von Adrian Lobe

Telegram & Co.: Katz-und-Maus-Spiel im Netz

Messengerplattformen wie Telegram oder WeChat dienen Medienschaffenden in autoritär regierten Staaten als wichtige Werkzeuge, um staatliche Zensur zu umgehen. Doch ihr Potenzial als Nachrichtenquelle ist beschränkt und entfaltet sich nur so lange das Regime mitspielt, wie aktuelle Beispiele aus Iran, Russland und China zeigen.

Als nach den Präsidentschaftswahlen 2009 im Iran die «Grüne Bewegung» auf die Strasse ging, um gegen Wahlfälschung und Korruption zu demonstrieren, war von einer «Twitter-Revolution» die Rede. Seitdem das iranische Regime den Kurznachrichtendienst ebenso wie das soziale Netzwerk Facebook gesperrt hat, nutzen die Menschen andere Kommunikationskanäle, um sich spontan zu Protesten zu verabreden oder Informationen aus dem Ausland zu beziehen. Zum Beispiel die Messenger-App Telegram. 40 Millionen Nutzer zählt der Dienst im Iran, wo er inzwischen zu einer populären Alternative zu WhatsApp avanciert ist.

Wie bei WhatsApp die Gruppenchats oder bei Twitter einzelne Accounts, kann man bei Telegram sogenannte Kanäle abonnieren. Im Gegensatz zu WhatsApp und anderen Messengerdiensten ist Telegram Cloud-basiert, die Chats sind verschlüsselt. Eine besondere Funktion sind die «geheimen Chats», die auf einer End-zu-End-Verschlüsselung basieren und durch einen eingebauten Selbstzerstörungsmechanismus den Chatverlauf wieder löschen. Das macht Telegram zu einem interessanten Tool für Journalisten, um staatliche Zensur zu umgehen.

So nutzte der im Pariser Exil lebende iranische Journalist Ruhollah Zam die App, um über einen Kanal Nachrichten seiner Webseite AmadNews zu verbreiten. Auf Drängen der iranischen Regierung schaltete Telegram den AmadNews-Kanal ab, weil die Seite zu Gewalt aufrief. AmadNews soll seine Abonnenten instruiert haben, wie man Molotov-Cocktails gegen Polizisten einsetzt. Die Regierung in Teheran, die in den Protesten eine Agitation aus dem Ausland wittert, hat inzwischen die Daumenschrauben angezogen und die Messenger-App wie auch den Fotodienst Instagram temporär blockiert. Das Internet läuft vielerorts nur noch mit gedrosselter Geschwindigkeit.

Für die urbane Elite in Iran ist Telegram ein Fenster zur Welt, eine Insel der Informationsfreiheit.

Das bedroht auch die Arbeit von Journalisten, etablierter Nachrichtenorganisationen. So betreibt die persische BBC-Ausgabe einen eigenen Telegram-Kanal mit über 700’000 Abonnenten, über den sie unzensiert Berichte verbreiten kann – auch solche, die den Sittenwächtern der Islamischen Republik ein Dorn im Auge wären, wie etwa das Burka-Verbot in Österreich. Nachdem US-Präsident Donald Trump einen Einwanderungsstopp für Menschen aus sieben mehrheitlich muslimischen Staaten – darunter auch der Iran – verhängte, erklärte die BBC ihrem Farsi-sprachigen Publikum die Hintergründe des Dekrets. (Von dem Einwanderungsstopp war auch der iranischstämmige BBC-Journalist Ali Hamedani betroffen – er wurde mehrere Stunden am Flughafen von Chicago festgehalten).

Für die urbane Elite in Iran ist Telegram ein Fenster zur Welt, eine Insel der Informationsfreiheit. Auch die Webseite von BBC Persian, einem Ableger des globalen BBC-Netzwerks, ist ebenso wie der TV-Sender von der staatlichen Zensur betroffen. Jetzt, wo die iranische Regierung auch Instagram gesperrt hat, wo BBC Persian zwei Millionen Abonnenten hat, wird die Bedeutung von Telegram umso wichtiger. Die Regierung hat die Sperre der Telegram-App unterdessen wieder aufgehoben.

Die Spielregeln bei Telegram: Kritik an Behörden und Einmischung in politische Debatten seien «ok», der Aufruf zur Gewalt dagegen «nicht okay».

