von Ronnie Grob

Sicherheit in Statistiken

Regieren in der Basler Zeitung die Themen Sicherheit und Kriminalität? Ja, oder auch Nein: Eine Auswertung des Geschriebenen ergibt je nach Forschungsansatz unterschiedliche Ergebnisse. Die Wahrnehmung der Zeitung als Blatt, in dem Angst vor Verbrechen geschürt wird, liegt an der Zuspitzung in einzelnen Artikeln eines Ex-Boulevardreporters.

«Die ‹Basler Zeitung› bewirtschaftet wie keine andere vergleichbare Regionalzeitung die Themen ‹Sicherheit› und ‹Kriminalität›.»

Christian Mensch in der «Schweiz am Sonntag» vom 23. September 2012.

«Eine Zeitung hat ihr Thema gefunden», schrieb Christian Mensch am 23. September 2012 in der «Schweiz am Sonntag». «Auf Gewalt und die Ängste der Bevölkerung» setze die Basler Zeitung, hiess es im Artikel, die Themen «Sicherheit» und «Kriminalität» bewirtschafte sie wie «keine andere vergleichbare Regionalzeitung». Dass die BaZ «ihre rechtsbürgerliche Ausrichtung vor allem über das Sicherheitsthema zum Ausdruck» bringe, das sei «mit der Zürcher Auswertung erstmals empirisch belegt».

Dem Urteil zugrunde liegen Untersuchungen des Forschungsbereichs Öffentlichkeit und Gesellschaft (Foeg) der Universität Zürich, die in den Ressorts Inland und Region von fünf Regionalzeitungen nach diesen beiden Begriffen gesucht hatte und sowohl für «Sicherheit» als auch für «Kriminalität» knapp am meisten Suchergebnisse für die Basler Zeitung gefunden hatte.

MEDIENWOCHE wählt nun einen anderen Weg und vergleicht die vier ersten Jahre unter dem neuen Chefredaktor Markus Somm (30. August 2010 bis 29. August 2014) mit den vier Jahren zuvor (30. August 2006 bis 29. August 2010). Grundlage für die Auswertung sind die Anzahl Ergebnistreffer willkürlich ausgewählter Suchbegriffe in der Schweizer Mediendatenbank (SMD). Eine Einschränkung auf Teilbereiche wurde keine vorgenommen.


Vergleich der Anzahl SMD-Treffer in der Basler Zeitung zwischen dem 30. August 2010 bis zum 29. August 2014 (Chefredaktion Somm, links) und zwischen dem 30. August 2006 bis zum 29. August 2010 (Chefredaktion Vorgänger, rechts).

Der Begriff «Kriminalität» wird in der Ära Somm also massiv weniger verwendet als zuvor, und auch der Begriff «Sicherheit» wird weniger gebraucht. Seltsam, dass man davon in der Foeg-Studie nichts erfährt – Studienresultate sind ganz offensichtlich vom Forschungsansatz abhängig. Die Outputs seiner Vorgänger überflügeln Somms Blatt auch in anderen Fragen: Früher war mehr «Christoph Blocher» (BaZ-Mitbesitzer), mehr «Terror», mehr «Ausländer», mehr «Schweizer» und knapp auch mehr «Einbruch», mehr «Bettler», mehr «Mord» und mehr «Angst».

Was sind die
«Blocher-Medien»
– und wer gehört dazu? Retten sie den Journalismus oder schaffen sie ihn ab, geht es um Information oder Propaganda? Die MEDIENWOCHE beleuchtet in einer Serie Persönlichkeiten und Medien, die in einer Beziehung mit dem Politiker und Unternehmer Christoph Blocher stehen.

Womöglich war früher generell mehr Text, doch es gibt auch Begriffe, die in der heutigen BaZ öfters vorkommen: «Asylanten», «Scheinasylanten» und «Wirtschaftsflüchtlinge» liegen vorne im neuen BaZ-Sprachgebrauch, mehr Aufmerksamkeit erhalten auch «Freiheit», «Eveline Widmer-Schlumpf» und «Christoph Mörgeli». Wie bei jedem Begriff könnte die Ursache des Mehrs oder Wenigers in der Aktualität zu finden sein, also von Ereignissen getrieben sein.

