von Benjamin von Wyl

So schreibt Carlos Hanimann: «Im Moment bin ich praktisch immer im Tunnel»

So schreibe ich: Carlos Hanimann war zehn Jahre lang WOZ-Reporter, widmete sich dort zuerst dem Sport, später auch den erschütternden Themen. Seit knapp einem Jahr ist er Teil der Gründungsredaktion der «Republik». Für die Serie «So schreibe ich» spricht Hanimann mit der MEDIENWOCHE über den Artikel «Mit GPS in die Grauzone», seine Arbeit im «Tunnel» und im Team.

Mit Carlos Hanimann über das eigene Schreiben zu sprechen, ist schwer, seit er seine Stelle in der Gründungsredaktion des Online-Magazins «Republik» angetreten hat. Da sitzt er in einer Redaktion aus preisgekrönten Reporter*innen, die praktisch nie – wie man es Edelfedern unterstellt – fürs Ego schreiben. 10 von 15 seiner «Republik»-Artikel, die bis Anfang Juni erschienen sind, hat er zusammen mit bis zu vier Kolleg*innen verfasst. Ausserdem spricht Hanimann immer lieber über die aktuelle Geschichte, die in ihm brennt. Als es nach etwas Vorgeplänkel mit einem Gesprächstermin klappt, muss er erst wieder mental ins Thema zurückfinden. Die Reportage «Mit GPS in die Grauzone», die er zusammen mit Redaktionskollege Elia Blülle schrieb, zeichnet die Diskussion über die Überwachung von Versicherten in den vergangenen 15 Jahren nach. Ein passender Alternativtitel wäre «How the fuck did we get here?»

Schon als ich bei der WOZ an einer Geschichte über Sozialdetektive gearbeitet hatte, bekam ich das Gefühl, dass die Wahrnehmung für das Thema nicht breit genug ist. Ich habe den Eindruck, dass die Überwachung von Versicherten in den letzten zehn Jahren kaum hinterfragt worden ist. Irgendwie galt der Konsens: Das ist Betrug und Betrug geht gar nicht. Wer ist schon für Betrug? Dabei geht es nicht um ein Dafür oder Dagegen, sondern um die Fragen: Was ist Betrug? Wie ahndet man Betrug? Das wichtigste an «Mit GPS in die Grauzone» ist für mich darum auch die historische Herleitung der Positionen und Ereignisse, die uns als Gesellschaft an den Punkt gebracht haben, dass wir heute ernsthaft erwägen, Versicherte mit GPS und Drohnen zu überwachen.

Das Thema stand im März auch auf der Berichterstattungsagenda. Kurz vor «Mit GPS in die Grauzone» erschien eine Analyse der Aussichten der Vorlage im Parlament in der WOZ; kurz danach eine kurze Betroffenenperspektive im Sonntagsblick. Die Verknüpfung von allem Relevanten in tragbarer Länge bot aber einzig der Artikel von Carlos Hanimann und Elia Blülle in der «Republik».

Die szenischen Passagen von Elia Blülle verknüpfen die Debatte mit der Realität. Was bedeutet es für jemanden, der zu Unrecht überwacht wird? Die ehemals überwachte Sozialhilfeempfängerin sagt, das sei schlimmer als ihre Erfahrungen in der DDR, in der sie selbst gelebt hatte. Ob das so ist oder nicht, sei dahingestellt. Dass das eine Betroffene so empfindet, löst etwas aus. Elia und ich wollten aber keine reine Betroffenengeschichte erzählen. Die Sozialdetektive selbst sehen diese Tätigkeit als Erfolgsgeschichte, das muss man auch transportieren. Die Lesenden müssen dann selber wissen, was sie damit anfangen.

Die Reportagenelemente in «Mit GPS in der Grauzone» stammen von Elia Blülle. Hanimann konnte keine Impressionen verarbeiten, was ihn reut – ihm aber auch zusätzlichen Antrieb gab, die zeitgeschichtliche Analyse möglichst bekömmlich zu schreiben. Tatsächlich wirkt der Text beim ersten, dem natürlichsten, Lesen wie aus einem Guss. Die Republiktypischen Phrasen sind knapp eingesetzt, so dass man sich mit dem Pathos als Sprungbrett in die Zeitgeschichte liest. Die Verortung von 15 Jahre alten Blocher-Reden liest sich so unmittelbar, dass man meint, Blocher sässe mit der Betroffenen und dem Reporter am Küchentisch.

In den letzten Jahren habe ich immer weniger klassische Reportagen geschrieben. Ich finds noch immer was vom geilsten. Wenn du unterwegs bist, bist du aufmerksam. Im Büro, am Telefon und am Computer, fehlen mir die Eindrücke. Eindrücke sind subjektiv – aber auch in der Schilderung der Vergangenheit wählt man Fakten subjektiv und trifft eine Wertung. Die Vergangenheit zu rekapitulieren, ist per se trocken. Darum versuche ich das spannend zu gestalten. Bürokratische Begriffe umschreiben, damit keine Leser*innen deswegen aussteigen, aber trotzdem der Komplexität einer Thematik gerecht werden.

