser zeigen sich auch die Medienschaffenden selbst gemessen am Wiederholungsgrad der immer gleichen Verstösse gegen Recht und Ethik.

Zwar erzielt auch Medienkritik, die analytisch von Einzelfällen abstrahiert und den Blick aufs grosse Ganze richtet nicht unbedingt die gewünschte heilende Wirkung, sie muss sich aber wenigstens nicht vorwerfen lassen, im ewigen Kleinklein zu verharren. Drei aktuelle Buchveröffentlichungen suchen nach Erklärungen und Perspektiven als Reaktion auf gängige Kritik. Da ist zum einen «Mainstream» des Medienwissenschaftlers Uwe Krüger. Fast zeitgleich erschien «Redaktionsschluss» von Stefan Schulz, einem ehemaligen Redaktor unter anderem bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Vor einigen Wochen legte dann der Publizist und Hochschullehrer Ulrich Teusch das Buch «Lückenpresse» vor.

Wiederholungen bleiben bei der Lektüre der Bücher nicht aus. So verweisen Krüger und Teusch auf die veränderten Arbeitsbedingungen von Journalisten im digitalen Zeitalter. Die Macher von Onlineportalen wie «Spiegel-Online» glauben, so berichtet Schulz, dass ihre Webseite alle 90 Minuten mit neuen Texten zu bestücken sei. Dies wird allerdings vorwiegend mit tagesaktuellen Themen bestritten, so dass hier permanent der gleiche Teig geknetet wird. Geboten wird dabei vor allem Emotion statt Information. Dermassen mit Tagesaktualitäten konfrontiert, sinkt das Interesse des Medienkonsumenten an der Tageszeitung, welche die gleichen News einen Tag später wiederkäut. Kein Wunder, brechen die Verkäufe ein und gehen die Werbeeinnahmen dramatisch zurück. Die Folge ist eine fortschreitende Prekarisierung des einstigen journalistischen Kernberufs, des Zeitungsredaktors. Überall werden Stellen gestrichen, freie AutorInnen immer weniger eingesetzt, was den Konformitätsdruck erhöht. Gleichzeitig steigen die Anforderungen; Auslandskorrespondenten müssten von Krisenherden in immer schnelleren Takten für immer mehr verschiedene Formate berichten. Die notwendige Zeit für Recherche und die selbsttätige Inaugenscheinnahme wird immer schwieriger. Journalisten verkommen immer mehr zu «Lieferanten», müssen sich durch massenhafte Agenturmeldungen, Pressemitteilungen und News-Feeds kämpfen und formulieren sie nur noch ein wenig um. Der inzwischen eingesetzte Wandel im Berufsbild und die Orientierung am veränderten Nutzungsverhalten mit neuen Formaten und Erzählweisen vermögen den Niedergang des alten Mediensytems längst nicht wettzumachen.

Merkmal dieses alten Systems ist der auffällige Gleichklang in der Berichterstattung. Hierzu erwähnen alle drei Autoren ein Zitat des deutschen Aussenministers Frank-Walter Steinmeier aus dem Jahr 2014, der von einer «erstaunliche[n] Homogenität in deutschen Redaktionen» sprach. Was ist denn nun «Mainstream»? Krüger definiert ihn als «medialen Mainstream» mit dem «zunächst einmal, ganz wertfrei, das Phänomen, dass zu einem Zeitpunkt die Mehrzahl der Leitmedien ein bestimmtes Thema behandelt oder eine bestimmte Meinung vertritt». Leitmedien sind für ihn die Nachrichtensendungen von ARD und ZDF, die Tageszeitungen Süddeutsche Zeitung, FAZ, Die Welt, Frankfurter Rundschau und der «Boulevard-Riese» Bild-Zeitung sowie die Wochenmedien Die Zeit, Spiegel, Focus und Stern nebst ihrer jeweiligen Online-Ableger.

Dabei sei nicht gesagt, dass in diesen Medien nur eine einzige Sicht oder Meinung publiziert werde, so Krüger. Divergierende Meinungsbilder kämen durchaus vor. Es herrscht also eine Art Binnenpluralismus. Aber diese Vielfalt hätte «keinen Einfluss auf die Folgeberichterstattung und die von Tag zu Tag fortgesetzte Erzählung der Geschehnisse in den Hauptnachrichtensendungen und grossen Zeitungen». Hierin erkennt Krüger ein Kennzeichen des «medialen Mainstream». Es existiere zwar Meinungspluralismus, dieser finde jedoch in der alltäglichen Nachrichtenlandschaft keine Berücksichtigung.

