von Zoltan Tamassy

Keine Korrespondenten in Ostmitteleuropa

Die politische und wirtschaftliche Bedeutung Ostmitteleuropas nimmt fortlaufend zu. Auch für die Schweiz spielt die Region eine immer (ge)wichtigere Rolle. Doch hiesige Medien tragen dieser Entwicklung kaum Rechnung. Ihre Korrespondentennetze sind ausgedünnt.

Einst waren Lajos Simicska und der gegenwärtige ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán enge politische Weggefährten. Der steinreiche Simicska war Schatzmeister der Fidesz-Partei Orbáns und galt als zweitmächtigste Person im Land. Anfang 2015 kam es zum öffentlichkeitswirksamen Bruch der zwei. Schweizer Zeitungen hatten kaum Notiz von diesem Ereignis genommen. Simicska ist nach wie vor ein wichtiger Player im Gerangel um die Macht im Land. Der Oligarch hegt inzwischen Sympathien für Jobbik – die rechte Partei ist gemäss Umfragen aktuell die zweitstärkste Kraft. Zudem baut Simicska an einem regierungskritischen Medienimperium. Auch über diese Entwicklung liest man wenig bis nichts in Schweizer Zeitungen.

Ungarn bildet zusammen mit Polen, Tschechien und der Slowakei die so genannte Visegrád-Gruppe. Innerhalb der Europäischen Union (EU) nimmt die politische und wirtschaftliche Bedeutung dieser vier mitteleuropäischen Länder zu. Ein Grund dieses Zuwachses ist im ökonomischen Aufholprozess zu sehen. Dank des hohen Bildungsniveaus ihrer Bürger bei gleichzeitig tiefen Lohnstückkosten haben sich die Visegrád-Länder längst zur verlängerten Werkbank vieler westeuropäischer Firmen entwickelt. In den vergangenen drei Jahren lag das Wirtschaftswachstum in allen vier Ländern teilweise wesentlich über dem Schnitt der Gesamt-EU.

Die vier Länder werden auch bedeutender, weil sie seit der Flüchtlings- und Migrationskrise 2015 politisch stärker miteinander kooperieren. Es darf angenommen werden, dass die von der EU-Kommission forcierte automatische Flüchtlingsverteilung nicht zuletzt wegen vehementer Proteste aus Ostmitteleuropa wohl nicht zustande kommen wird. Schliessen sich Warschau, Prag, Bratislava und Budapest – trotz einigen Differenzen – in Einzelfragen vermehrt zusammen, könnte die Visegrád-Gruppe sogar zu einem einflussreichen Block innerhalb der EU werden. Die Polen, Tschechen, Slowaken und Ungarn werden selbstbewusster, sie werden auf EU-Ebene vermutlich zunehmend wichtige Impulse setzen.

Diese Entwicklung betrifft auch die Schweiz, ist sie doch über das bilaterale Vertragswerk eng mit EU-Staaten wie Polen, Tschechien, der Slowakei sowie Ungarn verbunden. Wie sehr, wurde der Schweizer Öffentlichkeit erst kürzlich wieder vor Augen geführt, als Bundespräsidentin Doris Leuthard dem EU-Präsidenten Jean-Claude Juncker die Zahlung einer weiteren Kohäsionsmilliarde versprach, die massgeblich den Staaten Ostmitteleuropas zugute kommen würde.

Auch wirtschaftlich bestehen enge Verbindungen zu den vier Staaten. Zwischen der Schweiz und Polen zum Beispiel betrug das Handelsvolumen im Jahr 2016 rund vier Milliarden Franken. Allein in Tschechien sind weit über hundert Schweizer Firmen tätig – sie beschäftigen über 23’000 Menschen.

Weder im Impressum der «Aargauer Zeitung», des «St. Galler Tagblatts» noch der «Luzerner Zeitung» erscheint der Name eines Ostmitteleuropa-Korrespondenten.

Der wachsenden politischen und wirtschaftlichen Bedeutung der Visegrád-Länder tragen schweizerische Zeitungen allerdings kaum Rechnung. Weder im Impressum der «Aargauer Zeitung», des «St. Galler Tagblatts» noch der «Luzerner Zeitung» erscheint der Name eines Ostmitteleuropa-Korrespondenten. Der «Tages-Anzeiger» führt Florian Hassel auf, der von Warschau aus über die Region schreibt. «Florian Hassel ist der Korrespondent der ‹Süddeutschen Zeitung› wie auch des Tages-Anzeigers. Er hat seinen Sitz in Warschau, bereist aber auch die anderen Staaten in Ostmitteleuropa. So berichtete er kürzlich von den Wahlen in Tschechien», schreibt dazu Christof Münger, Auslandschef beim «Tages-Anzeiger», auf Anfrage. Dasselbe würde für Peter Münch gelten, der neu in Wien stationiert sei, und von da aus auch über Ungarn berichte. Ausserdem, so Münger weiter, zähle auch Bernhard Odehnal weiterhin zu den Mitarbeitern der Zeitung. «Er gehört unterdessen zum Ressort der Reporter, schreibt aber auch weiterhin bei Bedarf über Österreich, Tschechien, die Slowakei und Ungarn.»

