von Ramona Riedener

Auftragsbuch voll, Kasse leer

Seit bald einem Jahr versucht Ramona Riedener (57) als freie Journalistin ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Für 150 Franken arbeitet sie oft bis zu acht Stunden an einem Artikel. Mehr als 2000 Franken pro Monate schauen dabei nicht heraus – trotz Vollzeitbeschäftigung.

Mein Weg vom Wildfang zur Atelierschneiderin, Bürofachfrau, Gewerkschaftssekretärin zur Journalistin begann am 5. Mai 1962 im St. Galler Rheintal, führte nach Rorschach, Goldach, über St. Gallen nach Wittenbach und Ende Mai wieder zurück zu meinen Wurzeln nach Balgach. Heute schreibe ich Artikel, erzähle Geschichten. Geschichten über Menschen, Tiere und Orte, über die Region, die Schweiz und über meine Wahlheimat Valencia an der spanischen Mittelmehrküste. Ich spreche mit Spitzenfussballern, Flamencotänzerinnen, Dirigenten, Bauern, Geistlichen, Menschen aus Politik und Wirtschaft. Kreativität, Humor, Lebensfreude, Offenheit und Durchsetzungsvermögen sind Eigenschaften, die meine Mitmenschen an mir schätzen. Ebenso schätzen die Redaktionen und Auftraggeber meine Zuverlässigkeit und meine Arbeit. Auch die Leser mögen meine Geschichten. Über mangelnde Aufträge kann ich mich nicht beklagen. Eine erfolgreiche Journalistin in einem rundum erfüllenden Arbeitsumfeld, würde man meinen. Doch die Rechnung geht nicht auf.

Die Tageszeitungen bezahlen für einen Text im Umfang von 1500 bis 4500 Zeichen, plus Bild zwischen 120 und 250 Franken.

Mein Erwerbseinkommen liegt meist unter 2000 Franken im Monat. Dies trotz Vollzeitbeschäftigung. Ich arbeite selbständig als freie Journalistin, tagsüber, oft auch am Wochenende und nicht selten am Abend. Es braucht Zeit, um aus Fakten und Eindrücken eine attraktive Geschichte zu formen. Diese Zeit nehme ich mir, weil ich einen Berufsstolz habe. Schliesslich will ich meine Auftraggeber mit guter Qualität beliefern und den Lesern spannendes Lesefutter bieten. Deshalb brauche ich für einen Beitrag gerne mal sechs bis zehn Stunden. So lange kann es dauern: Vorrecherche, Interviews, fotografieren und Arbeit vor Ort, danach im Homeoffice den Text schreiben, die Bilder bearbeiten und den Beitrag dem Auftraggeber liefern. Dazu kommen noch allerlei verdeckte Zeitaufwände wie Kommunikation, Administration oder Akquisition von Aufträgen, von denen aber niemand spricht. Die Lokalredaktionen der Ostschweizer Tageszeitung bezahlen für einen Text im Umfang von 1500 bis 4500 Zeichen plus Bild zwischen 120 und 250 Franken. Mit wenigen Ausnahmen sind inzwischen die Spesen im Honorar inbegriffen.

Früher hatten die Redaktionen noch Spielraum in Sachen Honorare. Heute ist das kaum mehr möglich und das Budget ist entsprechend eng. Nicht viel besser ist die Entschädigung bei Fach- und Verbandsmagazinen. Das Honorar für einen Artikel von 3000 bis 5000 Zeichen mit ein bis sechs Fotos, liegt bei 180 bis 300 Franken, Spesen inbegriffen. Im Gegensatz zu den Beiträgen in der Tageszeitung, die nur einmal vergütet werden, auch wenn sie in verschiedenen Lokalteilen erscheinen, kann ich die Fachartikel immerhin noch als Zweitverwertung verkaufen.

Abgesehen vom Geld läuft es eigentlich ganz gut: Ich erhalte genügend Aufträge von Redaktionen und kann auch selber eigene Themen anbieten.

Ich leiste qualifizierte Berufsarbeit und verdiene trotzdem meist deutlich weniger als 20 Franken in der Stunde. Jede Hilfskraft erhält heute mehr! Und trotzdem liebe ich meinen Beruf. Abgesehen vom Geld läuft es eigentlich ganz gut: Ich erhalte genügend Aufträge von Redaktionen und kann auch selber eigene Themen anbieten. So kann ich mir aussuchen, mit welchen Redaktionen ich zusammenarbeiten möchte. Das zeigt auch, dass meine Arbeit geschätzt wird. Meine Themenvorschläge kommen gut an und die Zusammenarbeit mit den Redaktoren und Auftraggebern ist sehr positiv.

