von Adrian Lobe

Wir alle können helfen, die «kaputten» News zu reparieren

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales hat mit Wikitribune eine neuartige Nachrichtenplattform gegründet. Doch lässt sich das Modell der Mitmach-Enzyklopädie auf den Journalismus übertragen? Der Chefredaktor zeigt sich in einer ersten Bilanz zufrieden. Es gibt aber auch grundlegende Kritik an dem Projekt, das mit dem hehren Anspruch angetreten ist, die News zu reparieren.

«Nachrichten sind kaputt – aber wir haben einen Weg gefunden, sie zu reparieren.» Mit diesen zugegeben nicht ganz unbescheidenen Worten warb Jimmy Wales im April für sein Nachrichtenprojekt Wikitribune. Mit einer Mischung aus Community-Plattform und crowdfinanziertem Journalismus glaubt der Wikipedia-Gründer die Antwort auf das grassierende Problem der Fake-News gefunden zu haben, das spätestens mit der US-Präsidentschaftswahl ins Zentrum der öffentlichen Debatte gerückt ist.

Die Idee hinter Wikitribune: Eine Internet-Zeitung, an der jeder mitschreiben kann. Das Konzept ist nicht neu. Ebay-Gründer Pierre Omidyar wollte bereits 2010 mit seinem (inzwischen wieder eingestellten) Portal «Peer News» eine «Wikipedia für News» gründen. Internet-Unternehmer Wales, der bestens vernetzt ist – unter anderem ist er Eigentümer des «Guardian», in dessen Vorstand er sitzt – rührte gut ein halbes Jahr die Werbetrommel. Mit dem Risikokapitalgeber und früheren Apple-Mitarbeiter Guy Kawasaki, dem Rechtsprofessor Lawrence Lessig («Code is Law») und Journalismus-Professor Jeff Jarvis holte er namhafte Experten in seinen Beraterstab. Über das Startkapital für Wikitribune herrscht Stillschweigen, doch das Wagniskapital und die durch einen Spendenaufruf eingenommen Mittel reichen offenbar aus, um eine zehnköpfige Redaktion zu beschäftigen. Seit Anfang November erscheinen auf wikitribune.com Artikel zu einem breiten Themenspektrum.

Wikitribune ist werbefrei, eine Paywall gibt es nicht.

Der erste Eindruck ist positiv. Die Seite wirkt aufgeräumt und unaufgeregt, die Artikel sind übersichtlich in die Rubriken Aktuelles, Politik, Kultur, USA, Europa, Asien und Naher Osten gegliedert. «Top Stories» werden auf der Startseite prominent platziert. Wikitribune ist werbefrei, eine Paywall gibt es nicht. Die einzelnen Artikel sind ähnlich schlicht gehalten wie bei dem Portal «Medium», mit Tags versehen, die das Navigieren auf der Seite erleichtern.

Die Verwandtschaft mit der Wikipedia zeigt sich darin, dass man Artikel nicht nur lesen, sondern auch editieren kann. Dazu erforderlich sind lediglich eine Registrierung und die Erstellung eines persönlichen Profils. Wer so an einem Beitrag mitarbeitet, firmiert dann – meist neben einem Redaktionsmitglied – als «collaborator» in der Autorenzeile. Eine Versionsgeschichte gibt ähnlich wie bei Wikipedia Auskunft über alle Änderungen und Ergänzungen. Die freiwilligen Autoren werden in einer Handreichung («How to spot fact from online fiction») angeleitet und in journalistische Grundregeln («Was ist eine Quelle?») eingewiesen. Ein solches Autorenteam, bestehend aus einer angestellten Redakteurin und acht «collaborators», hat zum Beispiel eine instruktive Story zum Thema Macht und Geschlecht geschrieben.

Gründungschefredakteur Peter Bale zieht eine positive erste Bilanz. «Wir haben einen Monat nach dem Start rund 4000 registrierte Nutzer, die an der Seite mitwirken», teilt er auf Anfrage der MEDIENWOCHE mit. «Die Community-Mitglieder steuern wertvollen Content bei, zum Beispiel Storys über den Brexit, Saudi-Arabien, Kryptowährungen und Astronomie. Während die Beteiligung wächst, erwarten wir, dass sich die Qualität der Seite über die Zeit verändern wird. Wir haben rund ein Dutzend Redakteure auf der ganzen Welt, die meisten davon in London, und wir peilen eine Kombination aus Frequenz und Tiefe an.»

Seit seinem Start 2001 hat die Community auf Wikipedia 45 Millionen Artikel in 288 Sprachen verfasst. Wikipedia.org belegt Platz 5 der meistbesuchten Webseiten – vor Amazon und Twitter. Der Trägerverein schlug die Online-Enzyklopädie als Kandidatin für das Unesco-Weltkulturerbe vor. Paul Mason nennt in seinem Buch «Postkapitalismus» Wikipedia als Paradebeispiel einer postkapitalistischen Weltordnung, in der kostenloses Wissen frei zugänglich sei und kommerzielle Lexika überflüssig mache. Wikipedia sei eine der «wertvollsten Lernressourcen», die je erfunden wurden, schreibt Mason. «Und bisher hat sie allen Versuchen widerstanden, sie zu zensieren, zu unterwandern, sie für Desinformation zu nutzen oder zu sabotieren, denn Dutzende Millionen Augen sind stärker als jeder Staat, jeder Stalker jede Interessengruppe und jeder Saboteur. Eine Studie der Harvard Business School kam zu dem Ergebnis, dass die Wikipedia in ihrer 15-jährigen Geschichte noch nie so ausgewogen war wie heute – trotz aller Manipulationsversuche und der mit harten Bandagen geführten «Edit-Wars». Die Frage lautet nun: Lässt sich dieses unter dem Strich erfolgreiche Kollaborationsmodell der Wikipedia auf den Journalismus übertragen?

