von Edith Hollenstein

Glücksfall statt Recherche

Der «Reporter»-Beitrag der Schweizer Fernsehens über die «Blick»-Seite-1-Girls ist «flach herausgekommen». Nicht nur aufgrund der mangelnden Intellektualität, sondern vor allem deshalb, weil die gezeigten Frauen keineswegs charakteristisch sind für die Blick-Girls. Damit wurde «Reporter» auch seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht.

Der SF-Reporter-Beitrag baut auf der teilweise unangenehm intimen Geschichte von Michaela Krummen, 33-jährige Mutter und Hausfrau aus dem Emmental. Ein veritabler Glücksfall für die Reporter-Autorin Helen Arnet. Denn ihr Film lebt fast vollständig von Krummens erwartungsloser Offenherzigkeit. Arnet (44, Studium der Germanistik und Volkskunde mit Vertiefung in feministischer Geschichte, seither im Journalismus) ist durch blossen Zufall auf Krummen aufmerksam geworden. «Ringier schlug mir einen interessanten Fall vor: Eine Frau, die von ihrem Mann zum Shooting angemeldet wurde. Das fand ich spannend», sagt Arnet. Darf sich eine Reporter-Autorin bei der Recherche zur Frage «Warum wollen Frauen Blick-Girl werden?» auf ein zwar aussergewöhnliches, aber keineswegs exemplarisches Beispiel beschränken?
Nein. Denn so erfüllt der Beitrag das Credo der Redaktion nicht («Reporter stellt Menschen ins Zentrum, deren Schicksal gesellschaftliche oder politische Trends illustriert.»). Diese Vorgehensweise lässt keinen Schluss auf eine allgemeinere Erkenntnis zu. Der Reporter-Beitrag basiert auf einem episodisches Beispiel, bei dem der besondere Unterhaltungswert Auswahlkriterium war – oder vermutlich sogar ein Vorurteil. Schade, denn der Beitrag wäre durch eine exemplarische, die Grundgesamtheit aller Blick-Girls abbildende Auswahl der Protagonistin aussagekräftiger geworden. Es sind nämlich nicht nur Verkäuferinnen, Servicemitarbeiterinnen und Coiffeusen, die auf Zeitungspapier viel Haut zeigen. Denn eine Anfrage bei Ringier zeigt: Es machen immer mehr auch Studentinnen oder Universitätsabsolventinnen mit.

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