Ich bin nicht ganz freiwillig in den Journalismus umgestiegen. Gesundheitliche Gründe zwangen mich dazu, meine kaufmännische Festanstellung zu kündigen. Während der folgenden Arbeitslosigkeit bekam ich von der Lokalredaktion unserer Tageszeitung die ersten Schreibaufträge. Trotz intensiver Suche, jedoch erschwert durch Alter und chronische Krankheit, fand ich während der zweijährigen Rahmenfrist keine Festanstellung. Mein Antrag auf eine zweite Rahmenfrist wurde zuerst abgelehnt, später aber aufgrund meines Zwischenverdiensts genehmigt. Doch das Taggeld belief sich auf knapp 2000 Franken im Monat. Da ich die aussichtslose und zermürbende Stellensuche satt hatte, habe ich mich vor einem Jahr bei der Arbeitslosenkasse abgemeldet, um als Selbständige mein Glück zu versuchen. Seither kämpfe ich Monat für Monat um meine Existenz. Mehr als einmal habe ich meinen Entschluss, Journalistin zu werden, schon hinterfragt.

Ich kämpfe weiter und hoffe, dass meine Bemühungen und meine Ausdauer eines Tages Früchte tragen.

Dann wäre da noch das Sozialamt, denn in der Schweiz muss niemand verhungern oder unter der Brücke hausen. Der Unterstützungsbetrag in meinem Fall bewegt sich auch hier im u2000-Franken-Bereich. Dies würde zwar eine minimale Absicherung bedeuten, doch finanziell kaum Vorteile bringen, da die Differenz zu meinem Einkommen kaum was ausmacht. Doch manchmal frage ich mich, ob ich nicht besser daran täte, dem süssen Leben zu frönen, statt freiwillig zur Feder greifen, oder besser, auf die Tastatur zu hauen, wenn doch der Lohn so bescheiden ist; einmal im Monat beim Amt vorsprechen, statt mich tagtäglich abzumühen. Ich habe die Wahl, das finanzielle Ergebnis wäre das Gleiche! Doch wie entwürdigend ist es für eine 56-jährige Frau mit vier abgeschlossenen Berufsausbildung und einem Rucksack voller Berufs- und Lebenserfahrungen vom Sozialamt abhängig zu sein?! Also kämpfe ich weiter und hoffe, dass meine Bemühungen und meine Ausdauer eines Tages Früchte tragen.

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Leserbeiträge

Sascha R. Bauer 03. Mai 2019, 22:51

Liebe Ramona Riedener

Ich bewundere deine Vielfältigkeit und deine Ausdauer. Ich bin überzeugt, dass dein Einsatz zum Gegebenen Zeitpunkt die richtigen Früchte tragen wird.

Es würde uns von der Social Mall freuen, wenn wir eine solch engagierte Person und Unternehmerin unterstützen könnten. Unsere Plattform setzt sich mit den unterschiedlichsten Aufgaben auseinander. In deinem Fall müsste, wie ich das verstehe das Preisniveau für deine Arbeit angehoben werden können. Obwohl wir ein blutjunges Start-up sind durften wir uns doch schon ähnlichen Aufgabenstellungen widmen und haben auch schon Lösungsansätze entwickeln können.

vielleicht könnten wir zusammen auch dein Thema einmal anschauen. Wir sind immer offen für einen Austausch.

In der Zwischenzeit wünschen wir dir ertragsmässig gute Aufträge, weiterhin Mut und Auftraggeber die deine Leistung wertschätzen.

Das The Social Mall Team & Community

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Ramona Riedener 04. Mai 2019, 14:23

Lieber Sascha
Vielen Dank für den aufbauenden Kommentar. Vielfältigkeit ist sicher eine wichtige Ressource wenn es darum geht, in der digitalisierter (Arbeits)welt zu bestehen. “Arbeitsplätze, Berufe, ja ganze Branchen verschwinden von der Bildfläche…” schreibe ich, wenn ich vom Schreckensgespenst der vierte industriellen Revolution berichte, – um gleich darauf festzustellen, dass es die Türen sind, die sich öffnen für neue Berufe und moderne Geschäftsmodelle. Wie ich auf eurer Website gesehen habe, hat sich auch für Social Mall eine Tür geöffnet. Eine Idee war der Funke zu eurem Geschäftserfolg. Ich schreibe gerade im Auftrag eines Jungunternehmerzentrums eine Serie Portraits über Firmengründerinnen und Firmengründer. Im Gespräch mit ihnen bin ich jedes Mal überwältigt, was sich da an Potential öffnet und mit welcher Kreativität, Mut und Leidenschaft die Jungunternehmer den Schritt in die Selbständigkeit wagen.
Doch Ausdauer und Geduld! – Haben diese Eigenschaften noch Platz in unserer schnelllebigen Zeit? – In einer Zeit, wo niemand mehr Zeit hat, in einer Zeit wo Geld Macht ist? Man wird es sehen! Mir bleibt nichts anderes übrig, als darauf zu hoffen.
Ich wünsche euch weiterhin viel Erfolg und grüsse herzlich
Schreibatelier Ramona Riedener

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Johannes 05. Mai 2019, 00:03

Nichts für ungut, aber die Rechnung geht für mich irgendwie nicht auf. Bei (mindestens) 120 Franken pro Text und Vollzeitbeschäftigung (20 Arbeitstage im Monat) während das monatlich (mindestens) 2400 Franken. Eher deutlich mehr, weils ja pro Text bis zu 300 Franken gibt, tw. sogar mit Zweitverwertung.

