von Nick Lüthi

Das Bewerbungsschreiben

Walter de Gregorio kehrt dem Journalismus den Rücken und wird Wahlhelfer von Fifa-Präsident Sepp Blatter. Das berichtet die WoZ in ihrer morgigen Ausgabe. De Gregorios Ambitionen Gott näher zu kommen, waren bereits in seinem letzten Interview mit Blatter nicht zu überlesen. Das Gespräch in der Weltwoche vom vergangenen Dezember liest sich wie ein Bewerbungsschreiben. Entsprechend sorgte es nach der Veröffentlichung für Irritation. Mein Beitrag für die WoZ vom 16. Dezember 2010.

(..) Ein Interview hätte es werden können, eine Walliser Weisswäsche ist dabei herausgekommen; bestenfalls geeignet zur Veröffentlichung im Organ des Weltfussballverbands. Das Gespräch liest sich gerade so, als hätten Roger Köppel und Sportreporter Walter de Gregorio, einen Filter zugeschaltet, der alles, was eine vorteilhafte Selbstdarstellung Blatters beeinträchtigen könnte, automatisch aus dem Fragenkatalog verbannt. Vermutlich sieht so das Gegenteil von Journalismus aus. Jede Steilvorlage für vertiefendes Nachfragen verpassen die Journalisten dermassen offensichtlich, dass von Mutwilligkeit ausgegangen werden muss. Etwa wenn Blatter behauptet, in der Fifa gebe es „keine systematische Korruption“. Weshalb die Relativierung? Heisst das, es gibt „unsystematische“ Korruption? Fragen, die sich der Leser stellt, aber keine Antwort erhält. Stattdessen folgt die ebenso umständlich, wie handzahm formulierte Frage: Kann es sein, dass Joseph Blatter auch Fehler begangen hat? Unwidersprochen darf der Fussballkönig den Korruptionsprozess gegen die Fifa-Marketingfirma ISL als „uralte Kamelle“ darstellen. Uralt? Das Verfahren wurde erst vor ein paar Monaten eingestellt. Aktenkundig belegt wurde dabei unter anderem, dass Spitzenmitarbeiter der Fifa Schmiergeld in Millionenhöhe erhalten haben. Fragen dazu? Fehlanzeige. Auf dem Spielfeld würde ausgewechselt, wer derart Chance um Chance vergibt. Nicht so beim Blatter-Interview. Die ganzen Korruptionsvorwürfe gegen Fifa und Entourage sei das Hirngespinst von ein paar ihm feindlich gesinnten Journalisten, darf der Fussballkönig unwidersprochen von sich geben.

Der „Weltwoche“ ist immerhin zugute zuhalten, dass sie den Leser überrascht, ja verblüfft. Für einmal keine Endloskritik an Blatter, sondern eine Plattform, wo sich der Fifa-Präsident ungestört von bohrenden Journalistenfragen ausbreiten darf. Weil Blatterkritik mehrheitsfähig ist, hält die „Weltwoche“ konsequent dagegen. Wäre das Gros der Medien des Lobes voll für den Fussballchef, wir könnten mit Bestimmtheit in ebendieser Zeitschrift ein kritisches Interview mit Blatter lesen. Das ist nicht Journalismus, sondern Kontrarismus; eine letztlich langweilige, weil berechenbare Masche.

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Leserbeiträge

Fred David 20. April 2011, 11:06

… wenn kurz danach auf sowas gleich ein lukratives Jobangebot folgt, darf man das ruhig als korrupten Journalismus bezeichnen.

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ch. 21. April 2011, 18:07

@fred david: WdG sieht das offenbar etwas anders…. http://www.persoenlich.com/news/show_news.cfm?newsid=94815

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