Trumpdämmerung der Medien

trump
René Zeyer, 14. November 2016, 11:36

Wunden werden geleckt. Analysten, Kommentatoren, Journalisten und öffentliche Meinungsträger waren kurz im Schockzustand. Und suchen nach den Gründen fürs krachende Versagen in der Berichterstattung über den US-Wahlkampf.

Wenn Weltbilder die Berichterstattung beherrschen, dann kommt es zu schmerzlichen Kollisionen mit der Welt. Bis zur Wahlnacht herrschte beinahe flächendeckend der Konsens, dass die Wähler in den USA sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit für das geringere Übel entscheiden würden, und das hiess zweifellos Hillary Clinton. Fast alle Prognosen bestätigten das, und dann geschah schon wieder das angeblich Undenkbare, das Unvorhersehbare, das Schockierende, die «Katastrophe».

Was der demokratisch gewählte 45. Präsident der USA will, was er kann, wer ihn warum gewählt hat, soll hier nicht Thema sein. Sondern die Verarbeitungsmechanismen in der medialen Öffentlichkeit. Es ist für einen Journalisten immer bitter, wenn die Realität sich nicht so verhält, wie sie es eigentlich tun sollte, nämlich so, wie der Medienschaffende sie beschreibt. Gefangen in seinem Weltbild sucht er dann nicht nach Ursachen, sondern nach Schuldigen. Aus der Flut der Suche greife ich ein herausragendes Beispiel heraus, das immer noch bedeutendste deutsche Nachrichtenmagazin. Eine «Schockstarre der Intellektuellen» konstatierte der «Spiegel». Davon hatte sich ein Mitglied der Chefredaktion aber schnell erholt und überschrieb seinen ersten Kommentar mit: «Sieg des Zerstörers», raunte von «einer politischen Katastrophe – für Amerika, für die Welt». Nein, es ist eine Katastrophe für sie. Für die Intellektuellen, Analysten, Prognostiker, Journalisten und Feuilletonisten, das neue Justemilieu, das den öffentlichen Diskurs dominiert.

Obwohl man sich der Vernunft, der Rationalität, der analytischen und einordnenden Beschreibung der Wirklichkeit verpflichtet sieht, legt der Träger eines grossen Namens im «Spiegel» noch einen drauf. Jakob Augstein überschreibt seine Kolumne mit «Trump des Willens». Ein schiefes Sprachbild, mit dem er Assoziationen zum Nazi-Propagandafilm «Triumph des Willens» über den Reichsparteitag der NSDAP von 1934 herstellen will. In seinem eigenen Sprachbild gefangen, fährt er fort: «Donald Trumps Sieg bedeutet das Ende des Westens. Die Ära des Liberalismus ist vorüber. Ein neuer Faschismus kommt an die Macht.» In einem Zirkelschluss, der geradezu aus dem Arsenal der Demagogie von Goebbels stammen könnte, begründet er diese finstere Prognose: «Denn Trump ist kein Demokrat. Er ist ein Faschist.» Also ist in den USA der Faschismus an die Macht gekommen. Warum passierte das? Weil Trump ein Faschist ist. Warum ist Trump ein Faschist? Weil in ihm «die dunkle Kraft» ist, «die im Faschismus steckt». Wie erkennt man die? «Trumps Sprache, seine Frisur, seine Gesten, der ganze Mann – eine lächerliche Figur. Aber wer sich Aufnahmen von Benito Mussolini ansieht, wird auch ihn für eine lächerliche Figur halten. Vom „Führer“ nicht zu sprechen.»

