AUF DEM RADAR

Neuenburger Zeitungen, Genfer Milliardär, Digitaler Service-public, Leichte Sprache

Neuenburg: Eine fusionierte Zeitung für die bessere Kohäsion des Kantons?

Die Neuenburger Tageszeitungen L’Impartial (erscheint in La Chaux-de-Fonds, der grössten Stadt des Kantons) und L’Express (erscheint in Neuenburg, der Hauptstadt des Kantons) werden bereits seit 1996 von einer gemeinsamen Redaktion produziert. Nur in der jeweiligen Lokalberichterstattung und der Titelgestaltung unterscheiden sich die beiden Blätter. Jetzt steht der nächste grössere Umbau an. Eine naheliegende Option wäre die vollständige Fusion und noch eine einzige Tageszeitung für den Kanton herauszubringen. Publikum und Politik äussern sich dazu kontrovers: Manche sähen in einem solchen Einheitsblatt ein sinnvolles Instrument zur Förderung der Kohäsion in einem oft zwischen «oben» (La Chaux-de-Fonds) und «unten» (Neuenburg) gespaltenen Kanton. Andere wiederum befürchten, dass mit dem verschwinden lokal verankerter Titel die regionale Berichterstattung geschwächt würde. Entschieden sei noch nichts, versichert die Chefredaktion. Nur so viel: Man handle nicht primär unter ökonomischem Druck, sondern mit der Absicht, das Angebot aufzuwerten in Form, Inhalt und Darreichung.

Genfer Milliardär übernimmt Slate.fr

Wenn Schwerreiche im Mediengeschäft mitmischen, denkt man in der Schweiz gemeinhin an Christoph Blocher. Vielleicht kommt einem noch Walter Frey in den Sinn. Aber wohl kaum das Genfer Ehepaar Benjamin und Ariane de Rothschild, Präsident und Vize-Präsidentin der Privatbank Edmond de Rothschild. Die mit 2.2 Mrd. Franken Vermögen auf Platz 64 der aktuellen «Bilanz»-Liste der Reichsten in der Schweiz aufgeführte Familie hat die Mehrheit der Anteile am Online-Magazin slate.fr übernommen. Der französische Ableger des gleichnamigen US-Portals wurde 2009 u.a. vom Wirtschaftswissenschaftler und früheren Mitterand-Berater Jacques Attali gegründet. Finanziell kam slate.fr nie auf einen grünen Zweig. Vor einem Jahr stieg Benjamin de Rothschild als Hauptaktionär ein. Mit der nun erfolgten Übernahme geht ein Sparprogramm einhehr. Die Redaktion wird von zwölf auf sieben Mitarbeitende reduziert, und auch die Geschäftsleitung wird ausgewechselt. Wie die «Libération» schreibt, stehe der neue CEO Marc Sillam den Rotschilds nahe. Inhaltlich will sich das Magazin auf lange Formate konzentrieren, die vor allem von freien Autorinnen und Autoren eingekauft werden. Der Zugang bleibt kostenfrei und finanziert werden soll das Ganze weiterhin über Werbung.

Digitaler Service public: für einen zeitgemässen Auftrag

Der ARD-Digitalexperte und Deutschlandradio-Moderator Dennis Horn skizziert ein paar Eckpunkte für eine zeitgemässe Weiterentwicklung des öffentlichen Rundfunks. Anlass dazu sind u.a. medienpolitische Entscheide, die in nächster Zeit anstehen. So fände es Horn angebracht, wenn nicht die Politik, sondern die Anstalten selbst darüber entscheiden könnten, welche Angebote sie auf welchen Plattformen für ihre Zielgruppe produzieren wollen. Die Inhalte müssten auch als Text angeboten werden können, was bis heute auf Widerstand der Verleger stösst. Wichtiger aber scheinen die beiden Punkte, die direkt das zahlende Publikum betreffen. So findet Horn, die Öffentlich-rechtlichen in Deutschland sollten ihre Nutzer aktiver in des Geschehen einbeziehen «und das Community Management nicht länger als Anhängsel» verstehen. Ausserdem müssten die vom Publikum finanzierten Inhalte von diesem auch aktive genutzt werden können, was mittels Creative-Commons-Lizenzen zu bewerkstelligen wäre.

