von Dani Landolf

Vielfalt bewahren – heute und morgen

Die Buchpreisbindung passt als Kulturförderungsinstrument bestens in die neue Medienwelt. Mit fixen Preisen werden Inhalt und Qualität verkaufsentscheidend. Internationale Online-Händler wie Amazon halten sich sehr wohl an die Gesetzgebung der belieferten Länder. Ausserdem ist die Buchpreisbindung eine effiziente und schlanke Marktregulierung, weil sie ohne Subventionen und zusätzliche Bürokratie auskommt.

Fakt ist: Im Buchmarkt ist seit einigen Jahren eine Veränderung im Gange, die die Branche stärker wandelt als alles, was seit Gutenberg geschehen ist. Die Digitalisierung verändert nicht nur Trägermedium, Produktion, Vermarktung und Handel, sondern künftig auch Inhalte, die Rolle des Autors und auch die der Leserinnen und Leser von E-Books. Und trotzdem wird auch hier die Regel gelten: Das neue Medium wird das alte ergänzen, es aber nicht ersetzen. Das gedruckte Buch hält sich ausgesprochen gut. Selbst nach Jahren des angekündigten digitalen Durchbruchs sind die Umsätze von E-Books im deutschsprachigen Raum noch unter zwei Prozent. Und auch wenn diese Zahl schon bald stark zunehmen wird, Printbücher werden im europäischen Publikumsmarkt eine wichtige Rolle behalten.

Damit zurück zum Schweizer Buchpreisbindungsgesetz, über das am 11. März abgestimmt wird. Die Preisbindung gilt für gedruckte Bücher in Schweizer Landessprachen und für alle Verkaufskanäle, also für die Buchhandlung um die Ecke ebenso wie für den Buchdiscounter oder den Onlinehandel. Und dies auch grenzüberschreitend, obwohl die Gegner unermüdlich und mit Hilfe des FDP-Bundesrats Schneider-Ammann versuchen, den klaren Willen des Parlaments zu beugen, das eine Ausnahmeregelung für den grenzüberschreitenden Internethandel explizit aus dem Gesetzesentwurf gestrichen hat.

Dass diese Regelung gar nicht so speziell ist wie immer dargestellt, zeigt ein Blick über die Landesgrenzen: In sämtlichen Nachbarländern und Hauptimportländern der Schweiz gilt die Preisbindung auch fürs Internet, und funktioniert problemlos. Amazon & Co. halten sich an die Gesetze, selbst im grenzüberschreitenden Handel nach Österreich, wo das gleiche Buch wegen der unterschiedlichen Mehrwertsteuer etwas teurer ist als in Deutschland. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass dies bei einer Wiedereinführung der Preisbindung in der Schweiz anders sein sollte.

Erstaunlicherweise tun speziell regelmässige Internet-User so, als sei eine solche technische Lösung, die einer geografisch definierten Zielgruppe ein spezielles Angebot macht, ein Unding. Dabei sollte inzwischen doch klar sein, dass wir im Netz permanent lokalisiert werden, und zwar wenn ich mein GMX-Mailprogramm öffne ebenso wie wenn ich auf einem Online-Shop oder in sozialen Netzwerken unterwegs bin. Demzufolge werden mir Produkte gezeigt und Angebote gemacht. Und auch die Durchsetzung der Preisbindung ist einfacher, als von den Gegnern immer wieder behauptet. Kein Zollbeamter und kein Polizist hat damit etwas zu tun. Kontrolliert wird durch einen von der Branche bezahlten Preisbindungstreuhänder nämlich nur das Angebot des Händlers, und nicht der einzelne Käufer. Dabei reicht es, wie die Praxis zeigt, wenn die Marktleader mit gutem Beispiel vorangehen, sprich Amazon, Weltbild oder buch.de.

Bücher sind Wirtschafts- und Kulturgüter. Sie unterscheiden sich damit von Turnschuhen oder Raviolibüchsen. Die Preisbindung ist das bewährteste und einfachste Förderinstrument, um die Vielfalt zu erhalten – egal ob in der alten oder der neuen Bücherwelt. Denn wie Deutschland oder Frankreich zeigen, kann das Prinzip auch ohne weiteres auf E-Books ausgedehnt werden. Wenn jedes Buch seinen vom Verlag im Wettbewerb mit zehntausenden andern Titeln kalkulierten Preis hat, sind Inhalt und Qualität kaufentscheidend. Die Händler profilieren sich nicht über Preisnachlässe, sondern über Dienstleistungen und Service. Damit werden die aus Grossbritannien bekannten Rabattschlachten verhindert, bei denen die Kleinen immer am kürzeren Hebel sitzen, Discounter den unabhängigen Buchhandel plattwalzen und am Ende ein oder zwei Anbieter übrigbleiben – was nicht nur kultur-, sondern auch wirtschaftspolitisch deutlich fragwürdiger ist als eine einfache Marktregulierung. Und eine bunte Buchhandelslandschaft ist für die kulturelle Vielfalt unabdingbar: Denn trotz Amazon & Co brauchen (noch) unbekannte Autoren und die kleinen Verlage den unabhängigen Buchhandel. Sie brauchen Buchhändlerinnen und Buchhändler, die Titel ins Sortiment nehmen, welche sie inhaltlich überzeugen, und nicht nur Stapelware von Starautoren oder Werke mit hohen Werbekostenzuschüssen von international tätigen Grossverlagen.

