von Redaktion

Ein erster kritischer Blick auf die junge «Republik»

Seit Sonntagnachmittag erscheint die lange erwartete «Republik». Ganz ohne Pauken und Trompeten, dafür mit langen Texten erfolgte der Launch. Wir haben vier Fachleute gebeten, einen kritischen Blick auf den Journalismus, das Storytelling, das Design und die Community der jungen «Republik» zu werfen.

  1. Journalismus: Wieviel WOZ steckt drin?
  2. Storytelling: Fokus auf den Kern
  3. Design: vom Inhalt her gedacht
  4. Community: Im Plattform-Dilemma

Journalismus: Wieviel WOZ steckt in der «Republik»?

Anna Jikhareva, Redaktorin WOZ
Ein Porträt der «Manipulationsmaschine Facebook» und eines des eritreischen Priesters Mussie Zerai, der Geflüchteten das Leben rettet. Eine Recherche über die Mitschuld der Banken im Tamil-Tigers-Prozess und eine Analyse von Angela Merkels Verhandlungsgeschick. Schliesslich das Interview mit einer Linguistin und ein epischer Essay über Irrationalität in der Politik: Das sind die ersten Berichte der «Republik».

Wieviel WOZ steckt in diesen Texten, will die «Medienwoche» wissen. Was das bloss heissen mag! Für mich persönlich am ehesten, dass man die journalistische Neugier mit einer politisch linken Haltung verbindet: in der Auswahl von Themen, in der Perspektive, aus der Politik verhandelt wird, im Beleuchten von Machträumen, die sonst im Dunkeln bleiben.

Wer sich mit diesen Kriterien im Hinterkopf durch die ersten Texte der «Republik» liest, merkt schnell: Das Erzählen flotter Stories ist weit wichtiger als die politische Haltung. Sehr glatt kommen viele der Beiträge daher, beinahe glattgebügelt. Gedanklich spielen sie irgendwo zwischen dem Silicon Valley und der Zürcher Langstrasse.

Natürlich sind wir ein bisschen stolz auf den Raketenstart unseres ehemaligen Kollegen Carlos Hanimann. Wie er im Tamil-Tigers-Prozess die Bank ins Visier nimmt: Das ist sehr WOZ-like. Das Interview über politisches Framing hingegen wäre sicherlich anders ausgefallen.

Und auch in anderen Belangen unterscheidet sich die «Republik» stark von der WOZ: Wo erstere konsequent die männliche Form verwendet, legt letztere Wert auf eine gendergerechte Sprache. In dieser Hinsicht wünsche ich den KollegInnen für die Zukunft ein bisschen mehr Mut. Auch, was die Länge der Texte betrifft: Mut zur Kürze. Denn wo eine gedruckte Zeitung ein Seitenende kennt, ist das Internet bekanntermassen geduldig. Entsprechend hat der erste grosse Essay von Constantin Seibt dann auch mehr als 50’000 Zeichen, auch die Kolumne von Daniel Binswanger ist länger ausgefallen als die bisherigen.

Vielleicht ist nach den ersten Texten das Fazit sowieso: Nur wenig WOZ steckt in der «Republik», dafür ziemlich viel «Tagi-Magi» oder «Zeit-Magazin».

Storytelling: Fokus auf den Kern

Alexandra Stark, Studienleiterin am MAZ
«Pur» muss Journalismus sein, heisst es im Manifest der «Republik». Die Redaktorinnen und Redaktoren haben, so der erste Eindruck, nicht vor, beim «Reduce to the max» halbe Sachen zu machen (diese Kritik bildet den Stand 15.1.18 um 11.30 Uhr ab):

Nichts stört beim Lesen des genau so hervorragenden wie ausführlichen Texts von Adrienne Fichter zu Mark Zuckerberg und Facebook («Zuckerbergs Monster»). Kein Link, der auf Quellen verweist. Kein Zeitstrahl der z.B. die Meilensteine der fatalen Entwicklung auf einen Blick erfassbar macht, keine Infografik die plakativ zeigt, wie mächtig Facebook geworden ist. Keine eingebetteten Tweets oder Screenshots, die den Ursprung von Aussagen belegen. Sogar als Video verfügbare Zitate, die als Beleg dienen könnten, werden transkribiert.

Dafür gibt es ein paar Fotos. An den Stellen, wo sie eingepflegt sind, haben sie inhaltlich nicht viel verloren und der Zusatznutzen, den sie bieten, ist für die Geschichte unerheblich. Genau so wie die Quotes. Auf der Desktop-Ansicht kann über diese Elemente hinweg gescrollt werden. Auf der mobilen Ansicht sind Quotes redundante Information und sie unterbrechen wie auch die Bilder und Legenden den Lesefluss.

