von Torsten Haeffner

Noch fehlen klare Strategien

Und nun? Haben die Diskussionen etwas gebracht? Wir meinen klar: Ja. Auf unsere Serie zur Kommentar(un)kultur in Online-Medien gab es zahlreiche Rückmeldungen; konkrete Vorschläge, wie die Qualität des Dialogs mit der Leserschaft verbessert werden könnte. Zum Abschluss der Serie ein Rückblick und Ausblick. (Teil 1 «Jeden Tag Krawall», Teil 2 «Wenn der Leser ausrastet», Teil 3 «Es gibt Hoffnung auf Besserung» )

Ein Zyniker, wer denkt: «Vielleicht kommen den Redaktionen die oft himmelschreienden Argumente, Spekulationen, verbalen Rundumschläge und Unflätigkeiten in den Online-Kommentaren ganz zupass. Schliesslich sollten die Leser nicht klüger erscheinen als die Journalisten.» Für die MEDIENWOCHE gilt diese Einschätzung nicht, erst recht nicht für diese Serie «Online-Kommentare», die mit diesem Beitrag zu Ende geht.

Durchwegs kompetent, gesittet und zivilisiert wurde in den zahlreichen Kommentaren argumentiert. Max Trossmann, Mitglied des Schweizer Presserats, veranlassten die Wortmeldungen zum Kommentar: «Immerhin, dieser Wortwechsel hat Niveau und Substanz.»

Herzlichen Dank dafür an alle Leser und Kommentatoren der MEDIENWOCHE – und gleich auch die Aufforderung mit dem Nachdenken, Argumentieren und Kommentieren nicht aufzuhören. Das Thema bleibt relevant. Dies zeigen auch die anderen Diskussionen im Netz, beispielsweise auf diesem Blog.

Zumal in den Redaktionen oftmals Unsicherheit darüber herrscht, wie denn nun mit den Online-Kommentaren künftig verfahren werden soll; was auch bei der Recherche zu dieser Serie spürbar war. Die Frage stellt sich: Verfügen die Online-Redaktionen über klar formulierte und schlüssige Ziele («Was wollen wir mit den Leserkommentaren erreichen?») und über eine daraus abgeleitete Strategie («Wie erreichen wir dieses Ziel?»)?

Durch viele der eingegangenen Kommentare ziehen sich zwei Forderungen: Die Wortmeldungen sollten nicht anonym erfolgen. Und: Die Redaktionen müssen die Online-Kommentare stärker moderieren und sich stärker beteiligen und einmischen. So moniert beispielsweise Kommentator Martin: «… ich kenne keine einzige Schweizer Medien-Website mit Kommentaren, die moderiert werden.» Und Konrad Weber machte den Vorschlag: «Anonyme Kommentare sollten in Zukunft nicht mehr erlaubt werden. Hinweise zu Missständen und Recherchetipps können weiterhin anonym via Kontaktformular an die Redaktion gesandt werden.»

A. Haefeli diagnostiziert schliesslich: «Weniger Ressourcen (= weniger Moderation) sorgen eben nicht nur in den Zeitungen selbst für Qualitätsverlust, sondern auch in den Kommentar-spalten.» Die mehrfach ausgesprochene Forderung an die Redaktionen, mehr Ressourcen in den Redaktion-Leser-Dialog zu investieren, wirft allerdings eine zentrale Frage auf: Gehört es überhaupt zum Kerngeschäft einer Redaktion, rund um die Uhr für den Leser da zu sein und ihm quasi ein Wohlfühlbecken zu offerieren, in dem er seine subjektive und im Zweifelsfall beliebige Meinung äussern kann?

Vielleicht mag es antiquiert anmuten: Medien müssen nicht Verkündungsbecken für x-beliebige Lesermeinungen sein, sondern haben zuvorderst den Auftrag, Informationen zu beschaffen, diese kompetent aufzubereiten, sachkundig zu interpretieren, zu publizieren und mit ihren Artikeln den Leser zu befähigen, sich eine Meinung bilden und eine Entscheidung fällen zu können. Das ist ihr Kerngeschäft. Darin liegt ihre Kernkompetenz. Der Dialog mit dem Leser gehört zur Kür.

In diesem Sinne liesse sich dafür plädieren, Online-Kommentare

  • entweder abzuschaffen und sich auf die eigenen Kernkompetenzen zu konzentrieren oder
  • bei Qualitätsmängeln die Kommentare genauso hart zu redigieren, zu kürzen und zu korrigieren wie die redaktionellen Beiträge (es ist nicht einzusehen, wieso bei Leser-Kommentaren weniger Qualität zulässig sein sollte) und/oder
  • wegzukommen vom reinen Meinungskommentar und den Leser beispielsweise anhand konkreter Fragestellungen zu spezifischen Problemlösungs-Vorschlägen aufzufordern (siehe letzter Absatz in Teil 3 dieser Serie «Es gibt Hoffnung auf Besserung»).

Unter diesen Voraussetzungen wäre ein Nutzenzuwachs sowohl für die Redaktionen als auch für die Leser beinahe garantiert.

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