von Herwig G. Höller

Wiener Verhältnisse

Tamedia expandiert ostwärts: Das Zürcher Medienhaus will sich in Wien an «Heute» beteiligen und die Mehrheit von heute.at übernehmen. Die grösste Gratiszeitung Österreichs lebte bis anhin gut von den Inseraten staatlicher Stellen, ein System, das stark an die SPÖ gekoppelt war. Unter dem neuen Kanzler könnte damit nun Schluss sein.

Raubüberfälle auf Supermärkte oder Luxusvillen, die Hochzeit eines Sprösslings der Wiener Kaffeeröster- und Bankiersdynastie Meinl oder die Sorgen eines kleinen Dorfes in Niederösterreich, das unbedingt einen katholischen Priester in seiner Gemeinde haben möchte: Es waren diese Themen, mit denen sich «Heute» in den letzten Tagen beschäftigt hat. Wenn es sich anbietet, schreibt die Zeitung freilich auch über internationale Grossereignisse und beleuchtet die grossen Straftäter Österreichs in all ihren Facetten – 2010 machte man einmal mit einem US-Arzt auf, der das Gehirn eines österreichischen «Kellermonsters» scannen wolle.

Mit einer täglich verbreiteten Auflage von 626’000 Stück war die österreichische Gratiszeitung «Heute» 2015 das zweitauflagenstärkste Printmedium des Landes. hinter der Bezahlzeitung «Kronen Zeitung» mit 810’000 Exemplaren und vor der Gratiszeitung «Österreich» mit 540’000. Mit der journalistischen Qualität des Blattes hat der Erfolg von «Heute» nur wenig zu tun. Der Grund ist vielmehr eine medienpolitische Anomalie in Wien. Ohne Bundeskanzler Faymann und seine SPÖ hätte es die beachtliche wirtschaftliche Entwicklung von «Heute» wohl kaum gegeben. Auch «Kronen Zeitung» und «Österreich» profitierten von Staats- und Parteinähe.

Die drei Zeitungen dürfen als Leitmedien einer nunmehr zu Ende gegangenen Politära gelten, da nach dem Rücktritt von Kanzler Faymann ungewiss ist, ob die bisher enge Bindung von Medien und Politik weiter funktioniert.

Bereits in die Gründung im Jahr 2004 war neben Eva Dichand, der Schwiegertochter des Herausgebers, Chefredakteurs und Miteigentümers der «Kronen Zeitung», Hans Dichand , auch Werner Faymanns jahrzehntelanger Weggefährte und Ex-Pressesprecher Wolfgang Jansky involviert. Noch 2015 ordneten ihn innenpolitische Beobachter dem engsten Zirkel des damaligen Bundeskanzlers zu. Jansky war zuvor lange mit einer wichtigste politischen Mitstreiterinnen Faymanns liiert, später arbeitete eine Lebensgefährtin von Jansky als Pressesprecherin von Faymanns rechter Hand im Bundeskanzleramt und Faymanns Gattin verdingte sich zwischenzeitlich für ein von Jansky kontrolliertes Magazin.

Die Rede ist aber nicht nur von einem Freundeskreis, der sich erfolgreich in Politik und Medien betätigt. Werner Faymann hatte als Wiener Wohnbaustadtrat (1994-2007), Infrastrukturminister (2007-2008) und schliesslich Bundeskanzler (2008-2016) ein System perfektioniert, in dem von ihm und seinen Parteifreunden kontrollierte öffentliche Dienststellen massivst in den auflagenstarken Boulevard inserierten und dafür auch zumeist freundliche Berichterstattung ernteten. Mit raren Ausnahmen: Im November 2011 veröffentlichte «Heute» einen Beitrag, in dem von gefälschten Leserbriefen aus der SPÖ-Parteizentrale über «grossartige Regierungsarbeit» berichtet wurde. Einen Tag später war der damaligeChefredakteur Wolfgang Ainetter seinen Job los. Nach Ainetters Darstellung soll Herausgeberin Eva Dichand gesagt haben: «Ich verbiete Ihnen kritischen Journalismus». Dichand dementiert.

Das Ausmass von Staatsgeldern,die in «Heute» flossen, wurde schliesslich 2014 sichtbar. Ausgehend von den offiziellen Werbetarifen hatte die Rechercheplattform «Dossier» eine Summe von 84 Millionen Euro berechnet, die zwischen 2004 und 2014 für Inserate an «Heute» geflossen sein soll, knapp die Hälfte davon aus der SPÖ-regierten Stadt Wien. Die Plattform beschäftigte sich zudem mit einer SPÖ-nahen Gesellschaft, die bei der Gründung von «Heute» eine Rolle gespielt haben soll, und zog sich mit ihren Recherchen den Zorn von Dichand und ihrer Zeitung zu. «Die Redaktion von ‘Heute’ ist empört darüber, dass ihre tägliche, objektive Arbeit ständig durch Denunzierungen in den Schmutz gezogen wird. Tatsache ist, es gibt keinen Einfluss auf die redaktionelle Arbeit, weder von Inserenten noch politischen Parteien», erklärte Chefredakteur Christian Nusser «im Namen der gesamten Redaktion», nachdem «Dossier» im September 2014 mit einem Medienpreis ausgezeichnet worden war.