Dem in Dubai ansässigen Messenger-Dienst kommt dabei eine Mittlerrolle zu. Wobei nicht klar ist, auf welcher Seite Telegram steht. Der Gründer, der Russe Pavel Durov, betonte in einem Blogpost die Neutralität seines Dienstes. Er lehne es ab, in dem Konflikt Partei für eine Seite zu ergreifen. «Wir scheren uns nicht darum, lokale Gesetze anzuwenden. Wir tragen lediglich Sorge dafür, dass wir unsere eigenen Regeln fair und gleich auf allen öffentlichen Content auf Telegram anwenden.» Bereits im Oktober hatte Durov anlässlich der Abschaltung von 8500 Kanälen, die mit Terrorismus in Verbindung gebracht werden, «rote Linien» gezogen. Kritik an Behörden und Einmischung in politische Debatten seien «ok», der Aufruf zur Gewalt dagegen «nicht okay», dekretierte Durov.

Der Milliardär, der zuvor schon den russischen Facebook-Klon «VKontakte» mitbegründete und aus seinem Heimatland fliehen musste, weil er sich mit dem Kreml überwarf, ist ein etwas eigenwilliger Geist. So liess er einmal aus 5000-Rubel-Noten gebastelte Papierflieger aus seinem Bürofenster segeln. Der «russische Mark Zuckerberg» verkauft seinen Dienst häufig als idealistisches Projekt. Doch nicht jeder nimmt ihm diese Haltung ab. Zwar betont Telegram auf seiner Webseite, dass seine Chats sicher sind und «keinerlei Spuren auf unseren Servern hinterlassen». Kryptographie-Experten aber haben die Verschlüsselung wiederholt als unsicher bezeichnet. 2016 wurden mehrere Accounts von Journalisten und Menschenrechtaktivisten gehackt, was Zweifel an den Sicherheitsstandards weckte. Auch der Whistleblower Edward Snowden äusserte auf Twitter Bedenken an dem aus seiner Sicht «gefährlichen Cloud-Computing», was einen öffentlichen Disput mit Durov provozierte.

Die Verschlüsselung ist Segen und Fluch zugleich. Einerseits erlaubt sie oppositionellen Gruppen und Medien, staatliche Zensur zu unterlaufen. Andererseits schafft sie einen regulierungsfreien Raum, in dem kriminelle und terroristische Vereinigungen operieren. Terrornetzwerke wie der Islamische Staat nutzen Telegram als klandestines Kommunikations- und Rekrutierungswerkzeug. Der russische Geheimdienst FSB teilte mit, dass die Selbstmordattentäter von Sankt Petersburg ihren Anschlag auf die U-Bahn im April 2017 über Telegram planten. Die App steht daher politisch unter Druck.

Ein umstrittenes Datenspeicherungsgesetz erlaubt es den russischen Geheimdiensten, ohne richterlichen Beschluss auf Messengerdaten zuzugreifen.

Die russische Regulierungsbehörde Roskomnadzor drohte im Juni vergangenen Jahres mit einer Sperre, sollte der Dienst keine Informationen über Verschlüsselungscodes herausgeben. Ein Gericht in Moskau verurteilte Telegram bereits zu einer Geldstrafe von umgerechnet 12’000 Euro, weil Telegram eine Frist zu Herausgabe von verschlüsselten Daten versäumte. Ein umstrittenes Datenspeicherungsgesetz erlaubt es den russischen Geheimdiensten, ohne richterlichen Beschluss auf Messengerdaten zuzugreifen. Laut einem Bericht der «Moscow Times» haben Oleg Kashin und Alexander Pljuschtschew, zwei landesweit bekannte Journalisten, Klage gegen den FSB erhoben.

Für Telegram ist das eine heikle Situation: Um seine Nutzerbasis zu verbreitern, muss es Abstriche bei der Datensicherheit machen – und droht damit seine DNA aufs Spiel zu setzen.
Nachrichtenorganisationen aller politischer Couleur in Russland wie Meduza, Snob, TV Rain, BBC Russian und RT bespielen auf Telegram eigene Kanäle – wobei es fast schon grotesk ist, dass der Kreml-nahe Sender Russia Today den Dienst eines Dissidenten für teils propagandistische Zwecke nutzt. Nach dem Motto: Das Sprachrohr des Feinds ist unser Freund. Laut einem Bericht der Nachrichtenplattform RBC sollen russische Behörden 100 Kanäle auf Telegram eröffnet haben, um im Hinblick auf die Präsidentschaftswahl im März ein regionales Agenda-Setting zu betreiben und den Dienst mit Propaganda zu infiltrieren.

Irans Präsident Hassan Rohani sein Kommunikationsminister werde «nicht den Knopf drücken, der soziale Medien blockiert».

