von Peter Stäuber

Brexit bis zum Abwinken

Seit drei Jahren nimmt ein Thema in der Auslandberichterstattung der Schweizer Medien besonders viel Raum ein: der geplante EU-Austritt Grossbritanniens. Wie meistern die Korrespondentinnen und -korrespondenten vor Ort den Brexit-Overkill? Wir haben bei Henriette Engbersen (Fernsehen SRF), Martin Alioth (Radio SRF) und Markus M. Haefliger (NZZ) nachgefragt.

Grossbritannien-Korrespondenten leben in hektischen Zeiten. Vor bald drei Jahren haben die Briten für den Austritt aus der EU gestimmt, seither geht in der britischen Politik alles drunter und drüber. Der Brexit hält Westminster im Atem, und so auch den Journalismus.

«Besonders die vergangenen sechs Monate waren viel intensiver als sonst», sagt Martin Alioth, der seit mehr als drei Jahrzehnten aus Irland für Schweizer Radio SRF berichtet. «Ich hatte unzählige Spätschichten, wenn ich jeweils eine Abstimmung im Unterhaus abwarten musste.» Im Anschluss nahm er jeweils eine Minute für die 22-Uhr-Nachrichten auf, wenn möglich noch eine Minute für 6 Uhr am nächsten Morgen, dann eineinhalb Minuten mit O-Tönen fürs ‹Heute Morgen›, und noch eine News-Analyse für SRF Online. «Wenn ich nicht noch Frühdienst habe, darf ich dann endlich ins Körbli. Das ist mit der Zeit ein bisschen bemühend.»

«Meist habe ich nur eine Minute Sendezeit pro Antwort, da kann man nicht so sehr ins Detail gehen.»
Henriette Engbersen, Schweizer Fernsehen SRF

Aber es waren auch lehrreiche Jahre. Henriette Engbersen kam knapp ein Jahr nach dem Brexit-Entscheid als Korrespondentin des Schweizer Fernsehens nach London. «Jemand sagte mal, Brexit ist wie eine Autopsie des britischen Politsystems – man taucht richtig tief in die Materie ein. Das finde ich hochspannend.» Die Komplexität ist allerdings eine Herausforderung für Fernsehjournalisten: «Meist habe ich nur eine Minute Sendezeit pro Antwort, da kann man nicht so sehr ins Detail gehen. Und eine vielschichtige, komplizierte Antwort auf ein paar wenige Sätze einzudampfen, das ist nicht einfach.»

Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, die Berichterstattung interessant zu gestalten. Brexit ist oft repetitiv: Abstimmungen werden mehrere Male wiederholt, die Debatten hängen monatelang am gleichen Punkt fest, die Politik scheint sich oft im Kreis zu drehen. Wie kann man da das Interesse von Schweizer Leserinnen, Zuschauern und Zuhören fesseln? «Mir liegt sehr viel daran, etwa zur Hälfte Stücke zu bringen, die ein Thema herausgreifen und analytisch oder historisch anschauen», sagt Markus M. Haefliger, seit 2016 NZZ-Korrespondent in London. «Zum Beispiel die Radikalisierung innerhalb der Tory-Partei, oder die Art und Weise, wie sich die Rolle des Parlaments verändert hat – handelt es sich um eine Verfassungskrise oder eine Emanzipation? Solche Dinge herauszunehmen und genauer zu betrachten, das ist viel interessanter für die Leser.»

Der Output der drei Korrespondenten ist beachtlich: Alioth hat allein im März fast 30 Beiträge geliefert, Engbersen stand im gleichen Monat 20 Mal live vor der Kamera oder hat Brexit-Berichte gemacht. Haefliger hat seit März 2016 mehr als 250 Artikel über den EU-Austritt geschrieben.