Krüger und Teusch untersuchen die Gründe für diesen meist vorauseilenden, selten aufgezwungenen Opportunismus von Journalisten. Zum einen gebe es durchaus eine redaktionelle politische Linie, der man um der eigenen Karriere wegen im Zweifel eher folge. Krüger glaubt zwar mit dem Vorurteil der Linkslastigkeit von Journalisten aufräumen zu können, konzediert dann jedoch aufgrund einer Milieustudie aus dem Jahr 1999 ein deutliches Übergewicht beim «liberal-intellektuellen» Milieu, dem damals zehn Prozent der Gesamtbevölkerung zuzurechnen waren, aber 43 Prozent der erfassten Journalisten. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde Krüger mit seinen Untersuchungen über die Mitgliedschaft deutscher Alphajournalisten und Herausgeber in US-amerikanischen Think-Tanks bekannt. Kann man solch ausserberufliches Engagement führender Redaktoren als harmlose Freizeitbeschäftigung abtun oder wird damit nicht auch eine bestimmte politische Linie im jeweiligen Medium vorgegeben? In einigen ihrer Aufsätze und Leitartikel fand Krüger frappierende Übereinstimmungen mit der aussen- und sicherheitspolitischen Doktrin von Nato- bzw. USA.

Teusch und Krüger sehen es als Faktum: Journalisten, die der besseren Informationen wegen die Nähe zur Macht suchten, konzentrieren sich am Ende auf die Wiedergabe und Interpretation der politischen Aussagen und Thesen, die durch die im Parlament vertretenen Parteien ausgedrückt werden. Das nennt Krüger «Indexing». Verstärkt wird dieser Effekt in Krisensituationen. Journalisten berichteten, so Krüger, unter Umständen bewusst einseitig, um nicht bestimmte Gerüchten oder Ressentiments salonfähig zu machen. So scheribt er von einem angeblich länger geplanten «informellen Gedankenaustausch» (so die offizielle Formulierung) am 30. September 2015 zwischen den IntendantInnen aller öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten im Bundeskanzleramt. Ob es hier zu einer «Verantwortungsverschwörung» in Bezug auf eine eher freundliche Berichterstattung zur Flüchtlingssituation in Deutschland kam, weiss Krüger natürlich nicht mit Sicherheit zu sagen. Aber nachträglich gab es sehr wohl einige Stimmen, die zugaben, aus Gründen der Rücksichtnahme zu einseitig positiv über die Politik der Bundesregierung berichtet zu haben.

Schwer nachvollziehbar in diesem Zusammenhang ist Krügers Verständnis für diese Art der Berichterstattung: «Es scheint plausibel, dass in Zeiten multipler, interdependenter Krisen – Ukraine, Syrien, Griechenland, Euro und Finanzmärkte, Klimawandel und Umweltzerstörung, NSA-Überwachung, islamistische Terrorismus und Flüchtlinge – der Druck auf Journalisten wächst, das angeblich alternativlos-pragmatische Krisenmanagement der eigenen Regierung zu unterstützen und es nicht mit Kritik zu konterkarieren.» Dies erinnert verdächtig an den unausgesprochenen journalistischen Codex in den USA, wonach im Falle eines Krieges des Landes nicht negativ über die US-Streitkräfte berichtet werden soll. Aber wäre es nicht die Aufgabe von Journalisten, gerade diese Schweigespiralen zu durchbrechen?

Krügers besonnenes und über weite Strecken sehr informatives Buch enttäuscht gegen Ende. So richtig seine Diagnosen im Einzelfall auch sind – wie es weitergehen soll ohne die zu Plattitüden verkommene Phrase vom «Qualitätsjournalismus» immer wieder zu repetieren, sagt er nicht. Er plädiert für rhetorische Entspannung – und zwar sowohl auf Seiten der Kritiker als auch bei den sich stets zu Unrecht attackiert fühlenden Journalisten. Andere Meinungen sollte nicht unterdrückt werden, schon um den zum Teil wilden und/oder extremistischen sich als Alternative anbiedernden Medien im Internet nicht Leser zuzuspielen. Aber wie weit kann und soll die «andere Meinung» gehen?

