von Nick Lüthi

Fehlerkultur: Eine falsch, alle falsch

Vor einer Woche gingen sämtliche Berner Lokalmedien einer Falschmeldung auf den Leim, weil sie einen entscheidenden Rechercheschritt unterliessen und voneinander abschrieben. Korrigiert haben den Fehler ein paar, entschuldigt hat sich nur die «Berner Zeitung». Ein Lehrstück in Sachen redaktioneller Fehlerkultur.

Die Medienmitteilung hatte das Zeug zum Aufreger. Da meldeten doch die Käufer einer vormals besetzten Liegenschaft im Berner Länggassquartier, dass sie vom Erwerb zurücktreten. In einer Medienmitteilung begründete das Architekturbüro den überraschenden Schritt mit «Sabotageaktionen» gegen ihre Firma. Gleichzeitig verwiesen sie auf die breite Akzeptanz der vormals illegalen Nutzung in der lokalen Bevölkerung, der sie nicht im Weg stehen wollen.

Das ist 1A-Stoff für jede Lokalredaktion: Redliche Käufer knicken ein vor dem Druck der Hausbesetzer! Entsprechend schnell reagierten die Redaktionen, am schnellsten die «Berner Zeitung». Bereits nach wenigen Stunden stand eine erste Meldung auf der Website, bestehend aus der Vorgeschichte der Besetzung, den aktuellen Informationen aus der Medienmitteilung und Worten des Bedauerns von jenem Regierungsrat, der die Räumung der Liegenschaft veranlasst hatte. Was hingegen fehlte, war ein O-Ton der Käufer. Das hätte stutzig machen können. Oder auch nicht, schliesslich hatte die Redaktion ausführlich aus der Mitteilung zitiert, die als Grundlage der Berichterstattung diente.

Bis die Manipulation aufgedeckt wurde, fanden «Berner Zeitung» und «Bund» noch Zeit, einen Kommentar zu veröffentlichen.

Innerhalb der nächsten Stunden zogen die anderen Berner Medien nach und vermeldeten ebenfalls die überraschende Wende. Dazu nutzten sie eine Meldung der Nachrichtenagentur SDA, die, getreu ihrem Auftrag, ebenfalls schnell reagiert hatte.

Was die Redaktionen zu dem Zeitpunkt nicht wussten: Absender der Medienmitteilung waren nicht die Käufer, sondern Sympathisanten der Besetzer. Sie wollten die Medien täuschen und dazu bringen, eine für sie günstige Version der Geschichte zu verbreiten – was ihnen auch gelang. Bis die Manipulation aufgedeckt wurde, dauerte es aber so lange, dass sowohl die «Berner Zeitung» als auch die Schwesterzeitung «Bund» die Zeit fanden, einen Kommentar zu veröffentlichen. Beim «Bund» griff dafür gar der Chefredaktor in die Tasten.

Dass die Falschmeldung überhaupt so weite Kreise ziehen konnte, lag in erster Linie daran, dass in einer Fussnote der Medienmitteilung stand, die Architekten wünschten über das Geschriebene hinaus keine weitere Auskunft zu geben; eine nicht unübliche Formulierung. Die Redaktionen hielten sich daran und gingen so der Kommunikationsguerilla auf den Leim.

Erst als der involvierte Regierungsrat mit den Käufern Kontakt aufnahm, flog der Schwindel auf. So erfuhren auch die Medien von ihrem Fehler. Die einen reagierten schnell, andere gar nicht. Auf nau.ch stand die fehlerhafte Agenturmeldung mehr als eine Woche online. Das Regionaljournal von SRF hat die Online-Meldung einfach gelöscht. Telebärn profitierte vom abendlichen Termin seiner Nachrichtensendung und konnte die Auflösung zwar vermelden. Aber dem Beitrag merkte man klar an, dass er zu einem früher Zeitpunkt entstanden war, als auch diese Redaktion noch von einem falschen Sachverhalt ausging.

