von Nick Lüthi

Wechsel mit Widersprüchen

Die Neue Zürcher Zeitung verliert mit René Zeller nicht nur ihren Inland-Chef und stellvertretenden Chefredaktor, sondern auch einen regelmässigen Kritiker der Weltwoche; zu genau diesem Blatt wechselt nun Zeller.

«Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern», wird Konrad Adenauer als Zitat zugeschrieben. Auch René Zeller scheint nach dem Prinzip zu verfahren, wenn er von der NZZ zur Weltwoche wechselt. Viel hat er geschrieben über das Rechtsblatt, seinen Chefredaktor und dessen Stellvertreter. Und nun geht der NZZ-Inlandchef also selbst zu dieser Publikation, das sich «hart an der journalistischen Anstandsgrenze» bewegt und mit dem «die SVP inzwischen implizit über ein Sprachrohr» verfügt; ein «Kampfblatt» mit einem «Pitbull» als stellvertretender Chefredaktor.

In den letzten sechs Jahren widmete sich Zeller regelmässig seinem baldigen Arbeitgeber. Selbst Kleinigkeiten befeuerten seinen Glossiertrieb. Zuletzt war es eine Weinbeilage der Weltwoche, die Zeller in die Nase stach und dabei insbesondere die Zeilen von Oskar Freysinger. Dem stellvertretenden NZZ-Chefredaktor, der Zeller auch ist, waren die neuerlichen schriftstellerischen Anwandlungen des Walliser SVP-Magistraten immerhin 2000 Zeichen wert. Aber eigentlich nur, um noch einmal die früheren verbalen Entgleisungen des Walliser SVP-Politikers rekapitulieren zu können. So weit so belanglos.

Im Kern seiner mehrjährigen Beschäftigung mit der Weltwoche ging es aber um Grundsätzlicheres. So schrieb Zeller vor einem halben Jahr: «Die Ära der parteipolitisch gebundenen Presse aber ist vorbei. Und das ist gut so. Gefragt ist heute unabhängig-kritischer Journalismus, der sich der Res publica verpflichtet fühlt, nicht Parteien.» Die Diagnose war auf die Weltwoche gemünzt. Bereits bei früherer Gelegenheit hob Zeller zum Abgesang an auf Parteiblätter und parteinahe Publikationen. So schloss er Ende 2012 einen Kommentar zum Thema mit dem Merksatz: «Zur Medienfreiheit gehört auch, dass sie nicht käuflich ist.»

Tadel gab es auch für Zellers künftigen Chef, der ihn von der Falkenstrasse an die Förrlibuckstrasse lotste. So widmete Zeller dem Jungpolitiker Roger Köppel vor der letzten Bundesratswahl die folgenden Zeilen: «Aber wer erklärt dem Nationalrats-Novizen, dass für die Departementsverteilung nicht die SVP, sondern der Bundesrat zuständig ist? Und überhaupt: Wieso übernimmt der neue starke Mann der SVP nicht gleich selber das Justizdepartement?» So stellt man einen vorlauten Schnösel in den Senkel.

Wie sich diese Kritik mit dem künftigen Engagement für den vielgescholtenen Titel verträgt? Von einem Gesinnungswandel will Zeller nichts wissen. «Ich bleibe meinem journalistischen Selbstverständnis treu», teil der scheidende NZZ-Journalist auf Anfrage mit. Denn: «Ich bin ein parteiunabhängiger Journalist, aber ich nehme Partei für die liberale Sache.» Mit den publizistischen Leitlinien der Weltwoche vertrage sich das bestens. Das Blatt habe eine klare bürgerliche Linie, sei aber offen für andere Meinungen. Das kann man so sehen. Oder eben auch nicht. Es gibt nicht wenige, die halten die Weltwoche für das implizite Sprachrohr der SVP.

Gegenüber dem Kleinreport beschreibt Zeller die Anbahnung des Stellenwechsels wie folgt: «Vor zwei Wochen ist Roger Köppel auf mich zugetreten. Nach mehreren intensiven Gesprächen mit ihm und Diskussionen mit meiner Frau habe ich mich für den Wechsel entschieden.» Das schmeichelt natürlich. Und Köppel hat eine gut Nase für wechselbereites Personal. Es ist nicht das erste Mal, dass er einen NZZ-Redaktor zur Weltwoche holt. Als Motivationsfaktor wirkte dabei sicherlich auch die angetragene Ressortverantwortung: Beat Gygi (Ex-NZZ) leitet heute das Wirtschaftsressort der Weltwoche, Claudia Schuhmacher (Ex-NZZ am Sonntag) verantwortet die Gesellschaftsseiten und René Zeller wird Mitglied der Chefredaktion und Leiter der Bundespolitik.

Daneben gibt es auch Push-Faktoren, welche die Wechselbereitschaft erhöhen. So fällt auf, dass das jahrhundertelang praktizierte Prinzip der lebenslangen NZZ-Anstellung seit ein paar Jahren nicht mehr gilt. Ein Inland-Chef, der im besten Alter die Alte Tante verlässt? Früher unvorstellbar, heute die neue Normalität. Einen Wendepunkt stellte der Abgang von Chefredaktor Markus Spillmann dar, der mit Begleitgeräuschen zur politisch-publizistischen Positionierung den Posten mitten im Berufsleben verliess. Dazu kommt die branchenweite Verunsicherung über die Zukunft des Journalismus, von der auch die NZZ nicht ausgenommen ist. Und last but not least spielen natürlich immer auch personelle und persönliche Konstellationen eine Rolle. Was auch im vorliegenden Fall nicht anders gewesen sein dürfte.

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Leserbeiträge

Frank Hofmann 10. Juni 2016, 17:11

Vielleicht sucht RK ja den Widerspruch gerade, einen starken Sparringspartner. Ist diese Annahme abwegig? Nebeneffekt: die andern schwächen. Clevere Transferpolitik!

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