Teuschs These ist da schon pragmatischer: «Erstens werden Nachrichten in ganz bestimmter Weise gewichtet. Zweitens werden Nachrichten gezielt unterdrückt. Drittens werden Nachrichten in tendenziöser Weise bewertet, das heisst, es wird mit zweierlei Mass gemessen, es gibt «double standards». Daraus folgert er: «Nicht die Lüge kennzeichnet den Mainstream, sondern die Lücke. Es handelt sich nicht um Lügenjournalismus, sondern um Lückenjournalismus, nicht um Lügenpresse, sondern um Lückenpresse.» Teusch konzediert dabei sogar, dass diese Verzerrungen nicht immer absichtsvoll geschehen müssen, sondern im jeweiligen Weltbild des Journalisten begründet sind. Dabei sprächen sie mit dem Brustton der Überzeugung von der Kanzel herab, wie früher der Priester, der seiner Gemeinde den «richtigen Glauben» predigte.

Teusch liefert etliche, zum Teil gut nachvollziehbare Beispiele für tendenziösen Journalismus. Sein Schwerpunkt liegt hierbei in der seiner Sicht nach einhellig antirussischen Berichterstattung mit der Fixierung auf Wladimir Putin als Bösewicht – von der Ukraine-Krise angefangen bis zum Bericht über ein Konzert in der vom IS befreiten Stadt Palmyra, über das nur deswegen negativ berichtet worden sei, weil es mit russischer Hilfe zustande gekommen sei. Der Nachrichtenkonsument sei inzwischen darauf angewiesen, sich auch über andere Medien zu informieren. Im Beispiel um die antirussisch empfundenen Tendenzen empfiehlt er schliesslich den russischen Staatssender «Russia Today» (RT). Dabei macht er sich keine Illusionen: «Keine Frage, RT ist ein Tendenzmedium, ein Lückenmedium. Aber damit unterscheidet es sich nicht wesentlich von seinen grossen Konkurrenten, seien es konzernkontrollierte, wie CNN oder Fox News, oder quasi-staatliche, wie BBC World News oder France 24.» Interessant ist dabei nicht nur, dass er hier die deutschen öffentlich-rechtlichen Medien ausklammert. Er spricht RT sogar ordentlichen Journalismus zu und zitiert einige Mitarbeiter, die die Offenheit und Freiheit betonen. Aber wie passt dies mit seinem Urteil zusammen, dass die Inhaber der Medien über die Qualität der Nachrichten entscheiden?

Polemisch formuliert beruht Teuschs Konzept zunächst einmal darauf, Gift mit Gegengift zu therapieren. Antirussisches wird mit pro-russischem neutralisiert. Aber setzt eine solche Gegengift-Therapie nicht ein gehöriges Mass an Rechercheleistung beim Rezipienten voraus? Und wenn diametral entgegengesetzte Aussagen konsumiert werden, ist damit über den tatsächlichen Wahrheitsgehalt einer Meldung bzw. eines Ereignisses noch nichts ausgesagt. «Wir müssen lernen, Propaganda von Information zu unterscheiden», schreibt Teusch.

Also bedarf es doch so etwas wie «Vertrauen» dem Berichterstatter bzw. dem Medium gegenüber? Teusch lehnt dies sowohl als Journalist als auch als Konsument ab: «Als Journalist will ich doch nicht, dass Menschen mir vertrauen. Ich will, dass sie mich ernst nehmen, mich für kompetent halten und mir abnehmen, dass ich es ehrlich meine.» Am Ende kommt es auf die Glaubwürdigkeit an, die man der jeweiligen Informationsquelle zugesteht. Und nahezu alle Quellen bestätigen: Der Journalismus ist in einer Glaubwürdigkeitskrise.

Stefan Schulz relativiert diese Diagnose in seinem Buch «Redaktionsschluss». Glaubwürdigkeit müsse man mindestens neu definieren. Die Autorität des Journalisten sieht auch er bröckeln. Zwischen den Zeilen glaubt man zu erkennen, dass er dies nicht unbedingt für einen Makel hält. Statt Glaubwürdigkeit findet er den sehr viel weicheren Topos der «Akzeptanz». Diesen verknüpft er mit der «Pluralität» und ist damit von Teuschs Gegengift-Idee nicht weit entfernt.

Schulz schreibt ausführlich über die teilweise verdeckt im Hintergrund agierenden Bemühungen der grossen Medienunternehmen Facebook und Google (die im übrigen, kaum von Journalisten aufgearbeitet würden). Beide sägen mit ihren News-Angeboten am Zeitungsmodell und übernehmen zuerst mit Redaktoren und später dann mit programmierten Algorithmen immer mehr die Rolle des Schleusenwärters der Information. Etwas bigott ist der Ärger darüber, dass Newsfeeds vier Fünftel der Artikel gar nicht anzeigten. Dies ist allerdings nicht neu, wie Schulz bekannt sein müsste: Auch der Journalist alter Schule selektierte aus dem Angebot der Agenturmeldungen.