Journalisten kritisieren Leichte Sprache

Die Berliner «Tageszeitung» verteidigt das Konzept der Leichten Sprache und reagiert damit auf zwei Artikel in FAZ und B.Z., die sich jüngst kritisch zu dieser Form der barrierefreien Informationsvermittlung geäussert hatten. Ihren Artikel bietet die taz auch in einer Version mit Leichter Sprache an. Zum einen thematisiert die Replik falsche Vorstellungen, was Leichte Sprache überhaupt leisten kann und soll. Lieber unvollständige Information als gar keine Information, reagiert die taz auf die Kritik der FAZ. Die B.Z. wiederum beziehe sich in ihrer Kritik auf eine schlechte Übersetzung. Und ganz generell: «Journalisten sollten sich infor­mieren, bevor sie Leichte Sprache kritisieren.»

Weitere Beiträge dieser Woche

Regionalmassaker, NGO-Recherche, Emmy-Nachlese, Sprachrevolution

Fast vierzig Schweizer Regionalsender in Gefahr

Sollten die Schweizer Stimmberechtigten die Gebührenfinanzierung für Medien verbieten, dann träfe dies in erster Linie die SRG. Sie ist schliesslich auch gemeint mit der «No-Billag»-Initiative über die 2018 an der Urne abgestimmt wird. Existenziell bedroht von einem Subventionsstopp wären aber aber auch 36 private Medienunternehmen, die heute zu grossen Teilen über Gebühren mitfinanziert werden, darunter nahezu sämtliche Regional-TV-Sender sowie Dutzende Lokalradios. «Die bisher insgesamt 67.5 Millionen öffentlicher Beiträge durch kommerzielle Aktivitäten zu ersetzen, wäre in den kleinen regionalen Märkten unmöglich», schreibt Philipp Cueni.

NGO-Recherche zwischen Aktivismus und Journalismus

Die entwicklungspolitische Nichtregierungsorganisation Public Eye (früher: Erklärung von Bern) dokumentiert ihre Arbeit regelmässig mit journalistischen Formaten. So auch aktuell mit ihrer Recherche zu den Geschäften des Genfer Ölhändlers Gunvor im Kongo. Sowohl Web-Reportage als auch die gedruckte Broschüre kommen als sorgfältig produzierte redaktionelle Produkte daher. Doch ist das Journalismus oder einfach verkleideter Aktivismus? Klar ist: Hier beobachten wir eine Verschiebung statt, die nicht aufhalten lässt. NGOs transformieren sich zu Redaktionsbüros, heuern Journalisten an, Recherchieren mit den gleich Mitteln und Methoden wie unabhängige Medien. Allerdings mit einem zentralen Unterschied: Die Themenwahl erfolgt entlang der politischen Agenda der Organisation.

Die Emmy-Awards als Gradmesser für den TV-Wandel

Die diesjährige Verleihung der wichtigsten Fernsehpreise in den USA markiert einen Wendepunkt: Erstmals erhielt mit «The Handmaid’s Tale» die Produktion eines Streaming-Dienstes den Emmy in der wichtigen Kategorie «Bestes Drama». Der Erfolg von Streaming-Produktionen ist auch Zeichen eines Kulturwandels: Das lineare Fernsehen musste auf die Wünsche und Bedürfnisse von Werbekunden und Massenpublikum Rücksicht nehmen, Plattformen wie Netflix, Hulu und Amazon dagegen sind nur ihren zahlenden Abonnenten verpflichtet und können darum freier programmieren.

Der nächste Zug, den die Medien nicht verpassen sollten

Die Zukunft ist da, aber die Medienunternehmen merken es (noch) nicht. Mit Spracheingabe, smarten Lautsprechern und Künstlicher Intelligenz haben die grossen Technologiekonzerne wie Google, Amazon, Microsoft oder Apple den Weg vorgezeichnet. Bereits jede fünfte Suchanfrage auf Google wird gesprochen eingegeben. Dass diese Entwicklung auch Medien und Journalismus prägen wird in den nächsten Jahren, steht ausser Zweifel. Aber was tun? Allmählich reagieren erste Redaktionen und Verlage mit Experimenten und Angeboten. Trushar Barot hat eine umfassende Bestandesaufnahme zusammengetragen für Niemanlab.

Faktencheck im Gegencheck, europäisches Verlegerrecht, Hommage an das Radio, Trump-Verharmlosung

Der zentrale Mangel des «Arena»-Faktenchecks im Tages-Anzeiger

Wer kontrolliert eigentlich die Kontrolleure? Fakten-Checks gerieren sich als ultimative Instanz der Wahrheitsfindung. Aber was, wenn diese vermeintlich neutralen Akteure selbst Schlagseite aufweisen? Der FDP-Lokalpolitiker und Medienblogger Alain Schwald hat darum einen Fakten-Check des Tages-Anzeigers zur «Arena» des Schweizer Fernsehens unter die Lupe genommen. Sein Urteil zum Check zur Sendung über die AHV-Reform fällt grundsätzlich positiv aus. Gleichzeitig ortet er aber einen zentralen Mangel: Bei vielen von der Redaktion geprüften Fakten handele es sich gar nicht um Fakten, sondern um Meinungen, diagnostiziert Schwald. Und Meinungen liessen sich nicht nach «richtig» oder «falsch» beurteilen.