Ist es denn überhaupt angezeigt, dass sich die Basler Zeitung, je nach Auswertung, verstärkt oder verschwächt um die Themen «Kriminalität» und «Sicherheit» kümmert? Aufschluss ergibt der Statistische Atlas der Schweiz: 133 Straftaten pro 1000 Einwohner fanden 2013 in der Stadt Basel statt. Viel, aber in 43 Gemeinden geht es krimineller zu und her, so in Zürich (137.7), Genf (160.1), Bern (167.7), Solothurn (193.2), Lausanne (208.9), Interlaken (224) oder in Frick, dem Spitzenreiter (598.6). Eher sicher ist die Lage in Zürcher Seegemeinden wie Herrliberg (35.3), Küsnacht (43.1) oder Wädenswil (46.5). Äusserst sicher lebt es sich in Andiast, Böbikon, Rümikon oder Wolfisberg – diese Gemeinden verzeichneten 2013 keine Straftaten. Tatsächlich hat die Kriminalität zugenommen: 2009 gab es nicht nur vier politische Gemeinden in der Schweiz ohne vermeldete Straftaten, sondern noch 125. Die Straftaten pro 1000 Einwohner in Basel entwickelten sich wie folgt: 114.5 (2009), 110.6 (2010), 126.2 (2011), 150 (2012), 133 (2013) (Grafik).

Wie auch immer die Statistiken ausgelegt werden, gewisse in Somms Basler Zeitung erschienene Artikel dazu waren unterirdisch. So beispielsweise der am 29. März 2012 abgedruckte Text «21-Jährige in einer Bar vergewaltigt», in dem (bereits im Titel) munter Vorwürfe als Tatsachen verkauft wurden. Als könne daran kein Zweifel sein, macht das nach eigenen Angaben staatskritische Blatt die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft kurzerhand zur Realität, so in den Zwischentiteln («Opfer betrunken gemacht», «Mit Gewalt zu Sex gezwungen»). Auch wenn der Autor mehrmals erwähnt, es sei die Anklageschrift der Staatswaltschaft, in der das stehe, räumt er dem Beschuldigten «Mohammed*» keinerlei Entlastung ein. Sogar die Anonymisierung (auch der mutmasslichen Opfer) ist ein Witz, zeigt das Foto doch gross den Tatort, und auch im Text ist der Name der fraglichen Bar und dazu ihre Adresse zu lesen.

Der Beschuldigte sei dann, so meldet die Zeitung nur einen Tag später und so ist es auch heute noch auf Bazonline.ch nachzulesen, «in dubio pro reo» freigesprochen worden, «am letzten Donnerstag», was übersetzt heisst: Am Tag zuvor, am Tag der Publikation des Artikels. Die am Dienstag darauf abgedruckten Leserbriefe lassen keinen Zweifel, dass sowas von einer Regionalzeitung nicht erwartet wird: «Guter Journalismus verzichtet auf solch opferverachtende Methoden», «das ist übelster journalistischer Voyeurismus», «das ist billigster Boulevardjournalismus», so drei der abgedruckten Rückmeldungen. Zuerst und ausführlich aufgerollt hat den Fall Philipp Cueni im «Edito + Klartext».

Autor des Artikels und vieler weiterer rund um Sicherheit und Kriminalität ist Mischa Hauswirth. Wenn der ehemalige Boulevardreporter feststellen muss, dass die Stadt Basel «im Vergleich zu anderen Sommern» «so gut wie bettlerfrei» sei, so lautet der Untertitel seines Artikels dazu kurzerhand: «Behörden und Polizei könnten allerdings noch konsequenter gegen rumänische Banden vorgehen». Dass die BaZ auf den äusserst fleissigen Mitarbeiter, der fast jeden Tag einen neuen Artikel liefert, nicht verzichten möchte, ist nachvollziehbar. Inzwischen scheint Hauswirths Drang zum harten Boulevard ein wenig gezähmt, aber viele fragen sich nach wie vor, warum er bei der Seriösität beanspruchenden Basler Zeitung angestellt ist, und nicht bei einer Boulevardzeitung. Seine Zeit beim «Blick» von 2001 bis 2006 mit Artikeln wie «Dirnen vergewaltigt – weil sie kein Geld hatten» oder «Der irre Tierquäler: Wann geht er auf Menschen los?» lässt ihn nicht so leicht los offenbar.

Offenlegung: Ronnie Grob hat bisher mehrere Beiträge in der Basler Zeitung und in der Weltwoche veröffentlicht. Sie wurden angemessen vergütet, die Zusammenarbeit war stets erfreulich und verlief ohne jegliche inhaltlich-politische Einflussnahme.
Inputs zur Serie erhalten wir gerne in den Kommentaren oder per E-Mail.

Übersicht der Serie zu den «Blocher-Medien»:
1. Teil: Schlachtplan Zufall
2. Teil: Unter dem Guru von Herrliberg
3. Teil: Der Provokateur
4. Teil: Es braucht wieder Fakten
5. Teil: Politiker der Redaktion
6. Teil: Für Partei und Vaterland
7. Teil: Sicherheit in Statistiken
8. Teil: Sie sind klein und sie sind überall

Kommentieren

*Pflichtfelder

Ihre Persönlichen Daten werden nicht veröffentlicht oder weitergegeben.

