von Benjamin von Wyl

«In meinem Kopf seh’ ich dann die klischierten Kinder»

So schreibe ich: Meret Michel lebt in Beirut und berichtet als freischaffende Reporterin aus dem Nahen Osten. Mit der Medienwoche sprach sie über ihr Schreiben am Beispiel einer positiven Geschichte über Trümmer und Bücher in Mossul.

Viele Reporter*innen setzen auf Mitleid. Natürlich versuchen sie das mehr oder minder subtil zu tun. Es ist naheliegend: Mitleid generiert Leser*inneninteresse. Die Protagonist*innen, die Einzelschicksale, verkommen dabei aber oft zu Abziehbildern ihrer Situation. Sie werden kontextbefreit zu Mitleidsauslösern verkürzt. In den Texten der Reporterin Meret Michel passiert das nicht.

Man geht ins Flüchtlingslager und schreibt den Einstieg über schreiende und lachende Kinder. In meinem Kopf seh ich dann die klischierten Kinder. Aber man will sich doch in seine Protagonisten hineinversetzen. Was macht die Leute individuell? Ein Kind schreit. Das ist, was ein Kind macht. So wirkt es für die Lesenden nicht fassbarer. Ich versuche mich hineinzuversetzen und nachvollziehbar zu machen – ohne Floskeln. Wenn es dein Nachbarkind wäre, hättest du ein anderes Einfühlungsvermögen für Betroffene. Diese Barriere will ich einreissen und dadurch ist es für mich auch berechtigt, Einzelfälle zu erzählen.

Meret Michel ist nach vier Praktika und der «Zeitenspiegel»-Reportageschule nach Beirut gezogen. Seither arbeitet sie von dort als freischaffende Reporterin. Sie ist nur selten in der Schweiz – vergangenes Jahr etwa bei der Verleihung des real21-Förderpreises, den sie für eine Geschichte über Schlepper an der türkischen Mittelmeerküste gewonnen hat. Vor sechs Jahren schrieb Michel noch Artikel mit Titeln wie «Enten fielen Marder zum Opfer», heute erwähnt sie die Risikosituationen an der türkischen Grenze in Nebensätzen. Es wirkt, als hätte sie ihren Umgang damit gefunden. Andere Mühen des Berufseinstiegs tönen aber bekannt. Sogar ihr WG-Zimmer im hochpreisigen Beirut ist etwa gleich teuer wie eines in Bern oder Zürich.

Die Arbeit als Selbständige war in Beirut anfangs schwer. Du sitzt nicht in einer Redaktion, kannst dich nicht beim Kaffee mit deinen Kollegen austauschen. Du bist halt irgendwo alleine. Für meine zweite Geschichte bin ich ohne Absprache mit einer Zeitung nach Lesbos gereist und habe zu psychischen Problemen von Flüchtenden recherchiert. Learning by doing und step by step. Ich musste mich an den Rhythmus gewöhnen und mich überwinden, Zeitungen anzuschreiben, in deren Redaktion ich noch niemanden kannte.

Natürlich hat ihr neuer Lebensmittelpunkt Beirut ihre Perspektive aber nachhaltig verändert. Welchen Wissenstand sie von deutschsprachigen Leser*innen erwarten kann, muss sie sich immer wieder vergegenwärtigen.

Der Blick auf die Region, in der du arbeitest, verändert sich, wenn du dort lebst. Du bist so tief in den Themen drin, dass es manchmal schwierig ist, zu erkennen, was man von Schweizer Lesern erwarten kann. Bevor ich das erste Mal ins irakische Mossul bin, habe ich meinen besten Freund gefragt, was er von der Stadt weiss. «Das ist, glaub ich, in Syrien», war seine Antwort. Danach wusste ich: Dort muss ich ansetzen. Ich muss mir oft wieder bewusst machen, dass nicht die ganze Welt denselben Wissensstand wie ich hat, nachdem ich mich intensiv mit einem Thema auseinandergesetzt habe.

Michels Anspruch, Empathie zu erreichen statt Mitleid zu erregen, führt dazu, dass sie an Orten, die medial oft nur als Krisenherde vorkommen, Geschichten sieht, in denen schreiende Kinder keine Rolle spielen. Ihre Reportage «Wir fangen wieder bei null an» in der ZEIT (später erschien eine Version mit dem Titel «Verbranntes Wissen» in den CH Media-Regionalmedien) erzählt von der Zerstörung der Zentralbibliothek von Mossul durch den IS. Der Bibliotheksdirektor sei nach der Machtübernahme des IS bloss noch einmal zurück, um seinen Ausweis zu holen. Dann ist er geflohen. Zwar ist auch das eine Geschichte über Krieg, Flucht und einem Leben zwischen Trümmern. Was vom Text hinterher aber bleibt, ist das Bild eines bibliophilen Bibliotheksdirektors, dem es lieber gewesen wäre, der IS hätte sein Haus anstelle des Büchertempels angezündet. Er macht weiter, mit lokaler und internationaler Unterstützung. Es ist eine Geschichte über Büchereuphorie. Im Irak.

Beim Irak denken viele an gar nichts anderes als Terror und Krieg. Aber dass die mesopotamische Kultur auch der Irak ist und dass sie den Irak bis heute prägt, kommt nie in den Fokus. Die Terroristen berufen sich auf Vergangenheit, aber eigentlich haben sie alles versucht, um die Geschichte dieses Landes zu zerstören. Darum ist diese Geschichte wichtig. Wenn ich mit Leuten in Mossul spreche, spüre ich, wie stolz sie auf ihre Stadt sind und deren kulturelles Erbe sind.

