von Anna Kreidler

Wir haben etwas Besseres verdient!

«Die Jungen» interessieren sich nicht für Journalismus, dafür umso mehr für Porno, Augenbrauen und Minischweine, irgendwas mit Selbstdarstellung halt. Medien, die gesehen werden wollen, setzen darum auf Memes, lustige Videos, halbseriöse Stand-up Comedy. Das kommt gut an. Reicht aber nicht.

Unterhalten und trotzdem informieren – ein gutes Credo, finde ich. Gerade in einer Zeit, in der unsere Aufmerksamkeit so lange dauert wie ein animiertes GIF und wir nach jedem Blinzeln einen neuen Reiz erwarten. Das Nachrichtenportal Watson macht es vor: Nebst Artikeln, die zwar ein klassisches Informationsbedürfnis befriedigen, deshalb aber auch bei der NZZ, Tages-Anzeiger oder wo auch immer erscheinen könnten, postet die Redaktion auf Social Media regelmässig Videos von und mit sich selbst. So fasst der Rapper Knackeboul die Welt in «10-Dinge, die…»-Videos zusammen. Oder Emily Engkent, eine Kanadierin, erklärt uns die Schweiz. Im Video-Format «Wein doch» betrinken sich Redaktionsmitglieder vor laufender Kamera und lamentieren über Gott und die Offline-Welt. So holt man die Jungen ab! Und Geld rein! Die Videoinhalte sind unter anderem durch Ikea, Coop und Swisscom finanziert – Werbung und Unterhaltung vermischt sich. Egal! wird ja trotzdem geklickt!

Dann, im letzten Winter, musste sich Watson warm anziehen. Ringier brachte das izzy-Magazin auf den Markt für die junge Zielgruppe. Ein urbanes Magazin mit «Mut zur Meinung» überrannte Social Media mit ihren Kurz-Videos. Und tatsächlich: izzy hat etwas, das Watson zu diesem Zeitpunkt fehlt – spontaner Witz. Figuren wie Cedi oder Silvia sind authentisch, erfrischend, ihre Ideen unverbrauchter. Und sie schaffen, was bis jetzt einem Sisyphus-Experiment glich: Unterhaltung und relevante Information zu verbinden. Das Video «So einfach kommandiert man die Schweizer Armee», in dem Cedi problemlos an Daten des Schweizer Militärs kommt, zeigt die Grenzen zwischen Spass und Ernst. Oft wird das Magazin seinem Slogan «Mut zur Meinung» aber nicht gerecht. Ausser «Warum Hosen kaufen nervt» oder «Warum schlechtes Wetter das beste ist» sind Themen, zu denen das Publikum eine mutige Meinung von Journalisten braucht.

Vielleicht ist das einfach unsere Zeit und ich bin neidisch, dass diese Formate geklickt werden, während meine Internet-Persona im Mainstream untergeht. Schliesslich werde auch ich unter diesen Inhalten markiert, zum Schmunzeln und gleich wieder zum Vergessen gebracht. Während ich mit einem lachenden und einem verdrehten Auge hier sitze, geht Radio Energy (auch Ringier, wie izzy) in die Offensive und übernimmt gleich das Konzept von izzy. Videos, die sich mit Themen wie «90s-Wörter aus der Schule» oder «Diese Typen stehen in jedem Stau» beschäftigen, mischen sich auf Instagram mit Memes zum Wetter. «Wenn dir dieses Video gefällt, dann folge jetzt energy auf Instagram». Oder izzy. Oder Watson. Oder blick.ch. Oder 20min.ch. Da ist auch alles drin, was niemand braucht, aber trotzdem will.

Während die meisten Medien in einem Sumpf aus Redundanz und Selbstdarstellung waten, hat die SRG einen anderen Kurs eingeschlagen: SRF Nuovo ist eine Mischung aus Bildern und Text, der oft in zwei Zeilen zusammengefasst werden könnte. Die Themen sind aktuell und relevant, aber oft kommen ihnen Push-Nachrichten von anderen Medien zuvor. Seriöser, fundierter, aber langweiliger und distanzierter – die Säulen der SRG sind gleichzeitig die Barriere zur jungen Zielgruppe. «Nouvo» ist noch kein Grosserfolg. Auf Instagram dümpeln die Follower im tiefen Tausenderbereich herum. Andere SRF-Formate wie «True Talk» von Radio «Virus» oder «Grosi und die Girls» funktionieren da schon besser. Sie zeigen, dass Geschichten gut ankommen, wo Menschen vor der Kamera aus ihrem Leben erzählen. Und es zeigt auch: Es gibt die Personen, die Produktionen, die Ressourcen und die Konsumenten für jungen Journalismus, der Information und Unterhaltung verbindet.

Klar gibt es Menschen, die nur lustige Videos schauen und die Augen vor der Welt verschliessen wollen; dieser Stereotyp ist aber nicht stellvertretend für eine ganze Generation. Das heisst: Unabhängig davon, ob diese Inhalte funktionieren – wir Jungen haben etwas Besseres verdient als diese Art von «Journalismus». Die Medien sind nicht dazu da, den Zuschauer seicht zu unterhalten – selbst wenn er das will. Journalismus ist da, um Themen und Probleme dieser Zeit aufzuzeigen, gerade für uns jungen Menschen. Gerade für solche, deren Lebensmittelpunkt Porno, Augenbrauen und Minischweine sind.

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Leserbeiträge

Beat Hürlimann 09. Mai 2018, 13:25

Danke für den Beitrag! Alles ist im Flow und die Medienkonsumenten versammeln sich um die Lagerfeuer und man erzählt sich Geschichten. Mal lustige, mal ernste, mal aktuelle, mal solche von lange her. Ob diese Feuer der Zukunft als Medienmarken leuchten werden ist mehr als fraglich. Aus liberaler Optik enke ich wohl eher nicht.

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Ursula Kreidler 19. Mai 2018, 12:15

Ursula Kreidler 19. 05. 2018
Dein Schreibstil hat es in sich. Ich finde es gut, wie du auf Probleme hinweist
und darin deine Kritik und Ironie ihren Platz haben.

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