Und schliesslich ist kein anderes Kulturförderinstrument als die Preisbindung effizienter und für den Staat billiger, in Zeiten knapper Staatskassen ein weiterer nicht zu unterschätzender Vorteil: Kein Franken Steuergeld wird eingesetzt, keine Kommission entscheidet, was gefördert werden soll. Die Leserinnen und Leser helfen mit ihrem Kauf, die Vielfalt zu fördern – egal, welche Bücher sie lesen und wo sie sie kaufen. Und wir alle profitieren zudem von guten Preisen übers gesamte Sortiment und nicht nur von Rabatten auf einzelnen Bestsellern.

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Leserbeiträge

Martin Steiger 23. Februar 2012, 21:57

«Und dies auch grenzüberschreitend, obwohl die Gegner unermüdlich und mit Hilfe des FDP-Bundesrats Schneider-Ammann versuchen, den klaren Willen des Parlaments zu beugen, das eine Ausnahmeregelung für den grenzüberschreitenden Internethandel explizit aus dem Gesetzesentwurf gestrichen hat.»

Grenzüberschreitend? Ja. Aber, so ausdrücklich der Gesetzesentwurf in Art. 2 Bst. 2, nur gewerbsmässig. Wer als Privatperson aus der Schweiz heraus im Ausland ein Buch kauft – egal ob offline oder online – und sich dieses zusenden lässt oder selbst importiert, handelt nicht gewerbsmässig. Bundesrats Schneider-Ammann kann den Gesetzesentwurf lesen, Sie sollten es eigentlich auch können …

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Jürg Fischer 27. Februar 2012, 11:40

Die ständige Betonung der Befürworter der Preisbindung, das Buch sei etwas anderes, sprich besseres und edleres als ein Turnschuh oder eine Raviolibüchse, geht erstens an den Tatsachen vorbei und zeugt zweitens von einer erheblichen Arroganz.
Erstens: Ich habe als Verlagsbuchhändler den Entstehungsprozess diverser Bücher hautnah miterlebt – da ging es von A bis Z um kaufmännische Entscheide, von der verkaufsfördernden Ausstattung über die knallharte Preiskalkulation bis zur treffenden Werbestrategie, die auch bei der Herstellung jedes Turnschuhs und jeder Raviolibüchse zur Anwendung kommen. Wir leben in einer kapitalistischen Wirtschaft, wo mit Produkten Gewinn generiert werden soll. Ob das gut ist oder nicht, darum geht es bei der Abstimmung vom 11. März nicht.
Zweitens: Wir sollten Bücher endlich in erster Linie als Konsumgut und nicht als Kulturgut wahrnehmen, als evident wichtiges Konsumgut, notabene. Ich kann nicht leben ohne Bücher. Und wir sollten viele Menschen dazu bringen, dass sie ebenfalls Bücher lesen. Zum Leben brauchen wir aber genauso sehr auch die Konsum- und Kulturgüter Ravioli (Essen) und Turnschuhe (Kleidung). Ein paar Milliarden hungrige und lumpgig gekleidete Menschen im Trikont würden das den Damen und Herren Kulturgutsachverständigen gerne bestätigen.

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Harry Hirsch 06. März 2012, 18:30

Was den Umgang mit dem Internet betrifft gibt es wohl keine Branche, die so reaktionär, borniert und fortschrittsfeindlich ist wie der Buchverband und ihre Zeloten vom Buchhandel.

Wie mich die Arroganz und Selbstgefälligkeit eurer Damen und Herren vom Buchverband und ihre gleichgeschaltete Lakaien ankotzt, deren Läden sie gerne so selbstgefällig und eingebildet als letzte Bastion der abendländischen Kultur sehen – und dann trotz ihres pseudoegalitärem und -sozialen Geschwafels in ihrem reaktionärem Denken dann doch nichts anderes einfällt als dem mündigen Bürger noch mehr Bevormundung, Zwang und Willkür durch den Staat und dem Buchverbandsfilz aufzubürden und es den Möchtegern-Intellektuellen einmal mehr wieder nur darum geht, auf unsere Kosten sich gegenseitig Vorteile und noch mehr Geld in Form von höheren Margen zuzuschanzen.

Aber da könnt ihr noch lange von der guten alten Zeit des Buchhandelsmonopols träumen, als ihr uns noch hemmungslos und ungeniert mit überteuerten Buchpreisen abzocken konntett – der Onlinehandel wird euch so oder so den Gar aus machen; da wird auch ein noch so repressives Preiskartell und willkürliche Internetzensur euch nicht mehr retten können.

Denn anders als ihr verkrusteten Fortschrittsverweigerer weiss unsere internetaffine Generation bestens mit dem Internet umzugehen und wird immer Mittel und Wege wissen euer Preisdiktat zu umgehen bis auch eure Buchhandelsmeschpoke letztendlich an der Gier und Beschränktheit zugrunde gegangen sein wird – es wird sich nämlich noch bitter rächen dass ihr so fanatisch gegen die eigenen Kundschaft und vor allem die ganze Internetgemeinde gekämpft habt.

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