Der Text steigt bei einem Mann ein, der in einem Café Kafka liest. Der Mann, der Kafka liest: Er kommt später nicht mehr vor. Michel beschreibt eine Zufallsszene, die genau deshalb viel erzählt, weil sie wieder Alltag ist. An anderen Reportagen habe sie über Wochen hinweg immer wieder geschrieben – bei dieser war das anders.

Meistens ist das Schreiben eine Tortur. Deshalb war diese Geschichte auch so atypisch, weil ich sie wirklich in einem Nachmittag geschrieben habe. Ich habe die Nacherzählung des Bibliothekdirektors von dem Tag, an dem der IS die Stadt übernahm, bereits aufgeschrieben. Das ist nicht der Einstieg – hab ich da schon gewusst. Am nächsten Tag hab ich mich daran erinnert, wie wir in einem der Cafés gesessen sind und sich da einer so darüber gefreut hatte, dass der Fotograf und ich aus Europa sind. Er hatte Kafkas »Die Verwandlung» vor sich auf dem Tisch.

Michels Text nutzt dann Kafkas «Die Verwandlung» als Metapher. Wie Gregor Samsa haben sich nach der Machtübernahme des IS wohl viele gefühlt. Eine Metapher, die ganz nach Michels Anspruch, den Irak nah ans kollektive Bewusstsein ihrer deutschsprachigen Leser*innen holt. «Die Verwandlung» ist Standard-Schullektüre. Viele ihrer Leser*innen mussten den Literaturklassiker einst ertragen. Die Barriere ist eingerissen. Die Metapher verschwindet nach dem Einstieg. Michels Text zwängt seinen Protagonist*innen keine Metapher auf und spitzt dort zu, wo die Zuspitzungen transparent die ihrigen sind: «Für die ganzen letzten 15 Jahre galt hier: Wer Kafka liest, riskiert sein Leben.» Sie lässt die Protagonist*innen Protagonist*innen sein, schildert sie, als würde sie ein Porträt schreiben und verzweckt sie so nicht zu Baumaterial, das ihr Narrativ polstert.

Dieser Einstieg hat gepasst und der zweite und dritte Absatz haben daran angeschlossen. Dann war es plötzlich ganz einfach.

Dass sich diese Reportage so leicht geschrieben hat, sei ein Einzelfall. Michel schreibt nicht auf Punkt. Sie weiss auch gar nicht, ob sie je diesen Anspruch an sich stellen würde. Denn der Anspruch an ihre Geschichten ist inhaltlich – auch wenn das den Schreibprozess manchmal schwierig gestaltet.

Wenn ich den Text wieder lese, bin ich fast überrascht, dass ich ihn nicht schlechter finde als manche, mit denen ich gekämpft habe. Es ist manchmal wohl Glückssache, wie leicht das Schreiben fällt. Aber wenn du viele Widersprüchlichkeiten zusammenbringen willst, dauert es länger. An der Schlepper-Geschichte habe ich über drei Wochen hinweg immer wieder geschrieben. Ich wollte erzählen, wie der Typ Schlepper geworden ist. Das ist eine Geschichte des Scheiterns – aber ich wollte ihn auch nicht so darstellen, als hätte er keine Wahl gehabt. Denn es gibt viele andere, die würden niemals als Schlepper arbeiten, egal was passiert. Diesen Gratgang gab es beim Bibliotheksthema nicht, weil es einfach eine positive Geschichte ist. Ich hatte keine Angst, dass ich die Geschichte falsch erzähle, oder dass sie falsch aufgenommen werden könnte.

Nur 30’000 der ursprünglich einer Million Bücher haben die Herrschaft des IS überstanden. Es ist natürlich keine rein positive Geschichte. Michel schildert die Trümmer. Sie tut das aber innerhalb einer Geschichte, die von einer positiven Dynamik erzählt. Von Kulturcafés in Mossul, Bücherspenden, Wiederaufbau und einer Buch-Aktivistin, die erst unter dem IS zu lesen begonnen und durch die Lektüre über den Islam erkannt habe, dass die Propaganda des IS nichts mit der Religion zu tun hat. Eine solche Geschichte sieht man nicht, wenn man überall wo Kinder schreien, nur noch schreiende Kinder wahrnimmt. Eine solche Geschichte muss ein*e Reporter*in überhaupt erkennen können.

Das Gespräch mit Meret Michel fand kurz nach Weihnachten statt.

Ich bin genau so jemand, der im Ausland arbeitet, Interviews auf Englisch und Arabisch führt und häufig Einzelfallgeschichten erzählt. Ich nehme ohnehin immer alle Gespräche auf und das werde ich umso konsequenter tun. Die schwierigere Frage ist der Umgang mit dem Fetisch für perfekten Geschichten. Gibt es ein Problem des Reportage-Stil?

Selbstverständlich hat sich die MEDIENWOCHE mit ihr lange über Claas Relotius, das strukturelle Problem dahinter und die Storygeilheit von Teilen der Branche unterhalten. Mit Michels Arbeit hat aber all das nichts zu tun. Ihre Reportage über das bibliophile Mossul zeigt beispielhaft, wie man mit schreiberischem Können eine Story baut, die den Leser*innen transparent zeigt, wo die Erinnerungen von jemandem nacherzählt werden und was die Reporterin selber erlebt hat. Der Text endet mit einem Zitat des Bibliotheksdirektors. Manchmal wirke es auf ihn so, als wäre der IS und die Zerstörung der Bibliothek bloss ein böser Traum gewesen. Kein expliziter Rückgriff auf den Kafka vom Anfang, sondern ein subtiler Wink an die Leser*innen: «Es war kein Traum», heisst es in «Die Verwandlung». Vielleicht überlesen manche, womöglich überlesen sogar viele, Michels feinen Storybogen. Wie wunderbar, dass derart Subtiles nicht wegredigiert wird.

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