von Fabian Baumann

Der Provokateur

Michael Bahnerth ist einer der umstrittensten Journalisten auf dem Medienplatz Basel. Seine oftmals schlüpfrigen Auslassungen über Sex, Feminismus und Veganertum sorgen in der Stadt regelmässig für Empörung. Dabei sind die Provokationen des BaZ-Autors oft simpel gestrickt und leicht durchschaubar. Wer seine Texte nicht mag, sollte ihm nicht den Gefallen tun, sie allzu ernst zu nehmen.

«Ich Kleinbürger weiss, wovon ich spreche, wie sich das anfühlt, zumindest für den Moment eines Augenblickes Playboy zu sein.»

Michael Bahnerth in der Basler Zeitung vom 8. August 2014.

Schwungvollen Schrittes kommt Michael Bahnerth die Treppe herauf. Trotz seiner fünfzig Jahre ist das sonnengebräunte Gesicht jugendlich geblieben, das aufgeknüpfte Hemd gibt den Blick auf die behaarte Brust frei. Bahnerths Lächeln ist selbstbewusst: ein echter Kerl, einer, der weiss, was er will. Ein Playboy, der Frauen wie Männer für sich einnehmen kann.

So oder ähnlich würde Michael Bahnerth wohl ein Porträt über Michael Bahnerth beginnen. Bahnerths Sprache ist salopp, manchmal derb, seine Themenwahl kontrovers. Seine Texte handeln von «Strassennutten» und vom «Flatrateficken», von besoffenen Hinterwäldlern im Wallis und von Martina Hingis’ «verruchtem Mund». Besonders in Erinnerung geblieben ist ein Porträt der Basler Regierungsrätin Eva Herzog, das ihm 2012 einen veritablen Shitstorm einbrachte.

Kein Wunder, dass Bahnerth die Leserschaft der Basler Zeitung polarisiert. Kein Wunder auch, dass er in meinem – selbstverständlich linksliberalen – Basler Bekanntenkreis nicht gerade Begeisterungsstürme entfacht. Wer die BaZ noch liest, hat über Bahnerth wenig Gutes zu berichten. Für meine Freunde ist Bahnerth ein «Hassprediger», «betreibt Schlammschlacht-Journalismus», «schreibt auf Schülerzeitungsniveau». «Sprachlich gut, inhaltlich primitiv» ist noch das positivste Urteil, das ich zu hören bekomme.

Eigentlich wollte ich mit Bahnerth ja vegan essen gehen, den militanten Karnivoren mit seiner Horrorvorstellung einer rein pflanzlichen Ernährung konfrontieren. Dann kam die Absage: Er esse abends nicht vegan, liess Bahnerth wissen. So sitzen wir nun halt bei einer Flasche Rotwein auf der Terrasse des «Don Camillo» in der ehemaligen Basler Warteck-Brauerei und warten auf das gebratene Lammrückenfilet mit Ofengemüse und Kartoffeln, das Bahnerth hier immer bestellt.

Was sind die
«Blocher-Medien»
– und wer gehört dazu? Retten sie den Journalismus oder schaffen sie ihn ab, geht es um Information oder Propaganda? Die MEDIENWOCHE beleuchtet in einer Serie Persönlichkeiten und Medien, die in einer Beziehung mit dem Politiker und Unternehmer Christoph Blocher stehen.

Offen gestanden finde ich viele von Michael Bahnerths Artikeln etwas, na ja, doof. Zu repetitiv seine Themen (Sex, Veganer, Frauen, das Mannsein, Sex), zu offensichtlich seine Provokationen (Sex! Sex! Sex!), zu simpel das Weltbild, welches er vertritt (geniesserische Playboys vs. lustfeindliche Emanzen-Veganer). Trotzdem, einen gewissen Unterhaltungswert haben Bahnerths boulevardeske Elaborate manchmal schon, gerade dadurch, dass sie sich eigentlich vorwiegend um seine eigenen Neurosen drehen. Und ab und zu veröffentlicht Bahnerth auch ein differenziertes Porträt, zum Beispiel jene über Ralph Grosse-Bley oder Niklaus Meienberg. Der arrogante Boulevard-König und der spöttische Querulant: zwei Charaktere, für die Bahnerth offenbar viel Verständnis aufbringt.

