von Eva Hirschi

Tschüss Konzern, hallo Freiheit!

Wer davor steht, als Journalist entlassen zu werden und beruflich nicht die Seiten wechseln will, dem bleibt fast nur noch der freie Journalismus. Der Job ist hart, aber die Freiheiten sind gross. Freelancerin Eva Hirschi zeigt, worauf sich angestellte Journalisten bei einem Wechsel in die Selbstständigkeit einstellen müssen – und freuen können.

Wir prostituieren uns nicht. Wir sind viel eher Casanovas. Wir schreiben aus Leidenschaft und nicht, weil wir müssen. Es gibt für uns auch keine Pflichtstoffe wie die sprichwörtliche Jahresversammlung des Kaninchenzüchterverein (hat überhaupt schon einmal jemand tatsächlich über einen Kaninchenzüchterverein geschrieben?), sondern wir berichten nur über Themen, die uns auch wirklich interessieren.

Wir sind kreativ. Für Artikel werden wir selten angefragt, viel öfter sind wir es, die unsere Ideen an die Redaktionen bringen. Wir finden deshalb Themen, über die ganz bestimmt noch nie jemand geschrieben hat. Denn Redaktionsleiter haben bereits alles gelesen. Zwei Mal.

Wir sind Vermarktungsprofis. In einem kurzweiligen Ton schaffen wir es, unseren Artikelvorschlag so zu präsentieren, dass er Neugierde weckt, die Geschichte skizziert, die Protagonisten erwähnt und die Relevanz sowie die Einzigartigkeit des Themas unterstreicht, ohne aber zu viel zu verraten, so dass die Zeitung den Artikel nicht einfach selber fertigschreiben kann. Ein Kinderspiel für freie Journalistinnen.

Wir sehen überall Geschichten. Weshalb unsere Freunde beim Feierabendbier ihre Sätze mit «darüber darfst du dann aber nicht schreiben» beginnen.

Wir sind Chamäleons. Für die NZZ schreiben wir Plastic mit c, für «Watson» fabrizieren wir ein Listicle, für das Migros-Magazin suchen wir auch bei Auslandreportagen mindestens zwei Schweizer Protagonisten. Wir kennen die Schweizer Medienschaft besser als Rainer Stadler und Roger Blum. Und wir wissen deshalb: Guter Journalismus findet nicht nur in den grossen Tageszeitungen statt.

Wir sind geduldig. Zwar nicht freiwillig, dafür aber geübt. Wir haben vollstes Verständnis dafür, dass Redaktions- und Ressortleiter immer etwas Wichtigeres zu tun haben, als uns zu antworten. Es macht uns auch nichts aus, alle paar Wochen ein Erinnerungsmail zu schreiben bis irgendwann eine Antwort kommt. Mein persönlicher Rekord liegt bei sieben (!) Monaten.

Wir sind pazifistische Krieger. Schreibt uns ein Ressortleiter auch nach zwölf Mails nicht zurück oder hat das Honorar seit sechs Monaten nicht bezahlt, greifen wir statt zu bedrohlichen Waffen einfach zum CC: Ein Mail mit dem Chefredaktor in der Kopie wirkt meistens Wunder.

Wir leben von Luft und Liebe. Aber leider nicht nur. Wir haben jeweils keine Ahnung, wie viel wir im kommenden Monat verdienen werden und müssen dann auch noch die Kosten für die Unfallversicherung, die Ferientage, das Material, die IT, das Internet, das Handy und den Kaffee selber tragen. Bezahlt werden wir nicht dann, wenn wir fertig gearbeitet, sprich den Artikel eingesandt haben, sondern erst wenn dieser publiziert wurde. Was in einigen Fällen ebenfalls Monate dauern kann. Mein persönlicher Rekord liegt bei sechs Monaten.

Wir arbeiten dort, wo andere Pausen machen. Was uns zu Experten der lokalen Gastronomieszene macht. Wir wissen, welche Cafés in unserer Stadt schnelles Wifi, starken Kaffee, kostenloses Leitungswasser, genügend Steckdosen sowie grosszügige Angestellte haben, welche auch mal ein Auge zudrücken, wenn man seit drei Stunden lediglich einen Americano bestellt hat.

Wir kennen keine Schreibblockaden. Nicht, dass wir ständig im Schreibfluss wären, doch will das Blatt vor uns partout weiss bleiben, müssen wir nicht bis 18 Uhr davor sitzen, sondern gehen einfach eine Runde Joggen, treffen uns mit Freunden oder putzen die Wohnung. Unsere Work-Life-Balance profitiert davon ungemein – sofern wir nicht gerade wieder einmal fünf verschiedene Artikel mit baldiger Deadline gleichzeitig beenden müssen.

Wir sind auch Buchhalter, Sekretäre, IT-Spezialisten, Manager, Marketingexperten und Psychologen. Wir kennen den Windows error code 0xc00000e9, schaffen es drei Interviews an einem Tag in drei verschiedenen Städten zu organisieren, haben den Überblick über die verschickten Rechnungen sowie erhaltenen Honorare und kümmern uns nebenbei noch um unseren professionellen Social-Media-Auftritt.

Kommentieren

*Pflichtfelder

Ihre Persönlichen Daten werden nicht veröffentlicht oder weitergegeben.

Leserbeiträge

Jodok Kobelt 21. September 2017, 07:31

…und alles mit einem Lächeln…

Antworten...

… und gründen am besten unseren eigenen Verlag! 27. September 2017, 11:26

… und gründen am besten unseren eigenen Verlag!

Antworten...