Der Autor scheut sich nicht davor, klare Kante zu geben – sowohl politisch, als auch mit Blockbuster-Sprachbildern: «Christoph Blochers Rede 2003 vergiftete den Brunnen für immer» Oder: «Ein BMW 320d loderte vier Jahre später durch die Schweizer Presse.» Aber das sind einzelne Guarana-Shots für Leser*innen, die danach sauber aufgegliedert vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zur taktischen Positionierung der SP in der vorberatenden Kommission im Zürcher Gemeinderat geführt werden.

Wenn schon mein Name dasteht, soll ein Text auch so daherkommen, wie ich denke. Wenn man sich in seiner Schreibe an vorgestellten Lesenden orientiert, landet man an einem schiefen Ort. Ich bin, wer ich bin und kann nicht schreiben wie einer, der vom Zürichberg kommt und zehn Jahre an der HSG studiert hat. Schreiben ist etwas sehr Intimes. Ich kann nur von mir und allenfalls der Redaktion ausgehen: Kommt das irgendwie an? Ist die Tonalität gut? Will ich das lesen? Ich muss diese Verantwortung selber tragen.

Die Arbeit von Hanimann und Blülle zeichnet aus, dass sie auf Sprachschmuck verzichtet, wo er unangebracht ist: Die anstehenden politischen Debatten und ihre möglichen Folgen werden kahl aufgegliedert und die Kritikpunkte des Rechtsprofessors werden als Liste aufgeführt. Die Special Effects dahin, wo sie gehören. So werden einordnende Informationen nicht von lodernden BMWs überlagert. Die «Republik» ist mit dem Anspruch angetreten, demokratierelevanten Journalismus zu bieten. Das heisst, die Qualität von Artikeln bemisst sich daran, –welchen Beitrag sie zum demokratischen Diskurs leisten.

Natürlich wollten wir eine Debatte auslösen. Persönlich begrüsse ich auch das Referendum, ob es gewonnen wird oder nicht: Referenden sind Debatteninstrumente. Die Schweizer*innen können sich nun fragen, mit welchen Mitteln Versicherungsbetrug verfolgt werden soll. Ich finds komisch, wenn man sagt: Das muss man jetzt durchwinken, zack zack zack! Elia und ich haben einen Grundstein gelegt, dann hat der Tagi mit der sehr guten Lobbygeschichte übernommen – und dann hat die Debatte Dynamik angenommen. Es wird ja – auch von der Republik – viel über die Wirkung von Journalismus gesprochen. Vielleicht geht es gar nicht um den Scoop auf der Titelseite, sondern darum, Themen ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Die Seite 3 des Tagi macht das zur Zeit sehr gut. Manchmal nehmen sie zwei Themen, die offen daliegen und verbinden sie miteinander. Sie bieten nichts neues, aber einen gescheiten Blick auf das Bekannte.

Nach zehn Jahren WOZ gehört Hanimann jetzt zum Gründungsteam der «Republik». Die neue Arbeitsumgebung bedeutet eine zusätzliche Umstellung, weil die «Republik» mit dem Anspruch angetreten ist, Arbeitsweisen neu zu definieren oder gar neu zu erfinden. Wie eingangs beschrieben entstehen viele Republik-Artikel in Teams von zwei bis fünf Leuten. Die Namen in der Autor*innenzeile prägen nicht immer die Sprache, in der ein Text daherkommt.

Elia Blülle brachte das Thema ein. Ich hatte ja bereits eine Erfahrungsbasis und so hat sich diese Kooperation ergeben. Eigentlich sehe ich mich nicht als grossen Kooperationsschreiber. Ich glaube, es hat viel mit den unterschiedlichen Hintergründen bei uns in der Redaktion zu tun, dass wir so viele Artikel in Kooperationen schreiben. Es entsteht viel neues, wenn man unterschiedliche Quellen, Erfahrungsschätze und Methoden zusammenwirft.

Die Debatte um die Überwachung von Versicherten hat seit März eine Virulenz gewonnen, die sie wohl bis zur Abstimmung über das Thema nicht mehr verliert. Hanimann befasst sich mittlerweile mit anderen Storys. Wie ist das, wenn man intensiv recherchiert und ebenso intensiv an Sprache und Montage arbeitet?

Im Tunnel ist es vor allem dunkel und mühsam. Man weiss nicht, wann man wieder Licht sieht. Die Recherchephase ist noch sehr offen und man knüpft in alle Richtungen an. Wenn du an gewissen Sachen dran bleibst, gibt es immer Momente, an denen sie reif werden. Du hegst ein Thema, pflegst es und irgendwann ist der Apfel reif und du kannst ihn pflücken. Der Tunnel entsteht erst beim Schreiben – oder kurz davor. Dann startet ein zweiter Prozess, in dem man sich fragt: Was hab ich alles? Auf was konzentriere ich mich? Wie verpacke ich das in eine gute Erzählung? Meistens bin ich an zwei Sachen parallel dran, manchmal drei. Mehr geht aber nicht.