Auf jeden Fall war ich im Vorfeld des Treffens überzeugt, dass ein Abendessen mit Bahnerth unterhaltsam sein dürfte. Und tatsächlich: Bahnerth ist witzig, jovial, spricht viel und flüssig, hört sich selbst gerne sprechen. Und kann sich durchaus auch einmal in Rage reden, wenn es um seine Dauerbrenner-Themen geht: missionarische Veganer, Gender Studies («Bullshit!») und die Bevormundung der mündigen Bürger durch staatliche Überreglementierung. Die Rolle des Mannes (sprich: Michael Bahnerths) nach der Emanzipation der Frau ist auch so ein Thema – das scheint ihn, warum auch immer, ernsthaft zu beschäftigen.

Hätte ich aber gehofft, dass Bahnerth im Gespräch eine haarsträubende Aussage nach der anderen bringt (und ein bisschen habe ich das natürlich schon gehofft), ich wäre enttäuscht worden. Vieles, was er in seinen Artikeln völlig überspitzt formuliert («Die Geschichte der Emanzipation ist eine Tragödie. Und zwar für alle Beteiligten.»), klingt im Gespräch viel moderater («Selbstverständlich war die Emanzipation der Frau keine negative Entwicklung. Aber nun müssen auch wir Männer uns neu definieren.»). Man kann ihm dann zwar immer noch widersprechen, ihn zu etwas mehr Gelassenheit aufrufen. Aber als der reaktionäre Berserker, als den ihn manche sehen, gibt sich Bahnerth nicht. Offensichtlich ist er hier, bei Lammfilet und Rotwein auf der gemütlichen Terrasse, nicht im Provokationsmodus.

Bahnerth, der nie studiert hat, ist gebürtiger Basler, hat aber viele Jahre in Berlin gelebt und als Reisejournalist für die «Zeit» gearbeitet. 2011 ist er, wie so viele Heimwehbasler, nach Basel zurückgekehrt. Und beklagt sich nun, wie so viele Basler, über die Provinzialität seiner «furchtbar kleinen» Heimatstadt, die sich selbst viel zu wichtig nimmt und die ihm, dem kosmopolitischen Lebemann, durch Rauchverbote und «Veloisierung» das Leben schwer macht.

Dafür ist Bahnerth voll des Lobes für seinen Chefredaktor Markus Somm: «Soviel Freiheit hatte ich noch nie. Ich kann schreiben, was ich will.» Wobei diese Narrenfreiheit nicht wahnsinnig erstaunt – teilt der Freiheitsapostel Bahnerth doch viele von Somms konservativ-libertären Ansichten. Dass er aber für Somm eine politische Agenda mitträgt, dass er zuständig ist für die Verteidigung eines konservativen Gesellschaftsbilds, dass sein Chef ihn ganz bewusst als Agent Provocateur einsetzt: all dies bestreitet Bahnerth. «Ich bin weder rechts noch links, sondern ein Freund des gesunden Menschenverstands. Aber ein funktionierender Liberalismus ist nun mal eher rechts der Mitte zu finden.»

Überhaupt schreibe er lieber über das, was die Menschen beschäftigt, als über die «Schattengefechte» der Politik. Bahnerth, der – natürlich – auf Hemingway und Hunter S. Thompson steht, hat denn auch gar kein Problem damit, als Boulevard-Journalist bezeichnet zu werden: «Das Schonungslose des Boulevards finde ich spannend, das Berichten über the dirty side of life.» Die Suche nach dieser dirty side im beschaulichen Basel führt Bahnerth auch öfter zu ziemlich grotesken Unternehmungen. Etwa wenn er Jahr für Jahr die Erotikmesse Extasia («diese Scheiss-Dildoveranstaltung») besucht und dort so gar nichts ekstatisches findet.