Wenn das übliche Vokabular zur Unterteilung der Welt in Gute und Böse nicht mehr ausreicht – «Hetzer», «Populist», «Fremdenfeind», «Rassist» –, dann wird zur Nazikeule gegriffen. Das ist erlaubt, wenn man der Auffassung ist, dass alle Meinungen geäussert werden dürfen, innerhalb ganz weiter Grenzen von Anstand. Also darf auch Augstein Trump als Faschisten beschimpfen. Aber es ist erschreckend. Und Augstein ist damit nicht alleine. Die aktuelle Titelgeschichte des «Spiegel» donnert die Schlagzeile hinaus: «Das Ende der Welt.» Ein letzter Rest von Wirklichkeitsbezug hat die Heftmacher immerhin dazu gezwungen, in Klammern und viel kleiner hinzuzufügen: «(wie wir sie kennen).» Illustriert ist das Ganze mit einer Art Supernova, einer Trump-Fratze, die die Erde zu verschlingen droht. Kommentar, Kolumne, Hefttitel, hat das noch irgend etwas mit der analysierenden, einordnenden und meinetwegen auch kommentierenden Beschreibung der Wirklichkeit zu tun? Die Frage stellen, heisst sie beantworten.

Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dieser reinen Demagogie erübrigt sich. Aber die Ursachenforschung kann zu interessanten Resultaten und Erkenntnissen führen. Zumindest zu vier Thesen:

  1. Trumps Triumph ist hoffentlich das Ende der «political correctness», dekretiert von den Beherrschern des öffentlichen Diskurses. Ein neues Justemilieu, das meinte, mit einer grossinquisitorischen Festlegung des Rahmens des Erlaubten sich nicht mehr argumentativ mit «verbotenen» Meinungen oder Ansichten auseinandersetzen zu müssen.
  2. Dieses Justemilieu hat immer mehr den Kontakt zur Realität verloren. Wenn es sie nicht länger ignorieren konnte, suchte es nicht nach Erklärungen, sondern nach Schuldigen. Also ein «Hetzer», ein «Rechtspopulist» schafft oder schürt ein Problem, das ohne sein unseliges Wirken gar nicht existieren würde. Ist er in die Schranken gewiesen oder mundtot gemacht, ist das Problem erledigt.
  3. Trumps Triumph hat der Selbstsicherheit dieses Justemilieus, das schon die Masseneinwanderungsinitiative, den Brexit, das Aufkommen neuer politischer Bewegungen wegstecken musste, einen weiteren schweren Schlag versetzt. Dass ein windiger, unbeherrschter und zwielichtiger Geschäftsmann ohne die geringste politische Erfahrung gegen das Polit-Establishment eine demokratische Wahl gewinnen kann, ist für das Justemilieu dermassen unfassbar, dass es nur in Begriffe wie «Katastrophe», «das Ende des Westens» gefasst werden kann.
  4. Ein klares Wahlresultat lässt sich nun selbst in der von der Realität luftdicht abgeschlossenen Welt dieser Publizisten und Meinungsträger nicht ignorieren oder schönschreiben. Aber was nach der ersten «Schockstarre» erschreckt: Nach Ursachen oder Begründungen forschen, in sich selbst, will man nicht.

Irren ist menschlich, Fehlanalysen und -prognosen können passieren, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen. Aber wer in einem Weltbild verharrt, das offensichtlich mit der Welt nichts oder nur wenig zu tun hat, ist verloren. Fühlt sich verloren. Wir erleben einen Moment, der dem vergleichbar ist, als das erste Schiff die Welt umrundete. Als das unter Magellan gewagt wurde, hatten alle Anhänger der Weltsicht, dass die Erde eine Scheibe ist und jeder, der das nicht glaubt, an ihrem Rand in einen unendlichen Abgrund fällt, ein gröberes Problem. Vor diesem Abgrund steht heute ein Nachrichtenmagazin wie der «Spiegel», und es ist nicht allein. Wer an die Theorie glaubte, dass bei Verbrennung «Phlogiston» entweicht, eine hypothetische Substanz, die dieses Phänomen erklärbar machen sollte, hatte nach der Entdeckung des Sauerstoffs ein gröberes Problem. In die Denkkammern wie der «Spiegel» dringt nun Sauerstoff ein. Aber, um im Bild zu bleiben, der wirkt nicht belebend. Er verbrennt Weltbilder, und dabei entsteht viel Rauch, viel Geschrei, viel Geschwafel. Aber leider kein Bemühen, aus Fehlern zu lernen und sich der vornehmsten Aufgabe der Publizistik zu widmen: Die Welt zu erkennen, zu analysieren, im Sinne der Aufklärung so zu beschreiben, dass Handlungsanleitungen zur Beförderung der Vernunft und der Verbesserung des Lebens aller daraus gewonnen werden können.