«Ich habe weitgehend freie Hand. Ich melde einen Text bei der Redaktion in Zürich an, schicke ihn, und dann wird er publiziert.»
Markus M. Haefliger, Neue Zürcher Zeitung

Die Korrespondenten stemmen einen Grossteil der Berichterstattung allein. Die NZZ hat die Online-Berichterstattung in den vergangenen Jahren stark ausgebaut. Zudem ist die Auslandredaktion mit rund einem Dutzend Redakteuren relativ gross; das heisst, dass Kommentare oft in Zürich geschrieben werden, ebenso Texte für die Mobile-Ausgabe am frühen Morgen. Aber die Artikel für die gedruckte Zeitung schreibt in der Regel Markus Haefliger. NZZ-Korrespondenten haben grundsätzlich die Freiheit, die Themenauswahl selbst zu bestimmen: «Wir sind sehr dezentral organisiert, und ich habe weitgehend freie Hand. Ich melde einen Text an, schicke ihn, und dann wird er publiziert.»

Henriette Engbersen diskutiert jeden Morgen mit der Redaktion in Zürich, ob etwas ansteht, und wenn ja, wie und in welcher Form sie darüber berichten soll. «Wenn ich Einschätzungen machen muss, etwa zu einer Parlamentsentscheidung oder einer Ansprache der Premierministerin, dann kann ich mich ganz auf diese Live-Schalte konzentrieren, und in Zürich machen sie dann den Vorbericht.» Bei längerfristig planbaren Themen macht Engbersen den Beitrag selbst – etwa Hintergrundberichte über die Lokalwahlen oder Reportagen für «10vor10», die Ortstermine erfordern.

Für Martin Alioth ist der tägliche Austausch mit der Redaktion in Bern besonders zeitintensiv. «Jeden Morgen um 4 Uhr sitzt jemand im Studio und entwirft ein Rundschreiben an alle Redaktionen, was die Auslandsthemen des Tages sind. Um diesem Frühdienst die Arbeit zu erleichtern, verfasse ich am Vorabend eine E-Mail mit Einschätzungen und verschiedenen Optionen zu den Ereignissen des Tages: Welche Konsequenzen folgen, wenn das oder jenes geschieht.» Diese Arbeit aus eigener Kraft zu leisten, würde die Redaktion völlig überfordern. Noch nie in seinem Leben habe er solch detaillierte E-Mails nach Bern geschickt wie seit dem Brexit – und es sei ein Sieben-Tage-Job: «Das heisst zum Beispiel, dass ich am Sonntagmorgen zwei Stunden vor dem Fernseher sitze, um mir zwei politische Sendungen anzuschauen, und dann am Abend höre ich nochmal eine Stunde lang ‹Westminster Hour›.»

In Grossbritannien selbst sorgt die Brexit-Berichterstattung für heftige Auseinandersetzungen – insbesondere der BBC wird von beiden Seiten vorgeworfen, nicht ausgewogen zu berichten.

Nur in Ausnahmesituationen geht Alioth nicht selbst ans Mikrofon: «Wenn sich über Nacht etwas marginal verschiebt und die Morgenredaktion findet, da hätten wir gern eine Minute dazu, dann macht das die Person, die gerade Frühdienst hat. Ich werde also nicht für die eine Minute aus dem Bett geholt.» Weil Alioth in Irland wohnt – wie er sagt: auf der falschen Insel –, kommt es seit letztem Herbst immer wieder vor, dass andere übernehmen: Ein SRF-Redaktor reist aus der Schweiz nach Grossbritannien und realisiert dort Vor-Ort-Berichte. «Es war zum Teil eine solche Achterbahnfahrt im Unterhaus, das könnte ich nicht noch ambulant betreuen, wenn ich auf Reisen wäre.»