Nicht falsch verstehen, ich befürworte die tiefe Bezahlung nicht und bewundere Frau Riedener für ihren Willen und ihre Leidenschaft, aber das mit 2000 Franken bei Vollbeschäftigung geht irgendwie nicht auf.

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Ramona Riedener 06. Mai 2019, 15:29

Lieber Johannes
Diese Rechnung geht tatsächlich nicht auf, da bin ich ganz Ihrer Meinung. – Nun ist es aber so, dass ich nicht meinen Chef die Stundenabrechnung vorlegen kann und Ende Monat ist der Lohn samt Überstundenzuschlag auf meinem Konto. Oder anders ausgedrückt, ich bin als freie Journalistin nicht vollzeitlich damit beschäftigt, einen Auftrag nach dem anderen zu recherchieren und zu schreiben, ich muss sie erst mal einholen. Auch werfen die Redaktoren nicht mit Themenaufträgen um sich, sie warten oft auf gute Ideen von Seite ihrer Schreiberlinge. Ein wesentlicher Teil meiner Zeit investiere ich deshalb in die Themensuche, Vorrecherchen und Akquisition von Aufträgen.
Vor rund 20 Jahren gingen wir auf die Strasse mit der gewerkschaftlichen Forderung: “Keine Löhne unter 3000 Franken!” Inzwischen sind 4000 Franken das Minimum für eine Vollzeitbeschäftigung. Warum eigentlich, wenn man doch auch mit 2000 leben kann? – Und ich habe sogar 2400 oder deutlich mehr zur Verfügung!
Freundlich Grüsse
Schreibatelier
Ramona Riedener

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Ingrid Hess 06. Mai 2019, 09:00

Liebe Ramona Riedener

ja das sind schlimme Zeiten im Journalismus. Schwierige Bedingungen für qualitativ hochstehenden Journalismus und die Journalisten. Schade nur bemühen Sie einmal mehr das Märchen vom süssen Leben der SozialhilfeempfängerInnen . Von einer an Qualität interessierten Journalistin würde ich hier mehr erwarten, als die ewig alten und von gewissen Kreisen gern bemühten Clichés zu bedienen. Das Leben mit Sozialhilfe ist nicht süss und es würde von Ihnen erwartet, dass Sie sich weiterhin um eine Stelle bemühen… Aufträge annehmen etc., sonst gibt es Sanktionen, also dann doch noch mal weniger als die 2000.

Nichts für ungut und viel Glück

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Ramona Riedener 06. Mai 2019, 14:45

Liebe Frau Hess
Ich möchte mich in aller Form für meine saloppe Ausdrucksform entschuldigen. Der Satz mit dem süssen Leben war jedoch ironisch gemeint. In Anbetracht der aktuellen Stimmungslage und der bevorstehenden Abstimmung zur Sozialhilfe ist meine Wortwahl zweifellos unpassend. Ich würde mir niemals anmassen, Sozialhilfeempfängerinnen als faul zu bezeichnen und sie auf diese Weise zu diskriminieren. Ich bin grundsätzlich nicht jemand, der sich aufgrund Vorurteile und oberflächlichen Aussagen ein Urteil erlaubt. In meinem Beitrag geht es um den Wert der Berufsarbeit. Ich möchte eigentlich nicht vom Thema abweichen. Grundsätzlich aber bin ich der Meinung, jeder Mensch sollte soviel Geld zur Verfügung haben, dass er ein würdiges Leben führen kann.
Freundliche Grüsse
Ramona Riedener

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Charlotte Mahler 07. Mai 2019, 17:15

Viele möchten Arzt werden, bloss ein kleiner Teil schafft es. Andere träumen von der Sportler-, Musiker- oder Künstlerkarriere – es reicht aber nicht zum Leben, weil andere besser sind. Was tun diese “Gescheiterten”? Genau, sie sagen sich: OK, dann halt was anderes. Wie sinnvoll ist es also, trotz Hungerlohn am Traumberuf festzuhalten? Warum nicht einfach eine normal bezahlte Beschäftigung suchen, bei der man so viel verdient, dass man Steuern bezahlt und die eigene Altersvorsorge sichert? Sorry, ich habe kein Verständnis, bin aber auch nicht Journalistin, sondern eine ganz normale Berufstätige.

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