Die «Berner Zeitung» sparte nicht mit öffentlicher Selbstkritik; ein seltener Vorgang in der hiesigen Medienlandschaft.

Die «Berner Zeitung», die als erste die Falschmeldung in die Welt gesetzt hatte, war dann auch bei der Korrektur am schnellsten und veröffentlichte umgehend eine Richtigstellung, nachdem sie von der Manipulation erfahren hatte. Noch am gleichen Abend folgte ein ausführlicher Artikel, der die Entstehung der Falschmeldung erklärte und auch mit Selbstkritik nicht sparte; ein seltener Vorgang in der hiesigen Medienlandschaft. Der für die Berichterstattung verantwortliche Redaktor hielt fest: «Die Lehre für die betroffenen Medien ist, dass der Absender einer Mitteilung auch in diesem Fall verifiziert werden muss. Wir bitten um Entschuldigung dafür, dies vorliegend nicht gemacht zu haben.» Die Zeilen waren tags darauf auch in der gedruckten Zeitung zu lesen.

Auch der «Bund» machte die Verfehlung transparent, verzichtete aber auf eine Entschuldigung. Der Chefredaktor bezeichnete das Vorgehen seiner Zeitung öffentlich als «peinlich», schob aber die Verantwortung indirekt auf die Kollegen ab: «Wir haben uns entschieden zu publizieren», schrieb er auf Twitter, «nachdem die SDA die Meldung gebracht und in der BZ sogar ein Regierungsrat dazu Stellung bezogen hatte. Die Architekten selber waren leider nicht erreichbar.» Mitgegangen – mitgehangen.

Insgesamt hält sich der Schaden in Grenzen, die Geschichte zog keine weiteren Kreise, auch weil nach wenigen Stunden die Sache (auf)geklärt war. Als Lehrstück taugt die Episode aber allemal:

Trau keiner PR-Floskel: Wenn unter einer Medienmitteilung steht, der Absender habe alles gesagt und äussere sich nicht weiter zur Sache, sollte zumindest überprüft werden, ob der Inhalt der Mitteilung auch tatsächlich vom angegebenen Absender stammt.

Tempo ist wichtig, aber nicht alles: Wenn die zentrale Auskunftsperson vorübergehend nicht erreichbar ist, darf der erfolglose Versuch einer Kontaktaufnahme nicht als Freipass für die Berichterstattung nach eigenem Gusto verstanden werden. Dann heisst es entweder warten, bis sich jemand meldet. Oder man schaut vor Ort vorbei. In kleinen Städten wie Bern ist das problemlos möglich.

Auch die SDA macht Fehler: Nachrichtenagenturen stehen zurecht im Ruf, besonders pingelig zu arbeiten. Sie wissen um die grosse Reichweite, die ihre Meldungen erzielen können und um die Verantwortung, die sie damit tragen. Im vorliegenden Fall vertraute auch die SDA auf die Richtigkeit der Medienmitteilung und verzichtete auf einen Gegencheck oder erreichte die Architekten nicht. Für die Redaktionen heisst das: Kein blindes Vertrauen in Agenturmeldungen.

Entschuldigen tut nicht weh: Die «Berner Zeitung» hat etwas getan, das man für selbstverständlich halten könnte, das vielen Medien aber schwerfällt: Sie hat sich für einen Fehler entschuldigt. Das tut nicht weh und ist ein Zeichen des Respekts dem (zahlenden) Publikum gegenüber. Wer kommentarlos zur Tagesordnung übergeht, wie dies das Gros der Berner Medien gemacht hat im vorliegenden Fall, riskiert einen Reputationsschaden. Denn das Publikum registriert auch vermeintliche Kleinigkeiten. Und sei dies das Ausbleiben einer Entschuldigung.

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Leserbeiträge

Prisii 22. Juni 2019, 18:50

Und in der heutigen Zeit, wo viele News aus einem Haus (Tamedia) stammen, passiert es noch schneller, das sich falsch Angaben in jedem Artikel wiederholen. ..

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