Die nächsten Wochen werden zeigen, was «Pur» bei der Republik genau heisst. Dass es viel mehr ist, als das Festhalten an (gut strukturierten) Texten und lieb gewonnenen Print-Layoutroutinen, wo Bilder und Quotes Bleiwüsten auflockern sollen, zeigt sich bei der Multimedia-Kolumne «Unterwegs mit Nahr». Der Fotograf Dominic Nahr zoomt eine Minute und vierzehn Sekunden lang in ein einziges Bild hinein, das auf einem Kontaktbogen farbig eingekreist ist und seinen Götti zeigt. In diesen 74 Sekunden schlägt Nahr als Ich-Sprecher einen sehr persönlichen Bogen über sein Leben zwischen Heiden und Asien und wir hören den schwer kranken Götti, der sich seiner Frau gegenüber rechtfertigt, warum er nicht mehr trinken will. Ein vielversprechendes Format. In diesem Sinn: Weiterhin viel Freude beim Übersetzen von «pur» ins digitale Zeitalter!

Design: vom Inhalt her gedacht

Marco Leisi, Webdesigner
Die frische «Republik» hält, was sie versprochen hat und bietet soliden Journalismus. An ihrer in den Grundzügen durchaus gelungenen Darbietung muss sie jedoch noch feilen, hämmern, denken und dann vielleicht auch nochmals die eine oder andere Mauer rausbrechen, damit die Plattform schliesslich der Qualität des Inhalts gerecht wird.

Ein Magazin zu lancieren, das nur online erscheint, ist kein Zuckerschlecken. Im Print kann man ein, zwei Layouts ausprobieren und nimmt dasjenige, das der Testgruppe am besten gefallen hat. Online muss – und kann – man ständig neue Trends bedienen. Ausserdem gehen Konventionen schnell vergessen, denn ein Designer will immer neues Schaffen. Zudem haben die 15’000 Verlegerinnen und Verleger der «Republik» alle ihre Meinungen und Gusti. Diesen gerecht zu werden nach der langen Zeit des Wartens , kann schafft niemand auf Anhieb. Das wissen auch die Macherinnen und Macher der «Republik» und zetteln deshalb bereits im Launch-Newsletter eine Debatte zu Optimierungen des Webauftritts an. Einladung angenommen.

Ich finde den Auftritt gelungen. Es ist ein Mobile-First-Approach, der auch auf Desktops einen guten Eindruck hinterlässt. Die Landing-Page für nicht eingeloggte Nutzer ist schlicht, hat keinen unnötigen Firlefanz und fokussiert auf die Inhalte. Erst in zweiter Hierarchie folgen Branding und Navigation. Eine vorbildliche Nutzerführung, denn – und das werden auch noch alle Techie-Nörgler merken – Content ist immer noch King. Zugegeben, der Anmeldeprozess ist zwar ohne Hürde, aber hier hätte man doch gut mit einer klassischen Technologie mit Passwort verfahren können, damit ich auf verschiedenen Geräten mit demselben Browser mich nicht mehrmals hätte einloggen müssen. Solche Kleinigkeiten sind schnell vergessen, wenn man in der Übersicht gelandet ist und sich – ohne Werbung und Widget und mit einfachster Navigation – den Artikeln widmen kann.

Jede Leserin und jeder Leser, davon bin ich überzeugt, wünscht sich eine so schlanke und sauber aufgeräumte Artikelansicht, wie sie die «Republik» hier bietet. Sie lädt zum Lesen am Bildschirm ein, es gibt viel Platz, um mit Bildern etwas zu erzählen, man wird durch keine Sidebar voller Navigationsoptionen abgelenkt. Einmal am Schluss des Artikels angelangt, ist man am Ende. Was dann?

Das grosszügige Schriftkonzept gefällt und würde noch viel mehr zum Lesen einladen, wenn da nicht die Serifen im Fliesstext wären. Es gibt seit über 15 Jahren immer wieder Studien, die belegen, dass serifenlose Schriften am Bildschirm besser rezipiert werden können . Der Kontrast zwischen Hintergrund und Schrift könnte zudem etwas weniger stark sein, bzw. der Hintergrund eine Nuance ins Grau gehen, denn alle neuen Bildschirme sind sehr kontrastreich, dass es auf Artikelebene hier ziemlich grell reinknallt.

Man kann davon ausgehen, dass die Übersichtsseiten (in der Mehrzahl, denn in Zukunft werden bestimmt auch Kategorien, inkl. Suchfunktion angeboten) und natürlich auch die längeren Artikel noch besser belebt, sprich: illustriert werden. Ich wünsche mir deshalb eine Bildredaktion, die ebenso sorgfältig arbeitet, wie das die Journalisten bereits tun und nur zur Not oder ganz bewusst zu Bildern zu Agentur- oder Stockbildern greifen.