Bleibt eben die Provokation, ein journalistisches Mittel, welches Bahnerth routiniert beherrscht: hier ein etwas vulgärer Ausdruck, dort eine leicht sexistische Bemerkung, immer knapp an der Grenze des Unanständigen. Wobei das Provozieren laut Bahnerth nicht nur Selbstzweck ist: «dann könnte ich einfach einmal pro Artikel das Wort ‹Schwanz› verwenden» (gut, allzu weit ist er davon nicht entfernt). Vielmehr gehe es ihm darum, die Leute wachzurütteln, sie hinzuweisen beispielsweise auf die Verlogenheit einer Gesellschaft, in der Pornographie zwar allgegenwärtig sei, aber die Medien sich in Prüderie übten. Die Provokation sei ein schönes Mittel, Stellung zu beziehen, die Leute zum Nachdenken über Tabus zu bringen: «Es gibt nichts Schlimmeres für einen Journalisten, als die Leute zu langweilen.»

Damals, beim Herzog-Porträt, ging er damit wohl etwas zu weit. Aus Ärger über Herzogs mangelnde Kooperation füllte er den Artikel mit haltlosen Spekulationen und Andeutungen über ihr Privatleben («Hat sie mal im Bett mit einer lesbischen Freundin gekifft?»), dichtete ihr sogar eine Affäre mit ihrem Regierungsratskollegen Christoph Brutschin an. Statt über Herzogs Politik schwadronierte Bahnerth über ihre angeblichen Tanzkünste («sündiger Hüftschwung») und ihre Haarfarbe. Es war, da waren sich fast alle einig, ein ziemlich sexistischer Text.

Klar, das Porträt sei sehr grenzwertig gewesen, gibt Bahnerth heute zu. Aber er sei nun mal ein «Instinktschreiber», dem die Sätze «einfach rausflutschen». Immerhin habe er durch den Artikel seinen Bekanntheitsgrad gesteigert, werde auch nach fast zwei Jahren noch darauf angesprochen. Also doch Selbstvermarktung durch Provokation? Seine Kritiker machten es ihm damals aber auch etwas gar einfach in ihrer Empörung über sein «widerliches Machwerk», das er, wie Constantin Seibt mit fast schon bahnerthscher Schnoddrigkeit schrieb, «quasi mit dem Pimmel gemalt» habe.

Trotz, nein, gerade wegen der politischen Dimension seiner Texte sollte man Bahnerth also nicht den Gefallen tun, ihn allzu ernst zu nehmen. Er selber tut das wohl auch nicht. Wie könnte er auch? Schreibt er doch Sätze wie diese: «Es gibt einen Grund, warum zwei Drittel aller Männer Hausfrauen bevorzugen: weibliche Fürsorge als Lohn für den Kampf mit den andern Männern da draussen. Es ist wie mit Mama, nur mit Sex. Natürlich will die neue Frauengeneration dann männliche Fürsorge: also Papa, nur mit Sex.» Na ja. Man kann das kindisch finden. Man kann es obszön finden. Man kann es langweilig finden. Aber schadet Bahnerth wirklich dem Journalismus, wie Philipp Cueni einmal schrieb?

Schlussendlich kommt es wohl darauf an, ob man in Michael Bahnerth den kalt berechnenden Propagandisten der Sommschen konservativen Revolution sieht – oder den flapsig-sympathischen Geniesser, dessen Sticheleien so unüberlegt wie harmlos daherkommen. Meine Vermutung ist, dass es, Bahnerths Beteuerungen zum Trotz, beide Bahnerths gibt. Und an diesem warmen Septemberabend ist es der nette, versöhnliche Michael Bahnerth, der ein letztes Mal unsere Gläser mit Wein füllt. Es ist längst dunkel geworden, das Gespräch ist beinahe zu Ende, die Kellnerin räumt die Teller weg. Bahnerth – und auch das war ja zu erwarten – hat nur das Fleisch gegessen.

Übersicht der Serie zu den «Blocher-Medien»:
1. Teil: Schlachtplan Zufall
2. Teil: Unter dem Guru von Herrliberg
3. Teil: Der Provokateur
4. Teil: Es braucht wieder Fakten
5. Teil: Politiker der Redaktion
6. Teil: Für Partei und Vaterland
7. Teil: Sicherheit in Statistiken
8. Teil: Sie sind klein und sie sind überall

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