von Thomas Paszti

Medienarbeit mit der Giesskanne

Der Grossteil der Medienmitteilungen, die eine Redaktion per E-Mail erreicht, landet ungelesen im Papierkorb, weil sich der Absender nicht die Mühe genommen hat, zu prüfen, ob bei den Adressaten ein minimales Interesse am Thema besteht. Solcher Spam nervt nicht nur, er wirft auch ein schlechtes Licht auf die Unternehmen, die derart fahrlässig kommunizieren.

Ob neue Uniformen für das Bordpersonal der Turkish Airlines oder Entwicklungen und Trends bei Pharma-Verpackungen – die Mehrheit der unaufgefordert eintrudelnden Medienmitteilungen betrifft das Geschäft der MEDIENWOCHE nicht einmal am Rand. Das widerspricht der Theorie, wonach die zielgruppengerechte Ansprache in der Informationsflut die einzige Möglichkeit ist, auf die drohende Nichtbeachtung beim Empfänger zu reagieren. Informationen ohne jede Relevanz werden nicht beachtet, oder noch schlimmer, als Spam und Belästigung wahrgenommen – mit entsprechend negativer Wirkung auf das Image des Absender.

Im Direktmarketing mit Drucksachen ist diese Vorgehensweise längst normal, Streuverluste würden nur die Kosten hochtreiben und den Werbeeffekt schmälern. Auch im digitalen Marketing lässt sich ohne zielgruppengerechter Ansprache kein Blumentopf mehr gewinnen, es sei denn, Waren oder Dienstleistungen werden angepriesen, die jeden etwas angehen, etwa Versicherungen oder Nahrungsmittel. Bei manchen PR-Agenturen scheint diese Einsicht aber noch nicht in tägliche Handlungen übergegangen zu sein. Und so füllen sich unsere Mailboxen mit Werbemüll. Sie stehlen uns zu Stunden summierte Sekunden an kostbarer Aufmerksamkeit, diese Medienmitteilung als Spam zu markieren und zu löschen.

Als Redaktion und Verlag eines Medienmagazins interessiert uns an einer wissenschaftliche Studie zu stressbedingten Magengeschwüren bei Feldmäusen höchstens die Frage, ob auch die Tiere an kommunikativem Overkill leiden. Endgültig Schluss mit dem grundsätzlich vorhandenen Wohlwollen den Kolleginnen und Kollegen in PR und Kommunikation gegenüber ist dann, wenn es nicht bei einer Medienmitteilung bleibt, sondern in einer weiteren E-Mail nachgefragt wird, ob wir sie tatsächlich erhalten hätten und so freundlich wären doch darüber zu berichten. Hard pressure selling oder auch eine kommunikative Hyperventilation, wie wir sie tagtäglich erleben, erzeugen eher Abwehrreflexe und den Verdacht, dass da etwas mehr zu scheinen hat, als es tatsächlich ist.
 
Nun ist diese Form des E-Mail-Spam nicht einfach nur lästig, sondern bewegt sich zudem auch in einer rechtlichen Grauzone, was sich gemessen an der anhaltenden Flut die meisten Absender so wohl gar nicht bewusst sind. Mit den neuen europäischen Datenschutzregeln sollte der Empfänger inhaltlich genau zielen, um mit seinen berechtigten Interessen argumentieren zu können. Ansonsten muss der Empfänger seine Einwilligung erteilen, wie das auch schon bei Newslettern der Fall ist. Wenn die Empfänger schon nicht die Möglichkeit haben, sich vorgängig für einen E-Mail-Verteiler anzumelden, dann wäre es das mindeste, einen funktionierenden Abmeldelink anzubieten. Das ist leider nur ausnahmsweise Fall, und wenn, dann heisst es noch lange nicht, dass er auch funktioniert. In der Regel ist auch nicht ersichtlich, an welche Empfängeradresse eine Medienmitteilung verschickt wurde. Ergo kann man auch nicht die Löschung einer bestimmten Adresse einfordern. So überrascht es denn auch nicht weiter, dass der Bitte, eine Adresse aus dem Verteiler zu entfernen, kaum je nachgekommen wird.

Also, liebe Medienarbeiterinnen und Medienarbeiter, nutzt die Giesskanne für die Botanik und wählt die Empfänger eurer Medienmitteilungen etwas bewusster aus.

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