von Adrian Lobe

Weniger Algorithmus, mehr Journalismus: Alternativen zur Facebook-Abhängigkeit

Distributionsplattformen wie Pocket, Flipboard oder Apple News setzen für die Kuratierung journalistischer Inhalte stärker auf Handarbeit und weniger auf Algorithmen. Damit wären sie die besseren Partner für Medienunternehmen als Facebook.

Wer die aktuelle Version des Webbrowsers Mozilla Firefox nutzt, sieht nach dem Öffnen eines neuen Tabs neben «wichtigen Seiten» wie Youtube, Facebook und Amazon neu auch eine Auswahl von Artikeln, versehen mit dem Hinweis: «Empfohlen von Pocket». Mozilla hat den Bookmarking-Dienst 2015 schrittweise in seinen Browser integriert und 2017 für eine nicht genannte Summe aufgekauft. Pocket ermöglicht es den Nutzern, Webseiten für die spätere Lektüre abzuspeichern (daher der Name Pocket für «in die Tasche stecken»). Die App ist im Grunde wie ein soziales Netzwerk aufgebaut: Man kann anderen Personen folgen und sich ihre geteilten Beiträge anzeigen lassen. Anders als Facebook, setzt Pocket bei seinen Empfehlungen zuerst auf die Nutzer – wobei auch hier Empfehlungen (wie auch Kontaktvorschläge) algorithmisch gesteuert werden.

Aktuell experimentiert Pocket zudem mit personalisierten Empfehlungen auf Basis der mit Firefox besuchten Webseiten. Das funktioniert erstaunlich gut: Dem Autor dieser Zeilen hat Pocket bei einer Recherche zum Thema Gesichtserkennung einen Artikel von «Spektrum der Wissenschaft» vorgeschlagen, der zwar nicht mehr aktuell ist, aber weiterhin nützlich und interessant. Mozilla muss dafür wohl die Browserhistorie genutzt haben, in der sich Suchanfragen zu dem Thema fanden. Das wirft natürlich Fragen auf bezüglich der rechtmässigen Nutzung von Personendaten. Auf der Hilfeseite von Pocket heisst es dazu: «Ihr Firefox-Browser vergleicht Ihre Chronik mit der Liste der Websites zu den täglichen Artikeln, um diejenigen Geschichten herauszusuchen, die am wahrscheinlichsten für Sie interessant sein werden.» Mozilla betont, dass das Tracking nur zum Nutzen des Lesers sei; weder Mozilla noch Pocket haben Einblick in das Nutzungsverhalten. Der gesamte «Vorgang des Sortierens und Filterns von Geschichten» erfolge lokal auf dem Gerät des Nutzers. Die Pocket-Empfehlungen lassen sich zudem deaktivieren.

«Am Ende bestimmen nicht wir, welche Aggregatoren für uns von Bedeutung sind, sondern das Verhalten unserer Benutzer.»
Javier Vázquez, CH Media

Da mit Pocket vor allem Medienartikel gespeichert und geteilt werden, rückt der Dienst zunehmend in den Fokus von Verlagen, auch in der Schweiz. Rouven Leuener, Leiter Digitale Produkte bei der NZZ, teilt auf Anfrage der «Medienwoche» mit: «Pocket spielt eine Rolle bei der Verbreitung journalistischer Inhalte bei der NZZ und hat Einfluss auf den Konsum.» Der Anteil an Pocket-Referrals habe in den letzten zwei Jahren zugenommen, sei aber «nach wie vor auf sehr bescheidenem Niveau», beobachtet Leuener. Womit auch klar ist, dass der Dienst fern einer Alternative zu Facebook ist. Ein Eindruck, den auch Javier Vázquez teilt. Der Leiter Produktmanagement bei CH Media, dem Joint Venture der NZZ-Regionalmedien und der ehemaligen AZ Medien, findet Pocket zwar «eine interessante Alternative zu anderen Aggregatoren». Strategisch spiele der Dienst aufgrund der «minimalen Zugriffszahlen» aber keine Rolle. Im September fanden lediglich 0,005% der User über Pocket den Weg auf den acht Newsportalen der früheren AZ Medien. Im Vergleich dazu seien im gleichen Zeitraum 10% von Facebook, 38% von Google und 0.01% von Feedly, einem RSS-Reader, gekommen. «Pocket spielt keine substanzielle Rolle als Traffic-Quelle», so Vázquez. «Am Ende bestimmen nicht wir, welche Aggregatoren für uns von Bedeutung sind, sondern das Verhalten unserer Benutzer.» Bei Ringier sieht man den News-Aggregator differenziert. «Pocket ist ein sehr guter qualitativer, aber kein quantitativer Indikator», erklärt Gaël Hurlimann, Chefredaktor Online bei der Westschweizer Tageszeitung «Le Temps» und Verantwortlicher der «Digital Factory». Pocket repräsentiere im Moment nur ein geringes Traffic-Volumen auf letemps.ch. Die Artikel, die bei Pocket auftauchen, könne man als «Evergreen» bezeichnen. Die Statistiken der Pocket-Nutzung würden hingegen als Kriterien für die Usability von Artikeln genutzt.

