von Adrian Lobe

Julian Assange – der gefallene Ritter

Am Fall des Wikileaks-Gründers Julian Assange zeigen sich die Bruchlinien der digitalen Gesellschaft. Auffällig dabei: die Parallelen zwischen dem Enthüllungsprojekt und Google. Beide wollen der Gesellschaft so viele Geheimnisse wie möglich entlocken.

Es war der Versuch, noch einmal die Kontrolle über die Bilder zu erlangen: Als die Polizei in London Julian Assange aus der Botschaft Ecuadors abführte, inszenierte sich der Wikileaks-Gründer als politischer Gefangener. Sichtlich gealtert, mit schlohweissem Rauschebart liess er sich in einer Mischung aus Trotz und Widerstand von den Sicherheitsbeamten aus dem Haus raustragen. Sieben Jahre hatte er in der Botschaft verbracht. Einem Gefängnis, das er selbst auswählte, weil er sich bis zuletzt weigerte, sich der Justiz zu stellen.

Assange werden mehrere Verbrechen zur Last gelegt. In Schweden droht das 2017 eingestellte Verfahren gegen Vergewaltigung wieder aufgerollt zu werden. Die USA werfen ihm Verschwörung mit der Whistleblowerin Chelsea Manning vor. Ihm droht die Auslieferung in die USA.

Julian Assange ist eine der schillerndsten und kontroversesten Figuren der digitalen Öffentlichkeit. 2010 publizierte die von ihm begründete Enthüllungsplattform Wikileaks über 250’000 diplomatische Depeschen des US-Aussenministeriums – mitsamt den Namen der Informanten, die fortan um ihr Leben bangen musste.

Assange gerierte sich als Bannerträger einer neuen Transparenz und als digitaler Chefaufklärer, der Licht ins Dunkel der Macht bringt.

Der als «Cablegate» bekannt gewordene Leak sorgte für ein politisches Erdbeben in den USA: Der Staatsapparat lag offen wie ein Quellcode, das geleakte Video eines Kampfhubschraubers im Irak-Krieg, dessen Piloten ihre eigenen Treffer wie in einem Ballerspiel bejubeln («Hahaha. I hit ’em,»), diskreditierte das US-Militär als zynische und moralfreie Kriegsmaschinerie. Assange wurde zum Staatsfeind Nr. 1.

Der Wikileaks-Gründer rühmte sich damit, einen «Krieg gegen die Geheimhaltung der Regierungen» zu führen. Er gerierte sich als Bannerträger einer neuen Transparenz und als digitaler Chefaufklärer, der Licht ins Dunkel der Macht bringt. Und er stilisierte den Leak, also das Offenlegen brisanter Informationen, als Waffe des kleinen Mannes – eine Lesart, die auch den kriminellen Hack von Datenbanken als politischen Akt erscheinen lässt. An dem australischen Aktivisten scheiden sich die Geister: Die einen halten ihn für einen Freiheitskämpfer. Für die anderen ist er ein Krimineller, der sein Handeln politisch zu nobilitieren versucht.

Assanges Motive bleiben weitgehend im Dunkeln. Doch man kann sich der rätselhaften Figur über seine Schriften nähern.

Sein Nimbus als Ritter der digitalen Welt hat zuletzt gelitten: Seit Wikileaks-im letzten US-Präsidentschaftswahlkampf gehackte E-Mails von Hillary Clinton veröffentlichte und damit Donald Trump in die Hände spielte, steht Assange selbst im Verdacht, im Bunde mit den Mächtigen zu stehen. Wikipedia-Gründer Jimmy Wales sagte einmal: «Wenn ich Informationen hätte, wäre das letzte, was ich tun würde, diese Wikileaks zuzuspielen.» Assanges Motive bleiben weitgehend im Dunkeln. Doch man kann sich der rätselhaften Figur über seine Schriften nähern.

Im Dezember 2006 veröffentlichte Assange den Aufsatz «Conspiracy as Governance», der als inoffizielles Gründungsdokument von Wikileaks gilt. Darin stellt er die These auf, dass Verschwörungen der Machtquell autoritärer Regime seien. Verschwörung modellierte er unter Zuhilfenahme der kybernetischen Lehre als kognitiven «Gerätetypus», in dessen Blackbox sich ein Computernetzwerk befindet (die Verschwörer und ihre Links). Autoritäre Regime können demnach nur über die Öffnung dieser Blackbox gestürzt werden, beziehungsweise indem ihre Informationsströme gestört werden. Erst wenn die «Verschwörungsmacht» gleich Null ist, so Assanges Logik, gebe es keine Verschwörung mehr. Darin offenbart sich bereits eine Radikalität des Denkens, der ein radikales Handeln folgen sollte.

Assange wollte seine Enthüllungen nie als investigativen Journalismus verstanden wissen, sondern als Machtdemonstration.

Für die sogenannte Cypherpunk-Bewegung, zu der sich Assange zählt, wird die Welt von einer Verschwörung kontrolliert, eine konspirative Clique von Dunkelmännern, die man nur entmachten kann, wenn man ihnen die Geheimnisse entreisst. Auch wenn sich seine Anwälte auf die Pressefreiheit berufen – Assange wollte seine Enthüllungen nie als investigativen Journalismus verstanden wissen, sondern als Machtdemonstration. Nach dem Motto: «Ich habe etwas gegen euch in der Hand!»

