von Nick Lüthi

Journalismus-Ausbildung ist (nicht) gefragt

Während Journalismus-Schulen Mühe bekunden, ihre Studiengänge vollzukriegen, sind die Absolvent:innen bei den Verlagen umso begehrter.

Bis vor Kurzem galt es als ein Traumlos: Zwei Jahre bezahltes Volontariat auf einer Redaktion, dazu eine Diplomausbildung am MAZ. Die Journalistenschule selbst nennt es den «Königsweg in den Journalismus». Für den nächsten Ausbildungsgang hatte auch der «Landbote» in Winterthur wieder ein MAZ-Volontariat ausgeschrieben. Doch gefehlt: Es gab kein nennenswertes Interesse, das Volontariat bleibt diesmal verwaist.

Wie die Redaktionen Mühe bekunden bei der Suche nach Nachwuchs, so ergeht es auch den Ausbildungsstätten nicht anders. Mit 22 Teilnehmenden verzeichnet das MAZ derzeit eine rekordtiefe Belegung der zweijährigen Diplomausbildung. In den vergangenen Jahren waren es jeweils zwischen 40 und 60. «Gewisse Verlage können niemanden schicken, weil sie schlicht keine Leute haben. Oder die Personaldecke ist dermassen dünn, dass sie für die 90 Ausbildungstage bei uns nur noch alle zwei Jahre jemanden entbehren können», sagt MAZ-Direktorin Martina Fehr im Gespräch mit der MEDIENWOCHE. Was Fehr aber auch feststellt: Jene 22, die sich für die Diplomausbildung entschieden haben, seien «sehr motiviert und sehr zielgerichtet». Das mag auch daher rühren, dass sie eine Anstellung auf sicher haben. «Die meisten Leute werden noch während des Studiums angestellt.».

Während das Interesse am zweijährigen Diplomlehrgang sinkt (die Radio- und Video-Lehrgänge in der Grundausbildung sind weiterhin ausgebucht), nehmen die Anfragen zu für spezifische Weiterbildungen. Ein Zeichen, dass Verlage in bestehendes Personal investieren wollen. Das MAZ müsse hier nun eine «Umschichtung managen», erklärt die Direktorin. «Unser oberstes Ziel bleibt es, die Kunden zufriedenzustellen mit gezielten Angeboten für Aus- und Weiterbildung.» Das scheint in dieser Phase des Umbruchs ganz gut zu gelingen. Medien, die das MAZ als Kunden verloren hatte, kommen wieder, und langjährige Kunden, etwa CH Media, buchen im bisherigen Umfang Kurse in Luzern.

CH Media nutzt ihr neues Ausbildungsangebot als eine Art Mischung aus Trichter und Staubsauger, um die passenden Leute zu finden.

Im Fall von CH Media mag das insofern überraschen, als dass das Unternehmen vor zwei Jahren selbst eine «Academy» gründete als Reaktion auf die Rekrutierungsschwierigkeiten für Medien-Jobs. Die trimediale Ausbildung an der «CH Media Academy» ist auf die Bedürfnisse der elektronischen Medien TV, Radio und Online ausgerichtet, die CH Media in vier (und demnächst sechs) Deutschschweizer Städten betreibt. «Wir müssen versuchen, den jungen Leuten etwas Attraktives zu bieten, das über das Standardpraktikum hinausgeht», erklärt Nicola Bomio die Motivation für den eigenen Ausbildungsgang. Als Leiter der Radioprogramme von CH Media hat Bomio die «CH Media Academy» mitentwickelt. Die ersten 15 Teilnehmenden der neuen Ausbildung haben nun nach einem Jahr zwei der insgesamt drei halbjährigen Praktika in den Redaktionen von Radio, TV und Online absolviert. Für ihre Arbeit erhalten sie am Anfang 2500 Franken im Monat, am Ende der Ausbildung 4000.

CH Media nutzt ihr neues Ausbildungsangebot als eine Art Mischung aus Trichter und Staubsauger, um die passenden Leute zu finden. Nach der Ausschreibung primär über die eigenen Kanäle meldeten sich 100 Interessierte. Nach der Sichtung der Dossiers hat CH Media 40 an den sogenannten «Talent Day» eingeladen, wo das Feld in einem eintägigen Assessment mit praxisnahen Aufgaben schliesslich auf die verbleibenden 15 ausgedünnt wurde, die dann die Ausbildung in Angriff nehmen durften. Eine Verpflichtung, danach für eine bestimmte Zeit im Unternehmen zu bleiben, gibt es nicht; aber gute Chancen, fest angestellt zu werden.

Zählte die «JouSchu» früher über 200 Bewerbungen, so waren es für den kommenden Lehrgang gerade noch rund 50.

