von Stephanie Rebonati

Der Michèle-Roten-Monat

Michèle Roten ist Journalistin, Autorin, Mutter, Ehefrau und 32. Sie fährt Rennrad, nicht Damenvelo. «Das Magazin» zeigte am 8. Oktober 2011 seine Miss Universum-Kolumnistin auf dem Cover: in Seidenfoulards gehüllt mit ihrem nackten Baby auf dem Arm. Von Walter Pfeiffer fotografiert. Ein schwuler Kult-Fotograf porträtierte eine Neo-Feministin. Ein schönes Bild. Es war der Startschuss für den Michèle-Roten-Monat.

Am 8. Oktober brummte das Handy. Eine SMS war eingetroffen: «D’Roten ufem Magazin-Titelblatt. Auso derä hets würklech is hirni gschneit, kuss». Der Absender war ein 32-jähriger Mann. Die Empfängerin eine 23-jährige Frau. Sie freute sich. Die Gruppe der 20-plus-Jährigen freute sich. Und wie.

Dem Cover folgte ein Artikel, in dem Michèle Roten erstmals ihr Buch «Wie Frau sein. Protokoll einer Verwirrung» vorstellte: «Jede Frau, die ich kenne, ist für die soziale und politische Gleichheit der Geschlechter, aber Feministin nennt sich keine Einzige von ihnen». Erkenntnis: Der Feminismus hat ein Imageproblem. Das verdanken wir den Gegnern, die nachhaltig Klischees in die Gesellschaft pflanzten. Roten machte mit «Hoppla, ein neuer Feminismus!» auf ihr neues Buch neugierig.

Am 15. Oktober feierte eine Freundin ihr 24. Lebensjahr. Neun Frauen im Alter von 20 plus waren geladen. Alles Studentinnen: Germanistik (1), Populärkulturen (1), Textildesign (1), Wirtschaft (1), Publizistik (1), Kommunikation (4). Michèle Roten war auch dabei: sie und ihr Sohn lagen auf dem Fenstersims. Die Frauen reichten «Das Magazin» weiter wie einen Joint und diskutierten. Ambra, eine 26-jährige Germanistikstudentin und Nachwuchsjournalistin: «Dieses Buch wird eh nur Rotens Hardcore-Fangemeinde aus dem Tagimagi-Einzugsgebiet kaufen und so viele können das nicht sein». Bissige Stute?

Weiter. Am 24. Oktober war Michèle Roten zu Gast in der Sendung Focus auf Radio DRS 3. Ein Arbeitskollege schickte den Link mit einer Bemerkung: «Reden kann die Frau auch nicht». Und Ambra von oben doppelte nach: «Warum dieser flapsige Ton und die komplette Verweigerung, sich oder das Buch auch nur ansatzweise zu erklären?»
Kann Michèle Roten besser schreiben als reden?

Und weiter. Am 28. Oktober erschien Michèle Rotens Buch im Echtzeit Verlag und am Abend fand die Lesung im Zürcher Kaufleuten statt. Am Eingang wurden pinkfarbene Pins mit abgebildeten Venus-Herz-Zeichen verteilt. Wirkte irgendwie anbiedernd, diese Marketing-Massnahme. Der Klubsaal war voll. Eine junge Frau Mitte zwanzig fragte ihre Begleitung:

-Worum geht’s eigentlich?
-Um Feminismus.
-Aha.
-Ja, sie, also die Michèle Roten, ist Kolumnistin beim Tagimagi, das ist ein mega cooles, urbanes Magazin für junge urbane Menschen wie wir, weisch. Ja, sie verficht voll so einen neuen Pop-Feminismus. Sie schreibt in so Schwanzlutscher-Sprache.
-Mhm.

Die Lesung enttäuschte. Michèle Roten las aus ihrem Buch und jene Zuschauer, die den Artikel zwei Wochen zuvor in «Das Magazin» gelesen hatten, erfuhren nichts Neues. Auch das anschliessende Gespräch mit Altfeministin, Beziehungsberaterin und Psychologin Julia Onken befriedigte kaum. «Wie Frau sein» wurde ausschliesslich gelobt, keine spannende, kritische Diskussion geführt, sondern Klischees und abgelutschte Männer-Frauen-Witze bedient. Michèle Roten lachte mit, doppelte nach. Warum verkaufte sich diese talentierte Frau unter ihrem Wert? Ist das emanzipiert?

