von Nick Lüthi

GMX und MSN: unbekannte Grössen im Schweizer Newsgeschäft

Die Nachrichtenportale von GMX und MSN erzielen beachtliche Reichweiten. Davon profitieren auch Schweizer Medien: MSN übernimmt Artikel und beteiligt Verlage am Werbeerlös, GMX ist neu Kunde von Keystone-SDA.

Wer seine E-Mail im Web abruft, kriegt oft auch Nachrichten serviert. In der Schweiz macht das Bluewin so. Aber auch GMX und MSN präsentieren News-Artikel aus der Schweiz auf ihren E-Mail-Plattformen. Hinter GMX steht der deutsche Internetdienstanbieter United Internet. MSN betreibt der Software-Gigant Microsoft. Beide erwirtschaften jährlich Milliardenerträge, wenn auch die Deutschen «nur» einstellige im Gegensatz zu den dreistelligen Milliardenumsätzen des US-Unternehmens.

In der schweizerischen Medienlandschaft erreichten die beiden Portale über die Jahre eine stabile Stellung. Deutlich zeigen das die Zahlen im aktuellen Digital News Report des Reuters Institute. So gaben Anfang 2021 in der Deutschschweiz 12 Prozent von 2000 befragten Personen an, in der Vorwoche mindestens einmal «gmx.ch» für den Newskonsum genutzt zu haben. Der Wert von MSN lag mit 7 Prozent etwas tiefer, dafür erreichte das Microsoft-Portal in der Westschweiz mit 11 Prozent einen hohen Wert, während GMX kein französischsprachiges Angebot für die Schweiz unterhält. Den Topwert erreichte bei dieser Erhebung in beiden Landesteilen «20 Minuten». Die Angebote von GMX und MSN befanden sich unter den zehn meistgenutzten Online-Medien, gleichauf mit Titeln wie «tagesanzeiger.ch», respektive «letemps.ch».

Obwohl sich das News-Angebot bei GMX und MSN auf den ersten Blick gleicht, verfolgen die beiden Unternehmen unterschiedliche Strategien für die Bereitstellung von Inhalten auf ihren Plattformen.

MSN führt keine eigene Redaktion, sondern setzt auf Partnerschaften mit Dritten. Aus der Schweiz beliefern Ringier, Tamedia, «20 Minuten», Watson und Keystone-SDA das Microsoft-Newsportal. «Wir haben über 4500 Partner weltweit in diesem Modell», erklärt Marsel Szopinski, Sprecher von Microsoft Schweiz. Diese Partnerschaft funktioniert so, dass Microsoft Artikel, die ein Verlag bereitstellt, übernehmen darf und den Verlag dafür am Werbeerlös beteiligt. Tamedia liefert dafür jene Artikel seiner Bezahlzeitungen, die nicht kostenpflichtig hinter der Paywall stehen, «20 Minuten» übermittelt alle seine Textinhalte automatisiert an MSN.

«Die Zusammenarbeit mit GMX und MSN dient primär der zusätzlichen Sichtbarkeit unserer journalistischen Inhalte.»
Mike Pelzer, Sprecher Ringier

Das grosse Geld generiet das nicht. «Seit dem Start von Microsoft News im Jahr 2014 haben wir über eine Milliarde Franken an die Verlage zurückgegeben», teilt Microsoft-Sprecher Szopinski mit. Über acht Jahre auf die 4500 Titel verteilt, ergäbe das eine durchschnittlichen Ausschüttung von etwas weniger als 30’000 Franken pro Jahr und Verlag. Nicht viel, aber auch nicht nichts. Aber es geht nicht allein ums Geld. «Die Zusammenarbeit dient primär der zusätzlichen Sichtbarkeit unserer journalistischen Inhalte», schreibt Mike Pelzer von der Ringier-Kommunikationsabteilung auf Anfrage der MEDIENWOCHE. Ringier, respektive Ringier Axel Springer Schweiz, beliefern MSN mit Artikeln von «Blick» und «Schweizer Illustrierte», sowie den Wirtschaftstiteln «Handelszeitung» und «Bilanz».