EU unterstützt Verlage im Kampf gegen Google

Die Europäische Kommission hält an ihren Plänen fest, ein europäisches Verlegerrecht schaffen zu wollen, mit dem Zeitungsunternehmen vor Google geschützt werden sollen. Im Interview mit der Stuttgarter Zeitung erläutert EU-Haushaltskommissar Günther Oettinger wie man sich das in Brüssel vorstellt mit diesem «verbesserten» Aufguss des in Deutschland implementierten aber letztlich untauglichen Leistungsschutzrecht. Im Behördensprech sagt der EU-Funktionär: «Wir streben eine moderne Gesetzgebung im digitalen Binnenmarkt an.» Oettinger sieht bessere Aussichten auf Erfolg, wenn sich ganz Europa gegen Google stellt als wenn das nur einzelne Länder tun. Kritiker des Vorgehens sehen die freie Verlinkung im Web in Gefahr, wenn bestimmte Formen des Zitats kostenpflichtig werden sollen.

Die vergessene Radiogeschichte

Audio ist ja gerade wieder mächtig im Kommen. Smarte Lautsprecher beflügeln Podcast-Fantasien und kein Tag vergeht, ohne dass nicht irgendeine Zeitung eine Audio-Offensive bekanntgibt und auch die Radiosender experimentieren mit neuen Formaten. Radio lebt. Das hat zwar nie jemand ernsthaft infrage gestellt, aber halt auch nie wirklich laut gesagt. Jochen Maass holt das nun nach in der Wirtschaftswoche mit seiner kleinen Radiogeschichte als Hommage an ein totgesagtes Medium.

Trump kriegt gute Presse – ist das gut?

Für einmal macht Trump positiv von sich reden in den Medien. Seine Annäherung an die Demokraten schlägt sich in der besten Presse für den US-Präsidenten seit den Raketenangriffen auf Syrien. Matthew Dessem findet das gefährlich: Die Medien liessen sich blenden von einem vermeintlich an seinem Amt gewachsenen Präsidenten. Dass machthungrige Staatsmänner nur ein wahres Gesicht haben, das sie aber gut verstecken können, dokumentiert Autor Dessem anhand verharmlosender Berichten über Hitler aus der US-Presse der 1930er-Jahre.

Verlegermanifest, Multimediapraxis, Halbwahrheiten, elektrischer Bleistift

Verlegerverband: Wir können das alleine und ohne den Staat!

Wer ein Manifest veröffentlicht, signalisiert damit, die Reihen geschlossen und sich auf einen Standpunkt geeinigt zu haben. Mit dem Medienpolitischen Manifest akzentuiert der Verband Schweizer Medien seine bisherigen Positionen. In drei von vier Punkten geht es um die «Grundproblematik». Damit meint der Verband das «Verhältnis zu Staatsbetrieben», wozu er Post, Swisscom und SRG zählt. Ins gleiche Kapitel gehört auch die Ablehnung weiterer gesetzlicher Medienregulierung, sowie der direkten Medienförderung. Das neue Profil des Verlegerverbands trägt stärker als zuvor eine starke Anti-Staat-Stossrichtung. Daran lässt sich auch die Handschrift von BaZ-Verleger Markus Somm ablesen, der im Verbandspräsidium für das Ressort Medienpolitik zuständig zeichnet.

Digitale Medienexperimente in Schaffhausen

Lokalzeitungen stehen zwar noch solider auf ihrem Papierfundament als die Blätter in den Grossagglomerationen. Doch in den nächsten Jahren steigt der Digitalisierungsdruck auch in den Regionen. Was tun? Oft fehlen Ressourcen und Fachwissen. Anders bei den Schaffhauser Nachrichten. Mit Janosch Tröhler verfügt die kleine Tageszeitung über einen umtriebigen und versierten Online-Produzenten. Am Multimedia-Tag der Journalistenschule MAZ bot Tröhler einen Einblick ins Digitallabor der Schaffhauser Nachrichten. Ein Leitsatz lautet: Experimente sind Trumpf. Das Risiko lasse sich zudem minimieren, weil die kleine Redaktion praktisch nur mit kostenlosen oder sehr günstigen Tools arbeitet. Im Handout zum MAZ-Vortrag findet sich ausführliches Anschauungsmaterial, sowie eine Liste der verwendeten Tool.