Trotz dieses vernachlässigbar geringen Traffics, der via Pocket auf die Medienseiten führt, sind die Empfehlungen im Mozilla-Browser ein attraktives Gefäss für die Darstellung von Medieninhalten, weil sie potenziell ein Millionenpublikum erreichen. Seit Beginn des Jahres experimentiert Mozilla zudem mit Sponsored Content. So bezahlt das «Wall Street Journal» Geld dafür, dass eine Auswahl seiner Artikel auf Firefox angezeigt werden. Sponsored Content spielt bei Mozilla im Moment noch eine untergeordnete Rolle, wäre aber ein weiteres Mittel, Facebook und Google als Vertriebsplattformen zu konkurrenzieren.

Die journalistische Kompetenz von «Apple News» soll dabei helfen, Nachrichten auf Seriosität zu überprüfen und Sensationalismus zu verhindern.

Der Vergleich mit Facebook stammt vom Chef selbst. Pocket-CEO Nate Weiner sagte, er wolle eine bessere Version des Facebook-Newsfeeds im Firefox-Browser bauen. Eine Art personalisiertes «Best-of-Web»: unaufregter, seriöser, handverlesen. So versucht Weiner seinen Dienst als Alternative zum algorithmisch getriebenen Distributionsmodell von Facebook zu positionieren. Eine Herangehensweise, die auch Apple nicht fremd ist. So hat der Computer- und Smartphone-Hersteller eine eigene Redaktion aufgebaut für seine Apple News, die als App auf iPhones zur Verfügung steht. Die Redaktion umfasst heute rund 30 Journalisten in Sydney, London, New York und Cupertino. Geleitet wird sie von Lauren Kern, die weiterhin auch für das «New York»-Magazin als Redaktorin arbeitet. Jeden Tag wählt die Redaktion vier bis fünf Artikel und empfiehlt sie zur Lektüre. Die journalistische Kompetenz soll dabei helfen, Nachrichten auf Seriosität zu überprüfen und Sensationalismus zu verhindern. Eine Vorgehensweise, die Apple-Chef Tim Cook für wichtig und richtig hält: «Wir hatten das Gefühl, dass Top-Storys von Menschen selektiert werden sollten, um sicher zu gehen, dass man nicht Inhalte herauspickt, die das Ziel verfolgen, die Menschen aufzuhetzen.» Apple News erreicht inzwischen 90 Millionen Menschen und will sich künftig auch als Plattform für den Verkauf hochwertiger journalistischer Inhalte positionieren, von einem «Netflix für Magazine» ist die Rede. Dazu sollen die Funktionen des in diesem Jahr aufgekauften Magazin-Kiosks Texture in die News-App integriert werden.

Auf eine Kombination von Algorithmen und Journalisten setzt auch der News-Aggregator Flipboard, mit 100 Millionen Nutzern ein unbekannter Riese. Im Gegensatz zu Pocket bringt Flipboard den Medienunternehmen in manchen Ländern bereits bedeutsamen Traffic. Auch diese Plattform beschäftigt gut ein Dutzend Journalisten in Europa, unter anderem in Grossbritannien, Frankreich und Deutschland. Flipboard-Gründer und CEO Mike McCue betonte in einem Aufsatz («What Algorithms Can Learn from Journalism») die Wichtigkeit, dass Algorithmen journalistischen Prinzipien folgen müssten. Man kann das als dialektische Umkehrung zum Geschäftsmodell von Facebook lesen, wo journalistische Kriterien den Metriken und Logiken von Algorithmen zu folgen haben. Wenn die Medien ihre Plattformstrategie diversifizieren und sich auch bisher weniger beachteten Plattformen wie Flipboard oder Pocket zuwenden, desto weniger abhängig sind sie von den grossen Gatekeepern Google und Facebook.

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