Wie Journalismus funktionieren könnte, zeigt Schulz an einem Beispiel aus seiner Zeit bei der FAZ als Frank Schirrmacher die Feuilleton-Redaktoren darauf ansetzte, die angeblich undurchsichtige Verordnungs- und Richtlinienfindung in der Europäischen Union zu recherchieren. Dabei fand man zum einen heraus, dass die Findung und Verabschiedung einer EU-Verordnung beileibe kein Hexenwerk sei, forschte unter anderem über die jahrelang anhaltende Blockade der EU-Datenschutzverordnung und fand nach zähen Ermittlung heraus, dass subalterne Beamte aus Deutschland die eigentlich längst gefundene Einigung zwischen Kommission, dem Europäischen Parlament und den zuständigen Ministern mit Einwänden, Zwischenfragen und Eingaben blockierten. Nachfragen hatten ergaben, dass weder die zuständigen deutschen Minister noch das Bundeskanzleramt über die Blockade informiert waren; die Beamten handelten absolut selbständig, aber auch ohne Kontrolle. Entsprechend habe es Konsequenzen gegeben.

Die entsprechenden Ressorts bei der FAZ hatten kein Interesse für die Recherche gehabt. Stattdessen habe man sich lieber in Kommentaren und Artikel über die Zähigkeit innerhalb der EU-Institutionen ausgelassen. Am Ende drohe, so Schulz, dem derart schläfrigen Journalisten das Schicksal des Müllers: Niemand braucht ihn mehr; es genügt die Mühle und der Ingenieur, der ihre Instandhaltung gewährleistet. Hinzu komme, dass der Journalist von heute eher Generalist sein muss, was auf Kosten von Expertise und Tiefe geht. Schulz beschreibt dies sehr kenntnisreich und weitgehend unaufgeregt. Er schlägt der FAZ vor, die jährlich anfallenden 150 Millionen Euro Druckkosten zu sparen und dafür 2500 Journalisten mit je 5000 Euro Monatsgehalt einzustellen, die dann wöchentlich einen gut recherchierten Artikel schreiben. Die Papierzeitung sei in der aktuellen Form nur noch für die Altersgruppe jenseits der 65 Jahre, was man bei der FAZ inzwischen offen akzeptiert habe. Sie habe als sozial verankertes Verständigungsmittel (am Arbeitsplatz, zu Hause) ausgedient. Der Nachrichtenkonsument heutzutage ist vereinzelt; die Aufmerksamkeitsspanne beträgt derzeit nur noch sieben Minuten, gleichzeitig ist das Gefühl einer immer komplexer werdenden Welt.

Schulz‘ sieht als Ausweg aus dem Dilemma eine sogenannte Nachrichtendiät. Die Feeds, Apps und Bookmarks werden nur noch einmal am Tag abgerufen. Von Live-Tickern, Twitter und ähnlichen Reizmedien sollte man sich fernhalten. Ähnlich äusserten sich zuvor bereits Alain de Botton oder Rolf Dobelli. Vor allem jedoch rät Schulz zum absoluten Verbot der Fernseh-Nachrichtensendungen, die heruntergekommen seien auf eine stilistische Mischung aus Klatsch, Emotionalisierung und Sportberichterstattung. Die derart frei gewordene Zeit könne man sinnvoller verbringen, beispielsweise mit der Lektüre von Büchern.

Was bei allen drei Autoren zu kurz kommt, ist eine Aufarbeitung der Gründe, wie es zu diesem Ansehens- und Vertrauensverlust (in Deutschland) kommen konnte. Womöglich begannen die Erosionserscheinungen nicht erst mit der Ukraine-Krise 2013. Vielleicht war dies nur der letzte Baustein eines sich über Jahre angedeuteten schleichenden Prozesses. Womöglich hat alles mit dem Irakkrieg 1991 begonnen, setzte sich dann mit der sehr einseitigen Berichterstattung zu den Jugoslawienkriegen 1991-99 fort. Auch die Berichterstattungen über den Krisen an den weltweiten Finanzmärkten 2008 und um den Euro und Griechenland von 2010 an waren keine Meisterwerke des Journalismus. Allzu häufig wurden hier ungeprüft und einseitig die Spins der Regierenden wiedergegeben – mit all den Auslassungen und Verharmlosungen, die dann später publik wurden. Vielleicht spielt auch die regelrechte Hetzjagd 2011/2012 auf den deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff eine Rolle, die schliesslich zu seinem Rücktritt führte. Vier Jahre später stellte heraus, dass keiner der Vorwürfe gegen ihn (unter anderem auch der der Vorteilsnahme) justiziabel waren.