Die Publikation des «Heute»-Dossiers kündet aber auch von einer politischen Klimaveränderung in Österreich, die mit wachsender Kritik an intransparenten Inseratevergaben begonnen hatte. 2011 war von der Staatsanwaltschaft Wien ein Ermittlungsverfahren gegen den amtierenden Bundeskanzler Faymann eingeleitet worden, das sich mit Inseraten in seiner Zeit als Infrastrukturminister beschäftigte. Die «Inseratenaffäre» endete 2013 zwar mit der Einstellung dieser Ermittlungen, als ein Resultat der Diskussionen hatte das österreichische Parlament jedoch das «Medientransparenzgesetz» beschlossen, das öffentliche Dienststellen seit 2012 zwingt ihren Inseratevergaben vierteljährlich offenzulegen.

2015 kassierte «Heute» laut diesen Angaben 14,4 Millionen Euro für Inserate der öffentlichen Hand, sie lag damit hinter der «Kronen Zeitung» (22,6 Millionen Euro) und vor dem Gratisblatt «Österreich» (14 Millionen Euro). Insgesamt vergaben alle öffentlichen österreichischen Dienststellen im vergangenen Jahr 188 Millionen Euro, landesweite Spitzenreiterin ist und bleibt die Stadt Wien, die für mehr als 51 Millionen Euro inserieren liess.

Diese Wien-Lastigkeit wird insbesondere bei «Heute» deutlich, die zu mehr als 60 Prozent in Wien verteilt wird. Regionalausgaben gibt es zudem in den Bundesländern Niederösterreich und Oberösterreich. Eine Expansion in die Steiermark scheiterte 2007 am Widerstand der in dieser Region marktführenden Styria Media Group, die für ihren erfolgreichen Abwehrkampf gegen «Heute» temporär eine eigene Gratiszeitung lanciert hatte.

Ob sich diesen Volumen an öffentlichen Inseraten auch nach dem Machtwechsel bei Österreichs Sozialdemokraten erhalten lässt, ist zweifelhaft. Der neue Bundeskanzler Christian Kern, der nicht dem Freundeskreis von Faymann und «Heute»-Geschäftsführer Wolfgang Jansky zuzurechnen ist, setzt auf soziale Netzwerke im Internet und unterscheidet sich stilistisch stark von seinem Vorgänger. Tendenziell dürfte die politische Bedeutung des Printboulevards und von Inseraten damit eher abnehmen. Verschärfend für «Heute» kommt zudem hinzu, dass auch in der Stadt Wien der sozialdemokratische Einfluss zurückgeht und es auch hier zu einem Generationswechsel in der seit 1945 regierenden Wiener SPÖ kommen wird.

Klar ist jedenfalls, dass Reduktionen von staatlichen Inseraten das bisherige Geschäftsmodell von «Heute» vor eine grosse Herausforderung stellen würden. Gemäss der letzten veröffentlichten Firmenbuchbilanz machte die Herausgebergesellschaft der Gratiszeitung, 2014 einen Bilanzgewinn von 2,34 Millionen Euro. Im Kalenderjahr 2014 hatte die öffentliche Hand für 14,5 Millionen Euro im Blatt inseriert, über nichtstaatliche Inserenten in «Heute» liegen keine Zahlen vor.

Aber auch Eva Dichand schien zuletzt etwas die Lust an ihrer Herausgeberschaft verloren zu haben. Seit August 2015 war sie mit ihrer Familie hauptsächlich auf einem «Studienaufenthalt» in den USA. Auf Instragram offenbarte sie dabei ein grosses Interesse an zeitgenössischer Kunst, von akademischen Einrichtungen oder Besuchen Dichands in US-amerikanischen Medien findet sich jedoch keine Spur. Ende Mai 2016 verkündete Dichand laut in ihrer Redaktion, dass digital für «Heute» in Zukunft eine grössere Bedeutung spielen würde. Als erstes sichtbares Resultat gründete sie am 10. Juni 2016 mit «Heute»-Geschäftsführer die DJ Digitale Medien GmbH, die laut Medienmitteilung vom Dienstagv alle digitalen Angebote von heute.at umfasst. Diese Gesellschaft soll nunmehr zu 51 Prozent von Tamedia übernommen werden.

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