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Anders als MSN beschäftig GMX eine rund 50-köpfige Redaktion mit Sitz in München, welche die Plattform mit Meldungen bestückt. Rund 70 Kolumnist:innen und freie Mitarbeitende schaffen weitere Eigenleistungen. Die Meldungen für das «Schweiz»-Ressort bezog die GMX-Redaktion bisher von der auf Unterhaltungs- und Lifestyle-Themen spezialisierten Agentur Spot on News. Bei diesen News-Artikeln handelte es sich grossteils um Zusammenschriebe aus Schweizer Medien. Seit einem Urteil des Handelsgerichts Zürich vom vergangenen Januar, das besagt, dass solche Paraphrasen eine Urheberrechtsverletzung darstellen können, bewegten sich GMX, respektive «spot on news», auf dünnem Eis. Ausserdem ist GMX seit April als erstes deutsches Online-Angebot nach Standards der Journalism Trust Initiative JTI als vertrauenswürdige Nachrichtenquelle zertifiziert (siehe Kasten unten). Ein solches Qualitätslabel verträgt sich schlecht mit der notorischen Abschreiberei. Einen Ausweg bietet der neue Vertrag mit der Keystone-SDA. Seit Anfang Juni bezieht GMX für sein Schweiz-Ressort Meldungen der nationalen Nachrichtenagentur. «Damit stärken wir die lokale Berichterstattung», sagt Kay Städele, Sprecher von United Internet Media, dem Vermarkter von GMX. Eine Win-win-Situation: GMX investiert in die Qualität und Keystone-SDA gewinnt einen Kunden, nachdem in den letzten Jahren immer wieder Verlage auf die Dienste der Agentur verzichtet hatten.

Von 15 viel genutzten Schweizer Medienmarken weisen GMX und MSN die schwächsten Vertrauenswerte auf gemäss Digital News Report.

Ob sich die Agenturmeldungen und die Qualitätszertifizierung auch auch anderweitig positiv auswirken, steht indes auf einem anderen Blatt. Zwar verzeichnen die News-Angebote der E-Mail-Plattformen GMX und MSN eine hohe Nutzung, geniessen aber ein tiefes Vertrauen in die Marke. Von 15 Schweizer Medienmarken weisen sie die schwächsten Werte auf, wie der Digital News Report 2021 des Reuters Institutes zeigt. Nur jeweils 37 Prozent der 2000 Befragten halten GMX und MSN für vertrauenswürdig. Zum Vergleich: Spitzenreiter SRF News weist einen Wert von 77 Prozent aus.
 

Ein Zertifikat schafft Transparenz

Seit Jahren kursiert in Fachkreisen die Idee, vertrauenswürdigen Journalismus mit einem Qualitätslabel zu kennzeichnen, wie dies auch in anderen Branchen gibt. Mit der Zertifizierung nach den Standards der Journalism Trust Initiative (JTI) existiert eine konkrete Umsetzung. Den Anstoss dazu gab vor drei Jahren die Organisation «Reporter ohne Grenzen». Zu den Unterstützernden zählen die Nachrichtenagentur AFP und Europäische Rundfunkunion EBU.

Bisher haben zwei Redaktionen das mehrstufige Qualitätsprüfverfahren erfolgreich durchlaufen. Nach Swissinfo, der Auslandplattform der SRG, wurde auch die Redaktion von GMX (und ihrer Schwesterplattform «web.de») gemäss JTI zertifiziert.

Im Kern geht es darum, Transparenz zu schaffen, indem Redaktionen ihre Prozesse offenlegen und dokumentieren. Als ein Ergebnis des Verfahrens schuf GMX auf ihrer Website die Rubrik «So arbeitet die Redaktion», wo man das publizistische Leitbild und die Qualitätsmasstäbe einsehen kann. Zudem beantwortet die GMX-Redaktion konkrete Fragen, wie etwa, wann eine Nachricht eine Nachricht ist, was Ratgeberartikel leisten können und was nicht oder wieso GMX verstärkt über die Klimakrise berichtet.