von Adrian Lobe

Crowdfunding nach europäischem Vorbild soll auch in den USA den Journalismus retten

Das niederländische Online-Magazin «De Correspondent» expandiert in die USA und will wie im Heimmarkt Holland mittels Crowdfunding Fuss fassen. Dabei kann es auf prominente Unterstützer zählen.

Normalerweise kommen Medieninnovationen aus den USA nach Europa. So war es bei «Politico», «Vice», «Buzzfeed» und der «Huffington Post», die nacheinander Dependancen in europäischen Ländern eröffnet haben. Diesmal geht es in die andere Richtung. Die niederländische Webseite «De Correspondent» plant im nächsten Jahr einen Start in den USA: «The Correspondent» soll die englischsprachige Ausgabe heissen.

Die US-Medienszene ist wie elektrisiert von der Expansion des Online-Magazins, das 2013 als crowdfinanziertes Medien-Start-up gegründet wurde und als Vorbild für Crowdfunding-Projekte wie «Krautreporter» und «Republik» diente. Nach dem Artikel-Kiosk «Blendle» könnte «De Correspondent» der zweite Medien-Exportschlager aus den Niederlanden werden.

«Unbreaking News» lautet das journalistische Credo, was man als Antipode zu den hektischen Breaking-News lesen kann, aber auch als Reparaturauftrag eines kaputten Nachrichtengeschäfts.

Der Gründer von «De Correspondent», Ernst-Jan Pfauth, rührte im Vorfeld kräftig die Werbetrommel und tourte mit einem roten Bus durch die USA. Selten wurde ein Medienprojekt mit so vielen Vorschusslorbeeren bedacht.

Zu den Unterstützern gehören neben aktuell gut 17’700 Gründungsmitgliedern auch 150 «Botschafter», darunter Wikipedia-Gründer Jimmy Wales, der Statistik-Guru Nate Silver, Ex-Guardian-Chefredaktor Alan Rusbridger, Upworthy-Mitgründer Eli Pariser («Filterblasen») sowie der Journalismusprofessor Jay Rosen. Der gut vernetzte Medienexperte entwickelte zusammen mit den Machern des «Correspondent» eine Vermarktungsstrategie, wie sich Paid Content auf dem US-Markt umsetzen lässt. Wenn man sich ein vertrauenswürdiges Magazin basteln könnte, käme am Ende «De Correspondent» dabei heraus, schrieb Rosen überschwänglich.

Das niederländische Online-Magazin ist werbefrei und wird wie die «Republik» von ihren Lesern («Verleger») finanziert: 60’000 Unterstützer – ein Rekordwert für derart finanzierte Medien – entrichten jährlich einen Beitrag von 70 Euro. Gemäss Chefredakteur Pfauth, der die Bilanz auf «Medium» publizierte, steuerte die zahlende Leserschaft 2017 94 Prozent der Jahreseinnahmen in der Höhe von 4,5 Millionen Dollar bei. Weitere Einkünfte erzielt das Medium aus Buchveröffentlichungen und Vortragshonoraren. Knapp die Hälfte des Budgets (45,4 Prozent) fliesst in die Redaktion, weitere 18 Prozent in Technologie. Die Redaktion besteht mittlerweile aus 21 Redakteuren sowie 75 freien Mitarbeitern. Um den US-Ableger zu promoten, haben sich niederländischen Medienmacher die Dienste der Digitalagentur Blue State Digital gesichert, die bereits Barack Obamas Präsidentschaftswahlkämpfe 2008 und 2012 organisierte. Über eine Million Euro wurden im Rahmen der US-Crowdfunding-Kampagne bereits eingenommen. Erreichen sie das anvisierte Finanzierungsziel von 2,2 Millionen Euro, sollen damit sechs neue Stellen in den USA geschaffen werden.

Die Expansion von «De Correspondent» in die USA fällt in eine Zeit, wo Online-Medien in der Krise stecken.

Die «Huffington Post» schloss Anfang des Jahres wegen zunehmender Fake-News ihre Self-Publisher-Plattform, auf der 100’000 unbezahlte Autoren veröffentlichten – der Contributed Content machte ca. 15 Prozent des Traffics aus – und brach damit mit einer 13 Jahre alten Tradition.

Das einst gefeierte Online-Magazin «Vice» blieb 2017 hinter den Erwartungen seiner Investoren Walt Disney Co und 21st Century Fox zurück, was nicht zuletzt am schleppenden Ausbau seines Kabel-TV-Senders lag. Und auch Buzzfeed hat seine Gewinnerwartungen nicht erfüllt. Beim viel gelobten Medienunternehmen Mic erhielten vor einer Woche rund 100 Redaktionsmitarbeitende die Kündigung. Oder wie «Vanity Fair» die Stimmung auf den Punkt bringt: Eine Generation digitaler Medien-Lieblinge bereit sich auf einen harten Winter vor.

