von Redaktion

«Republik» vor zweiter Bewährungsprobe

Jetzt gilt es ernst. Will die «Republik» überleben, müssen möglichst viele der bisherigen Abonnentinnen und Abonnenten ein zweites Mal 240 Franken zahlen. Gegenüber dem sensationellen Crowdfunding zur Lancierung vor einem Jahr, erweist sich die zweite Finanzierungsrunde als ungleich härtere Bewährungsprobe. Jetzt kennen die Leute das Produkt und zahlen das Geld nicht mehr nur für eine vielversprechende Idee. Die MEDIENWOCHE hat «Republik»-Verlegerinnen und Verleger aus Politik, Kultur, Wissenschaft und Medien gefragt, wie sie das erste Jahr mit der neuen Publikation erlebt haben und ob sie an Bord zu bleiben gedenken.

Auf ein weiteres Jahr «Republik»?

❞ Wie ich bereits anlässlich des aufsehenerregenden Crowdfunding schrieb, unterstütze ich guten Journalismus auch finanziell. Zum damaligen Zeitpunkt war mir nicht bewusst, dass diverse Journalisten aus dem ganz linken Spektrum bei der «Republik» an Bord gehen würden. Dennoch inspiriert mich investigativer Journalismus. Das verbindet mich mit meinem Beruf, sowie meiner politischen Arbeit. Forschen, aufdecken, hinterfragen, Ungerechtigkeiten benennen. Viele grosse Verlage vernachlässigen dieses Fach, was ich bedauere und deshalb fördere ich das trotzdem. Selbstverständlich sind die meisten Meinungen und Beiträge der «Republik» gegenüber den politischen Ansichten und der Arbeit der SVP kritisch. Das dürfen sie auch sein. Für mich als Meinungsmacher im Kanton Zürich ist es wichtig zu erfahren, was unabhängige Journalisten und solche, die politisch auf der gegenüberliegenden Seite des Spektrums stehen, über uns schreiben. Für mich als Exponent der SVP gehört es einfach dazu, dass ich meinen Horizont erweitere mit Publikationen ausserhalb des Mainstreams. Das erste Jahr der «Republik» verlief stürmisch. Coole und lange Reportagen fesselten mich, auch wenn mich die eine oder andere Kinderkrankheit störte, etwa bei der Geschichte zum Bündner Baukartell oder dem Report über Mario Fehr.
❞ Selbstverständlich verlängere ich das «Republik»-Abo, weil Verlegerinnen langfristig investieren! Und weil kluge Investorinnen ihr Kapital verteilt anlegen, verlängere ich selbstverständlich auch die WOZ, (die seit 1981 von den Leserinnen und Lesern getragen wird), Tsüri.ch (die im Sommer hartnäckig dem Sexismus am Architekturdepartement der ETH nachging), und trotz alledem die NZZ (speziell wegen dem unermüdlichen Medienbeobachter Rainer Stadler und wegen der immer noch substantiellen Auslandberichterstattung, auch wenn ich die Abgänge, wie beispielsweise Monika Bolliger, bitter vermisse). Der «Republik» müssen die Verlegerinnen nun ein paar Jahre Zeit geben, um eine stabile Truppe zu bilden. Adrienne Fichters fulminanter Start und ihre durchgängig gut informierte Techie-Berichterstattung sind mir sofort positiv aufgefallen. Auch Lady Margrit Sprecher hat mit ihrem WEF Artikel der «Republik» gleich etwas Glamour verliehen. Nicht mehr missen möchte ich die Rubrik „Am Gericht“ von Brigitte Hürlimann und ihren Kollegen und Kolleginnen, die das rar gewordene Genre der Gerichtsreportage hochhält und der Justiz eine kritische Öffentlichkeit verschafft. Rechtsdebatten sind wichtig geworden in Zeiten, in denen die Despoten und die Technokraten dem Recht an den Kragen gehen. Der Beitrag zu den Algorithmen in der Strafjustiz von Nadja Capus und die Replik von Jérôme Endrass und Thomas wecken Lust auf mehr Rechtsstreit. Auch die Wirtschaftsredaktion ist stark gestartet. Es ist zu hoffen, dass sie auch nach dem angekündigten Abgang von Mark Dittli, den datengetriebenen, unabhängigen Wirtschaftsjournalismus weiterentwickelt. Und klar: Der WOZ Abgang Carlos Haniman kriegt auch von mir eine Rose, für die Primeurs, die er der «Republik» beschwert hat. Ich möchte in Zukunft noch mehr «Republik» hören! Besonders gerne zugehört habe ich dem Audiofeature von Michelle Akanji, dem Gespräch von Urs Bruderer mit Daniel Ryser und Roger Köppel. und Anna Jikhareva und Solmaz, die sich im August über Diskriminierung in der Medienbranche unterhalten haben. Vive la République! Und ihre starken Konkurrentinnen!
❞ Die «Republik» hat die ersten Monate oft genervt: Bei jedem Aufrufen der Website wurde erneut ein Verifizieren verlangt! Inzwischen ist diese Hürde verschwunden. Das Online-Magazin pflegt die Sprache, was sie von den meisten anderen Medien unterscheidet. Vorbildlich ist, wie viele Autorinnen und Autoren die Kommentare zu ihren Texten moderieren. Das braucht Zeit, zahlt sich aber aus, weil andere Perspektiven einfliessen und die Leserschaft sich ernst genommen fühlt. Grossartig war das Porträt über den Bürgermeister von Palermo. Solche Stoffe schmecken wie ein liebevoll zubereitetes Tiramisù. Daneben gibt es aber viele episch lange und zuweilen trockene Artikel. Bei einem über Algorithmen, Big Data & Co. bin ich eingeschlafen. Dass der Zürcher Regierungsrat Mario Fehr (SP) wegen einer harmlosen Bierdusche aus dem linken Milieu eine Untersuchung anordnete, ist lächerlich. Die «Republik» braute daraus eine Story mit 20‘000 Zeichen. Natürlich, Fehr ist eine Nervensäge. Aber darum ging es nicht: Ein Jahr vor den Wahlen wollten ihn die beiden Autoren demütigen. Weil er in ihren Augen kein richtiger Sozialdemokrat ist? Lange vor dem Start hat die «Republik» hektoliterweise Pathos versprüht und sich Bestnoten in Marketing geholt. Die grossen Erwartungen kann sie allerdings nicht einlösen: Für Innenpolitik aus linker Perspektive bin ich bei Loser und Lenz, den beiden brillanten «Tagianer», besser bedient. Wenn ich Einschätzungen über die Medienbranche brauche, liefern Stadler (NZZ), «Medienwoche» und WOZ zuverlässig. Für die Auslandberichterstattung sind die NZZ und die beiden SRF-Hintergrundsendungen «Echo der Zeit» und «International» weiterhin der Benchmark. Die «Republik» ist wie das «Magazin» – ein Dessert. Es geht auch ohne. Trotz einer durchzogenen Bilanz bleibe ich Abonnent. Aus drei Gründen: Im Gegensatz zum «Magazin» hat die «Republik» ihre Seele nicht verkauft. Zweitens glaube ich daran, dass sie besser und aktueller wird. Drittens muss dieses Projekt reüssieren, damit es auch weitere Medien-Start-ups wagen. Wenn das alte Mediensystem kollabiert, brauchen wir Alternativen.