Leserbeiträge

Ernst Jacob 26. November 2014, 20:43

Ueber Statistiken darf man ruhig geteilter Meinung sein, ich gehe eher davon aus, dass man einfach die harmloseren Verstösse gegen das Betäubungsmittelgesetz nicht länger in den Statistiken aufführt, und das dürfte bereits genügen, um die besseren Werte der Oeffenlichkeit melden zu können.

Ich schätze seine klare und kritische Haltung. Markus Somm wird seine Sache schon gut machen, er kopiert ja auch nur das, was Andere längst im täglichen Angebot haben. Und es hat ja auch mit Marktwirtschaft zu tun, wenn auch Redaktionen bis dato immer versuchten, ihre ‘Aufgabe’ vom schnöden Mammon -Denken zu bewahren.

Antworten...

Linards Udris 27. November 2014, 14:51

Zunächst: Die Serie der Medienwoche zu den „Blocher-Medien“ ist vielfältig, anregend und ein gutes Beispiel für einordnenden Journalismus. Im Sinne einer konstruktiven Kritik: In diesem siebten Teil zur „Sicherheit in Statistiken“ hätte Ronnie Grob allerdings die Aussagekraft von verschiedenen Analysen präziser beschreiben können.

Hier vergleicht Ronnie Grob zwei empirische Analysen – seine eigene und eine Analyse des fög aus dem Jahre 2012. Beide Zugänge unterscheiden sich deutlich. Die Studie des fög vergleicht die Basler Zeitung mit anderen Zeitungen, dafür nur zu einer Zeitperiode (Jahr 2012). Ronnie Grob vergleicht die Basler Zeitung nicht mit anderen Zeitungen, sondern mit sich selbst, dafür aber mit zwei unterschiedliche Zeitperioden (einmal Phase Chefredaktion Markus Somm, einmal Phase Chefredaktion Vorgänger). Beide Zugänge sind vom Prinzip her legitim und sinnvoll, und bei beiden sollte man festhalten, wo die Grenzen liegen. (Problematisch bei der Stichwort-Suche von Ronnie Grob ist, dass sie sich, anders als die Studie des fög, nicht auf bestimmte Ressorts wie das Inland oder die Region beschränkt – daher ist die Suche auch abhängig von der Ereignislage im Ausland.)

Ronnie Grob hält es für „seltsam“, dass man in der Studie des fög „nichts“ erfahre darüber, ob die Basler Zeitung im Zeitverlauf die Themen Kriminalität und Sicherheit mehr beachte als zuvor. Ich halte es hingegen für seltsam, wenn man die Studie des fög aus dem Kontext reisst. Die Studie war explizit darauf angelegt, im Basler „Wahljahr“ 2012 zu schauen, ob die Themen Kriminalität und Sicherheit im Wahlkampf zu den Grossrats- und Regierungsratswahlen politisiert werden und daher diese Themen in der Basler Zeitung stärker thematisiert werden als bei anderen (vergleichbaren) Zeitungen. Dies war für 2012 eindeutig der Fall. (Vor allem Sexualdelikte wie Vergewaltigungen waren 2012 ein stark beachtetes Thema in der BaZ.) Die Studie war gar nicht darauf ausgerichtet, Vorher-Nachher-Vergleiche anstellen zu können.

Die Frage ist natürlich interessant und relevant, wie sich ein Wechsel der Besitzer und der Chefredaktion auf Medieninhalte auswirkt. In meiner Doktorarbeit zur Medienberichterstattung über Extremismus (2011) war beispielsweise eines der Ergebnisse, dass die Weltwoche nach solchen Wechseln begann, vermehrt den Linksextremismus zu thematisieren, und dies früher und deutlich ausgeprägter als bei anderen Medien (die Basler Zeitung wurde nicht untersucht). Beim Thema Zuwanderung fällt zumindest auf, dass die Basler Zeitung von allen untersuchten Zeitungen diejenige ist, bei der die SVP-Initiative „gegen Masseneinwanderung“ klar am stärksten auf Zuspruch gestossen ist; das zeigt unser Abstimmungs-Monitor. Ob dies ein Effekt der Besitzerwechsel ist, lässt sich empirisch „hart“ wegen mangelnder Zeitreihen aber nicht „beweisen“.

Kurz: Die Frage, auf welche Weise die Strukturen die Medieninhalte prägen, lässt sich am besten über eine Kombination aus Zeitreihen und Vergleichen zwischen verschiedenen Medien und im Vergleich verschiedener Themen beantworten. Wer ein solches zeitaufwändiges Vorhaben anstrebt, dem geht die Arbeit nicht aus.