Assange schreibt im Aufsatz «Conspiracy as Governance» einen Satz, der im Lichte von Clintons E-Mail-Affäre wie eine düstere Prophetie klingt. «Betrachten wir (…) zwei ausgeglichene und weithin konspirative Machtgruppierungen, die US-Demokraten und Republikaner. Was würde passieren, wenn eine dieser Parteien ihre Mobiltelefone, Fax- und E-Mail-Korrespondenz aufgeben würde – ganz zu schweigen von den Computersystemen, die ihre Abonnenten, Spender, Budgets, Umfragen, Call Center und Direktmailing-Kampagnen verwalten?» Die Passage liest sich wie eine Betriebsanleitung zum Hack.

2012 schrieb Assange aus seinem Botschaftsexil das Vorwort für das Buch «Cypherpunks: Unsere Freiheit und die Zukunft des Internets», worin er vor den Gefahren eines durch Überwachungsstrukturen zersetzten World Wide Web warnt: «Das Internet, unser grossartiges Emanzipationsmittel, hat sich in den gefährlichsten Wegbereiter des Totalitarismus verwandelt, mit dem wir es je zu tun hatten. Das Internet ist eine Bedrohung der menschlichen Zivilisation.» Nur: Von welchem Internet spricht der Autor? Vom Internet der «globalen Überwachungsindustrie»? Oder von jenem Internet, das die geheimen Dokumente verbreitet? Als Überwachungskritiker hat Assange ja durchaus Autorität, nicht bloss, weil der Gründer der «gefährlichsten Webseite der Welt» (so sein ehemaliger Mitstreiter Daniel Domscheit-Berg) selbst abgehört wurde, sondern auch, weil er die die staatlichen Überwachungspraktiken schonungslos aufdeckte.

Wie sich Google und Wikileaks doch gleichen: Beide wollen der Gesellschaft so viele Geheimnisse wie möglich entlocken – und diese mit aller Welt teilen.

Der Wikileaks-Gründer scheint jedoch keine Berührungsängste mit den Vertretern des Digitalkapitalismus zu haben. In seinem Buch «When Google Met Wikileaks» (2014) sind eine Reihe von Gesprächen zwischen Assange und führenden Google-Köpfen (unter anderem mit Eric Schmidt und Jared Cohen) abgedruckt. Bei einem Treffen in Ellingham Hall im englischen Norfolk 2011, wo Assange einige Zeit unter Hausarrest lebte, sagte der Wikileaks-Gründer: «Wir befinden uns an einem Scheideweg, wo die Organisationen diejenigen Leute bekämpfen, die in der Lage sein wollen, frei zu veröffentlichen und wichtige Informationen gegenüber der Öffentlichkeit offenzulegen (…) ».

An diesem Statement zeigen sich die Bruchlinien einer digitalen Öffentlichkeit, wie man sie auch bei der aktuellen Diskussion um das digitale Urheberrecht sieht: Auf der einen Seite stehen die Urheber, die für ihr geistiges Eigentum angemessen entschädigt werden wollen. Auf der anderen Seite die Interessen der Plattformen, die möglichst viel ins Netz stellen wollen. Die Positionen von Wikileaks und Google liegen näher beieinander, als man vermuten würde. Beide wollen der Gesellschaft so viele Geheimnisse wie möglich entlocken – und diese mit aller Welt teilen.

Mit Google-Chef Schmidt teilt Assange die Ablehnung einer Internet-Regulierung und eine tiefsitzende Staatsskepsis. Wo Wikileaks die Hinterzimmer der Mächtigen ausleuchtet, leuchtet Google die Privatsphäre der Machtlosen aus – mit dem Ergebnis, dass die informationelle Selbstbestimmung immer brüchiger wird. Googles Macht gründet auf der Intransparenz seiner Suchalgorithmen. Er stellt zwar Öffentlichkeit her, lässt sich aber selbst nicht in die Karten schauen. Auch das eine Parallele zwischen Wikileaks und Google.

Denn was die Transparenz zu seiner eigenen Person angeht, legt Assange andere Massstäbe an. So weiss man bis heute nicht, ob er bei der Veröffentlichung der Clinton-Mails auf Geheiss Russlands oder Trumps handelte – und letztlich bloss ein nützlicher Idiot war. Es ist eine der vielen bitteren Ironien der jüngeren Internet-Geschichte, dass ausgerechnet jener Mann, der gegen Verschwörungen ankämpfte, selbst Teil eines konspirativen Zirkels ist.

Kommentieren

*Pflichtfelder

Ihre Persönlichen Daten werden nicht veröffentlicht oder weitergegeben.

Leserbeiträge

Raphae1 10. Mai 2019, 22:35

Ein Kommentar der anderen Seite:
https://de.indymedia.org/node/31686

Warum sprechen wir nur über den Überbringer der Botschaft, und nicht über die Botschaft selbst? Der Aufdecker von Kriegsverbrechen wird jetzt vom Friedensnobelpreisträger Europäische Union an jene ausgeliefert, die die Kriegsverbrecher bis heute schützen. 2010 wurde in den USA ganz offen versprochen, dass Assange ermordet werden soll. Waterboarding?

Antworten...