❞ Das erste Jahr unserer Beziehung war nicht einfach. Ich musste mich an diesen fordernden Journalismus gewöhnen und noch heute lösche ich den Newsletter ohne zu zögern direkt, da mich diese Bleiwüste in meiner Mailbox abtörnt. Auch für die «Republik» war es kein einfaches Jahr. Journalismus, der sich irgendwo zwischen Tagesjournalismus und Wochenzeitung positioniert, dabei aber weder Tagesaktualität noch fordernde Printpräsenz auf dem Couchtisch aufweist, stellt es eine Herausforderung dar, unsere Aufmerksamkeit zu erreichen. Doch wir haben uns in diesem Jahr beide verändert: Ich habe mich an den fordernden Onlinejournalismus gewöhnt und das Angebot hat Eingang in meinen wöchentlichen Leserhythmus gefunden. Und die «Republik» bewegt sich (permanent beta): Kürzere Formate sind hinzugekommen, die Inhalte werden visueller aufgemacht – und sogar im Newsletter gibt’s unterdessen hin und wieder Bilder 😉 Nun fragst du dich vielleicht, wieso ich den Newsletter nicht abbestelle, wenn ich ihn nicht lese? Weil es diese Push-Meldung braucht und ich zurückkommen will. Was mich zurückholt, sind die Sprache (ja tatsächlich, meine Nummer 1), ihr Agenda Setting und diese sehr gut strukturierten Analysen (die teilweise gar in Richtung Constructive Journalism gehen). Interessant ist, dass Nr. 2 und 3 auch von anderen Journalismusmarken geleistet werden, die ich konsumiere. Doch: dort gehen Perlen oft im Rauschen unter. Und damit sind wir bei Rolf Dobelli: Wir brauchen im Journalismus weniger Quantität. Ressourcen müssen umverteilt werden. Und nein: Wir brauchen nicht weniger Analysen und Hintergrundgeschichten. Aber wir brauchen weniger von diesem News-Gewusel, das uns den Eindruck gibt, es sei wichtig, uns aber vor allem auf die Seite (zurück) holen will, um das Geschäftsmodell am Laufen zu halten. Einziger kleiner Wermutstropfen – zumindest aus einer Systemperspektive: Die «Republik» wendet sich sicher an ein gut gebildetes Publikum und wohl auch eher linkes Publikum. Und wir wissen beide, dass dieses Feld, global betrachtet (der sicher im Westen), schon vergleichsweise gut besetzt ist. Was die «Republik will, ist nicht einfach. Diesen Journalismus zu etablieren braucht Zeit – ich hoffe, ihr Atem reicht.
❞ Neulich stiess ich auf ein Porträt von György Kurtag. Ich wusste nicht, dass György Kurtag noch lebt. Dieser Bericht über eine Begegnung mit ihm hat mich sehr berührt. Erst dann bemerkte ich, dass der Text aus der «Republik» stammt. Ich gehe davon aus, dass ich mit meiner Freude über eine Begegnung mit György Kurtag etwas alleine bin. Früher las ich solche Artikel in der NZZ. Aber Gujer / Scheu mit ihrem musterschülerhaften ideologischen Geschreibsel haben mich als Abonnent vertrieben. Also bin ich froh, dass es die «Republik» gibt. Froh, dass sie nun auch einen Kulturteil hat. Wir haben als Familienhaushalt ein Abo mit vier Zugängen, das wir auch verlängern werden. Nur fliege ich jedes Mal, wenn ich bei meinem Compi die «Chronik» lösche, raus. Das ist irgendwie noch kein optimales System.
❞ Ich werde das «Republik»-Abo erneuern. Weil ich es erstens für die  Medienbranche sehr wichtig finde, dass neue, innovative Projekte, die LeserInnen-finanziert sind, funktionieren. Und zweitens weil die «Republik» viele gute Leute hat, die auch immer wieder sehr lesenswerte Artikel schreiben. Sie hat allerdings ihr Potenzial noch nicht ausgeschöpft, sie kann und muss besser werden (da spricht ja auch ein wenig der Neid der Besitzlosen). Zuweilen geht mir die leicht arrogante Tonalität auf den Zeiger.
❞ Aller Voraussicht nach werde ich mich am Abend des 14. Januar 2019 innert 30 Sekunden entscheiden und dann doch zum zweiten Mal 240 Franken der «Republik» überweisen; als eine Art staatsbürgerlicher Pflichterfüllung, so wie ich bisher Billag zahlte: 240 Franken als Medienunabhängigkeitsabgabe. Die Begeisterung hält sich darum in Grenzen, weil ich das reichhaltige Angebot der «Republik» (v.a. gemessen an den Textumfängen) viel zu wenig nutze. Was auch heisst: Ich habe in einem Jahr keine Nutzungsroutine für die neue Publikation gefunden. Es gibt in meinem Tages- und Wochenablauf keine «Republik»-Momente, wie ich sie für andere Medien reserviert habe. Natürlich liegt es in erster Linie an mir selbst, daran etwas zu ändern. Aber die «Republik» kann den Prozess unterstützen – was sie teilweise auch schon getan hat. Kürzere Formate, teils tagesaktuelle Berichterstattung, regelmässige Rubriken, Newsletter – all das erleichtert den Zugang. Und wenn ich mir dann doch einmal Zeit nehme und mich hinter einen «Republik»-Riemen klemme, dann weiss ich, wohin meine 240 Franken fliessen. Unabhängig von den Themen, die mich mal mehr, mal weniger ansprechen, ist es vor allem die heute leider immer seltener gewordene saubere Produktion der Artikel. Der sorgfältige Umgang mit dem Text ist allein das Geld wert. Und als Gegengewicht zu den rund 1000 Franken, die ich jährlich NZZ, Tamedia, Weltwoche, RingierAxelspringer zahle, sind 240 eigentlich viel zu wenig.