Kommt jetzt «The Correspondent» und zeigt, wie auch in den USA mittels Crowdfunding der Journalismus gerettet werden kann?

Geht es nach Jay Rosen, lautet die Antwort Ja. Für den Journalismusprofessor von der NYU ist das crowdbasierte, anzeigenfreie und genossenschaftlich organisierte Geschäftsmodell die Antwort auf die Krise des US-Journalismus. «The Correspondent» könnte mit seriösem Journalismus dazu beitragen, das erschütterte Vertrauen in die US-Medien wiederherzustellen und aus dem algorithmengetriebenen Clickbait-Hamsterrad auszubrechen.

Rob Wijnberg, der Chefredakteur des «Correspondent», hat auf dem Portal «Medium» eine sehr instruktive Medienanalyse vorgelegt. Das Problem, schreibt er, seien nicht bloss Fake News, sondern News, die eigentlich gar keine neuen Ereignisse und Erkenntnisse beschreiben. Als Beispiel nennt er Bilanzpressekonferenzen, Berichte von Denkfabriken, Geburtstage oder die notorischen Tweets von Donald Trump. «Im Gegensatz zu Fake-News, die irreführend sind, weil schlicht und ergreifend unwahr sind, täuschen uns echte News auf subtilere und fundamentalere Weise. Sie liefern uns eine schiefe Sicht von Wahrscheinlichkeit, Geschichte, Fortschritt, Entwicklung und Relevanz.» Das Problem, so Wijnberg, sei kein «liberal bias» (Linksdrall) in den Medien, wie er häufig unterstellt wird, sondern ein «recency bias», also eine Verzerrtheit dessen, was als neu verkauft wird. «Statt nur zu schauen, was heute passiert ist, schauen wir beim De Correspondent darauf, was jeden Tag passiert», schreibt Wijnberg. «Wenn man das konsequent durchzieht, schafft man eine neue Sicht auf die Welt.»

Guter Journalismus beginnt mit der richtigen Problemdiagnose. Der Ansatz ist vielversprechend, wenngleich er nicht neu ist.

Auch Print-Magazine legen Wert auf Hintergrundberichterstattung und ausgeruhte Analysen. Bemerkenswert ist aber, wie viele namhafte Unterstützer das Projekt gewinnen konnte. Der Technologiejournalist Dan Gilmor, Direktor des Knight Center für Digital Media Entrepreneurship, teilt auf eine Anfrage der «Medienwoche» mit: «Ich denke nicht, dass ein einziges Medium den US-Journalismus als Geschäft retten kann, aber wir müssen andere Wege gehen.» Crowdfunding sei eine der Ideen, die helfen könnten. Bemerkenswert findet Gilmor, dass «The Correspondent» mehr als andere Medien die Leserschaft zu einem Kernelement des Journalismus mache. «Ich bin nicht sicher, ob sie hier mit anderen Medienunternehmen konkurrieren. Vielmehr sind sie ein Komplementär zu etablierten Medien.» Es gebe «Platz für exzellenten Journalismus», speziell für jenen, wie ihn das niederländische Online-Magazin betreibt, so der Medienexperte.

Die Frage ist nun, ob sich das niederländische Modell in den 20 Mal grösseren US-Markt so einfach exportieren lässt.

Zwar ist die Innovationsdynamik in den USA grösser als im eher strukturkonservativen Medienmarkt Europas, doch hat das Genossenschaftsmodell, auf dem Crowdfunding beruht, im US-Mediensektor keine Tradition. Auch dürfte die Frage, ob Journalismus ein «öffentliches Gut» darstellt (so die Lesart der Correspondent-Unterstützer), im eher staatsfernen Amerika anders beantwortet werden.

Entsprechend schlechter sind denn auch die Erfahrungen mit Crowdfunding-Journalismus in den USA. Das Non-Profit-Experiment Spot.us, eine von der Knight Foundation unterstützte Plattform, auf der Journalisten Storys pitchen und Recherchegelder akquirieren konnten, scheiterte. Auch die Fundraising-Plattformen «Emphas.is», «Contributoria» und «Beacon» mussten wieder eingestellt werden. Vor allem das Aus von «Beacon», das vom ehemaligen Facebook-Mitarbeiter Dan Fletcher gegründet wurde und in Kooperation mit «Newsweek», «Pacific Standard» und der «Huffington Post» aufwendige Recherchen ermöglichte (u.a. wurde eine Ebola-Serie realisiert), überraschte viele. Gegenüber Europa gibt es aber auch den Vorteil, dass das potenzielle Publikum ungleich grösser ist.

Ob «The Correspondent» reüssieren wird, wird massgeblich davon abhängen, ob die Leserschaft bereit sein wird, für guten Journalismus zu bezahlen. Und letztlich muss auch ein crowdfinanziertes Portal zur Verbreitung seiner Inhalte auf die Mechanik zurückgreifen, die seine Gründer kritisieren: die Algorithmen von Google und Facebook.

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