Auch an den Tunnelrhythmus bei der Republik muss sich Hanimann noch gewöhnen.

Ich bin nach zehn Jahren WOZ auf den Wochentakt geeicht: Längere Phasen und zwischendurch konnte man sich locker etwas von der Seele schreiben. Im Moment bin ich praktisch immer im Tunnel für eine längere Geschichte. Das ist ein wahnsinniger Luxus, aber auch eine Belastung, weil der eine Tunnel direkt in den anderen übergeht.

Ein beliebtes Erklärungsmuster für die epische Länge gewisser Republik-Artikel ist die Print-Vergangenheit der meisten, die in den Redaktionsräumen an der Zürcher Langstrasse aufeinandertreffen. Auch Hanimann gehört zu den Print-Sozialisierten, obwohl er sich mit Teilen der WOZ-Redaktion bereits 2010 auf dem Blog Nation of Swine im Internet austoben konnte. Die meisten getippten Texte des Buchautors und Reporters erschienen bis vor kurzem tatsächlich noch gedruckt.

Es gibt eine Korrelation zwischen der Länge der Recherche und der Länge des Textes, aber die ist nicht eins zu eins. Ich habe oft erlebt, dass aus einer Recherchezeit von drei Wochen nur 8000 Zeichen hervorgehen. Die Reduktion gehört zum journalistischen Handwerk. Wenn du 100% recherchierst und nur 30% schreibst, sind diese 30% dichter und härter. Die klare Zeichenbegrenzung im Print hilft enorm, auch wenn sie während der Arbeit manchmal mühsam ist. 20’000 Zeichen sind eine vernünftige Grösse, in der man ausführlich erzählen kann. Wenn eine Geschichte länger als 30’000 Zeichen ist, muss sie extrem gut erzählt sein, damit sie wirklich noch gelesen wird. Ich versuche streng zu mir zu sein, aber als Medium tendieren wir wohl eher dazu, das Internet vollzuschreiben.

Nur weil die Resultate online erscheinen, muss man nicht auf die analoge Arbeitsweise mit Stift und Papier verzichten.

Immer! Ich schreibe fast immer eine sehr genaue Storyline von Hand. Sehr vereinfacht: Intro – Wo geht es weiter? Zwischenteil I, II und III – und Schluss. Dann schreib ich. Manchmal geht es leichter von der Hand. Bei den grösseren Sachen, bei denen eine Fülle an Material da ist, find ich’s schwieriger. Bei den wirklich grossen Sachen drucke ich alles aus und lege es nebeneinander. Seltener – wenn ich Zeit habe – schneide ich die Geschichten auch aus und gruppiere sie neu. Das geht in Richtung Cut Up-Methode: Ich finds gut, wenn du zehn A4-Blätter vor dir hast und umstellen kannst.

Mindestens so berüchtigt wie die Länge der Artikel sind die Mitarbeiter*innenporträts der «Republik»-Redaktion. Manchen halten sie für selbstgerecht; andere lieben den Erzählstil für die vermittelte (Berufs-)Leidenschaft. Aber aus der «Republik»-Biografie von Carlos Hanimann geht nicht hervor, wie er überhaupt zum Rechercheur geworden ist. Zu schön erzählt sich die Story vom Sportjournalisten, der plötzlich Wirtschaftskriminelle jagt. Wo hat Hanimann das Recherchieren überhaupt gelernt?

Der verstorbene Jürg Frischknecht war wichtig für mich. Er brachte mir einiges an Old-School-Recherchemethoden bei: Öffentliche Papiere zusammentragen und mit Leuten sprechen. Wenn ich Personenrecherche mache, schau ich die Social Media-Profile schon an, aber recht viel liegt in den eigentlich verfügbaren Dingen, für die man rausgehen muss. Du kannst Strafbefehle einsehen, kannst aufs Handelsregisteramt und siehst die Namen von Dutzenden Ex-Mitarbeitenden. Das sind Quellen, die andere gar nicht konsultieren. «Ex ist immer gut», das ist so eine einfache Regel von Jürg Frischknecht: Ex-Mitarbeiter, Ex-Partner, Ex-Alles – die sagen am ehesten was Interessantes. Ich seh mich aber nicht als Recherche-Crack, sondern will einfach möglichst viel rausfinden und das gescheit erzählen. Das tönt sehr banal, aber um ein Thema überhaupt anders betrachten zu können, muss man tiefer im Thema drin sein als die anderen.

Es sind die Themen, die Hanimann antreiben. Wie das Thema, das zum Gesprächstermin in ihm brannte. Das ist Journalismus, ob im Tages- oder Monatsrhythmus: Es muss einfach immer weitergehen.

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