von Peter Stäuber

Der linke Wahlerfolg in Grossbritannien als Anfang vom Ende des mächtigen Murdoch-Boulevards?

Manche Beobachter, prominent etwa Buzzfeed, wollen im überraschenden Wahlerfolg von Labour in Grossbritannien einen Bedeutungsverlust der britischen Revolverpresse erkannt haben: Die Mehrheit der Bevölkerung glaubt nicht mehr den rechten Scharfmachern, sondern vertraut linken Blogs und Online-Magazinen. Doch so einfach geht das nicht, sonst wäre ja auch der Brexit zu verhindern gewesen.

In bester Laune verfasste der Labour-Politiker John Prescott in der Wahlnacht vom 8. Juni ein Tweet: Der Medienmogul Rupert Murdoch sei laut verlässlicher Quelle aus der Wahlparty der Times «gestürmt», als sich das Debakel der Konservativen Partei abzeichnete. Dahinter setzte Prescott einen vor Lachen tränenden Smiley. Die Geschichte mag stimmen oder nicht, ausser Frage steht, dass die Parlamentswahl nicht nur für die Tories eine bittere Enttäuschung war, sondern auch für Rupert Murdoch und den britischen Boulevard.

Wenige Wochen zuvor, kurz nachdem Theresa May Neuwahlen angekündigt hatte, waren rechte Titel wie «Sun», «Daily Mail», oder «Daily Express» noch zuversichtlich gewesen: Wie praktisch alle Beobachter und Experten erwarteten sie einen Erdrutschsieg der Tories. Aber im Lauf des Wahlkampfs, als die oppositionelle Labour-Partei unter dem linken Vorsitzenden Jeremy Corbyn zu einer spektakulären Aufholjagd ansetzte, verbreitete sich in den Redaktionsräumen zunächst Unruhe und dann Panik.

In den letzten Tagen vor dem Votum legten die Boulevard-Blätter die letzten Überreste an Zurückhaltung ab – viel war nicht mehr da – und versuchten, ihre Leserinnen und Leser mit wildem Gebrüll von einem Votum für Labour abzubringen: «Apologeten des Terrors», schrie etwa die «Daily Mail» auf der Frontseite und druckte darunter Fotos von Jeremy Corbyn und seiner engen Verbündeten John McDonnell und Diane Abbott ab. Die «Sun» überschrieb eine «Recherche» über die angeblichen Verbindungen Corbyns zu radikalen Islamisten mit der nicht eben dezenten Schlagzeile «Jezzas Dschihadisten-Genossen». Am folgenden Tag warnte sie gar vor der «Apokalypse», falls Corbyn gewinnen sollte.

Nur ein Jahr nach dem Brexit, als die Revolverpresse einen ihrer grössten Triumphe feierte, scheint ihre Macht plötzlich verpufft.

Es half alles nichts. Labour gewann 30 Sitze hinzu, während die Konservativen ihre absolute Mehrheit einbüssten. Die irritierende Vorliebe für Wortspiele war bei den Redakteuren der «Sun» noch intakt («Theresa Dismay»), aber die Stimmung war dumpf – bei den rechten Zeitungen dominierten Begriffe wie «Chaos», «Angst», «Schock» und «Alptraum». Seit Jahrzehnten rühmt sich die britische Boulevardpresse, die öffentliche Meinung zu beherrschen, und lange Zeit galt es als unmöglich, dass eine Partei die Parlamentswahlen ohne die Unterstützung der «Sun» gewinnen könnte – die Murdoch-Zeitung hatte den Ruf, stets auf den Gewinner zu setzen. Aber nur ein Jahr nach dem Brexit, als die Revolverpresse einen ihrer grössten Triumphe feierte, scheint ihre Macht plötzlich verpufft.

Viele Kommentatoren sind überzeugt, dass Corbyns Triumph das Ende des einst mächtigen britischen Boulevards markiert. Und manche haben die Totengräber bereits ausgemacht: Der Erfolg Labours sei einer Reihe von linken Publikationen geschuldet, die die Debatte in den sozialen Medien dominieren. Es sind etwa Blogs wie «Another Angry Voice» oder Online-Medien wie «The Canary», «Novara Media» oder «Evolve Politics», die in vielen Fällen Aktivismus und Journalismus kombinieren. Sie ergreifen klar Partei für Corbyn und schreiben nicht nur gegen die rechtskonservative Revolverpresse an, sondern auch gegen die etablierten Qualitätsmedien wie die BBC oder den «Guardian».