Dead Ends mag ich nicht so gerne und empfehle deshalb, am Schluss der Artikel wenigstens ein bisschen auf Related Content hinzuweisen oder zumindest das Logo mit Feed-Navi eingeblendet lassen, damit man – ohne Weg zurück –schnell den nächsten Artikel lesen kann. Oder die verknüpfte Debatte aufrufen. Das ist übrigens eine gute Idee, nur ausgewählte Artikel zur Diskussion freizugeben, das fördert die Qualität des Dialogs. Das Debatten-Layout müsste dann aber auch dialogisch aufgebaut sein, ansonsten wirkt es so banal wie die (Hass-)Kommentarspalten des Tagesanzeigers. – Mut zu gut Bewährtem und durchdachtem Neuem also!

Community: Im Plattform-Dilemma

Philippe Wampfler, Social-Media-Spezialist
Facebook sei «eine Maschine, die Gesellschaften spaltet», heisst es im Schlussabschnitt des ersten grossen «Republik»-Artikels, den Adrienne Fichter geschrieben hat. Die Metapher der Maschine hat die «Republik» auch für die eigene Plattform gewählt. Das Projekt soll die alternative Maschine werden, welche die Demokratie jenseits der Einflüsse der alten und der intransparenten Algorithmen der neuen Medienwelt mit Beiträgen antreibt. Wie ist sie angelaufen?

Entscheidend für ihren Erfolg ist die Community. Die Metapher, sie bestünde aus «Verlegerinnen und Verlegern», deutet an, dass es darum geht, Verantwortung zu übertragen. Mitreden kann bislang, wer zahlt: Die Paywall schränkt effektiv das Schreibrecht in den Diskussionen ein. Dadurch entsteht ein positiver, konstruktiver Ton – auch weil die Mitarbeitenden der Republik, zumindest teilweise, in den Diskussionen anwesend sind. Symptomatisch ist die Bemerkung von Fichter, sie würde den Teil der Community duzen, dem sie schon einmal begegnet sei. Hier wird deutlich: Die Steifheit der traditionellen Medien lässt sich schwer abstreifen. Das Twitter-Sie markiert eine bewusste Distanzierung und Herabsetzung einer Person, das Du ist die Norm. Bei der «Republik» ist das offenbar noch nicht ganz so klar.

Es fehlt denn auch viel Werkzeug, das Plattformen sonst bereitstellen. In den Kommentaren fehlt die Möglichkeit, Links oder Bilder einzufügen (auch in den Texten gibt es spärliche Links). Wer kommentiert, erhält keine Benachrichtigungen über Reaktionen. Die Verknüpfung mit Social Media fehlt. So entstehen verschiedene Diskursräume: Der eingebettete Reporter Cordt Schnibben diskutiert auf Twitter etwa mit Wolfgang Blau über Stil und Länge der «Republik»-Texte. Christoph Kappes und Wolfgang Michal äussern Kritik am Text von Fichter und an der Ausrichtung der Republik – unsichtbar für die Foren, in denen sich die Community unterhält.

Die Entwicklung der Blogs zeigt deutlich, wie sich die Diskussionen von den Postings der Artikel hin zu den Plattformen Twitter und Facebook bewegt haben. Die «Republik» versucht, das Rad der Zeit zurückzudrehen. Weil sie nicht auf Werbung und Klicks angewiesen ist, kann sie der Versuchung widerstehen, bei Facebook Reichweite zu kaufen – auf ihrer Facebook-Seite sind die aktuellen Artikel nicht verlinkt.

Ob das gelingt, kann heute noch nicht abgeschätzt werden. Der Fokus, den mit präzisen Fragen an die Leserinnen und Leser angestrebt wird, ist zu begrüssen. Innovativ ist er nicht: Er erinnert an die Bemühungen der NZZ, die Qualität des Feedbacks zu verbessern. Und bislang gibt es auch kaum Massnahmen, den Fokus wirksam herzustellen – Kommentare schöpfen die volle Breite der möglichen Reaktionen auf Texte aus. Einen konsequenten Bezug zur Frage einzufordern, bräuchte grossen redaktionellen Mut mit ungewissen Erfolg: Schon heute dürfte sich das relevante Gespräch über die «Republik» auf Twitter und Facebook abspielen, nicht in den Community-Foren.