Dann die Überraschung. Das Buch. Besser, als es die öffentlichen Auftritte erahnen liessen. Michèle Roten zitiert Studien und macht faire Vergleiche: «Gehen wir also mal davon aus, dass Männer ihr Bild von Sex und Frauen beim Sexmachen aus Pornos beziehen, dann ist das durchaus ein bisschen unangenehm. Aber die Vorstellung, dass Frauen ihr Bild von Beziehungen und Männern beim Beziehungmachen aus Filmen haben, das finde ich, ehrlich gesagt, ähnlich gruselig.» In ihrer unverblümt, klugen Art schreibt Michèle Roten darüber, wie sich die Kohorte der 30-plus-Jährigen so fühlt. Rückblickend und ausblickend gleichzeitig.

Nur, das ist nicht alles neu – was die Autorin aber auch deklariert: «Diese Unsicherheit spiegelt sich in meinen Kolumnen der letzten zwei Jahre zu diesem Thema, die Sie hier noch einmal lesen können, und in den paar längeren Magazin-Artikeln. Der Rest sind neu entstandene Texte und Notizen.» Das nervte, weil man als regelmässige Roten-Leserin auf Schnee von vorgestern stiess. Ebenfalls deklariert Michèle Roten, dass ihr Buch kein Manifest sei, keine Ideologie, keine Handlungsanweisung und es werde «nicht einmal Antworten liefern. Es wird eher noch ein paar Fragen mehr auftun.» Darf man das? Ambra: «Das ist eine Frechheit.»
Hat Michèle Roten Angst, Stellung zu beziehen und als Feministin (nach klischierter Definition) abgestempelt zu werden? Ist das emanzipiert?

Die 20-plus-Jährigen hatten sich auf Michèle Rotens Meinung gefreut. Am 31. November trafen sich ein paar Freundinnen vor dem Kino. Kinomontag.

Ambra: Ich habe keine Lust auf Kino, ich will Michèle-Roten-Bashing machen.
Noemi: Nimm’s mal easy. Du bist nur eifersüchtig.
Lily: Sag doch mal, was dich wirklich stört. Du nervst.
Ambra: Okay. Sie war immer so eine Art Vorbild, quasi immer ein paar Schritte weiter vorn, bewundernswert und beneidenswert.
Lily: Und?
Ambra: Ja, dann heiratet sie und macht ein Kind und schreibt ein Buch über einen neuen Feminismus. Traditionell und progressiv. Mega cool. Avantgarde.
Lily: Ja voll.
Ambra: Und dann tritt sie im Radio auf und an der Lesung und wirkt so voll nicht souverän.
Lily: Bei Aeschbacher und im Kulturplatz vor paar Jahren war das auch schon so. Vielleicht ist sie einfach so. Ist doch okay?
Ambra: Ja, aber die tut immer so cool und abgeklärt und ist es in echt dann doch nicht.
Noemi: Nimm’s mal easy.
Ambra: Sie ist DIE Neo-Pop-Feministin per se: Journalistin, Autorin, Mutter, Ehefrau, klug, talentiert, hot. Sie hat doch so viel dazu zu sagen und dann gräbt sie alten Müll aus dem Miss Universum-Archiv aus und knallt’s in ein Buch.
Noemi: Das du innert fünf Stunden verschlungen hast.
Ambra: Ich bin enttäuscht.
Lily: Erwartungen waren schon immer dein Problem. Mach ne Therapie und schreib Roten danach einen Leserbrief.
Ambra: Fick dich.
Und so endete der Michèle-Roten-Monat.

Buchhinweis: «Wie Frau sein. Protokoll einer Verwirrung», Michèle Roten, 2011 im Echtzeit Verlag erschienen, ISBN: 978-3-905800-45-6.