Die «Neue Zürcher Zeitung» (NZZ), die häufig wegen ihres dichten Korrespondentennetzes gelobt wird, hat gemäss Online-Impressum keinen einzigen ständigen Journalisten vor Ort. Vor fünf Jahren war das noch anders, damals existierte eine feste Korrespondentenstelle in Prag, wie NZZ-Auslandschef Peter Rásonyi auf Anfrage bestätigt. Seit 2012 würden zwei Korrespondenten, Meret Baumann und Matthias Benz, von Wien aus über die Visegrád-Staaten berichten. Zudem beschäftige die Zeitung zwei freischaffende Korrespondenten in der Region, der bereits erwähnte Paul Flückiger in Warschau und Andreas Ernst in Belgrad. «Es gab keinen Ab- sondern einen Umbau», erklärt Rásonyi. Vor fünf Jahren habe man bei der Zeitung erkannt, dass der Nahe Osten wichtiger werde. Folglich seien Ressourcen verlagert worden.

Allerdings hat Rásonyi in den letzten Jahren in der Auslandberichterstattung schweizerischer Zeitungen – nicht nur in Bezug auf Ostmitteleuropa, sondern allgemein – durchaus einen Abbau beobachtet, vor allem bei Regionalzeitungen. «Die Werbeeinnahmen schrumpfen dramatisch, der Spardruck ist da», sagt er. Dies müsse allerdings nicht unbedingt mit einer Verschlechterung der Qualität einhergehen. Redaktionelle Kooperationen – wie zwischen dem «Tages-Anzeiger» und der «Süddeutschen Zeitung» – könnten eine Möglichkeit sein. Fragt sich allerdings wie lange. «Der wirtschaftliche Druck in der Branche bleibt, auch der Anpassungsbedarf», zeigt sich Rásonyi überzeugt.

Urs P. Gasche teilt Rásonyis Beobachtung. «Zuverlässige Informationen und Hintergrundberichte aus dem Ausland sind immer schwieriger zu erhalten, wenn Zeitungsverlage die Redaktionen ausdünnen», beklagte der Journalist und ehemalige Kassensturz-Moderator kürzlich im Onlineportal «Infosperber». Als Beispiel nennt Gasche Südamerika, wo selbst die NZZ nur noch einen einzigen Korrespondenten für die Berichterstattung über den gesamten Subkontinenten abgestellt hat. Aber auch über Holland und die skandinavischen Länder werde weniger informiert, obwohl dortige Problemlösungen für die Schweiz inspirierend sein könnten. «Während die Zeitungen Personal abbauten, stockten Behörden und Konzerne ihre vorgelagerten PR-Abteilungen massiv auf, um die Medien mit gefilterten, schön gefärbten und entsprechend lückenhaften Darstellungen zu bedienen», schreibt Gasche.

Einem geringeren wirtschaftlichen Druck als die privaten Zeitungen ist die gebührenfinanzierte Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) ausgesetzt. Radio SRF zum Beispiel beschäftigt einen ständigen Korrespondenten in Prag. Dieser berichtet nicht nur über die vier Visegrád-Staaten, sondern auch über Rumänien und Bulgarien. Zur Zeit arbeitet Urs Bruderer auf diesem Posten, Mitte 2018 wird er abgelöst.

«In unserer Auslandberichterstattung ist die Relevanz eines Landes oder einer Ländergruppe für die Schweiz zwar ein Argument, aber keineswegs das einzige», sagt Fredy Gsteiger, stellvertretender Chefredaktor von Radio SRF, auf Anfrage. Für Radio SRF zähle auch, ob die Entwicklung in einem Land, einer Region an und für sich relevant und für das Publikum interessant sei – diese Frage sei fast immer zu bejahen, zumal die Schweiz ein international hochvernetztes Land ist.

«Schweizer und Schweizerinnen pflegen selber vielfältige berufliche und private Kontakte zu und in anderen Staaten und haben viele Länder auch schon bereist. Im Fall der östlichen EU-Mitgliedsländer kommt hinzu, dass sie innerhalb der EU eine wichtige Staatengruppe darstellen, eine mit spezifischen Interessen, Anliegen, Chancen und Herausforderungen», führt Gsteiger weiter aus. Insofern sei es für ihn entscheidend, nicht nur Korrespondenten in grossen EU-Ländern zu haben, sondern auch Leute, die kontinuierlich und kompetent aus den mittelgrossen und kleineren Staaten berichten.

Doch auch das Korrespondentennetz der SRG ist akut bedroht. Für den Fall einer Annahme der «No Billag»-Initiative könnte die kostspielige Berichterstattung aus aller Welt kaum mehr aufrecht erhalten werden.

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