Roger Schawinski redet Online-Werbung schlechter als sie ist

Da hat sich wohl einer zu früh gefreut. In einem Blog-Beitrag für persoenlich.com begrüsst Roger Schawinski den Entscheid eines grossen Konsumgüterkonzerns, künftig weniger Online-Werbung zu buchen. Als Radiopionier weiss Schawinski natürlich, wo Werbung hingehört: ins Radio. Allerdings gibt das grosse Bild wenig Anlass zu solchen Jubelarien. Denn der erwähnte Konzern hat sein Werbebudget über alle Vektoren gekürzt, also auch die Radiowerbung.

Er war der erste Autor, der einen Roman am PC schrieb

Das Programm hiess «electric Pencil», elektrischer Bleistift, und kam als erste Textverarbeitungssoftware überhaupt 1976 auf den Markt. Der kürzlich verstorbene Science-Fiction-Autor Jerry Pournelle gab für den Betrieb von «electric Pencil» 12’000 Dollar aus, als er sich daran machte, als erster Schriftsteller einen Roman am Computer zu schreiben. Die Investitionskosten, so schätzte Pournelle, hätten sich durch den erhöhten Titelausstoss und dadurch erhöhte Verkaufszahlen bereits nach einem Jahr amortisiert, schreibt Ansgar Warner auf e-book-news.de.

Print macht Podcast, Propagandasender, homogene Journalistenrunde, Futurologenschicksal

Audio aus der Zeitungsredaktion

Ein Trend geht um: Immer mehr Redaktionen von Zeitungen und Zeitschriften verbreiten ihre Inhalte auch via Podcast. Dass Audio ausgerechnet jetzt einen Schub erhält, hat viel mit den «smarten» Lautsprechern zu tun, die Amazon, Google und Apple auf den Markt bringen. Dereinst wird man auf Zuruf seine Lieblungsradiosendung oder eben: den Zeitungspodcast seiner Wahl abrufen können. Radiomacher This Wachter bietet in seinem Blog einen Überblick zu den Printmedien im Podcastfieber.

Eine gut geölte Propagandamaschine

In einer ausführlichen Recherche zeigt die New York Times, wieso die russischen Staatsmedien ein sehr effizientes Instrument sind im Informationskrieg gegen den Westen und warum sie schwieriger zu bekämpfen sind als etwa Hacker, die in IT-Systeme eindringen und damit Datendiebstahl begehen: «Doch RT und Sputnik operieren unter den Bedingungen der westlichen liberalen Demokratie; sie gelten als Nachrichtenorganisationen, geschützt durch das First Amendment und das liberale Ethos des Internets.»

TV-Duell: Unternehmer befragen Politiker

Wichtige Nachlese zum «TV-Duell» zwischen Angela Merkel und Martin Schulz: Wolfgang Michal weist im «Freitag» darauf hin, dass die vier Journalistinnen und Journalisten, welche die Kanzlerin und den Herausforderer befragten, einen ähnlichen biografischen Hintergrund aufweisen; sie sind alle erfolgreiche, gut verdienende Medienunternehmer. Das sei nicht weiter zu kritisieren. «Aber fragen wird man schon dürfen, ob es thematisch nicht zu extremen Verzerrungen kommt, wenn sich die Fragesteller biographisch kaum unterscheiden, wenn sie alle den gleichen sozialen Status und das gleiche Alter aufweisen und mehr verdienen als Kanzlerin und Herausforderer zusammen.» Konkret hat Michal beobachtet, dass Fragen zur sozialen Gerechtigkeit im «TV-Duell» nur als Randthema behandelt wurden.

Die Sache mit dem Horx-Zitat

Wenn sich Zukunftsforscher mit ihren Prognosen vertun, ist das ein gefundenes Fressen für die Kritiker der Futurologie. Das weiss auch Matthias Horx. 2001 sagte er: «Das Internet wird kein Massenmedium.» Auf den ersten Blick eine brutale Fehlprognose. Doch wie so oft, fehlt bei diesem Zitat der Kontext. Und der sei entscheidend, sagt Horx im Gespräch mit Linus Schöpfer im Tages-Anzeiger. Er habe mit seiner Aussagen den Unterschied zu Radio und TV betonen wollen: «Das sind Medien mit klarer Sender-Empfänger-Struktur. Dagegen ist das Internet ein komplexes Multimedium, in dem Einzelne mit Einzelnen, Gruppen mit Gruppen und sofort kommunizieren können.»