Bei den meisten Beiträgen handelt es sich um Meldungen, die man auch bei Nachrichtenagenturen findet.

Was die Publikationsfrequenz betrifft, hinkt Wikitribune der grossen Schwester Wikipedia (mit der sie organisatorisch nicht verbandelt ist) hinterher. Im Kultur-Ressort gibt es pro Woche lediglich zwei bis drei Artikel. Und die Rubrik «Europa» ist auch nicht so umfassend, als dass sie traditionellen Nachrichtenseiten den Rang ablaufen könnte. Auch in Sachen Tiefenschärfe besteht Nachholbedarf. Bei den meisten Beiträgen handelt es sich um Meldungen, die man auch bei Nachrichtenagenturen findet (dort zum Teil fundierter). Insofern hebt sich die Seite nicht allzu sehr von der Konkurrenz ab. Der Anspruch, qualitativ hochwertigen und «evidenzbasierten» Journalismus zu bieten, ist gewiss etwas hochgegriffen. Zumal «evidenzbasierter Journalismus» ein Pleonasmus ist. Gibt es überhaupt Journalismus ohne Evidenz?

Was Wikitribune im Kern von anderen Nachrichtenanbietern unterscheidet, ist die Transparenz. Die Änderungen lassen sich nachverfolgen und so die Artikel einem ständigen Faktencheck unterziehen. Journalismus wird hier als eine kontinuierliche Feedback-Schleife interpretiert. Die Texte sind grundsätzlich «work in progress», permanent wandel- und gestaltbar. Das unfertige, offene Modell schafft freilich auch ein Einfallstor für Manipulation. Ein Politiker kann über seinen Referenten ein missliebiges Zitat schönen oder einfach aus der Story entfernen. Die Frage ist: Hat jeder das (Rüst-)Zeug zum Journalisten? Reicht ein Leitfaden, Usern die Grundlagen des Journalismus zu vermitteln? Das ist kein falsch verstandener Elitismus, sondern schlicht eine Frage der Machbarkeit.

Ein wirklich kollaborativer Journalismus wird auf Wikitribune nicht gepflegt.

Das Editieren und Mitverfassen eines journalistischen Artikels ist etwas anderes als das Verfassen eines Wikipedia-Eintrags. Bei einem Lexikon-Artikel lassen sich Fakten kumulativ zusammentragen. Ein guter journalistischer Artikel verlangt neben tiefgründiger Recherche aber auch stilistisches und dramaturgisches Können, wie auch Wertungen und Einschätzungen. Die meisten Wikitribune-Artikel funktionieren denn auch so, dass ein ausgebildetes Redaktionsmitglied die Fakten journalistisch aufbereitet. Ein wirklich kollaborativer Journalismus wird auf Wikitribune somit nicht gepflegt. In seiner Grundstruktur funktioniert eher «top-down». Das Problem ist jedoch nicht, dass Nutzer ohne journalistische Ausbildung Inhalte liefern, sondern dass diese als kostenlose Content-Lieferanten instrumentalisiert werden.

Die Journalistin Adrienne LaFrance kritisierte diese Praxis im US-Magazin «The Atlantic»: «Jemand, der für journalistische Arbeit bezahlt wird, kann nicht als gleichwertig mit jemandem angesehen werden, der unbezahlt ist. Die Idee zu verbreiten, dass die reine journalistische Arbeit umsonst gemacht wird, von Freiwilligen, schadet dem professionellen Journalismus. Der Unterscheid zwischen einem Profi und einem Amateur ist nicht immer messbar im Fähigkeitsbereich, aber quantifizierbar anhand der Zeit und anderer Ressourcen, die erforderlich sind, den Job zu Ende zu machen.» Daran knüpft die Frage, wofür die Spender eigentlich bezahlen. Für hochqualitativen Journalismus, wie es in dem Spendenaufruf von Jimmy Wales heisst? Man kann bereits Wales‘ Diagnose anfechten, wonach die Nachrichten «kaputt» seien. Falschmeldungen gab es schon immer, und die Integrität des Nachrichtenwesens wird womöglich eher von einer algorithmisch verzerrten Auswahl als von Fake-News-Fabriken gefährdet. Selbst wenn man dieser Annahme folgt – kann eine Crowd-Plattform den Webfehler des Netzes, das Clickbait privilegiert und wo jeder seine Meinung an die Wand kleistern kann, reparieren und eine Art «redaktionelle Gesellschaft» konstruieren (so die Idee des australischen Journalismusforschers John Hartley), in der jeder Journalist ist?

Gewiss, manche Journalisten haben einen Standesdünkel, der von alten Privilegien herrührt. Insofern leistet Wikitribune einen Beitrag zur Demokratisierung des Berufsstands. Beim Blick auf die bisherigen Inhalte der Wikitribune bleiben allerdings Zweifel, ob das Portal seine hehren Ansprüche je erfüllen kann. So charmant die Idee einer Schwarmintelligenz ist, so unwahrscheinlich ist es, dass Wikitribune die Blaupause für einen crowdproduzierten Nachrichtenjournalismus liefert.

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