Wie CH Media setzt auch Ringier – weiterhin und verstärkt – auf das eigene Ausbildungsangebot. Seit bald 50 Jahren führt das Zürcher Medienhaus an seinem historischen Stammsitz in Zofingen die Ringier Journalistenschule, auch bekannt als «Jouschu». Mit Peter Hossli leitet die Schule seit Anfang Mai dieses Jahres ein erfahrener und versierter Reporter und Moderator, der zuletzt bei der «NZZ am Sonntag» und dem Schweizer Fernsehen SRF gearbeitet hatte. Hossli löste den früheren Fernsehmann und «Sonntagsblick»-Chefredaktor Hannes Britschgi ab, der die «Jouschu» zwölf Jahre lang geleitet hatte.
 

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Auch die Ringier-Ausbildungsstätte spürt den schwächeren Zustrom an interessierten jungen Leuten. Zählte man früher über 200 Bewerbungen, so waren es für den kommenden Lehrgang gerade noch rund 50. Im August beginnen voraussichtlich 14 davon die Ausbildung. «Das hat wohl damit zu tun, dass wir zu wenig rausgehen, dass die Schule nicht mehr überall bekannt ist», sagt Peter Hossli zur MEDIENWOCHE. Das wolle er ändern. Unter den Bewerbungen fand sich anfänglich niemand, der die Ausbildung bei einem Wirtschaftsmedium von Ringier machen wollte, etwa bei «Handelszeitung» oder «Bilanz». Hossli suchte – und ist zuversichtlich, die Position besetzen zu können. Rekrutierungspotenzial für die Ausbildung an der Ringier-Schule sieht Hossli bei Gruppen, die im Journalismus bisher zu wenig vertreten sind: Nicht-Akademiker:innen und die migrantische Bevölkerung. «Es hat weiterhin nur wenige mit einem -ić im Nachnamen auf den Redaktionen. Da möchte ich einen Effort leisten für die nächste Klasse», sagt Hossli. Er schaue darum nach vorne und beginne jetzt schon mit der Rekrutierung für den übernächsten Studiengang, der 2025 beginnt. Ein Instrument, das ihm dabei hilft, ist das Mediacamp der «Blick»-Gruppe. Im Juli werden eine Woche lang dreizehn Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 16 und 22 auf den «Blick»-Redaktionen mitarbeiten. «Ich hätte die Plätze doppelt belegen können», berichtet Hossli vom grossen Zuspruch. Weiter erfreulich sei zum einen der hohe Frauenanteil. Es habe etwa dreimal so viele Bewerberinnen wie Bewerber gegeben. Zum anderen brächten die jungen Leute einen gut gefüllten Rucksack mit, hätten mitunter schon Erfahrungen bei Lokalzeitungen und -radios gesammelt. Aus diesem Pool kann Hossli nun schöpfen für seine Schule. «Das Interesse am Mediacamp zeigt, dass der Journalismus für junge Menschen nach wie vor eine grosse Attraktivität ausstrahlt.»

Im ersten Corona-Jahr während des Lockdowns verzeichnete der Studiengang Kommunikation an der ZHAW rekordviele Anmeldungen.

Business as usual meldet derweil die ZHAW in Winterthur. Der Bachelor Kommunikation, der eine Möglichkeit zur Vertiefung in den Journalismus bietet, läuft stabil. Guido Keel von der Leitung des Instituts für Angewandte Medienwissenschaft an der Zürcher Fachhochschule sieht über die letzten Jahre lediglich «Schwankungen, die sich ausgleichen.» Im ersten Corona-Jahr während des Lockdowns verzeichnete der Studiengang rekordviele Anmeldungen. «Wir nehmen an, dass das mehr auf Einschränkungen im Alltag zurückzuführen war als auf eine plötzliche Popularität des Studiengangs – man fing mal ein Studium an, weil man die Weltreise nicht antreten konnte», schreibt Keel auf Anfrage. Im Folgejahr fehlten im Vergleich zum langjährigen Schnitt dann entsprechend ein paar Anmeldungen. Die Stabilität mag in Winterthur auch daher rühren, dass bereits seit 2016 mehrheitlich Leute die Ausbildung besuchen, die sich in Richtung Organisationskommunikation entwickeln wollen. In den vergangenen Jahren lag der Anteil jener, die sich für eine Vertiefung in Journalismus entscheiden, nur noch zwischen 30 und 40 Prozent.

Nach dem gleichen Modell wie in Winterthur gibt es seit diesem Frühjahr an der Fachhochschule Graubünden die Möglichkeit, sich im Rahmen der Bachelor-Ausbildung «Multimedia Production», in Richtung Journalismus zu vertiefen. Die neuen Journalismus-Kurse führt das MAZ. Zwar entschieden sich auch schon bisher Absolvent:innen der Ausbildung in Chur für journalistische Jobs. Mit dem stärkeren Fokus sollte das aber umso mehr der Fall sein. Die Kooperation von MAZ und FH Graubünden stärkt nicht nur die beiden Institutionen. Sie zeigt auch einen erfolgversprechenden Weg auf, die Ausbildung insgesamt zu stärken, wenn sich Schulen vernetzen. Auch zwischen MAZ und CH-Media-Academy laufen Gespräche über eine Zusammenarbeit.