von Benjamin von Wyl

Berufseinstieg in der Abstiegsgesellschaft

Ein gesamter Jahrgang von SRF-Stagiaires hat einen Masterabschluss, aber keine Berufspraxis – und auch sonst wurde der Ruf nach mehr Akademikern im Nachwuchsjournalismus wieder laut. Gerade praxisorientierte Ausbildungen sollten Nicht-Studierten eine Chance geben.
Ein Kommentar.


Er will sie, SRF hat sie. Christian Mensch, Ausbildungsleiter des AZ-Zeitungsverbunds, bedauert in der neuen WOZ, dass nur noch wenige mit Uniabschluss in den Journalismus einsteigen: «Juristen, Soziologen, Ökonomen und Naturwissenschaftler» würden «Wirtschaft und Behörden» in der Sache auf Augenhöhe begegnen. Barbara B. Peter, publizistische Leiterin des journalistischen Stage von SRF, präsentierte zwei Tage davor die Neuen für die trimediale Stage-Ausbildung: 13 Leute, 7 Frauen, 6 Männer. Alle haben einen Masterabschluss – drei von ihnen sind bereits in einem Doktorat. Die «jungen Berufsleute» sollen noch nie journalistisch gearbeitet haben. Sie lernen die Berufspraxis erst kennen. .

Ältere Kollegen erteilen dem Nachwuchs gerne Ratschläge. Sie romantisieren ihr abgebrochenes Studium und feiern jene jungen Kolleg*innen, die ohne Studium in den Beruf eingestiegen sind.

Ich habe studiert. Bei mir zuhause liegt ein Dokument, das belegt, dass ich drei Jahre meines Lebens sinnvoll verbracht habe. Bachelor of Arts steht da drauf. Und genau deshalb wechsle ich an diesem Punkt zum «Ich». Ältere Kollegen erteilen Nachwuchsjournalist*innen gerne Ratschläge. Sie romantisieren ihr abgebrochenes Studium und feiern jene Reporter*innen, die ohne Matura, ohne Studium, ohne elterliche Klassikerbibliothek in den Beruf eingestiegen sind. Die Losung: Es gebe nicht den einen Weg in den Beruf. Da Journalismus den Anspruch vertrete die Gesellschaft zu spiegeln, brauche es ganz verschiedene Leute. Diversität eben: ehemalige Polizistinnen genauso wie gelernte Zigarrenverkäufer und dissertierte Ökonominnen.

Der Studentenalltag ist ideal, um daneben in einer Branche tätig zu sein, wo es viel zu tun, aber kaum Jobs gibt: Die Präsenzzeit im Studium ist niedrig. Kommt ein Auftrag rein, reicht ein Entschuldigungsmail. Praktika packt man in die ewig langen Semesterferien. Und wenn dann der letzte Praktikumstag gekommen ist, müssen die Vorgesetzten keine traurigen Hundeaugen machen: Die Studentin hat ab morgen wieder Alltag und Struktur – vielleicht kommt sie nächstes Jahr ja nochmals. Grosser Output, 1500 Franken pro Monat. Und bis zum Abschluss des Studiums wird sicher eine Vertretungsstelle frei. So ziehen die Jahre dahin. Wer sich dieses Leben leisten kann und wirklich in den Journalismus will, findet früher oder später einen Einstieg in den Beruf.

Wer Praktikum nach Praktikum absolviert, erlebt zwar viel, hat aber noch immer keine sichere Stelle oder ein anständiges Einkommen.

Anders bei weniger Privilegierten: Sie müssen schneller verdienen. Anders bei Nicht-Studierten: Wer nach der Lehre ein Praktikum macht und nach dem Praktikum noch ein Praktikum, bekommt zwar viel Einblick, hat aber noch immer keine sichere Stelle oder ein anständiges Einkommen. Erst recht nicht, solange eher Stellen abgebaut werden. Studierende können ein paar freie Aufträge pro Jahr in ihren Alltag integrieren – und so Redaktionen regelmässig an ihre Existenz erinnern. (Brot-)Berufstätige können das nicht.

SRF bevorzugte in diesem Stagiaire-Jahrgang gemäss Ausschreibung Fachspezialist*innen aus Naturwissenschaften, Mathematik, Orientalistik und Regie. Und tatsächlich wurden SRFs sehr spezifischen Wünsche erhört: Die neuen Stagiaires haben unter anderem Abschlüsse in Physik, Biologie, Mathematik, Islam- und Theaterwissenschaft. Dass diese alle über einen Master-Abschluss verfügen ist laut SRF «reiner Zufall». Dass sie alle Akademiker*innen sind aber wohl eher nicht. «Für diesen einen Jahrgang wünschte sich die Geschäftsleitung Fachwissen in bestimmten Richtungen. Entsprechend wurden die Leute ausgewählt», so Barbara B. Peter von SRF auf Anfrage der MEDIENWOCHE. Immerhin: Gemäss Peter ist eine Fachspezialistin ohne akademischen Hintergrund denkbar.