Ein wesentlicher Punkt für die Skepsis an den Journalismus in Deutschland dürfte auch die Berichterstattung um das Afghanistan-Engagement der Bundesrepublik von 2001 an liegen, die anfangs als für die beteiligten Soldaten als nahezu risikolose Friedens- und Infrastrukturmassnahme deklariert wurde. Zu keiner Zeit wurde die in der Öffentlichkeit überwiegend skeptische Meinung zum Bundeswehreinsatz im Parlament und vor allem in den Medien entsprechend ihrem Anteil gespiegelt. Wie manipulativ in öffentlich-rechtlichen Medien noch Jahre danach berichtet wurde, zeigt sich an einem kleinen Beispiel aus dem Jahr 2009, als das Ergebnis einer Umfrage nach der Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung für den Afghanistan-Einsatz auf der Webseite der «Tagesschau» mit «Zustimmung zu Afghanistan-Einsatz gestiegen» überschrieben wurde. Im Kleingedruckten liest man dann, dass 57 Prozent für einen sofortigen Rückzug plädierten, während 37 Prozent für einen Verbleib votierten. Formal war es zwar korrekt, dass der Anteil der Befürworter gestiegen war, die Überschrift suggerierte jedoch andere Mehrheitsverhältnisse.

Die Beispiele für tendenziöse Berichterstattungen dieser Art liessen sich weiter führen. Die Berichterstattung um die Ereignisse der Silvesternacht 2015 in Köln heizten die ohnehin schon virulente Skepsis auf die etablierten Medien noch zusätzlich an. Was den inzwischen höchst sensibilisierten Nachrichtenkonsumenten noch mehr ärgern dürfte als die «Lückenpresse» ist die selbstgerechte und arrogante Eigendarstellung der verantwortlichen Journalisten, Herausgeber und Intendanten, die seriöse medienkritische Einwände gegen bestimmte Ausrichtungen in der Berichterstattung oft nur als einzelne, vernachlässigbare Fehler subsumieren und sich am Ende selber auf die Schulter klopfen, alles richtig gemacht zu haben. Diese mangelnde Einsicht und ungenügende Fehlerkultur dürfte die Verdrossenheit der Rezipienten an den sogenannten Mainstream-Medien noch potenzieren.

Wie sollte denn Journalismus heutzutage aussehen? Nur Schulz äussert sich dezidiert dazu, und es ist ziemlich überraschend, dass er das Modell des Journalisten als neutrale, objektive Instanz ablehnt und als «Selbstbetrug» bezeichnet. Es gebe keinen «neutralen Chronisten» mehr, weil der Journalist immer auch Teil der Gesellschaft sei, über bzw. in der er berichtet. Sein Beispiel ist Glenn Greenwald, der sich in Bezug auf die NSA-Überwachungen gar nicht neutral verhalten könne, da ja auch er ein Betroffener sei. Den Gegensatz zwischen Aktivist und Journalist negiert Schulz. Schon dass sich ein Journalist für eine Sache interessiere, verhindere eine neutrale Position, so lautet Schulz‘ These. Demzufolge wäre der Journalist ein Gefangener seiner Gesinnungen, was skurril anmutet, weil er mit dem gleichen Furor für den politischen Kommentator und Weltendenker ebenfalls nur Spott übrig hat. Er erklärt auch nicht, warum ein Auslandsjournalist, der aus einem Kriegsgebiet berichtet, nicht neutral sein kann.