Was meinen Sie nach einem Jahr «Republik»? Was gefällt Ihnen, was weniger? Was wünschten Sie sich anders? Und sollten Sie bereits Abonnent/in sein, werden Sie Ihr Abo verlängern? Schreiben Sie es unten in die Kommentare, wir freuen uns auf Ihr Feedback.

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Leserbeiträge

Lahor Jakrlin 06. Dezember 2018, 17:26

Nichts hat sich verändert

Medial gibt die Republik vor, eine Medien-Sowchose zu sein. Mit viel Schwung («Kulturrevolution»!) flogen ihr die «Verleger» zu … nur um danach meist Selbstverwirklichungs-Journalismus (und Werbemails) zu erhalten.

Mich interessiert: Hat sich mit der Republik in der Meinungsbildung in der Schweiz etwas verändert, sorgte die Republik für eine neue Perspektive, für neue politische oder gesellschaftliche Perspektiven?

Eine Veränderung wäre ja möglich, z.B. mehr Staatskritik (journalistische Kritik an der Verwaltung ist in der Schweiz kaum vorhanden).

Es gab jedoch keine Veränderung, alles ist, wie es vor der Republik schon war.

Möge die Republik trotzdem noch zwei-drei Jahre weiterleben. Vielleicht findet sie in dieser Zeit eine neue Rolle. Eine, welche weder Tagi, WoZ und SRF, NZZ oder BaZ besetzen. Der Spielfelder gäbs genug – denken wir nur an die Weltwoche der 1970-er und 1980-er Jahre.

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Erwin Kuhn 07. Dezember 2018, 11:29

Selbstverständlich bleibe ich bei der Republik. Soviel Info und keine Werbung bekommt man nirgends für so wenig Geld.

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