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Leserbeiträge

Köbi Bünzli 18. November 2011, 11:47

Statt die ganze Zeit über Frau Roten zu quatschen und zu schreiben solltet ihr besser rausgehen, saufen, rumvögeln und Kinder machen. Dann hättet ihr auch etwas Interessantes über euch selbst zu schreiben.

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20-plus Jährige 18. November 2011, 17:44

Haha danke für den Tipp Herr Bünzli! Stellen Sie sich vor, das machen wir durchaus. Wir unterhalten uns aber auch über aktuelle Themen und einige schreiben sogar noch Artikel darüber. Die Artikel über die von Ihnen genannten Themen werden ja bereits von Frau R. geschrieben, und ob das interessant ist, darüber lässt sich streiten.

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Peter Weirach 18. November 2011, 14:33

Michele Roten wird total überschätzt. Smiley in Gedichte setzten, ficken, Schwantzlutschen mit Abwaschen und Abstimmen in einem Atemzug nennen, kann ja nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Live hat die gute Frau die Präsenz eines Billy-Büchergestells. (Ich weiss, dass ist nicht nett, aber Frau Roten teilt auch gerne aus, ohne das wir spiessigen Männer, die nicht den Züri-Kult mitmachen, etwas entgegnen könnten). Sie sollte mal bei Frau Schwarzer eine Nachhilfestunde nehmen. Diese «alte» Frau analysiert treffender, schreibt besser und ist erst noch witzig. P.S. Ihr Buchzitat: «Gehen wir also mal davon aus, dass Männer ihr Bild von Sex und Frauen beim Sexmachen aus Pornos beziehen, dann ist das durchaus ein bisschen unangenehm. Aber die Vorstellung, dass Frauen ihr Bild von Beziehungen und Männern beim Beziehungmachen aus Filmen haben, das finde ich, ehrlich gesagt, ähnlich gruselig.» Hier finde ich gruselig, wie einfach abgeschrieben wird, habe ich vor Jahren in einer Ami-Populär-Studie gelesen. Also der übliche Tagi-Kost-nix-copy-past-Journalismus.

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Mara Meier 21. November 2011, 20:02

Michèle Roten. Vor allem: oberschnoddrige CH-Mediokrität in provinzieller Überkompensation und Permanenz. Blondes Faszinosum als Mix aus Schamlosigkeit und nägelkauendem Rückzug. Alle Sex-Registerli gnadenlos gezogen, semiprofessionelle Züri-Ego-Bewirtschaftung, die geil wirkt bis etwa nach Pfäffikon. Alle neulich kritisch reflektierten Strategien des Weibes selbst übernutzt bis in Ehe und Mutterschaft (und weiterhin). – Warum nicht? Aber die Texte, die bleiben fad.

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Torsten Haeffner 30. November 2011, 23:59

Werte Frau Rebonati
Also mir gefällt Ihr Text besser als jenes, was ich bisher von Frau Roten gelesen habe (war aber auch nicht so viel…). Gut geschrieben.

Andererseits: Warum man sich hier in den Kommentaren schon wieder so über Frau Roten und ihre Werke aufregt, verstehe ich nicht. Ich finde, man muss als Schreiber(in) kein Glaubensbekenntnis o.ä. ablegen, wie es die Fan- oder Hasser-Gemeinden offenbar fordern. Lesen und schätzen diese Damen und Herren nur, was ihnen ins eigene ideologische Raster passt?

Herzlichst,
Torsten Haeffner

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Mara Meier 06. Dezember 2011, 06:03

Salbungsvolle Morgenklänge. Und nur nebenbei, kurz und schmerzlos, in einer Zeit des Lichts und der Harmonie der Völkär und Märkte, des Verständnis’ für alle Autorän und Wärke der Wält, die da sollen, wie sie gerade wollen – ohne jeden Ideologiezwang, versteht sich: Auch Kommentare d ü r f e n etwas Tempo oder Inhalt haben. Sie müssen natürlich nicht, werter Herr Haeffner, sie dürfen, wenn Sie wollen oder mögen oder können. Das liegt ganz an Ihnen.

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