Kommunikationsdienste wie Telegram wandeln auf einem schmalen Grat: Einerseits müssen sie die Interessen ihrer Nutzer berücksichtigen, die eine freie und sichere Kommunikation wünschen. Andererseits dürfen sie autoritäre Regime nicht vergraulen. Sonst droht ihnen die Abschaltung. Auf der anderen Seite hat auch das iranische Regime ein äusserst ambivalentes Verhältnis zu sozialen Medien. Irans Präsident Hassan Rohani, der ironischerweise seinen Wahlkampf im vergangenen Jahr live auf Instagram streamte, hatte mehrfach betont, sein Kommunikationsminister werde «nicht den Knopf drücken, der soziale Medien blockiert». Sein Kabinett eröffnete einen offiziellen Facebook-Account, obwohl das soziale Netzwerk gesperrt ist. Das ist schon grotesk. Solange das Nutzerengagement politisch opportun erscheint, ist es geduldet. Wenn es dagegen regierungskritisch wird, zieht das Regime in Teheran die Zügel an. Dass sich Rohani als Anwalt der Meinungsfreiheit geriert, um sich den Reformkräften im Land anzudienen, passt zu dieser riskanten Ventilstrategie.

In China, wo Dienste wie Facebook, Twitter oder Skype gesperrt oder gar nicht erst zugelassen sind, hat sich ein nationaler Champion durchgesetzt: WeChat. Über den Messengerdienst, der mittlerweile fast eine Milliarde Nutzer zählt, kann man Taxis rufen, Kinokarten bestellen und Zeitung lesen. Was man aber nicht kann, ist frei seine Meinung äussern. Chinas Zensoren überwachen den gesamten Kommunikationsverkehr (grösstenteils automatisiert) und blockieren sensible Begriffe wie Tiananmen, Tibet oder Taiwan.

Der Messengerdienst pflügt dabei auch die Medienlandschaft um. WeChat ist in China inzwischen die Hauptinformationsquelle. Begünstigt durch ein mobiles Zahlsystem, haben in China Influencer den traditionellen Medienunternehmen das Wasser abgegraben. Wenn ein Leser die Inhalte goutiert, kann er per Klick einen kleinen Geldbetrag überweisen. Davon profitieren vor allem Blogger und Influencer, die über ein breites Themenspektrum von Kochen bis Mode schreiben und ein bestimmtes Nischenpublikum adressieren. Und dabei überaus erfolgreich sind. So sagte der WeChat-Kolumnist He Caitou, dass er im Durchschnitt umgerechnet 602 Dollar pro Artikel verdiene. Bei einem Magazin bekam er für eine 1000 Wort umfassende Geschichte lediglich 75 Dollar. Tencent kündigte an, dass es eine «Pay-to-Read»-Funktion einführen werde, wo Leser direkt für Content bezahlen können.

WeChat ist ein riesiger Marktplatz, wo man ausser politischen Inhalten so ziemlich alles verkaufen kann.

Interessant dabei ist, dass der Medienwandel in dem kommunistischen Land über eine marktwirtschaftliche Anreizstruktur funktioniert. WeChat ist ein riesiger Marktplatz, wo man ausser politischen Inhalten so ziemlich alles verkaufen kann. Die berühmte Modebloggerin Becky Li etwa veräusserte über WeChat einen Mini-Cooper-Kleinwagen – die limitierte Auflage war binnen fünf Minuten vergriffen. Konsum ja, Kritik nein – so könnte man die publizistische Leitlinie von WeChat zusammenfassen.

Die China-Korrespondentin Mia Shuang Li, die das Pekinger Büro der «New York Times» leitete, schrieb in einem Beitrag für die «Columbia Journalism Review», dass sich unter den News denn auch viel Wohlgefälliges und Systemkonformes finde. «Wenn ein Thema dich oder deine Freunde nicht interessiert, hat es keine Chance, in den Newsfeed zu gelangen.» Als Donald Trump im November auf Staatsbesuch in China war, nahm davon kaum jemand Notiz. Stattdessen war ein Missbrauchsskandal an einem Kindergarten in Shanghai Gesprächsthema Nummer eins auf WeChat. Das zeigt, dass man in einer «automatisierten öffentlichen Sphäre» (so nennt es der US-Rechtswissenschaftler Frank Pasquale) Kommunikationsströme sehr subtil durch technische Voreinstellungen lenken kann. Man schaltet Seiten mit kontroversen Inhalten nicht einfach ab, sondern stellt sicher, dass sich Menschen über andere Dinge unterhalten, die politisch ungefährlich oder kontrollierbar erscheinen. Eine Art simulierte Öffentlichkeit.

Die These, dass die modernen Kommunikationstechnologien Diktaturen zum Einsturz bringen, die etwa Eric Schmidt und Jared Cohen in ihrem Buch «Vernetzung der Welt», vertreten, wird damit widerlegt. Die Internetzensur wird auch in Zukunft ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Behörden, Entwicklern und Aktivisten sein. In autoritär regierten Staaten aber heisst es wohl: Vorsprung Katze.

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