Diese Publikationen bieten einen Journalismus von sehr unterschiedlicher Qualität. «The Canary» hat zuweilen eine Tendenz, eher unerhebliche Ereignisse aufzubauschen und die Leser mit reisserischen Schlagzeilen zum Anklicken des Artikels zu bewegen; nachdem Jeremy Corbyn beispielsweise ankündigte, nach Möglichkeiten zu suchen, wie die Schuldenlast von Studienabgängern reduziert werden kann, titelte die Website: «Theresa Mays schlimmster Albtraum ist gerade wahr geworden.» Demgegenüber sind die Artikel von Novara Media in der Regel sauber recherchiert und hintergründig, wenn auch stets meinungsstark und dezidiert links. In punkto Seriosität mögen sie variieren, doch gemäß der These vom Ende des Boulevards haben sie etwas gemeinsam: Dank der sozialen Medien, allen voran Facebook, vermögen diese linken Autoren zu herkömmlichen Publikationen in Konkurrenz zu treten.

Insgesamt wiesen Inhalte auf Facebook während des Wahlkampfs eine starke Tendenz zugunsten von Labour-Chef Jeremy Corbyn auf.

Das Medieninstitut Enders Analysis hat eine Untersuchung über die Wahlberichterstattung veröffentlicht, die diese Theorie zu stützen scheint: So wurden beispielsweise Artikel über die Parteivorsitzenden, die «The Canary» publizierte, auf Facebook öfter geteilt als ähnliche Texte des «Telegraph» oder der BBC. Und Blog-Einträge von «Another Angry Voice» hatten eine grössere Reichweite als die «Daily Mail» oder der «Daily Express». Insgesamt wiesen Inhalte auf Facebook während des Wahlkampfs eine starke Tendenz zugunsten des Labour-Chefs auf.

Buzzfeed publizierte nach den Wahlen eine längere Analyse, die aufs gleiche hinausläuft: Die etablierten Medien hätten ihren jahrzehntelangen Einfluss auf die öffentliche Meinung eingebüsst und seien von flinken Bloggern und Aktivisten verdrängt worden. (Zwar gibt es auch eine rechte Blogosphäre und einen britischen Ableger von «Breitbart», aber sie scheinen in diesen Wahlen eine kleinere Rolle gespielt zu haben als linke Publikationen). «Hyperparteiische Websites» hätten ihr eigenes paralleles Universum geschaffen, in dem eine kleine Reihe von Themen in die Facebook-Feeds geschwemmt werden. Der Autor nennt dazu das Beispiel der Fuchsjagd, die Theresa May entkriminalisieren wollte. Eine Analyse von Buzzfeed kam zum Ergebnis, dass neun der 20 meist geteilten Artikel über die Wahlen aus nicht-traditionellen Publikationen stammen. Besonders beliebt waren Inhalte, die nicht nur Corbyn das Wort redeten, sondern im gleichen Zug auch die traditionellen Medien kritisieren: Hunderttausende etwa lasen einen Artikel von «The Canary» mit der Überschrift: «Corbyn hielt eine Rede, die ihm zum Wahlsieg verhelfen könnte, aber die BBC zeigt sie nicht.»

Wenn die linke Blogosphäre so stark wäre, wie sie nun im Zusammenhang mit den Wahlen dargestellt wird, hätte sie ihren Einfluss auch schon früher geltend machen können.

Die wachsende Bedeutung sozialer Medien und alternativer Nachrichtenportale ist schwer von der Hand zu weisen. Aber eine Reihe von Beobachtungen legt die Vermutung nahe, dass ihr Einfluss auf den britischen Wahlkampf übertrieben wird. Da ist zunächst die schlichte Tatsache, dass linke Blogs und Websites bereits vor den Wahlen existierten und ihre Artikel auf Facebook und Twitter hunderttausendmal geteilt wurden. Das änderte aber nichts daran, dass die Labour-Partei im April 2017 ihre schlechtesten Umfragewerte seit 2009 verzeichnete. Das gleiche gilt für die Brexit-Abstimmung. Wenn die linke Blogosphäre so stark wäre, wie sie nun im Zusammenhang mit den Wahlen dargestellt wird, hätte sie ihren Einfluss auch schon früher geltend machen können.

Zudem muss unterschieden werden zwischen Inhalten, die geteilt werden, und jenen, die auch gelesen werden. Gemäss einer Erhebungen der Marktforschungsfirma Comscore dominieren etablierte Zeitungen mit hoher Auflage, sowie die BBC die Online-Berichterstattung nach wie vor: Die Website der «Daily Mail» zum Beispiel registrierte im vergangenen April rund 700 mal mehr Besucher als «The Canary».