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Leserbeiträge

Wolfgang Michal 15. Januar 2018, 07:24

Ich habe den Facebook-Text von Adrienne Fichter nicht kritisiert, sondern nur bemerkt, dass sich der Aufschlag/das Intro der Republik gegen die neuen Medien richtet, nicht gegen die alten. Das kann bedeuten, dass man – alles in allem – doch eher den alten Medien zuneigt, das kann aber auch bedeuten, dass man die alten Kämpfe zwischen Mainstream und Nicht-Mainstream jetzt hinter sich lassen will und sich den Zukunftsthemen zuwendet. Insofern war der Einstieg ein Statement. Kritik üben würde ich frühestens nach 100 Tagen. Der Vorlauf/Countdown der Republik war jedenfalls großes Kino.

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Bernhard Schindler 16. Januar 2018, 04:47

Lehrer, Belehrer oder Schulmeister der Republik?
Die ersten beiden Ausgaben der «Republik» sind erschienen. In gleich mehreren Artikeln haben sich die Macher bemüht, ihre Form des Journalismus aufzuzeigen, mit dem sie gewillt sind, unsere Medienlandschaft zu verändern, wie sie die Leserschaft (und in ihren Worten «die Verleger der Republik») aufrüsten wollen mit dem optimalen Wissen unserer Zeit.
Da fehlt eigentlich nichts, ausser der klassischen Aufteilung der Stoffe in Facts und Kommentar. Was in den gedruckten Medien heute meistens noch in Sach- und Meinungsartikel gepresst wird, kann offenbar in der «Republik» gemischt werden zu einem – zugegeben – beinahe literarischen Produkt. «J’accuse» von Emile Zola (in der Dreyfus-Affäre 1898) statt klarer Trennung zwischen Tatsachen und Meinungen flammende Plädoyers. Wir hatten einen Französisch-Lehrer am Basler Realgymnasium, Walter Widmer, den Vater des Schriftstellers Urs, dem genau das gelungen ist, Tatsachen und Meinung so zu kombinieren, dass auch wir Schüler begonnen haben, mitzudenken. Wir haben bei ihm – und leider eigentlich von allen Lehrern nur bei ihm – selber denken gelernt, ein Schulfach, das bis heute wenig gepflegt wird.
War Walter Widmer nun ein Lehrer oder ein Belehrer? – Nein, Schulmeister war er keinesfalls. Mit ungeheurer Sachkenntnis konnte er, der Französischlehrer, geschichtliche Erkenntnisse vermitteln, welche die Historiker in unserem Lehrkörper meistens vernachlässigten. Zwei Stunden Nachhilfe beim Französisch-Lehrer ersetzten zehn Stunden Geschichtsunterricht, beispielsweise über die Französische Revolution.
Kehren wir zur «Republik» zurück.
Die R-Redaktoren müssen aufpassen, dass sie nicht belehrend wirken. Erstens ertragen wir Erwachsene nicht, wenn man uns als «Duble» hinstellt, für die das Wissen unserer Zeit so umgemünzt werden müsse, bis auch wir es verstehen. Zweitens verlangen wir Aufklärung über uns nicht bekannte Tatsachen, aber wir wollen nicht gleichzeitig erfahren, dass wir mit der «Republik» geistiges Neuland betreten.
Liebe Republikaner: Wir erkennen Eure Recherchier-Arbeit, wir freuen uns über neue Aspekte. Denn die Wahrheit ist weder weiss noch schwarz, sondern existiert in vielfältigen Nuancen und erschliesst sich nur jenen, die sich wahrhaft darum bemühen.
Seid nicht belehrend, sondern fröhlich erzählend. Gebt uns News, meinetwegen auch mit konzentrierten Kommentaren. Aber werdet Euch des Spruchs von Sokrates bewusst, der wusste, dass er nichts weiss. Damit hatte Sokrates seinen Zuhörern etwas voraus. Er war ein Mensch, einer der irren konnte. Und das nie verschwieg. Der zugab, dass seine Fragen eigentlich wichtiger waren als die Antworten.
Habt bitte Mut auch zu Selbstzweifeln. Gebt zu, dass Ihr nicht alles wisst, sondern den grössten Teil Euch recherchierend erkämpfen musstet. Seid ehrlich mit den Lesern und zeigt mit Humor (einige Beispiele dafür fand ich bereits in der «Republik») dass auch Ihr nur Menschen seid, die Erkenntnisse suchen und auch einmal danebenhauen können!

Ich wünsche Euch viel Erfolg mit der «Republik» und hoffe, noch viel von Euch und Euren Erkenntnissen lernen zu können.

Bernhard Schindler (82) alt stv. Chefredaktor Zofinger Tagblatt

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Louis Debrunner 16. Januar 2018, 06:14

Ist dir etwas aufgefallen in der «Republik»?Aus meinem Blickwinkel: Null Fehler, und guter Stil …Seltenheit heutzutage, veramente!

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