Linards Udris (Wissenschaftlicher Mitarbeiter am fög/UZH)

Antworten...

Ronnie Grob 27. November 2014, 15:01

Vielen Dank für die ausführliche Rückmeldung. Ich halte beide Auswertungen für beachtenswert. Und ich halte den wissenschaftlichen Wert beider Auswertungen für überschaubar.

Antworten...

Jonas Ryser 27. November 2014, 19:07

Ich finde es spannend und begrüssenswert, dass sich die Medienwoche mit den Veränderungen bei der Basler Zeitung beschäftigt. Ich glaube allerdings aus verschiedenen Gründen nicht, dass ein einfaches Auszählen von Stichworten eine grosse Aussagekraft hat. Damit kann man die Themensetzung nur sehr grob beurteilen. Viel wichtiger ist, in welchem Zusammenhang ein Begriff verwendet wird, eine Kontextanalyse sagt deshalb meiner Meinung nach mehr aus. Z.B.: Wird Kriminalität häufiger zusammen mit Begriffen wie “zunehmend, Zunahme, steigend” usw. verwendet? Ausländer häufiger im Kontext mit Kriminalität oder Problemen?

Aber angenommen die Methode Stichwortzählen führt zum gewünschten Ergebnis:
Die Zahlen aus den beiden Zeiträumen 06-10 und 10-14 lassen sich meiner Meinung nach wie im Text auch angetönt nicht direkt vergleichen, weil sich die Anzahl der Artikel verändert hat. Wenn meine Zählung (in Factiva) korrekt ist, sind im Zeitraum 06-10 218’011 Artikel erschienen, 10-14 185’150 (2010 aufgeteilt bis 29.8./ab 30.8. wie im Artikel). Meiner Meinung nach müssten Anteile an den insgesamt erschienenen Artikel verglichen werden, nicht absolute Zahlen. (Ich gehe dabei davon aus, dass eine sinkende Anzahl Artikel auch eine Verringerung des Umfangs der Zeitung bedeutet, ansonsten wären die Artikel tendenziell länger geworden, was ich mir nicht vorstellen kann).

Eine Häufigkeitszählung in Factiva führt ausserdem zu ganz anderen Zahlen, z.B. für das Stichwort “Kriminalität”: 07-10: 359; 10-14: 627. Meines Wissens ist Factiva ziemlich komplett (die höhere Artikel-Gesamtzahl im ersten Zeitraum unterlegt diese Annahme), nimmt man diese Zahlen, sieht das Ergebnis ganz anders aus: Totz der Abnahme der Anzahl Artikel wurde der Begriff Kriminalität seit der “Inkraftsetzung” von Somm massiv häufiger verwendet als vorher.

Das zeigt, wie schwierig es ist, die Frage nach der Veränderung in der Berichterstattung zu beantworten…

Antworten...

Ronnie Grob 27. November 2014, 19:36

Guter Input, ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, die Artikel zu zählen. Ich komme via SMD auf 211 758 Artikel im Zeitraum 30. August 2006 bis 29. August 2010. Und auf 168 403 Artikel im Zeitraum 30. August 2010 bis 29. August 2014. Das heisst, dass die (auch von mir im Text geäusserte) Vermutung, die Basler Zeitung habe an Inhalt abgegeben, womöglich zutrifft. Aber sicher ist das nicht, denn viele kurze Artikel machen nicht zwingend mehr Text oder Inhalt als wenige lange Artikel (vom Wert oder Sinn wollen wir schon gar nicht erst anfangen zu sprechen ;)). Soll der Gesamtoutput statistisch ausgewertet werden, so müsste man die Zahl aller in den zwei Zeiträumen erschienen Wörter kennen und diese jeweils in Relation mit der Anzahl der einzelnen Stichwörter bringen.

Antworten...

Jonas Ryser 27. November 2014, 20:50

oder man würde eine repräsentative Stichprobe aus beiden Zeiträumen nehmen und die Anzahl Wörter pro Artikel vergleichen.
Sowas liesse sich auch automatisiert problemlos machen, wenn man die Zeitungsausgaben digital vorliegen hätte – allerdings musste ich feststellen, dass die Basler Zeitung überhaupt nicht kooperativ auf solche Anfragen reagiert. Als ob sie nicht wollten, dass man sich mit dieser Fragestellung beschäftigt…

Interessant, dass es eine so grosse Abweichung gibt zwischen den Zahlen von SMD und Factiva. Ich nehme mal nicht an, dass Factiva Artikel erfindet, also müsste man fast daraus schliessen, dass beim SMD Artikel fehlen.

Antworten...