In Grossbritannien sorgt die Berichterstattung der Medien für heftige Auseinandersetzungen – insbesondere der öffentlich-rechtlichen BBC wird vorgeworfen, voreingenommen zu sein und nicht ausgewogen zu berichten. Interessant ist, dass die Kritik von beiden Seiten kommt: Brexit-Befürworter im Parlament haben das Gefühl, die BBC habe eine deutliche Schlagseite zugunsten eines Verbleibs in der EU. EU-Anhänger wie der Labour-Politiker Andrew Adonis wiederum sprechen von der «Brexit Broadcasting Corporation», weil der Sender der Sichtweise der EU-Kritiker mehr Platz einräume als den Brexit-Gegnern.

«Eine totale Objektivität ist also sowieso ausgeschlossen, und ich halte Einschätzungen für die vornehmste Aufgabe des Korrespondenten.»
Martin Alioth, Schweizer Radio SRF

In der Auslandsberichterstattung hingegen sind solche Konflikte weit weniger ausgeprägt, auch bei SRF. «In den alten Zeiten sagte man beim SRF, man muss Berichterstattung und Kommentar klar trennen. Das hat aber bei der Auslandsberichterstattung nie gegolten, sondern nur bei Inland-Themen, bei denen man ein Grundwissen voraussetzen kann», sagt Martin Alioth. Dazu komme, dass allein schon der Wahrnehmungsfilter des Journalisten eine Parteilichkeit produziere, genauso die Auswahl der Fakten, die man zur Sprache bringt. «Eine totale Objektivität ist also sowieso ausgeschlossen, und ich halte Einschätzungen für die vornehmste Aufgabe des Korrespondenten. Sie sind eine Art Leitplanke für die Zuhörer, was denn das alles bedeutet.» Es gebe vereinzelte Hörer, die protestieren und sagen, Alioth sei der «Büttel der EU»: «Aber damit muss ich leben. Wenn sie sagen, ich sei EU-freundlich, dann haben sie nicht ganz unrecht.»

Auch bei der NZZ wird nicht streng unterschieden zwischen Meinung und reiner Berichterstattung, sagt Haefliger: «Die eigene Meinung einzubringen, ist durchaus erwünscht.» Natürlich muss es eine interpretative Meinung sein: «Ich kann beispielsweise durchschimmern lassen, dass Boris Johnson ein Zyniker und ein Opportunist ist, ohne es direkt zu sagen. Zu schreiben, dass der Brexit ein Car-Crash ist, das überlasse ich den Leuten in Zürich.»

Engbersen hingegen legt Wert auf Unparteilichkeit: «Beim Schweizer Fernsehen erwarten die Zuschauer, dass die Berichterstattung ausgewogen ist, dass man beide Seiten hört. Ich probiere zu erklären, einzuordnen und einzuschätzen, damit sich die Zuschauer zu Hause eine eigene Meinung bilden können.» Der No-Deal-Brexit beispielsweise, also das vertragslose Ausscheiden aus der EU, mag aus Schweizer Sicht völlig irrsinnig scheinen. «Aber anstatt zu sagen, die harten Brexit-Anhänger hätten eine fragwürdige Meinung, habe ich den Anspruch an mich selbst, herauszufinden, was ihre Motivation ist», sagt Engbersen. «Zum Beispiel halten viele Tories einen No Deal aus parteipolitischen Gründen für sinnvoll – sie können diese Strategie ihren Wählern besser verkaufen. Das finde ich spannender als meine persönliche Meinung.»

Bei allem Interesse am Brexit bedauert Engbersen jedoch, dass andere Themen, die sie gern behandeln würde, weniger Priorität haben. Zum Beispiel wollte sie lange etwas machen über Messergewalt in London: «Das ist ein wichtiges Thema, da müssen Journalisten hinschauen, auch ausländische. Aber es ist wegen dem Brexit über ein halbes Jahr lang liegengeblieben. Für solche Geschichten brauche ich einfach viel mehr Zeit, bis ich dazu komme. Das finde ich schade.» Martin Alioth hingegen vermisst andere Themen weniger: «Brexit ist ein derart komplexes Projekt, dass er mir völlig ausreicht.»

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