Justin Schlosberg, Lektor am Birkbeck College, University of London, hält alternative Medien denn auch nicht für entscheidend für den jüngsten Labour-Wahlerfolg. Er verweist auf einen anderen Faktor: Die zwei Zeitungen «Daily Mirror» und «Guardian», die beide linksliberale bis linke Positionen vertreten, lehnten Jeremy Corbyn vor den Wahlen ab, stellten sich aber mit Beginn der Wahlkampagne geschlossen hinter die Labour-Führung. Für bestimmte Bevölkerungsgruppen war das ein wichtiger Faktor: «Der ‹Mirror› hat enormen Einfluss in den traditionellen Labour-Hochburgen im Norden Englands. Viele dieser Wähler hatten sich während Regierungszeit New Labours [1997-2010] von der Partei abgewandt, manche wählten in den letzten Jahren Ukip. Man erwartete, dass sie in diesen Wahlen zu den Konservativen übergehen würden.» Das geschah jedoch nicht in dem Ausmass, wie es Prognosen nahelegten: Viele kehrten stattdessen zurück zu Labour. «Der Grund war aber nicht, dass sie ‹Evolve Politics› lasen, sondern den ‹Mirror›», sagt Schlosberg. «Das ist ein Hinweis auf die anhaltende Bedeutung von Zeitungen.»

Allgemein sei es jedoch sehr schwierig, den Einfluss der Presse auf das Wahlverhalten nachzuweisen – sowohl im negativen als auch im positiven Sinn. Um das Corbyn-Phänomen zu erklären, muss also der Blickwinkel ausgeweitet werden auf die politische Botschaft des linken Vorsitzenden. Corbyn stand für den Widerstand gegen die Sparpolitik, der in den vergangenen Jahren laufend gewachsen ist – aber bei den grossen Parteien und in den etablierten Medien kaum Ausdruck fand, nicht einmal in der linksliberalen Presse. Der neuste British Attitudes Survey – die umfassendste Erhebung über die Meinungen der britischen Bevölkerung – zeigt, wie stark sich die Haltung diesbezüglich geändert hat: 48 Prozent der Befragten befürworten höhere Steuern und mehr staatliche Ausgaben zugunsten von Gesundheit, Ausbildung und Sicherheit; vor sieben Jahren, als die Austeritätspolitik begann, waren es noch 32 Prozent gewesen.

«Diese Haltungen wurden von den Medien völlig ignoriert – bis sich mit den Wahlen ein kleines Fenster öffnete und Medien, insbesondere die BBC, gezwungen waren, über diese Fragen zu berichten», sagt Schlosberg. «Das war das erste Mal, dass politische Lösungsvorschläge, die sich mit einem grossen Teil der öffentlichen Meinung decken, in den etablierten Medien eine Stimme erhielten.»

Thomas Häussler vom Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Universität Bern hält ebenfalls den politischen Kontext für wichtiger als den Einfluss alternativer Medien. Allerdings stellt er nebst der Stärke Corbyns auch die Schwäche der Premierministerin in den Vordergrund: «Theresa May hat sich konstant selbst ins Bein geschossen. Das hat es den rechten Publikationen, selbst der ‹Daily Mail›, schwer gemacht, sich voll und ganz hinter sie zu stellen.» Zudem hatte Corbyn bessere Antworten auf die Sorgen und Ängste der Leserinnen und Leser als die Tories – etwa in Bezug auf die Wohnungkrise oder die Finanzklemme beim Gesundheitsdienst: «Denn die Leserschaft der ‹Daily Mail› besteht nicht aus Millionären, sondern gerade aus jenen Leuten, die unter dieser Sparpolitik leiden», sagt Häussler.

Allerdings hätten alternative linke Medien insofern eine Rolle gespielt, als dass sie innerhalb des linken Spektrums Leute mobilisieren konnten: «Ihr Zielpublikum ist jung, urban und gut ausgebildet, und es informiert sich zunehmend über Facebook. Hier können solche Publikationen Leser anziehen.» Laut Erhebungen war die Tatsache, dass diese linken, jungen Leute am 8. Juni in grossen Zahlen an die Urne gingen, mitunter entscheidend für Labours Erfolg: Gemäss einer Schätzung des Meinungsforschungsinstituts Ipsos Mori stieg der Anteil der 18-24-Jährigen Wählerinnen und Wähler um 16 Prozent im Vergleich zu den Wahlen vor zwei Jahren.

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Leserbeiträge

Lahor jakrlin 13. Juli 2017, 03:27

Ich finde es lustig, wie die Verlierer-Partei Labour zur Gewinner-partei umgeschrieben wird. Aber egtl ist es nicht wirklich Neues: Auch in der Schweiz tritt eine SP als die Partei auf, welche Bedingungen stellt und den andern sagt, was Sache ist. Und die Medien machen brav mit.

Aber vlt ist das bloss ein Minderheitenschutz: Ohne Mediensupport gäbe es die Linke längst nicht mehr, und die Welt wäre friedlicher.

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