Schulz‘ Ablehnung der objektiven Instanz führt zu einem grotesken Schluss: «Seriosität zählt nur noch wenig, weil sie dem Publikum immer weniger bedeutet.» Und weiter: «Die normative Überhöhung der eigenen Arbeit…stellt sich letztendlich als ideologischer Schmuck heraus, auf den das Publikum nicht viel Wert legt.» Dies würde bedeuten, dass der Journalist zwischen Überzeugung und Darstellung, zwischen Meinung und Realität nicht mehr unterscheiden muss und dies vom Medienkonsumenten als Normalfall empfunden wird. Dieser muss nun einen derart gemischten Beitrag bewerten, ihn akzeptieren und sich dann – Stichwort Pluralität – eine gegensätzliche Meinung besorgen. Schulz plädiert für den Journalisten mit einer «Haltung», aber das ist exakt das, was, wie die Beispiele oben zeigen, zum Verdruss führt, wenn die «Haltungen» der Journalisten in einem Medium Schlagseite haben. In einem sehr ausgiebigen Gespräch mit Ken Jebsen erwähnt Schulz die über die publizistische Verbreitung wirtschaftsliberaler Thesen (weniger Staat, mehr Privatinitiative) Ende der 1990er/Anfang 2000er Jahre in öffentlich-rechtlichen Magazinsendungen und Politiktalkshows wie «Sabine Christiansen». Hier sei, so Schulz, eine Ideologie medial beworben worden. Das Beispiel ist gut gewählt, aber wie kann er dann für den «meinungsstarken» und emotionalisierten Journalisten eintreten (siehe Greenwald), der am Ende – das zeigt sich immer mehr – Kommentar und Fakten für den Zuschauer untrennbar miteinander vermischt oder, Teuschs «Lückenpresse», «unpassendes» schlichtweg weglässt?

Sollte man also nicht eher auf weniger Kommentar und Meinungsjournalismus bestehen statt den Journalisten als Sprachrohr einer Partei, Sicherheitsstrategie, NGO oder eines Wirtschaftsverbandes zu akzeptieren? Natürlich kann man als Konsument, wie es im Gesundheitswesen heisst, «eine zweite Meinung» einholen, aber Schulz (und auch Teusch) überschätzt hier einerseits den Willen und andererseits das Zeitpotential des durchschnittlichen Publikums.

Vielleicht sollten Journalisten ihre eigenen Anschauungen und Meinungen bei der Informationsgabe zurückschrauben. Der Medienrezipient braucht keine Belehrung für die vermeintlich «richtige Sache». Der Journalist als Welterklärer – häufig vom Schreibtisch aus – hat ausser im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgedient. Das ist nicht zu bedauern. Journalismus, der etwas auf sich hält, sollte den Konsumenten in die Möglichkeit versetzen, ein eigenes Urteil zu bilden. Dies verlangt jedoch zunächst einmal den Willen zu einer möglichst objektiven Darstellung; wo es notwendig ist, auch von Details. Das ist kein Plädoyer für eine übertriebene Ausgewogenheit, wie sie in den 1970er Jahren praktiziert wurde. Subjektive Einschübe sollten aber als solche gekennzeichnet werden und nicht bereits in der Faktenberichtstattung «untergebracht» sein.

Entgegen der landläufigen Einschätzung ist die Sensibilität beim Publikum für die Phrasendrescherei aus Politik und Journalismus durchaus vorhanden. Zunächst ist das erst einmal eine gute Entwicklung. Damit sind übrigens nicht die «Lügenpresse»-Rufer gemeint. Sie spielen eine untergeordnete Rolle; ihr Geschrei permanent zu wiederholen, ist eigentlich zu viel Widmung. Das Misstrauen hat sich längst in der gut gebildeten Mittelschicht eingenistet. Es muss darum gehen, den Mediennutzer durch den journalistischen Paternalismus nicht in eine radikale Abwehrhaltung gegen Alles und Jeden zu stürzen, die am Ende in skurrile Filterblasen von zweifelhaften (politischen) Welterklärern mündet. Dabei sind diese Filterblasen erheblich gesellschaftsrelevanter und unter Umständen gefährlicher für den kollektiven Meinungsbildungsprozess als Facebook- oder Google-Algorithmen.

Lothar Struck

Lothar Struck

Blogger und Autor

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Leserbeiträge


  1. mikefromffm, 19. Oktober 2016, 11:38

    Ähhhm, ... der EuGH ist das oberste rechtsprechende Organ der Europäischen Union (EU). Das EGMR wird oft fälschlicherweise der EU zugeordnet. image description

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  2. Guido Jansen, 19. Oktober 2016, 17:23

    Wow, vielen Dank für diese ausführliche dreifach-Rezension.
    Stichwort zuwenig Zeit - nun werde ich mir die drei Bücher sparen (Schulz stattdessen im Aufwachen Podcast unterstützen) und fühle mich dennoch bestens informiert und sogar über das Fazit der drei Bücher hinauf zum Nachdenken angeregt image description

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