Die Vielfalt, welche die neuen SRF-Stagiaires mitbringen, ist die Vielfalt von Hochschulen und Universitäten auf verschiedenen Kontinenten.

Weiter wünschte sich die SRF-Geschäftsleitung bei der Auswahl «Diversität». Kann ein reiner Akademikerjahrgang diesem Anspruch gerecht werden? In der Ausschreibung hiess es: «Internationaler Hintergrund und kulturelle Vielfalt erwünscht». Die Diversität bildet sich laut Peter folgendermassen ab: «Die Stagiaires kommen aus verschiedenen Lebenswelten, sie verfügen über sehr unterschiedliche Ausbildungen und haben diese auf verschiedenen Orten auf der Welt absolviert». Eine Vielfalt von Hochschulen und Universitäten auf verschiedenen Kontinenten ist es also. Auf Nachhaken der MEDIENWOCHE, was unter «verschiedene Lebenswelten» genau zu verstehen sei, bittet sie darum, diese schwammige Formulierung beizubehalten.

Hoffentlich ist es mehr als eine Worthülse: Es braucht mehr Medienprofis mit postmigrantischen Hintergründen oder auch Migrationsvordergründen. Damit in der Berichterstattung (post)migrantische Realitäten weniger oft als blosses «Anderes» von der SRF-bi-de-Lüt-Welt abgesondert werden. Falls nicht, bedeutet Diversität nur eines: einen Lebenslauf, den man sich auch erst mal leisten können muss.

Der Einstieg in den Journalismus ist auch für jene, die ihn von der Universität her wagen, nicht leicht.

Klar kann man von einem Abschluss nicht auf einen Menschen schliessen. Und der Berufseinstieg in den Journalismus ist auch für jene, die ihn von der Universität her wagen, nicht leicht. Der romantisierte ungerade Lebensweg bringt Studierende dazu, sich jahrelang von Redaktionen warm halten zu lassen, bis sie vielleicht mal eine Vertretungsstelle übernehmen dürfen.

Die Frage, ob man eher Chancen auf eine Stelle oder eine berufliche Zukunft hat, wenn man nach dem Bachelor aufhört oder weiterstudiert, diskutiert mein Freundeskreis regelmässig. Wenn Christian Mensch, Ausbildungsleiter der AZ Medien, unter seinen Stagiaires, wie er es sich wünscht, eine Soziologin hätte, könnte sie ihm «Die Abstiegsgesellschaft» näherbringen. Das Hauptwerk des Basler Starprofessors Oliver Nachtwey skizziert, dass die Kinder der Babyboomer-Generation weniger Sicherheiten und schlechtere Aussichten haben als ihre Eltern. Da brauchts nicht mal eine Branche in der Dauerkrise.

Mensch glaubt, dass Akademiker*innen mit Wirtschaftsvertretern eher auf Augenhöhe sprechen können – ihrer Fachkompetenz wegen. Er nennt in der WOZ eine konkrete Fähigkeit: Bilanzen lesen können. Ich denke, das kann man sich auch selbst beibringen. Akademiker*innen können Akademiker*innen auf Augenhöhe begegnen – das stimmt wohl. Das hat aber hauptsächlich mit Habitus-Fragen zu tun: Wie man sich verhält, welches Vokabular man verwendet, was man namedroppt. Elitäre Oberflächlichkeiten, die nichts mit Kompetenz zu tun haben. Journalist*innen sollten aber allen auf Augenhöhe begegnen können – denn Journalismus hat den Anspruch die Gesellschaft zu spiegeln.

Ein Berufseinstieg ohne Ausbildung ist im Journalismus momentan praktisch unmöglich. Man braucht Abschlüsse oder Diplome.

Empathie lernt man nicht an der Uni, Gespür für Geschichten ebensowenig. Auch Barbara B. Peter von SRF verneint gegenüber der MEDIENWOCHE, dass Akademiker*innen generell die besseren Journalist*innen seien.

Aber ohne Ausbildung ist der Berufseinstieg momentan praktisch unmöglich. Ohne Diplom oder Abschluss geht nix. Es sind eben gerade praxisorientierte Ausbildungen wie die SRF-Stages, die Nicht-Studierten den Berufseinstieg ermöglichen könnten. Wenn die SRF-Geschäftsleitung nur wollte.

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