Stattdessen ist ein weiteres interessantes Phänomen in der Suche nach Schuldigen zu erkennen: die Wählerbeschimpfung. Obwohl eigentlich nicht sein kann, was nicht sein darf, kann nicht aus der Welt diskutiert werden, um nur drei Beispiele zu nehmen, dass die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative, der Brexit und die Wahl des US-Präsidenten im demokratischen Rahmen stattfanden. Wie ist es möglich, dass «Hetzer», «Rechtspopulisten» und der «Hassprediger» Trump, wie ihn der deutsche Aussenminister nannte, nicht die übliche Prozentzahl von Depravierten, Dummköpfen, Versagern und Verlierern um sich scharten, was aber niemals mehrheitsfähig werden kann und darf? Was macht das Justemilieu mit der Tatsache, dass also logischerweise die Mehrheit der Schweizer Stimmbürger sich abschottende Fremdenfeinde sind, die Mehrheit der Briten sich vom Haus Europa abwendende Insulaner, und die Mehrheit der US-Stimmbürger gar Faschisten, zumindest vom Wunsch beseelt, den Weltuntergang herbeiführen zu wollen? Da tanzt das Justemilieu um die Feststellung herum, dass sich die Mehrheit halt auch irren kann, zu dumm ist, den Ordnungsrufen der Vernünftigen, Intelligenteren, im Besitz der guten und daher richtigen Wahrheit Befindlichen zu folgen, daher in letzter Konsequenz Teilnehmer an demokratischen Abstimmungen vorher eine Eignungsprüfung abgelegen müssten.

Aber es gibt auch eine gute Nachricht: Nachdem diese Dunstglocke über dem freien Denken und Argumentieren immer mehr Risse bekommt, erleben wir eine Trumpdämmerung. Was auch immer er anstellen oder anrichten wird, etwas hat er bereits geschafft: Die Beherrscher des öffentlichen Diskurses sind zumindest angezählt. Sie schlagen noch wild um sich, ihre Verzweiflung äussert sich in nur noch in absurd zu nennender, höchstwahrscheinlich sogar pathologischer Realitätsverweigerung. Das geht auch noch vorbei. Und dann ist endlich wieder Platz für vernünftige Auseinandersetzungen, in denen Positionen nicht nach gut oder böse, erlaubt oder verboten, sondern nach richtig oder falsch unterschieden werden. Entscheidend ist dabei, ob die Vertreter der «political correctness» ihren Worten, dass man da möglicherweise übertrieben habe, auch Taten folgen lassen. Wenn wir die Schweizer Medienszene überblicken, bedeutete das, dass in erster Linie das Informationsmedium Nummer eins, das Schweizer Fernsehen SRF, aufhören müsste, mit zugehaltener Nase über den 45. Präsidenten der USA zu berichten. Die Tamedia, Pardon, der neu firmierte Konzern «T», müsste aufhören, nach kurzer Schockstarre mit Titel wie «Mit brutaler Polemik ins Weisse Haus» Meldung und Meinung zu vermischen.

Auch Medien unterliegen dem Gesetz von Angebot und Nachfrage. Wer nicht nur an seinem Leser (oder Zuschauer) vorbeiproduziert, macht sich selbst überflüssig. Wer keine bereichernden Informationen liefert, die dem Konsumenten helfen, die Welt besser zu verstehen, macht sich selbst überflüssig. Wer keinen Mehrwert, nur Meinung bietet, wird nicht gekauft. Haben die Mainstream-Medien die Kraft, wieder Kontakt mit der Realität – und ihren Konsumenten – aufzunehmen? Das Prinzip Hoffnung sagt ja, die Realität sagt nein.

René Zeyer

René Zeyer

Publizist und Buchautor in Zürich

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Leserbeiträge


  1. Tim Müller, 20. November 2016, 19:21

    Eine hervorragende Analyse von Hrn. Zeyer, welche die linke Medienschickeria in ihrer Selbstgefälligkeit komplett entlarvt. Ich freue mich auf weitere Artikel dieser Art. image description

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