von Nina Fargahi

Medien bei Trump in Davos: der Tanz ums goldene Kalb

Die Schweizer Medien sind komplett aus dem Häuschen: Trump besucht das WEF in Davos! Jeder Schritt des US-Präsidenten wird mit Ticker und Stream begleitet. Manche Journalisten verlieren dabei jegliche kritische Distanz und mutieren im Angesicht der Macht zu Trump-Fanboys.

Ein Journalist twittert, Trump sehe für sein Alter «bemerkenswert» aus. Angehängt ein unscharfes Bild des US-Präsidenten, wahrscheinlich mit freudig-zittriger Hand in aller Eile aufgenommen. Solche Komplimente schmeicheln dem Präsidenten jedenfalls, das wissen alle. Ebenfalls geschmeichelt hat ihn wohl, dass «Blick»-Chefredaktor Christian Dorer seine Zeitung – «die grösste Zeitung der Schweiz» – von ihm signieren liess. Auf dem Titelblatt der gestrigen Ausgabe ein anbiederndes «Dear Mister President, Welcome to Switzerland!». Dorer nennt das Ganze eine «spielerische Aktion». Über eine Trump-Signatur auf dem eigenen Blatt freute sich zuvor schon Roger Köppel mit seiner Weltwoche.

Macht darf nicht faszinieren, sondern muss mit kritischer Distanz und Nüchternheit beobachtet und analysiert werden.

Medienschaffende werden plötzlich zu Fanboys. Im Live-Stream wird die Landung des amerikanischen Präsidenten minuziös verfolgt: Wann kommen endlich die Helikopter an? Und in welchem sitzt er? Auf welcher Seite steigt er aus? Bei der Berichterstattung dieser Tage ist unklar, ob es um einen Kampf nach Retweets, Klicks und verkauften Zeitungen geht – wofür Trump ein Garant ist. Oder ob sich einige Journalisten von der Macht angezogen fühlen. Das wäre eine denkbar schlechte Voraussetzung für guten Journalismus: Macht darf nicht faszinieren, sondern muss mit kritischer Distanz und Nüchternheit beobachtet und analysiert werden. Dies gilt gerade für den US-Präsidenten, der es nicht unterlässt, bei jeder Gelegenheit die eigenen Medien als «Fake-News» zu diffamieren.

Trump wird wie ein Rockstar gefeiert. Doch weshalb ist der amerikanische Präsident nach Davos gekommen, und wie ist sein Besuch einzuordnen? Welche Haltung sollte die Schweiz und die Schweizer Wirtschaft gegenüber einer Regierung einnehmen, die etwa aus dem Pariser Klimaabkommen treten will oder regelmässig dem Vorwurf ausgesetzt ist, Rassismus und Sexismus im eigenen Land zu tolerieren oder gar zu schüren? Für solche Fragen bleibt wenig Raum, wenn sich der ganze Journalistentross dem mächtigsten Mann der Welt an die Fersen heftet und ihm an den Lippen hängt.

Dass das Verhalten der Trump-Fanboys aber nicht die Norm ist (und nicht die Norm sein darf), zeigen die zahlreichen kritischen Reaktionen von Medienschaffenden, die ihre Kollegen für das devote Auftreten kritisieren. Stellvertretend für viele ähnlich lautende Reaktionen:

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Leserbeiträge

Bastian Nussbaumer 26. Januar 2018, 22:42

Stellen wir uns vor, der Amerikaner zettelt doch einen Atomkrieg gegen Nordvietnam an oder er baut die Mauer zu Mexiko:
Sind diese JournalistInnen dann immer noch stolz auf ihre gesammelten Autogramme.Solche Medienleute können einem Angst machen!

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kritisch 27. Januar 2018, 10:32

Irgend wie sind Journalisten wie verhinderte Politiker.gute nacht und gute Besserung.hr.Blick

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Heinz Bell 27. Januar 2018, 18:42

Trump ist ein goldenes Ei für Journalisten. Er liefert, wovon sie leben.

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